25 Jahre Perlentaucher

Mehr vernünftige Angst

Von Judith von Sternburg
29.01.2025. "Nachhaltig beeindruckende Literatur besteht auch in der Erinnerung an eine Lektüre." Judith von Sternburg antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.
25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.

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Brigitte Kronauer"Verlangen nach Musik und Gebirge", Klett-Cotta 2004.
Georg Klein"Roman unserer Kindheit", Rowohlt 2010.
Ursula Krechel"Landgericht", Jung und Jung 2012.
Reinhard Jirgl"Nichts von euch auf Erden", Hanser 2013.
Eva Menasse"Dunkelblum", Kiepenheuer & Witsch 2021.

Drei Fünftel dieser Liste, Kronauer, Klein und Jirgl, standen sofort fest, zwei Fünftel, Krechel und Menasse, nicht sofort, aber dann. Drei Fünftel, Kronauer, Klein und Menasse, enthalten Rätsel, bei denen sich die Kritikerin leichtfertigerweise einbildet, sie ausgeknobelt zu haben. Das schafft eine private Verbindung sondergleichen. Vier Fünftel, Kronauer, Klein, Jirgl und Menasse, hätte die Kritikerin, wenn sie ehrlich mit sich ist, bei der Entscheidung für diese Liste nur noch in Ansätzen ad hoc nacherzählen können. Die Bücher hielten bei der Wiederlektüre stand, locker. Das macht aber klar, wie sehr nachhaltig beeindruckende Literatur auch in der Erinnerung an eine Lektüre besteht. Und dass diese Erinnerung an eine Lektüre sicher vom Inhalt, aber noch mehr von der literarischen Umsetzung geprägt wird. Daran müssen sich noch die überübernächsten Bücher messen, das war auch das Billett, um auf diese extrem exklusive Liste zu gelangen. Keine Bücher waren beeindruckender für die Kritikerin, aber das heißt auch, dass keine Lektüre seinerzeit beeindruckender war.

Drei Fünftel, Kronauer, Klein und Jirgl, sind also ganz klar aus literarischen (sprachlichen, ästhetischen) Gründen auf der Liste, obwohl sie dazu spannend, witzig, traurig, schockierend sind. Zwei Fünftel, Krechel und Menasse, sind aus politischen Gründen auf der Liste, obwohl sie ihr politisches Anliegen in makellose Literatur umsetzen. Die Literatur, siehe Anfang, hatte also den Vortritt. Das hat nichts mit ästhetischem Snobismus zu tun, falls Sie das jetzt denken, es ist vielmehr eine bodenständige, geradezu körperliche Erfahrung.

"Verlangen nach Musik und Gebirge", "Roman unserer Kindheit" und "Nichts von euch auf Erden" erfordern einen Nussknacker, "Dunkelblum" ebenfalls, wenn man auch die gut versteckte und äußerst beiläufig gelöste Krimihandlung verstehen möchte. Ist das so ein wichtiges Kriterium für Literatur?  Tatsächlich, ja, aber eine Festlegung ist es nicht. "Landgericht" spricht eine andere Sprache, diese aber ebenfalls unverrückbar.

"Verlangen nach Musik und Gebirge" hat es vermutlich auch auf die Liste geschafft, weil Brigitte Kronauers Aufmerksamkeit nichts entgeht und sie menschenfreundlich damit umgeht, dass wir anderen ahnungslos durchs Leben tapern. Nach der Lektüre wissen wir das wenigstens. "Roman unserer Kindheit" hat es vermutlich auch auf die Liste geschafft, weil das unheimlich, aber doch nicht unvertraut Bizarre und das haargenau nachzuempfindende Kindersommergefühl sich nie vorher oder nachher derart aufregend verbunden haben. "Nichts von euch auf Erden" hat es vermutlich auch auf die Liste geschafft, weil die näherrückende Möglichkeit einer nicht mehr bewohnbaren Welt seine eigene Sprache will, und Jirgl hat sie zu bieten. "Landgericht" hat es ganz sicher auch auf die Liste geschafft, weil längst nicht alle Geschichten über die junge nazidurchsetzte BRD erzählt worden sind, nun aber wenigstens diese. "Dunkelblum" hat es ganz sicher auch auf die Liste geschafft, weil diese finstere Dorfgeschichte allen Schlussstrichen einen Strich durch die Rechnung macht.

Das ist nicht vordergründig gemeint, das bezieht sich nicht alleine auf einen Abschnitt in der Geschichte (dies aber auch, im Jahrtausend danach nicht minder triftig und heutig!), es bezieht sich auf den Umgang mit dem Leben insgesamt. Diese fünf Bücher könnten gemeinsam ein wenig  Dummheit austrocknen zu Gunsten von mehr Offenheit, Spielraum, Lebensfreude und mehr vernünftiger Angst. Und wenn man es selbst schon nicht kann, so ist es doch gut zu wissen, dass Menschen das können: so schreiben.