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13.06.2023. NZZ und FAZ empören sich über die Schweizer Literaturförderung, die den Autor Alain Claude Sulzer zu seinem Gebrauch des Wortes Zigeuner befragen wollte. Die FAZ erschaudert vor einem Mephisto in Moskau. Der Observer lässt sich von den luxuriösen Textilarbeiten der malawischen Künstlerin Billie Zangewa betören. In der FR fürchtet Franzobel vor allem die Humorlosigkeit künstlicher Intelligenz. Die SZ pustet kräftig in die modischen Begriffswolken, mit denen die Popkritik belanglosen R'n'B so gern umhüllt.
Die literarische Schweiz diskutiert: Der Basler Fachausschuss Literatur hatte Nachfragen zu Alain Claude Sulzers nächstem Roman mit dem Arbeitstitel "Genienovellen", den dieser sich auf Grundlage eines eingereichten Fragments eigentlich von jenen fördern lassen wollte. Nachgefragt wurde, warum eine Figur in dem im Bochum der Sechziger- und Siebzigerjahre spielenden Roman den Satz "Zwei Stockwerke unter uns hausten die Zigeuner" sagt - worauf Sulzer seinen Antrag sofort zurückzog. "Ich werde mich für meinen Text nicht vor einer Zensurbehörde rechtfertigen", zitierte Peer Teuwsen den Schriftsteller bereits in der NZZ am Sonntag. Teuwsen selbst muss über den Ausschuss staunen: "Natürlich wird die Bezeichnung 'Zigeuner' heute als herabsetzend empfunden." Doch "dieser Roman spielt nicht in der Gegenwart" und ein Ich-Erzähler der damaligen Zeit müsse so reden dürfen, wie er damals geredet hätte. "Die Frage ist eine brisante: Wird Literatur, die weh tut und nicht geglättet ist, von einem Staat, der es möglichst allen recht machen will, immer seltener gefördert werden?" Nebenbei stellt sich heraus, dass ein Schweizer Schriftsteller bei so einem Antrag auf schlappe 25.000 Franken Romanzuschuss hoffen kann.
Die Basler Kulturkommission wolle wohl "einen erfahrenen, sprachgewaltigen und für die Anliegen der Minoritäten durchaus aufgeschlossenen Schriftsteller ihrer Vormundschaft unterstellen", empört sich Jürg Altwegg in der FAZ. Im Argen wähnt er hier einen Diversity-Kurs, den die Mitglieder des Basler Fachausschusses binnen eines halben Tages absolvieren müssen und der sie nun das Kind mit dem Bade ausschütten lässt. Doch "der Verzicht auf das Z-Wort würde den Schriftsteller zu merkwürdigenstilistischenPirouetten zwingen. Die Folge wäre ein Realitätsverlust seiner Beschreibung. Die Kommission will Sulzers Sprache und den Inhalt seines Werks kontrollieren. Nach den Regeln ihrer Auffassung von Literatur wird die realistische Beschreibung von schwierigen Lebensumständen unweigerlich als Klischee und diskriminierend empfunden." Im Dlf-Kommentar findet Carsten Hueck Sulzers Verhalten konsequent - und hält die Nachfragen des Ausschusses für merklich unbeleckt von literarischer Ahnung. Doch "sein Buch wird auch ohne Förderung erscheinen, von Zensur zu sprechen, ist falsch. Denn es gibt keinen grundsätzlichen Anspruch auf staatliche Unterstützung. Fördergremien allerdings sollten Vertrauen haben: in Autoren und Autorinnen, in literarische Formen, in eine gewachsene und nicht verordnete Sensibilität. Ansonsten bekommen sie KI-Literatur, garantiert ohneanstößigeWörter."
Außerdem: Rainer Moritz führt in der NZZ durch Geschichte und Hype der autofiktionalenLiteratur, die in den Verlagshäusern die Sektkorken aus den Flaschenhälsen treibt: "'Autofiktional' ist mit einem Mal quasi alles", auch wenn es am Ende "häufig nur um egomanischeSelbsterkundung geht. An deren Ende steht nicht selten Larmoyanz." Die NZZsetztSergej Gerassimows Kriegstagebuch aus Charkiw fort. Besprochen werden unter anderem YirgalemFissehaMebrahtus Gedichtband "Ich bin am Leben" (NZZ), WolfgangBenz' historische Biografie "Allein gegen Hitler. Leben und Tat des JohannGeorgElser" (FR), Heinz Strunks Erzählband "Der gelbe Elefant" (SZ) und Erika Schellenbergers "Alles behalten, für immer. Ruth Rilke" (FAZ). Außerdem sammeln Dlf und Dlf Kultur in diesem Überblick ihre Rezensionen des Monats Juni.
Billie Zangewa: Temporary Reprieve, 2017. Bild: JHC, Southampton Observer-Kritikerin Laura Cumming gönnt sich in der John Hansard Gallery in Southampton den Luxus von Billie Zangewas Seidenarbeiten, auf denen die Künstlerin aus Malawi Menschen und Landschaften porträtiert und die zu sehen sind. Zangewas Arbeiten fesseln Geist und Auge, versichert Cumming: "Ihre Stiche sind kaum wahrnehmbar, ihre geschnitzten Fragmente überraschen immer wieder: Wasser und Luft schillern im Glanz der verschiedenen Seiden, Gesichter sind in jeder ausdrucksstarken Nuance komplex dargestellt. Wie es ihr gelingt, ein kariertes Hemd durch ein Bierglas gesehen darzustellen, ist fast nicht zu erkennen."
In der frühen Neuzeit verkauften Henker die Locken der Hingerichteten als Glückbringer. Dass KI uns von der Anbetung des Echten in der Kunst befreit, könnte der österreichische SchriftstellerFranzobel in der FR vielleicht noch als Gewinn verbuchen, aber nicht verkraften können wird er einen anderen Verlust: "Die KI versteht keine Ironie, keinen Humor, weshalb sie einen Satz wie den eingangs zitierten 'Wollen Sie ein Meer eröffnen' auch nicht so schnell ausspucken wird. 'Wollen Sie ein Meer eröffnen' ist ein schönes Beispiel für den österreichischen Schmäh, der bereits in Deutschland kaum verstanden wird und praktisch nicht zu übersetzen ist. Der Witz würde mit keinem anderen Verb funktionieren. Die neue Welt ist humorlos. Wo es geht, werden Menschen eingespart. Selbstfahrende Busse, vollautomatisierte Supermarktkassen und bei Hotlines von Fluglinien einen echten Menschen zu erwischen gleicht einem Lotteriegewinn."
Im Mai wurde die Theaterregisseurin Schenja Berkowitsch verhaftet, einige Stücke wurden bereinigt und etliche weitere Künstler haben das Land verlassen. Aber im Grunde floriert das kulturelle Leben, berichtet Kerstin Holm in der FAZ aus Moskau, allerdings mit einem Hauch von Schwefel: "Der lustvolle Zyniker des russischen Theaters, Konstantin Bogomolow, vergießt unterdessen Krokodilstränen über die europaaffine Elite, die sich vom westlichen Luxus verabschieden muss. An der von ihm geleiteten Bühne an der Malaja Bronnaja läuft seine Farce 'Hamlet in Moscow', worin der Titelheld, ein Oligarchensohn, der in London lebte und Russisch mit britischem Akzent spricht, aus Anhänglichkeit an seinen im Corona-Koma verblichenen Vater auf dem als groteskes Requisit erscheinenden Geschlechtsorgan von dessen Geist Flöte spielt. Überhaupt wird die Frage nach Sein oder Nichtsein hier von der nach (auch sexuell ausgedrückter) Subordination beiseitegedrängt. Flankierend veröffentlichte Bogomolow ein Manifest, worin er Russlands Bruch mit Europa begrüßt und seine verwestlichte Finanz- wie Geisteselite, die dadurch entmachtet oder vertrieben wurde, verhöhnt."
Messiaens "Saint François d'Assise". Martin Sigmund / Staatsoper Stuttgart Anna-Sophia Mahler hat in Stuttgart Olivier Messiaens' tiefreligiöse Monumentaloper "Saint François d'Assise", als achtstündiges Volksfest mit Naturerfahrung inszeniert. In der FAZ ist Jan Brachmann nicht unbedingt glücklich mit dieser "Resignation vor dem Totalverlust der Transzendenz", tröstet sich aber mit der ungebärdigen Musik. Ähnlich geht es Egbert Tholl in der SZ: "Das Staatsorchester sitzt auf der Bühne und vollbringt Wunder, der Chor füllt die Ränder des Zuschauerraums und tut es den Instrumentalisten gleich. Was musikalisch hier passiert, ist vonallergrößter Großartigkeit, Titus Engel dirigiert dieses hochkomplexe Konstrukt mit stupender Selbstverständlichkeit. Und Michael Mayes ist ein Ereignis. Sein François glüht, betört, die Stimme ist wundervoll lyrisch, aufbrausend, gleichzeitig hell und baritonal zornig."
Weiteres: In der Welt erlebt Manuel Brug Barrie Koskys Inszenierung von Poulencs "Dialoge der Karmeliterinnen" in Glyndebourne als Triumph. In der SZ stellt Michael Stallknecht den Verein Förderband vor, der sich für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Kulturleben einsetzt.
Verloren und gerettet im Klischee: Körperliche Abziehbilder in Wes Andersons "Asteroid City" Zum Kinostart von WesAndersons "Asteroid City" geht Georg Diez auf ZeitOnline der Ästhetik von Andersons Kino nach. Es sind die ganz großen Begriffe, die er wählt: Der Ironiebegriff der Neunziger, ohne den Andersons Kino nicht zu haben ist ("Ironie als Lebenspraxis" auf dem "Gebiet des Politischen"), Zusammenbruch des Sowjet-Kommunismus, Ideologiekritik, die große Frage "Was war der Westen?". Was angesichts der Puppenhaus-Filme, die Anderson dreht, fast eine Nummer zu groß wirkt. "In vielem ist Anderson eine Art Anti-David-Lynch, der ähnlich geschlossene und anders obsessive Kosmen oder Kosmologien wie Anderson erschaffen hat, die jedoch von den Achtzigerjahren geprägt wurden - in den Jahren des späten Kalten Krieges, als nicht die Ironie, sondern die Paranoia der passende Weltzugang war. ... Andersons Filme zeichnen sich demgegenüber aus durch die radikale Abwesenheit jeder Form von Körperlichkeit, was seinen Figuren immer etwas sehr Zweidimensionales gibt, sie wirken wie Abziehbilder ihrer selbst, verloren, gefunden und gerettet im Klischee, Heidegger für das Popzeitalter, Sein und Zitat. Wes Andersons Filme sind damit zugleich Nachrufe auf die Moderne wie die Postmoderne, aus deren Geist sie geboren sind, entropische Endspiele im Sinn von Samuel Beckett."
Besprochen werden die Wiederaufführung von MasahiroShinodas japanischem Fantasyfilm "Demon Pond" aus dem Jahr 1979 (Lukas Foerster beobachtet im Filmdienst den "Weltuntergang als filmtechnisch brillanten Sturm im Wasserglas") und die ZDF-Thriller-Serie "Der Schatten" (FAZ).
Juliane Liebert ist in der SZ unterwältigt vom neuen Album "The Age of Pleasure" von JanelleMonáe, an dem sich der ästhetische Stillstand des R'n'B für sie exemplarisch aufweist: "Diesen Sound prägt universelleGlattheit" und der Begriff des Afrofuturismus ist für Liebert mittlerweile "anscheinend nur noch eine glitzernde Begriffswolke" für begriffsfaule Rezensenten. Doch "wenn man schwarze, queere Künstler wie Monáe wirklich ebenbürtig behandeln will, muss man sie ernst nehmen. Was auch bedeutet: nicht einfach jeden Furz abzufeiern und mit Begriffen vollzuklatschen, nur, weil es gerade en vogue ist." Und "eigentlich ist "The Age Of Pleasure" für eine halbstündige Belanglosigkeit ein merkwürdig pompöser Titel. Ziemlich kurzes Zeitalter. Stolpert kurz übern Strand ... wackelt mit dem Arsch ... und ist wieder weg." Wir hören trotzdem mal rein:
Weitere Artikel: Die Welt hat Manuel Brugs Bericht von seiner Begegnung mit der Dirigentin JoanaMallwitzonline nachgereicht. Johann Voigt seufzt auf ZeitOnline darüber, dass SkiAggu mit einem Rap-Remix des Otto-Blödelsongs "Friesenjung" nun von TikTok-Dynamiken befeuert auf der Nummer Eins der Charts steht: "Das ist die Lage im Deutschrap 2023." Ane Hebeisen trauert im Tages-Anzeiger um den musikalischen Underground der Neunziger, aus dem Rammstein einst emporgekommen sind und den die Band auf dem Altar des Kommerzes geopfert hat: "Ans Rammstein-Konzert pilgert heute vornehmlich ein Publikum mit einer Vorliebe für überzeichnete Theatralik." Michael Stallknecht wirft für die NZZ einen Blick auf die geplanten Feierlichkeiten zum Bach-Jubiläum "300 Jahre Thomaskantor". Ole Schulz freut sich in der taz auf den Abschluss des "Afropollination"-Projekts am kommenden Wochenende im Festsaal Kreuzberg in Berlin. In der FAZgratuliert Michael Ernst dem Trompeter LudwigGüttler zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden ein Livealbum von DangerDan (taz) und ein Auftritt von DepecheMode in Bern (NZZ).
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