Efeu - Die Kulturrundschau

Das Herz virtuos auf der Zunge

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.11.2021. Die SZ erlebt im Folkwang Museum, wie die Avantgarde des Tanzes im Austausch der Kulturen entstand. Die NZZ berichtet von neuen schweren Vorwürfen gegen die Sammlung Bührle. ZeitOnline erinnert an die Empathie, die die verstorbene Filmemacherin Tamara Trampe selbst noch einem Oberstleutnant der Staatssicherheit entgegenbrachte. Der Standard lernt von Diana Ross das Downsexing.   
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2021 finden Sie hier

Bühne

Anouk Kruithof: Universal Tongue, 2018. Foto: Museum Folkwang, Essen

Schlichtweg überwältigend findet Dorion Weickmann in der SZ die Schau "Global Grooves" im Folkwang Museum Essen, die dem Tanz als Kunst, Performance und Protest nachspürt und zeigt, wie sich eine Avantgarde mosaikartig zusammensetzt, im Austausch mit anderen Kunstformen und anderen Kulturen: "Der Schauwert von 'Global Groove' ist schlicht betörend. Gleich durch den ersten der vier Ausstellungssäle zieht sich eine vierzig Meter lange, glitzernde Wellenwand: 'Foreverago' heißt diese Installation von Pae White - ein vertikaler Kimono-Quilt, der historische Kostüme und fortschrittliche Technik, Ost und West miteinander verknüpft. Genauso verhält es sich mit den Artefakten ringsum, die allesamt aus der Jahrhundertwende stammen. Da leuchten Loïe Fullers schwungvolle Serpentinentänze aus einem japanischen Environment, Pablo Picasso hat die Tänzerin Sada Yakko auf Papier gestrichelt, Auguste Rodin die Aktricen des kambodschanischen Hofballetts bei ihrem Frankreichdebüt skizziert."

André Campras "Idoménée" an der Berliner Staatsoper. Foto: Bernd Uhlig

Als einen Höhepunkt der Berliner Barocktage an der Staatsoper feiert Helmut Mauró in der SZ die Inszenierung von André Campras Barockoper "Idoménée", die mit Mozarts Stück nur den Stoff gemein hat. Mozarts Oper basiert auf dem Libretto des Geistlichen Giambattista Varesco mit seiner einfühlenden Seelendramaturgie, Campras Librettisten Antoine Danchet ging es dagegen um "die Unausweichlichkeit des Schicksals", wie Mauró erklärt: "Der Barock scheint dem antiken Denken näher zu sein mit all den stilisierten Charakteren und beistehenden Pappkameraden, die wie Gefühlsautomaten funktionieren und ihr Herz virtuos auf der Zunge tragen. Das dramatische Geschehen ist nicht auf der Oberfläche sichtbar, da wirkt vieles statisch. Die eigentliche Spannung entsteht in der tragischen Konstellation der Figuren, im Aufeinandertreffen gegensätzlicher Charaktere, unterschiedlicher Machtpositionen und Interessen, auseinanderdriftender Schicksale und, als Höhepunkt, die Wiederbegegnung, die Erkennungsszene, die Selbsterkenntnis im anderen. Das ist nicht weniger psychologisch komplex als in Mozarts Handlungsopern und erst recht den späteren vorgeblich realistischen Musiktheaterformen, es erfordert nur eine andere Sichtweise." Welt-Kritiker Manuel Brug kürt Emmanuelle Haïm stracks zur "besten Barockdirigentin überhaupt".

Weiteres: taz-Kritikerin Katharina Granzin erkundet mit dem Workshop "Textkörper - Körpertext", wie poetische Ausdrucksmittel aus Laut- in Gebärdensprache und umgekehrt übertragen werden kann.

Besprochen werden außerdem Michael Herschs Einakter "Poppaea" beim Wiener Festival (FAZ), Yael Ronens Musical "Slippery Slope" (in dem FR-Kritiker Ulrich Seidler eine "blendend gelaunte" Feier des Zweifels erkennt), die Bühnenfassung von Benjamin Quaderers Liechtensteiner Schlüsselroman "Für immer die Alpen" in Schaan (SZ), der Tanzabend "Ectopia" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ) und Jonathan Meeses "L.O.L.I.T.A." am Wiener Volkstheater (FAZ).
Archiv: Bühne

Literatur

In der FAZ rezensiert Jochen Schimmang die von Anna von Planta edierten und herausgegebenen "Tage- und Notizbücher" von Patricia Highsmith. Dass Highsmiths zunehmend antisemitische Äußerungen daraus getilgt wurden, hatte bereits die NZZ vor kurzem festgestellt (unser Resümee) und fällt auch Schimmang auf: Planta begründet diese Entscheidung im Vorwort mit einem Hinweis auf "'unsere redaktionelle Pflicht, ihr eine Bühne zu verweigern, so wie wir auch gehandelt hätten, als sie noch lebte'. Diese problematische Position kann man akzeptieren oder nicht, am Rang der Edition ändert das so wenig wie die Tatsache, dass im laufenden Text Auslassungen (aus Redundanzgründen) nicht gekennzeichnet wurden. Ob es sich dabei um Zensur handelt oder nicht, wäre im Einzelfall zu prüfen und würde einen längeren Aufenthalt im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern zwingend notwendig machen."

Außerdem: Bestseller-Autor Ken Follett, dessen neuer Roman "Never" erstmals in der Gegenwart spielt, hält einen dritten Weltkrieg für "sehr" realistisch, verrät er der Welt im Interview. Sylvia Staude berichtet in der FR von den Römerberggesprächen. In der FR erinnert Ulrich Rüdenauer an den Unfall des Schriftstellers Rolf Dieter Brinkmann. Ömer Erzeren schreibt in der taz einen nachgereichten Nachruf auf den Schriftsteller Doğan Akhanlı (weitere Nachrufe hier). Presse und Standard melden, dass Raphaela Edelbauer für ihren Roman "Dave" mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet wird.

Besprochen werden unter anderem Ariane Kochs "Die Aufdrängung" (SZ), Ulrike Draesners Lyrikband "doggerland" (Dlf Kultur), die Comicanthologie "Nächstes Jahr in" (Freitag), diverse Frankenstein-Comicadaptionen (Tagesspiegel), Enis Macis Essay "Wunder" (ZeitOnline) und Hermann Hesses gesammelte Briefe der Jahre 1947 bis 1950 (taz).
Archiv: Literatur

Kunst

In der NZZ berichtet Thomas Ribi von neuer und sehr gravierender Kritik an der Kunstsammlung Bührle: Mitglieder der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg (UEK) werfen der Stiftung Bührle vor, sie belogen zu haben, als sie vor zwanzig Jahren nach Unterlagen zu Kunsttransfers fragte. In einer Stellungnahme schreiben die Forscher: "Dass entgegen früher gemachten Aussagen ein umfassendes Archiv zur Bührle-Sammlung aufgetaucht sei, 'hat zum Eindruck geführt, dass Stiftung und Familie Bührle gegenüber der UEK seinerzeit die Unwahrheit gesagt haben'. Für die ehemaligen Mitglieder der UEK, darunter der Historiker und Holocaust-Überlebende Saul Friedländer, der Historiker Harold James (Princeton), Jacques Picard (Genf) und Jakob Tanner (Zürich), stellen sich deshalb die gleichen Fragen wieder, die sie bereits in der Kommissionsarbeit beschäftigten: Was geschah mit dem Kulturgut, das im Zweiten Weltkrieg verfolgten Menschen entzogen, beschlagnahmt oder geraubt wurde? Und: Sind alle Kunstwerke in der Sammlung Bührle eindeutig identifiziert, erforscht und bewertet?"

Weiteres: Die Wanderbiennale Manifesta wird 2026 wird in Duisburg stattfinden, berichtet Georg Imdahl in der FAZ, offenbar hat sich die Stadt als chinesischer Ankerplatz in Europa empfohlen: "Leitmotiv der Bewerbung ist mit der 'Neuen Seidenstraße' die prestigiöse chinesische Handelsroute unter dem Motto 'One Belt - One Road', die auf dem Schienenweg von Asien nach Duisburg führt: ein Thema, das in die Zukunft weist." Perfekt ausbalanciert spricht die Albertina-modern-Direktorin Angela Stief im Standard-Interview mit Katharina Rustler über den aktuellen Hype um Kunst von Frauen.
Anzeige
Archiv: Kunst
Stichwörter: Sammlung Bührle

Film

Szene aus Tamara Trampes "Der schwarze Kasten" von 1992


Die Dokumentarfilmemacherin Tamara Trampe ist gestorben. Matthias Dell verbeugt sich auf ZeitOnline in einem sichtlich bewegten Nachruf vor ihren empathischen Filmen für die DEFA und in der Nachwende-Bundesrepublik, aber auch vor ihrer Arbeit als Filmdozentin. "Der deutsche Film verliert mit ihr eine seiner besonderen und prägenden Figuren, auch wenn er davon womöglich gar nichts weiß" - auch deshalb, weil ihre Filme auf DVD nicht greifbar sind. Insbesondere ihr Film "Der schwarze Kasten" aus dem Jahr 1992 über den Stasi-Mann Jochen Girke beeindruckt ihn tief: "Dieser Jochen Girke war Oberstleutnant und Ausbilder, er hat sein Wissen aus der Universität an Leute weitergegeben, damit die andere kaputt machen konnten. Girke wohnt in einem starren Körper und hält sich die Welt auf Abstand durch eine Sprache, in der kein Leben blüht: 'Es war für mich zunehmend feststellbar, dass ich mich für Menschen interessiere.' Trampes Kampf besteht darin, durch Girkes verbeamtetes Sprechen hindurchzudringen. Und deshalb interveniert sie früh aus dem Off des Fragens, nach einer halben Stunde, als Girke von seiner Kindheit reden soll und bei den Sorgen des Vaters über ihn landet. 'Jochen', sagt Trampe entschieden, 'du erklärst mir deinen Vater, ich will hören, wie du dich gefühlt hast'." In der SZ schreibt Martina Knoben einen Nachruf. Cargo hat ein Gespräch mit Trampe vom März dieses Jahres aus dem Print online gestellt.

Außerdem: Im Standard empfiehlt Bert Rebhandl eine Norbert Pfaffenbichler gewidmete Schau im Österreichischen Filmmuseum. In der NZZ porträtiert Urs Bühler den Schweizer Olympiasieger, Millionär und schließlich auch Schauspieler Hans Leutenegger, der in den Achtzigern an der Seite von Klaus Kinski im Italo-Kriegsreißer "Kommando Leopard" sein Filmdebüt als Mann fürs Grobe hatte und dabei auf den Geschmack kam: "Gopfertelli, das geht huere eifach!" Aida Baghernejad plaudert in der taz mit Oliver Polak über dessen Netflix-Special "Your Life is a Joke". Besprochen wird Noemi Schorys Dokumentarfilm "Schocken - ein deutsches Leben" über den Unternehmer Salman Schocken (Tagesspiegel, Kinozeit).
Archiv: Film

Architektur

In der FAZ nimmt Hannes Hintermeier mit Freude auf, dass München die von Gustav Meyerstein erbaute Synagoge an der Reichenbachstraße wiederbekommen soll. In der Progromnacht von 1938 verwüsteten SA-Männer den Bau, 1971 wurde auf das dort untergebrachte jüdische Altenheim ein Brandanschlag verübt, bei dem sieben der 26 Bewohner starben: "Vor zwei Wochen hat der Verein den Bauantrag eingereicht. Wenn alles klappt, könnte 2023 ein Baudenkmal wieder zugänglich gemacht werden, das weit über Münchens Erinnerungsgrenzen hinaus Beachtung finden wird - als eine der wenigen Bauhaus-Synagogen auf der Welt."
Archiv: Architektur

Design

Michael Bartsch besucht für die taz die nunmehr in der Kunsthalle im Lipsiusbau in Dresden angekommene und in den vergangenen Monaten mehrfach besprochene Ausstellung "Deutsches Design 1949-1989"  (unsere Resümees hier, dort und da).
Archiv: Design
Stichwörter: DDR-Design

Musik

SZ-Kritiker Peter Richter ist in Mastodons neuem Album "Hushed and Grim" auf den Rotwein des Progressive Metals gestoßen: Erst wer diese Musik lange atmen lässt, ist in der Lage, sie voll auszukosten. "Los geht das Drama mit einem Trommelwirbel. Wenig später der Verdacht, dass der Postbote in Wirklichkeit eine Platte von den Thomanern gebracht hat. Wann gab es zuletzt so viel Chorgesang? So viel schönlinigen Chorgesang vor allem. Kaum noch genretypisches Fauchen, Bellen wie früher. Ab Lied drei vielmehr wehende, wogende Melodien von kristalliner Klarheit. Das liegt an Brann Dailor, der nicht nur ein unfassbar brillanter Schlagzeuger mit Hang zur Polyrhythmik ist. Dieser Mann findet rätselhafterweise auch noch genug Puste, um währenddessen komplette Arien abzuliefern. Die wüste Wucht des Haderns mit den Motiven des Schicksals weicht weicher, balladenhafter Introspektion und umgekehrt. Plötzlich, nanu, wehen schwere orientalische Klänge dazu." Wir hören rein:



Was Abba können, kann auch Diana Ross - und mit Unterstützung namhafter internationaler Orchester und einiger Produzentengötter an den Regeln sogar noch um einiges größer: Das Comeback-Album der Discoqueen ist da! Allerdings gibt es darauf, trotz einiger guter Momente, auch den einen oder anderen Schatten, bemerkt Karl Fluch im Standard: "Ausgerechnet ihre Stimme in einem Song wie 'If The World Just Danced' mit elektronischer Modulation zu verpfuschen, hat etwas von Sabotage und Downsexing. Für eine Sängerin ihrer Klasse, die ohne derlei Quatsch vier Jahrzehnte lang dutzende Einträge in den Top Ten der Welt verbuchte, ist es nachgerade ein Affront, ihr das einzureden. Das Ergebnis ist kaum als Diana Ross zu erkennen, es klingt wie irgendeine Fließbandproduktion fürs Plätscherradio. Das ist ein grundsätzliches Problem auf dem Album." Gut gefallen hat ihm immerhin der Disco-Schwofer "I Still Believe":



Weiteres: Gregor Dotzauer berichtet für den Tagesspiegel vom Jazzfest Berlin. Besprochen werden Paul McCartneys Buch "Lyrics - 1956 bis heute" (NZZ, Dlf Kultur), James Blakes neues Album "Friends That Break Your Heart" ("eine Enttäuschung", seufzt Stefan Michalzik in der FR), Model Homes Album "both feet en th infinite" (Pitchfork) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter Aufnahmen des Mandelring Quartetts von Jean Riviers (SZ).
Archiv: Musik