Efeu - Die Kulturrundschau

Die Realität hinter der Angst

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12.11.2021. Zeit und FAZ diskutieren über das Erbe des ARD-Programmdirektors Hans Abich: Propagandahelfer der Nazis oder Speerspitze des televisionären Fortschritts? Möglicherweise war er beides. Oicanadian entdeckt die "Nazi Death Parade" des Comickünstlers August M. Froehlich. Monopol lernt in der Kunsthalle Mannheim, dass Muttersein sehr viel mehr ist, als nur Madonna mit Kind. Manchmal ist es auch ein Dackel mit Stinkefinger. Die taz streckt ein Ohr ins imaginäre Außen des Noise-Musikers Helm.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2021 finden Sie hier

Film

Der 2003 gestorbene, seinerzeit sehr wirkmächtige und vielgerühmte ARD-Programmdirektor und Filmproduzent Hans Abich, dessen Name heute auch ein prestigereicher Fernsehpreis trägt, war Mitglied in der NSDAP, schreibt der Filmhistoriker Armin Jäger in der Zeit. Abich hatte zwar Sympathien für die Nazis zugegeben, eine Parteimitgliedschaft jedoch immer bestritten. Tatsächlich war er wohl lange Zeit "willig als Propagandahelfer" tätig, bevor er mit seinem Freund Rolf Thiele unmittelbar nach dem Krieg mit Hilfe aus der Politik eine Filmgesellschaft aufbaute. "Schon die Zeitgenossen waren irritiert, dass der erste Film der Filmaufbau GmbH von Wolfgang Liebeneiner inszeniert wurde, einem der bedeutendsten Regisseure des NS-Propagandakinos und zuletzt Chef der Ufa-Filmkunst. Abich behauptete, dass die glatte Entnazifizierung Liebeneiners ihnen beiden imponiert hätte, man alten Eliten ein Abarbeiten an der Zeit nicht verwehren wollte (was das auch immer heißen mag)." Da Jäger noch zahlreiche weitere Kontinuitäten aufdecken konnte, fordert er: "Abichs bis heute unhinterfragte Karriere als das moralische Gewissen zuerst des Nachkriegsfilms, dann vor allem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sollte jetzt wenigstens posthum an ihr Ende kommen - mitsamt dem nach ihm benannten Preis." (Korrektur um 11.41 Uhr: Wir haben heute morgen versehentlich geschrieben, Abich habe immer zugegeben, Parteimitglied gewesen zu sein. Laut Jäger war jedoch genau das Gegenteil der Fall.)

In einer kurzen Notiz in der FAZ erhebt Andreas Kilb gegen solche Forderungen Einspruch: Man könne die Sache "auch anders auslegen. Im Unterschied zu Alfred Bauer, dem Berlinale-Gründungsdirektor, an dessen postumem Denkmalssturz im letzten Jahr Jägers Artikel Maß nimmt, hat Abich über seine Vergangenheit nicht gelogen. Radio Bremen war in der Zeit seiner Intendanz die Speerspitze des televisionären Fortschritts, und mit der Gründung des Baden-Badener Festivals hat Abich dem Fernsehspiel jenes Forum gegeben, das dem deutschen Kino bis heute fehlt. Die Karriere eines ideologischen Opportunisten sieht anders aus. Die Rückabwicklung des Preises zu seinem Andenken wäre deshalb keine Selbstreinigung der Branche. Sie wäre ein Akt des Vergessens."

Traumabewältigung: "Who's Afraid of Alice Miller?"

2010 in einem Zeitungsinterview und später auch in einem Buch hatte Martin Miller aufgedeckt, dass seine berühmte Mutter, die Therapeutin und Kinderrechtlerin Alice Miller, alles andere als eine gute Mutter war und ihn für ein Leben gezeichnet hat. Daniel Howalds Doku "Who's afraid of Alice Miller?" begleitet den Sohn nun bei einer Reise durch Polen, auf der Suche nach den Traumata, die seine Familie heimsuchen. "Diese Reise, die gerade durch die Rolle des Vaters als möglicher NS-Kollaborateur auch politische Brisanz entfaltet, als sich etwa die polnischen Behörden weigern, Andreas Millers Akte auszuhändigen, ist aber vor allem eine psychotherapeutische Reise, ist klassische Traumabewältigung und vor allem ein besonders eindrückliches und verstörendes Beispiel transgenerationaler Weitergabe von Traumata", schreibt ein merklich beeindruckter Axel Timo Purr auf Artechock. "Alice, deren Briefe von Katharina Thalbach aus dem Off eingelesen werden, erkennt und versteht erst am Ende ihres Lebens ihre eigenen Verdrängungen, die doppelten Wände ihres Bunkers, das forcierte Schweigen und die Tragik des Schicksals der zweiten Generation und damit ihres Sohnes Martin, der so wie alle anderen Betroffenen der zweiten Generation die Angst ihrer Eltern zwar kennt, aber nicht mehr die Gründe für die Angst, die Realität hinter der Angst." Eine weitere Kritik schreibt Wenke Husmann auf ZeitOnline. Dlf Kultur hat mit Martin Miller gesprochen.

Weitere Artikel: Zum Kinostart von Andreas Kleinerts "Lieber Thomas" führt Katrin Doerksen für Kino-Zeit durch Thomas Braschs filmisches Schaffen. Für Artechock resümiert Dunja Bialas das 64. DOK Leizig. Außerdem empfiehlt uns Bialas auf Artechock die Rumänischen Filmtage, die heute in München beginnen. Auch griechische Filme gibt es derzeit in München zu sehen, über die Elke Eckert auf Artechock schreibt. In Hamburg widmet sich derweil eine Filmreihe dem Kino der US-Regisseurin Kelly Reichardt, wie uns Alexander Diehl in der taz informiert.

Besprochen werden Andreas Kleinerts Biopic "Lieber Thomas" über Thomas Brasch (Tagesspiegel, Artechock, mehr dazu bereits hier und dort), Edgar Wrights "Last Night in Soho" (Standard, Artechock, Filmbulletin, unsere Kritik hier), Vanessa Lapas Dokumentarfilm "Speer Goes to Hollywood" (Tagesspiegel, Artechock), die Doku "Billie - Legende des Jazz" über Billie Holiday (Tagesspiegel), Nancy Camaldos Debüt "Windstill" (Tagesspiegel) und die Apple-Serie "The Shrink Next Door" (ZeitOnline, taz).
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Architektur

Das Tambacounda Hospital. Foto: Iwan Baan


Oliver Wainwright besuchte für den Guardian ein Krankenhaus im Senegal, das von der gemeinnützigen Organisation Le Korsa gegründet wurde, die wiederum aus der Anni und Josef Albers Stiftung entstand. Gebaut hat es der Basler Architekt Manuel Herz, der hauptsächlich mit örtlichen Materialien und Unternehmen arbeitete: "Die wichtigste Lektion des Projekts besteht darin, was ihm fehlt: eine Klimaanlage. In Tambacounda wird es im April über 40 Grad heiß, was der Stadt den Spitznamen 'Tangacounda, Haus der Hitze' in der lokalen Wolof-Sprache, eingebracht hat. Die Stadt liegt inmitten der weiten, flachen, tropischen Savanne, in der sich die Luft kaum bewegt. Doch durch die Anwendung grundlegender Prinzipien für Klimadesign, die aus dem Buch 'Tropical Architecture in the Humid Zone' von Maxwell Fry und Jane Drew aus dem Jahr 1956 stammen, können die Krankenstationen nur mit Deckenventilatoren kühl gehalten werden (obwohl im Operationssaal eine Klimaanlage erforderlich ist). Der erste Trick ist das doppelschalige Gewölbedach, bei dem eine Wellblechschicht über einer darunter liegenden Betonschicht aufgehängt ist, wodurch ein Wärmepuffer entsteht, der dazu beiträgt, dass die Luft durch Löcher in der Decke nach oben zieht. Die Wände bestehen aus hohlen Betonziegeln, die die Luft durchlassen und gleichzeitig tief genug sind, um das Innere vor direkter Sonneneinstrahlung zu schützen. ... 'Es ist wichtig, dass alles vor Ort hergestellt wurde', sagt Herz."
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Literatur

1944 gingen die Fotos der Grausamkeiten in den Konzentrationslagern noch nicht um die Welt - aber ein Comiczeichner namens August M. Froehlich hat sie unter dem Titel "Nazi Death Parade" bereits damals in allen Details geschildert, schreibt Helen Hernandez auf oicanadian.com. Lange waren diese Arbeiten quasi unbekannt, entdeckt hat sie der niederländische Historiker Kees Ribbens bei Recherchen - ein Zufallsfund. "'Ein allgemeines Bewusstsein dafür, dass ein tatsächlicher Völkermord stattfand, bildete sich erst am Ende des Zweiten Weltkriegs heraus', sagt der Historiker. Zeugenberichte aus den Lagern waren spärlich und galten aufgrund der schieren Unmenschlichkeit ihrer Schilderungen häufig als wenig nachvollziehbar oder unrealistisch. ... Der Comic ist aus dem kollektiven Gedächtnis komplett verschwunden und findet sich auch nicht unter den historischen Dokumenten dieser Zeit. Doch Ribbens ... fragt sich nun, wie er so viele Jahrzehnte unbemerkt bleiben konnte. Er glaubt, dass viele Leser ihn wohl 'für zu schrecklich fanden, um ihn für wahr zu halten'. Oder dass sie ihn ignorierten, weil das Pamphlet, in dem er erschien, mit 'linker Propaganda' in Verbindung gebrachte wurde - und damit auch der Comic selbst. Der Grund dafür: Die journalistische Chronik eines russischen Korrespondenten der Roten Armee hatte Froehlich inspiriert." Ausführlicher äußerst sich Ribbens übrigens in einem Aufsatz in diesem Band.

Außerdem: Die FAZ bringt eine Kindheitserinnerung von Orhan Pamuk, der 1964 an einem heute längst zubetonierten Meeresstrand mit kleinen Steinfischen spielte. Lore Kleinert und Mechthild Müser widmen sich in einem Literaturfeature von Dlf Kultur der in den letzten Jahren wiederentdeckten amerikanischen Schriftstellerin Lucia Berlin.

Besprochen werden unter anderem Édouard Louis' "Die Freiheit einer Frau" (Standard, Dlf Kultur, SZ), Simone de Beauvoirs postum veröffentlichter Roman "Die Unzertrennlichen" (taz), Ai Weiweis Autobiografie "1000 Jahre Freud und Leid" (online nachgereicht von der FAS), Colin Niels "Unter Raubtieren" (Freitag), Regina Nösslers Krimi "Katzbach" (Dlf Kultur) und Bernhard Schlinks "Die Enkelin" (SZ).
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Archiv: Literatur

Kunst

Jean Paul Goude, "Die Grace Jones Show: Konstruktivistisches Umstandskleid", New York, 1979. Foto: Courtesy Jean Paul Goude


Mutter, das ist nicht nur die Madonna mit Kind, erklärt in monopol Ferial Nadja Karrasch nach dem Besuch der gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim. "Die Realität hat auch mit Wut zu tun" schreibt sie, auf Bilder von Alice Neel oder Rineke Dijkstra blickend, "mit Reue, Schmerz und nagenden Selbstzweifeln, mit Angst und Verzweiflung, mit Trennung und Verlust. Sie beinhaltet den oftmals beschwerlichen und zuweilen vergeblichen Weg Mutter zu werden, wie er in Elina Brotherus' Serie Annonciation (2009-2013) thematisiert wird. Die Fotografien dokumentieren die Versuche der finnischen Künstlerin auf dem Wege der künstlichen Befruchtung schwanger zu werden. Abschluss der Serie bildet die Fotografie My Dog is Cuter Than Your Ugly Baby (2013): Auf dem frontal aufgenommenen Selbstporträt, das kurz nach einem weiteren gescheiterten Versuch entstand, hält die Künstlerin statt einem Baby einen Dackel im Arm und zeigt der Betrachterin den linken Mittelfinger."

Stefan Brändle hat für die FR "Un étranger nommé Picasso" (Ein Ausländer namens Picasso) von Anne Cohen-Solal gelesen und lernt daraus, dass Picasso viele Jahre bei der französischen Polizei als "überwachter Anarchisten" registriert war. Die Geschichte ist kein Ruhmesblatt für Frankreich, so Brändle: 1939 setzte sich Picasso "vor der Nazi-Gefahr in den westfranzösischen Atlantikort Royan ab. Die französische Polizei saß ihm aber auch dort im Nacken, lud ihn verschiedentlich vor. Als Picasso ein Einbürgerungsgesuch einreichte, um seine prekäre Situation abzusichern, war es zu spät: Das an die Macht gekommene, mit den Nazis kollaborierende Vichy-Regime verweigerte sein Gesuch mit den Worten: 'Dieser Ausländer hat keinen Grund für seine Naturalisierung und muss nach nationalen Gesichtspunkten als verdächtig gelten.' Fast gleichzeitig wurde Picassos Kunst in Paris als 'entartet' bezeichnet; ab November 1940 waren seine Werke in Frankreich verboten."

Besprochen werden Nathalie Davids Film über Harald Naegeli, den "Sprayer von Zürich" (NZZ), die Sitte-Ausstellung im Kunstmuseum Moritzburg in Halle (Tsp) und die Ausstellung "Treffpunkt Rom 1810. Die Geschichte eines Künstlerstammbuchs" auf Schloss Wilhelmshöhe in Kassel (FAZ).
Archiv: Kunst

Bühne

Der Chor in Kostümen von Tabea Braun. Foto © Luna Zscharnt

An der Volksbühne hat René Pollesch jetzt "Herr Puntila und das Riesending in Mitte" inszeniert, bisschen Selbstironie inklusive, angesichts bislang enttäuschter Kritiker. Was Neues gibts auch diesmal nicht zusehen: "Es ist ein normaler Pollesch, heißt: Man sieht die bei ihm üblichen Verfahren, hört Texte und Fremdtexte in den gewohnt künstlichen Stimmlagen, vorgetragen von Schauspielern, mit denen er schon seit Jahren und Jahrzehnten arbeitet, seufzt nachtkritiker Michael Wolf. "vermutlich geht es ihnen gar nicht darum, irgendetwas zu zeigen, sondern weiterhin einfach darum 'sich selbst zu genießen', wie es früher mal bei Pollesch hieß. 'Wir spielen ohne Publikum', verkündet Inga Busch, und das klingt hier nicht wie die Befürchtung vor einem erneuten Lockdown, sondern wie das ersehnte Ziel, Erwartungen nicht mal mehr unterlaufen zu müssen. Selbstgenügsam machen sie bis dahin ihr Ding, es ist ein eher kleines Ding."

Weiteres: Die Burgschauspielerin Regina Fritsch wird erste weibliche Trägerin des Albin-Skoda-Rings, freut sich der Standard. Besprochen wird die Performance "Die Brieffreundschaft" des Duos Markus & Markus in den Sophiensälen in Berlin (Tsp).
Archiv: Bühne

Musik

Tazler Philipp Rhensius verliert sich gerne im Noise, den ihm das neue, unter den Eindrücken von Brexit und Lockdown entstandene Album des britischen Produzenten Helm kredenzt: "Es knarzt, fiept, blubbert und kracht derart, dass mein Musiklehrer von dem Lärm womöglich einen Kreislaufkollaps bekommen hätte." Doch "die Musik von Helm zeigt, dass Noise längst nicht mehr nur in der Negation verharrt, sondern sich zum vielseitigen Genre entwickelt hat, das sich auch anderen Einflüssen öffnet." Das Album "lockt das Ohr in ein imaginäres Außen. Seine Klangwelt ist weder eine pastorale Idylle noch eine zeitgenössische Dystopie. Es ist eine Atmosphäre, die sich beim Hören nach und nach aufbaut, wie beim verzögerten Rendern einer Grafik, wenn der Prozessor überfordert ist." Wir wagen vorsichtig ein Ohr:



Außerdem: Gerald Felber berichtet in der FAZ von den Berliner Barocktagen - "viel gelitten" werde dort, "allerdings in großer Schönheit". Thomas Schacher würdigt in der NZZ den Bratischisten Antoine Tamestit. Beate Scheder freut sich in der taz über das neue Video von Radiohead:



In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jürgen Kaube über Adriano Celentanos "Svalutation"

Archiv: Musik
Stichwörter: Noise, Lockdown, Dystopien, Brexit