Efeu - Die Kulturrundschau

Die dunklen Adern der Unzulänglichkeit

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15.02.2021. taz und Nachtkritik jubeln über Claudia Bauers wild-grotesk-intellektuellen Mythen-Mashup nach Ovids "Metamorphosen" an der Berliner Volksbühne. Die SZ würde dem Ballett nicht nur gern die Stereotypen austreiben, sondern auch das spätabsolutistische Elitengehabe. In der NZZ beschwört der makedonische Schriftsteller Nikola Madzirov Stille und Dunkelheit des Gedichts. Artechock kann dem Ende der Februar-Berlinale nur Gutes abgewinnen. Der Freitag lauscht berührt Michaela Meises Hanauer Version von Refik Başarans Totenklage "Cemalim".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2021 finden Sie hier

Bühne

Claudia Bauers "Metamorphosen" nach Ovid. Foto: Berliner Volksbühne

An der Berliner Volksbühne hatte Claudia Bauers Mythen-Mashup "Metamorphosen [overcoming mankind] nach Ovid & Kompliz*innen" Premiere. Selbst im Stream stellte sich bei taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller reinstes Theaterglück ein, bei der wilden, grotesken Inszenierung: "Dieser Slapstick wird immer konterkariert von der Anteilnahme in den Stimmen der Erzählenden und dem Versmaß, das so nah an das Zittern der Verfolgten führt. Die Tränen, die Malick Bauer in den Augen stehen, während er mit Ovids Worten beschreibt, wie der Sonnengott Apollon voll Schrecken beobachten muss, wie sein Sohn Phaeton mit dem Sonnenwagen die Welt in Brand setzt und dabei umkommt, während Wälder verbrennen und die Städte untergehen, steigen auch den Zuschauenden in die Augen. Auch wenn darunter drei der lächerlichen Bürohengste nur einen Sessel reiten; dass Schreibtischtäter hinter vielen Katastrophen stehen, weiß man ja."

In der Nachtkritik gibt Elena Philipp etwas streberhaft zu bedenken, dass "ein Que(e)ren der Genderzuschreibungen die allzu illustrative Verdoppelung der erzählten Gewalt vermindert hätte", kam intellektuell aber trotzdem auf ihre Kosten, wenn Ovids Geschichten von Menschen, Göttern, Nymphen und Dämonen parallel zu den Kräften des Kapitalismus, Ausbeutung und unheilvollen Seuchen gesetzt werden: "Auch die Regisseurin und ihr Ensemble steuern Texte bei: Völlig überdrehte Verschwörungstheoretiker*innen erträumen sich ein Neues Goldenes Zeitalter, in dem sie 'die große Mission' namens 'C:Ovid-19' beenden. Donna Haraways tentakuläres Denken steht in einem Medusa-Monolog von Emma Rönnebeck gedanklich Patin für die große Transformation: Genealogien sind perdu, diese ganzen Abstammungsmythen und Halbgöttereien. Warum das ängstigend Fremde nicht freundlich begrüßen, statt gleich dreinzuschlagen?"

Webers "Freischütz" an der Bayerischen Staatsoper. Foto: Wilfried Hösl

Eigentlich kann niemand mehr was anfangen mit Carl Maria von Webers bieder-bösem "Freischütz", der die deutsche Seele und den deutschen Wald besingt, aber Welt-Kritiker Manuel Brug liebt ihn trotzdem. Klug psychologisierend versucht nun an der Bayerische Staatsoper Dmitri Tcherniakov, dem Schauerstück beizukommen, freut sich Brug: "Der duckt sich unter der deutschen Folklore durch, platziert die Jagdgesellschaft als mafiös-moderne, völlig zeitlose Hochzeitsfeier im aseptischen Hotelfurnierholzballsaal zwischen Stehtischen und Geschäftshäuserpanorama. Das könnte die lustvoll gestellte letzte Party bei Wirecard in Aschheim sein. Zumindest sind hier die Bosse ähnlich durchgeknallt. Bedrohlich souverän, lauernd und leuchtend, waltet Antonello Manacorda am Pult des Staatsorchesters. Da dräuen die Hörner giftigbös und duster, müssen langen Atem haben für die extremen Tempi, die sich am Ouvertüren-Ende in C-Dur-Hetzjubel werfen." Auch in der SZ findet Reinhard Brembeck die Inszenierung selbst im Stream "brillant", faszinierend balancierend "auf der Kippe zwischen Blutrünstigkeit und Zivilisation". In der FR attestiert Judith von Sternburg der Inszenierung eine "lässig moderne Figurenführung".

In der SZ blickt Dorion Weickmann auf das Ballett der Pariser Oper, für das die Gleichstellungsexpertin Constance Rivière und der Historiker Pap Ndiaye einen Rapport sur la diversité erstellt haben (unser Resümee). Nicht nur die Überarbeitung des Repertoires findet Weickmann überfällig: "Längst ist das Ballett eine globale Kunst, deren Problem nicht minoritäre Teilhabeforderung, sondern spätabsolutistisches Elitengehabe ist. Ausbildungsakademien müssen sich auf Talentsuche begeben und einen Nachwuchs heranziehen, der so divers ist wie die Gesellschaft - und obendrein selbstbewusst."

Weiteres: Julia Hubernagel berichtet in der taz von der Gesprächsreihe "Tender Talks" am Zürcher Schauspielhaus. In der FAZ blickt Hans-Christian Rößler sehnsüchtig auf die sich ankündigenden Premieren an der Madrider Oper.
Archiv: Bühne

Film

Eigentlich wäre ja jetzt Berlinale. Nicht nur klammheimliche Freude verspürt Rüdiger Suchsland auf Artechock darüber, dass das Festival, dem er einen grassierenden Bedeutungsverlust bescheinigt, in diesem Jahr im Februar quasi ausfällt und sich in einer Hybridversion auf März und Juni aufteilt. "Für die Berlinale könnte dieser erzwungene Lockdown auf mittlere Sicht sogar zu einem Jungbrunnen werden. Denn wenn die handelnden Personen, wenn das Leitungsteam selbst in doppelter Ausfertigung nicht in der Lage ist, entschiedene Entscheidungen zu treffen, und nicht in der Lage, dieses schwerfällige Schiff Berlinale wieder flott zu machen, dann müssen es eben die Verhältnisse von außen tun. Ein Schrecken ohne Ende bei der Berlinale wäre das Schlimmste, was passieren kann, deswegen wäre es besser, wenn es mit dieser alten klassischen Februarberlinale nun ein Ende mit Schrecken hat."

Außerdem: Für den Filmdienst porträtiert Patrick Holzapfel die Projektionistin Mirjam Bromundt. Die Krise der Kinos und Verleiher im Lockdown spitzt sich zu, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Christoph Winder erklärt im Standard die historisch-literarischen Hintergründe der Netflix-Erfolgsserie "Lupin". David Pfeifer erklärt in der SZ, warum Jugendliche bei den Protesten in Myanmar auf eine Grußgeste aus dem Hollywoodblockbuster "Die Tribute von Panem" zurückgreifen. Lili Hering schreibt in der FAZ über die antirassistischen Filme von Louis Henderson.

Besprochen werden ein Buch und eine DVD zum Werk der österreichischen Experimentalfilmemacherin Maria Lassnig (Standard), Mong-Hong Chungs "A Sun" (Artechock), Berkun Oyas türkische Netflix-Miniserie "Bir Başkadır - Acht Menschen in Istanbul" (Artechock), Paul Greengrass' Netflix-Western "Neues aus der Welt" (Freitag, Artechock) und Fishers Stevens' "Palmer" mit Justin Timberlake (Tagesspiegel).
Archiv: Film

Literatur

Der makedonische Schriftsteller Nikola Madzirov denkt in einem online aus der Wochenendausgabe nachgereichten NZZ-Essay über die Stille und das Gedicht nach: "Der Dichter macht Laute sichtbar und verwandelt sie gerade durch den kreativen Akt wieder in Stille. Ich bin Nachkomme von Flüchtlingen der Balkankriege zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, sie mussten still im Keller ausharren, um zu überleben. Die Welt der Stille war ihre Muttersprache der Anwesenheit. Lyrik zu schreiben, bedeutet, durch die dunklen Adern der Unzulänglichkeit der Worte zu reisen und zu entdecken, dass Stille und Dunkelheit die beiden Hälften des Kernstücks eines universellen Codes für das Verstehen sind. In der Stille sind alle Laute identisch, in der Dunkelheit sind alle Objekte gleich."

Weitere Artikel: Dem Tagesspiegel erzählt Marjane Satrapi, warum sie keine Comics mehr machen will. Berit Glanz erinnert auf 54books an die Barocklyrikerin Sibylla Schwarz. Im Literaturfeature von Dlf Kultur denkt Katharina Teutsch über Wohl und Wehe des literarischen Kanons nach. Roman Bucheli schreibt in der NZZ einen Nachruf auf die Schriftstellerin Helen Meier.

Besprochen werden unter anderem Tove Ditlevsens "Kopenhagen"-Trilogie (Tagesspiegel), Thomas Kunsts "Zandschower Klinken" (taz), Olive Schreiners "Die Geschichte einer afrikanischen Farm" (Freitag), Haruki Murakamis Erzählungsband "Erste Person Singular" (Tagesspiegel, online nachgereicht von der FAZ), Margit Schreiners "Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen. Über das Private" (Standard), Norbert Gstreins "Der zweite Jakob" (SZ) und neue Hörbücher, darunter Sandra Hüller Lesung der "Outline"-Trilogie von Rachel Cusk (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Harald Hartung über Robert Gernhardts "Die Lust kommt":

"Als dann die Lust kam, war ich nicht bereit.
Sie kam zu früh, zu spät, kam einfach nicht gelegen.
Ich hatte grad zu tun..."
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Archiv: Literatur

Design

Die frühere Modejournalistin Bandana Tewari erklärt im Gespräch mit dem ZeitMagazin, warum sie aus der Welt des Mode-Jetsets in die Welt des Mode-Aktivismus gewechselt ist: "Eines der größten Probleme ist die Art, wie wir Mode konsumieren", meint sie, da "niemand fragt, wo sie angefertigt wurden, wie viele Hände sie berührt haben, durch wie viele Länder sie gereist ist. Bei einem Kleid von Dior beispielsweise stammen die Stickereien aus Indien, die Verzierungen vielleicht aus Schanghai und zusammengenäht wurde es in einem dritten Land. An einem einzigen Kleid sind so viele Menschen beteiligt - und wir vergessen sie einfach, das verkürzt die Geschichte der Mode auf groteske Art und Weise." Tewari plädiert daher für einen neuen Regionalismus.
Archiv: Design

Kunst

Für die NZZ interviewt Philipp Meier die Luzerner Galeristin Angela Rosengart, die auch mit ihren 89 Jahren noch über dem Schweizer Kunsthandel thront. In der taz schreibt Brigitte Werneburg zum Tod der peruanischen Künstlerin Teresa Burga. Olga Kronsteiner liest im Standard die Neuauflage von Rudolf Leopolds Schiele-Monografie.
Archiv: Kunst

Musik

Die selbst aus Hanau stammende Musikerin Michaela Meise hat ihre neue Arbeit den Opfern des rechtsextremen Terroranschlags in ihrer Heimatstadt vor einem Jahr gewidmet. Dafür greift sie Refik Başarans Totenklage "Cemalim" auf, die in den 70ern in einer Rockmusik-Version bekannt wurde. Meise rückt das Stück nun mit Stimme und Akkordeon zurück in den Folk-Kontext, erklärt Holger Lund im Freitag. "Die fast brüske Verfremdung ist eine mehrfache: Meise holt das Unterhaltungsinstrument in die Klagemusik, sie bricht der üblichen Verbundenheit dieses Instrumentes mit schunkeliger Seichtigkeit das Genick. Und sie führt zusammen, was weit auseinanderliegt und doch letztlich einen gemeinsamen Grund aufweist: türkische Âşık-Musik, volksinstrumentelle Bağlama und quasi spiegelbildlich volksinstrumentelles Akkordeon. Alles verweist gleichermaßen auf eine volksnahe Musik, die dem Ausdruck verleiht, was Menschen betrifft. So kann Meise sprachlich und musikalisch eine Nähe und Verbindung aufbauen, die zwischen türkischen und nicht-türkischen Bevölkerungsgruppen in Deutschland in vielerlei Hinsicht immer noch fehlt."



Außerdem: Hans Maier erinnert in der FAZ an den vor 400 Jahren verstorbenen Komponisten Michael Praetorius. Besprochen werden Chilly Gonzales' Essay über Enya (SZ), Dusty Springfields Kollektion "The Complete Atlantic Singles 1968-1971" (Pitchfork), Slowthais Rapalbum "Tyron" (Pitchfork, The Quietus), Django Djangos "Glowing in the Dark" (Pitchfork) und neue "neue Musik"-Veröffentlichungen (Neue Musikzeitung).
Archiv: Musik