Efeu - Die Kulturrundschau

Die Titanen sind gestürzt

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31.10.2020. Die SZ verneigt sich in tiefer Ehrfurcht vor Igor Levit, der ihr mit einem feurigen Mozart in München nochmal Kraft für die Zeit des Lockdowns schenkt. Der Büchnerpreis für Elke Erb kommt mindestens ein Vierteljahrhundert zu spät, findet Annett Gröschner in der taz. Der Freitag rät, das Wochenende noch einmal mit George A. Romeros Zombie-Klassiker "Dawn of the Dead" in den Kinos zu verbringen. An der Kultur soll ein Exempel statuiert werden, glaubt Thomas Ostermeier auf Zeit Online. Und der Tagesspiegel sagt leise Servus zu Udo Kittelmann, hält aber auch fest: "Der Mann fehlte zuviel".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2020 finden Sie hier

Musik

Ob die SZ hier was gut machen will? Reinhard J. Brembeck jedenfalls verneigt sich in tiefer Ehrfurcht vor Igor Levit, der in München Mozarts Klavierkonzert KV 271 "grandios" gespielt hat. Die Sinfoniker dirigiert hat Klaus Mäkelä, der zwar "sehr viel kann", doch mit seinem Spiel bestimme Levit das Geschehen: "Er führt jetzt auch bei Mozart und im Einklang mit dessen ästhetischen Prinzipien vor, wie Gesellschaft im Idealfall funktionieren sollte. Er zeigt durch die Art seines Klavierspiels, wie das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Genie und Alltagsmenschen, Vorgesetzten und Untergebenen aussehen sollte. Der Solist gibt dabei den Takt vor, daran lässt Levit keinen Zweifel. Aber er gängelt oder bevormundet niemanden. Er hört immer zu" und "führt sein Gesellschaftsmodell als ein für Jedermann leicht Nachzumachendes vor: So schön und so leicht kann das Miteinanderleben sein. Eine Utopie? Ganz sicher." Beim BR-Klassik kann man das Konzert nachhören und sehen.

Weitere Artikel: Wolfgang Sandner berichtet in der FAZ vom Jazzfestival in Frankfurt. Jan Brachmann schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Dirigenten Alexander Wedernikow.

Besprochen werden ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), neue Alben von Stella Sommer (Berliner Zeitung), Ariana Grande (Berliner Zeitung), Elvis Costello (Berliner Zeitung), und gebenedeit, der Band rund um die Schriftstellerin Lydia Haider (Standard), ein Konzert des Komponisten Kaan Bulak (taz) und Vladimir Jankelevitchs Schriften zur Musik (online nachgereicht von der FAZ).
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Kunst

Foto: Barbara Klemm


Als Redaktionsfotografin der FAZ prägte Barbara Klemm "unser Bild von der Bundesrepublik", nun tastet sie sich vorsichtig an Verse von Friedrich Hölderlin heran, erfährt Arno Widmann (Berliner Zeitung) in der Ausstellung "Hölderlins Orte" im Literaturhaus Berlin: "'Aber ihr, ihr Herrlichen! Steht wie ein Volk von Titanen/ In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel', hatte Hölderlin 1797 in Schillers Horen über 'Die Eichbäume' geschrieben. (…) Das Foto zeigt eine einzelne Eiche, die aussieht, als wäre sie einmal von einem Blitz zerfällt worden. Es gehört zum Reiz der Aufnahmen, dass sie nicht den Text illustrieren, sondern eigene Ansichten sind. Die einen nachdenken lassen über das, worum es einmal Barbara Klemm, das andere Mal Hölderlin ging. Das muss nicht dasselbe sein. In diesem Fall zum Beispiel stehen bei Hölderlin die freien Titanen bei einander, unverletzt, ja unverletzlich. Bei Barbara Klemm dagegen hat die Katastrophe stattgefunden. Die Titanen sind gestürzt. Einer hat einsam und zerspalten überlebt."

Einen "Abgang mit Aplomb" legt Udo Kittelmann, scheidender Direktor der Nationalgalerie mit seiner Bunny-Rogers-Ausstellung im Hamburger Bahnhof hin, findet Nicola Kuhn, die für den Tagesspiegel Bilanz zieht. Kittelmann machte den Hamburger Bahnhof zur "internationalen Marke", krempelte die Nationalgalerie um, doch irgendwann "erlahmte der Elan", so Kuhn: "Der Macher Kittelmann fühlte sich im Korsett Stiftung Preußischer Kulturbesitz zunehmend eingeschnürt, konnte seine Visionen nicht mehr realisieren. Stattdessen organisierte er Ausstellungen für die Fondazione Prada in Venedig, die Fondation Beyeler in Basel, das Burda Museum in Baden-Baden. Sich selbst redete er die Gastspiele damit schön, dass seine auswärtigen Auftritte doch Werbung für die Nationalgalerie seien, in Berlin wurden sie allerdings nicht gerne gesehen. Der Mann fehlte zuviel." Und was kommt jetzt nach Kittelmann?, fragt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung.

Wir haben unsere Mitarbeiter um 20 Prozent reduzieren müssen, sagt Max Hollein, Direktor des New Yorker Metropolitan Museums im Standard-Gespräch mit Stephan Hilpold, in dem er auch erläutert, wie sich amerikanische Museen über Wasser halten: "Hier veräußern Museen seit hundert Jahren Kunstwerke aus der Sammlung, das ist kein Tabubruch, wie das in Europa der Fall wäre. Dadurch können neue Kunstwerke angekauft und die Sammlungen verbessert werden."

Weitere Artikel: Im SZ-Gespräch mit Catrin Lorch erklärt der New Yorker Galerist David Zwirner, der als Auktionator die Biden-Kampagne unterstützt hat, weshalb auch Republikaner bei der Biden-Auktion Kunst kauften, und warum er eine neue Galerie mit ausschließlich schwarzen MitarbeiterInnen gründet: "Das geht auf die Idee der Kuratorin Ebony L. Haynes zurück. Sie hat mich darauf angesprochen, dass es einen Ort braucht, an dem Schwarze ausgebildet werden. Die von ihr geführte Galerie soll eine schwarze Identität haben. Die Kunstwelt ist so weiß, wir haben in den Galerien höchstens zwei oder drei Prozent schwarze Kollegen, in den Auktionshäusern sind es noch weniger." Immerhin die Galerien des Kunsthandels dürfen offen bleiben, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung.

Besprochen wird die Ausstellung "Wir heben ab" im Berliner Kupferstichkabinett (taz) und die Ausstellung "Into Space" mit Werken von Naum Gabo, Berta Fischer und Björn Dahlem im Berliner Haus am Waldsee (Tagesspiegel).
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Literatur

Heute wird der Lyrikerin Elke Erb der Büchnerpreis verliehen - und zwar "mindestens ein Vierteljahrhundert zu spät", schreibt Annett Gröschner in ihrer großen taz-Würdigung. Aufgewachsen in der DDR, begab Erb sich in den 60ern "aus einem Unbehagen gegen die sinnentleerten Denk- und Sprechweisen einer Ideologie, die Menschen zu Objekten machte" in eine schreibende Opposition. "Wenn ihr etwas durch den Kopf geht, schreibt Elke Erb es in ein Heft. Manchmal dauert es Jahre, bis sie es wieder heraufholt wie Uran oder Silber aus einem Bergwerk. Das unter jedem Text stehende Datum des Entstehens und manchmal auch des Überarbeitens legen das Prozessuale ihres Schreibens, ihr zeitübergreifendes Denken frei. Gattungsgrenzen spielen keine Rolle. Gedichte werden kommentiert, Traummaterial aus Notizbüchern gezogen und verdichtet, bis Gedichtverdacht besteht."

Viele ihrer früheren Arbeiten könne man "als sehr unmittelbaren Kommentar auf die autoritären Verhältnisse in der DDR lesen", schreibt auch Paul Jandl in seiner NZZ-Rezension eines neuen Bands mit ausgewählten Gedichten. Nach dem Mauerfall werden ihre Texte "noch durchlässiger, durchsichtiger. Öffnen den Blick nach draußen und sprengen jede Form. Ihre Lyrik hebt die Vormundschaft des schauenden Subjekts auf. Die Texte machen sich die Welt beim Schreiben nicht untertan, sie sind ein Seismograf des Eigenlebens der Welt. Das ist sozusagen die Verfassung ihres Werks. Auch im politischen Sinn."

Weitere Artikel: Arno Widmann spricht in der FR mit dem Schriftsteller Durs Grünbein ausführlich über das Schreiben und Dichten. Caroline Fetscher nimmt für den Tagesspiegel die Leserunden der Schönrodaer Neurechten im Dresdner Buchladen von Susanne Dagen auseinander. Frauke Steffens berichtet in der FAZ von der wirtschaftlichen Notlage des legendären New Yorker Buchladens The Strand. Thomas Steinfeld schreibt in der SZ einen Nachruf auf den schwedischen Journalisten und Schriftsteller Jan Myrdal. Für die FAZ holt Paul Ingendaay Herman Melvilles Erzählung "Benito Cereno" aus dem Regal und damit "einen Wahrnehmungsthriller, in dem es zentral um 'racial profiling' geht."

Besprochen werden unter anderem Rafael Seligmanns "Hannah und Ludwig" (taz), Achdés und Juls neues "Lucky Luke"-Abenteuer "Fackeln im Baumwollfeld", in dem der Titelheld mit schwarzen Sheriff Bass Reeves Bekanntschaft macht (taz, SZ), Clemens J. Setz' "Die Bienen und das Unsichtbare" (taz), Andrea Petkovićs "Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht" (SZ) und Annette Mingels' Episodenroman "Dieses entsetzliche Glück" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Film

Hinein ins Weekendfeelig: Romeros Zombies im Kaufhaus

George A. Romeros stilbildender Zombieklassiker "Dawn of the Dead" aus dem Jahr 1978 ist, nach seiner 1991 durchgesetzten staatsanwaltschaftlichen Beschlagnahmung, an diesem Wochenende nun erstmals wieder im Kino zu sehen. Dass sich die Überlebenden einer Zombie-Apokalypse darin in einer großen Shopping-Mall verbarrikadieren, brachte ihm den Ruf ein, kapitalismus- und konsumkritisch zu sein, schreibt Michael Pekler im Freitag, der allerdings seine Zweifel hat, dass der Zombiefilm schon alleine deshalb per se unter der Roten Fahne steht: "Wurden moderne Zombies im Rahmen des Horrorkino-Booms der 1970er-Jahre aufgrund ihrer 'Unproduktivität' noch als das massenhafte Ergebnis einer postfordistischen Wirtschaftsordnung interpretiert, in der sie buchstäblich 'nicht Schritt halten' können (im Gegensatz zu den fitten Überlebenden, die sich in kleinen, flexiblen Teams organisieren), hat der Neoliberalismus auch vor dem Zombie selbst nicht Halt gemacht. ... Der Untote hat im spätkapitalistischen Zombiefilm nicht nur das Rennen gelernt, sondern seine gesamte Verwertungskette steht unter dem Diktat der Geschwindigkeit."

Auch Benjamin Moldenhauer sieht im ND die Kapitalismuskritik des Films heute eher etwas distanziert. Entsprechende Szenen seien heute "nicht mehr sonderlich aufschlussreich. Man muss sich da auch ehrlich machen: Kaum jemand, der die politischen Diskurse nicht eh schon von sich aus an das Kino herangetragen hat, hat sich damals Zombiefilme wegen irgendwelcher gesellschaftskritischer Subtexte angeschaut. Ausschlaggebend war meist die Lust am Krassen, Kaputten. Und der Wunsch vielleicht, so etwas wie einen Alptraum einmal kontrolliert auf der Leinwand zu erleben. Das Versprechen, das die drastischen Bilder in den 80er und 90er Jahren dem adoleszenten Publikum gemacht haben, hat Horror-Regisseur Wes Craven auf den Punkt gebracht: 'Thank god it's finally out in the open and slopping around the floor.'" Im Gespräch mit Dlf Kultur sortiert Rajko Burchardt den Film filmhistorisch ein. Im Perlentaucher sieht Thomas Groh den Film unter dem Blickwinkel aktueller Geschehnisse als eine Art vorab verabreichten Kommentar zur Corona-Pandemie.

Weitere Artikel: In der SZ liefert Johanna Adorján Hintergründe zu einem Rechtsstreit in den USA um den neuen "Borat"-Film: Die hinreißend gütige jüdische Dame, die den in einer Synagoge auftauchenden, als grelle antisemitische Karikatur verkleideten Komiker Sacha Baron Cohen anspricht und in den Arm nimmt, sei vom Produktionsteam arglistig hinters Licht geführt worden, behauptet die Tochter der inzwischen verstorbenen Frau.

Besprochen werden Michael Venus' Horrorfilm "Schlaf" (SZ), Julia von Heinz' "Und morgen die ganze Welt" (Freitag), die Netflix-Serie "The Queen's Gambit" (NZZ), Nick Frosts und Simon Peggs Horrorserie "The Truthseekers" (FAZ) und die ZDF-Serie "Schatten der Mörder" (FAZ, FR, Berliner Zeitung, Welt).
Archiv: Film

Bühne

Mir scheint, "dass anhand der Kultur gezeigt werden soll, wie sehr bereit man ist, mit eiserner Faust zu regieren", sagt Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier im Zeit-Online-Gespräch mit Dirk Peitz. Für die Maßnahmen hat er Verständnis, sieht die Politik aber in der Pflicht: "Am härtesten trifft es bislang die Künstler, die nicht in Institutionen angestellt sind. Wir werden dafür sorgen müssen, dass sie durch diese Krise kommen. Da sehe ich die Politik in der Verantwortung. Sie muss auch den Deal erfüllen, in den sie uns letztlich zwingt: Wenn die Theater, Konzerthallen, Clubs, Bars schließen müssen, dann muss die Politik auch deren Existenz sichern."

Per Kulturhilfepaket sollen zwar 75 Prozent der entgangenen Einnahmen vom Bund aufgefangen werden, aber viele Theater "leben ja nicht nur von den Ticketeinnahmen in Berlin, sie schicken auch Produktionen auf Tournee", erinnern Ulrich Amling, Frederik Hanssen und Patrick Wildermann, die sich für den Tagesspiegel bei privaten Theatern umgehört haben. Guntbert Warns, Intendant des Renaissance-Theaters sagt: Gerade die Theater "'und Kultureinrichtungen seit Monaten dafür gearbeitet, dass die Menschen sich bei ihnen dank Hygienekonzepten wieder sicher fühlen konnten.' Ausgebaute Sitzreihen, Wegeleitsysteme, penibel geführte Kontaktlisten, das alles in Abstimmung mit den zuständigen Behörden - und jetzt doch wieder der Lockdown?"

In der NZZ wird Christian Wildhagen noch deutlicher: "Das Signal, das der Staat mit dieser Maßnahme aussendet, ist fatal. Er reduziert die in vielen Bereichen immerhin von ihm selbst maßgeblich geförderte Kultur auf die Rolle eines Dienstleisters, den man beliebig herbeirufen oder abbestellen kann - wie einst die zu Speis und Trank kredenzte Tafelmusik bei Hofe. Das erscheint nicht nur anachronistisch und willkürlich, es verrät auch einen erschreckend schlichten, tendenziell rein utilitaristischen Kulturbegriff: Solange die Kultur der Erbauung und im Idealfall auch der Wertschöpfung dient, darf sie spielen; sobald es ernst wird, wird sie zum Schweigen gebracht." Ebenfalls in der NZZ erinnert Thomas Ribi an die Bedeutung kleiner Ensembles und KünstlerInnen.

Von einem "Corona-Krieg" gegen die Kultur, spricht gar Karl-Heinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung, in einem von Monopol übernommenen Text auf Cicero: "Tatsächlich hat die Vorgehensweise, die Frau Merkel angestoßen hat, einen überaus schalen Beigeschmack. Sie zeugt von einem geradezu primitiven Weltbild, in dem die Kultur nicht mehr darstellt als ein jederzeit verzichtbares Vergnügen: wenn nötig, weg damit!"

Besprochen wird André Kaczmarczyks Inszenierung "Alice" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Anna Lenks Inszenierung von Schillers "Maria Stuart" am Deutschen Theater (nachtkritik), Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Leoš Janáčeks "Die Sache Makropulos" am Grand Theatre Genf (NZZ) und das Stück "Learning Feminism from Rwanda" der Gruppe Flynn Works in den Berliner Sophiensälen, in dem Nachtkritikerin Elena Philipp lernt, wie weit voraus Ruanda andern Ländern in Sachen Geschlechtergerechtigkeit ist.
Archiv: Bühne