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Efeu - Die Kulturrundschau

Keiner ist ein bisschen verrückt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.01.2020. Der Tagesspiegel feiert in Hamburg mit Goya, Tiepolo und Fragonard den Aufbruch in die Freiheit. NZZ und Nachtkritik erleben mit dem Ayn-Rand-Musical "Streik" in Zürich einen Raubtierrausch. Die FAZ berichtet von randalierenden Nazis im Dresdner Kabarett Herculeskeule. In der NZZ fragt Lizzie Doron, wo die Schweiz eigentlich schräge Ideen hernimmt. Im Standard sperrt sich Paavo Järvi dagegen, Tschaikowsky russisch klingen zu lassen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.01.2020 finden Sie hier

Bühne

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Nicolas Stemann hat aus dem Roman "Streik" der russisch-amerikanischen Hardcore-Kapitalistin Ayn Rand ein satirisches Musical gemacht. Jetzt protestieren mal die Bonzen, um sich nicht länger von den Armen und Versagern aussaugen zu lassen. NZZ-Kritikerin Daniele Muscionica vermisst zwar den letzten Mut in dieser Inszenierung, aber sie weiß zu schätzen, dass es endlich eine Reichen-Revue für das reiche Zürich gibt: "Überzeugend sind Stemanns Text und die Inszenierung immer dort, wo er die Satire, die er in Rands Vorlage auszumachen scheint, einen irren Gang höher schaltet. Dann redet er nämlich von sich und von seinem Status als Künstler, der - nur in Zürich? - an den Gesetzen des Unternehmers gemessen wird. Er erörtert ironisch lokalpolitischen Gossip, er teilt seinen Zürichberg-Abonnenten aus, und er würzt nach mit dem Vorschlag: um die Qualität der Kunst zu steigern, die Anzahl der Besucher zu verringern. Oder sollte man gleich die Subventionen streichen? Schamlose Grotesken wie diese heben die Inszenierung auf eine Höhe, in der sie fliegt." In der Nachtkritik bleibt Andreas Klaeuis Begeisterung verhalten: "Natürlich hat der Abend viele phänomenale Momente. Wie den, als die Entrepreneurs das 'Solidaritätslied' für ihre Zwecke umwidmen: '… nicht vergessen: die Individualität!' Aber insgesamt hinterlässt er doch den Eindruck einer gewissen Ratlosigkeit. Die Ratlosigkeit des Künstlers vor dem Raubtierrausch."

Im Dresdner Kabarett Herkuleskeule ist eine Veranstaltung von einer Gruppe Rechtsextremer gestört worden, und es haben sich Szenen abgespielt, die an den Film "Cabaret" erinnern - es wurde gepöbelt und randaliert und unter anderem nach einem Schauspieler ein Bierglas geworfen, berichtet Stefan Locke in der FAZ: "Für das Kabarett ist der Vorfall nicht nur eine Zäsur, sondern auch Folge einer Entwicklung, die Künstler auf vielen Bühnen schon seit einigen Jahren spüren: Politische Konflikte werden in die Säle hineingebracht, und es wird versucht, sie dort auch auszutragen."

Weiteres: Jürgen Berger kommt noch einmal auf Sebastian Hartmanns verunglückte Berliner Inszenierung von Björn SC Deigners Stück "In Stanniolpapier" zu sprechen, die nicht mehr Uraufführung genannt werden darf, weil Hartmann mehr als zwei Drittel des Textes strich. Was Berger sich fragt: "Warum sollte man einem Text, von dem man nichts hält, die Seele aus dem Leib streichen?"

Besprochen werden Tobias Staabs Requiem für den arbeitenden Menschen "After Work" am Bochumer Schauspielhaus (taz), Mina Salehpours Inszenierung von Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" am Staatsschauspiel Dresden (taz), das Tanzstück "Long Time No See!" in Darmstadt (FR) und Robert Musils "Törless" am Kleinen Theater (Berliner Zeitung).
Archiv: Bühne

Kunst

In der großen Jubiläumsschau "Die Freiheit der Malerei" zeigt die Hamburger Kunsthalle die Maler Goya, Fragonard und Tiepolo als Wegbereiter der Moderne. Im Tagesspiegel leuchtet Nicola Kuhn diese Zusammenstellung nicht immer ein, aber unverkennbar sei doch bei allen drei der Wunsch, aus bisherigen Bahnen auszubrechen. "Wo Goya in seinen Sittenbildern einen kritischen Blick selbst auf eine heitere Landpartie wirft, bewahrt sich Fragonard stets das Unbekümmerte einer ausgelassenen Gesellschaft. Wenn seine Ausflügler über die Stränge schlagen, dann manierlich. Bei Goya entdeckt man den Exzess erst bei genauerem Hinsehen, die Damen und Herren betrinken sich maßlos und kotzen gleich daneben. Tiepolo malte das Welttheater, wo nicht in großen religiösen Szenen, da mit Figuren der Commedia dell'arte. Immer wieder knöpft er sich Pulcinella vor, den weiß gekleideten Hanswurst, den außerdem Buckel, steifer Hut und Maske charakterisieren."

Die tiefe Kluft zwischen der westlichen und der indigenen Perspektive spürt Susanne Lenz in der Berliner Zeitung in der Aborigine-Ausstellung "The Art of Healing", die gerade im Medizinhistorischen Museum der Charité zu sehen ist: "Die farbenfrohen Bilder aus Australien hängen mitten im Präparatesaal. Die kranken Organe, die hier zu sehen sind, offenbaren einen westlich-wissenschaftlichen Blick auf den Organismus, während die Bilder von Gräsern und Früchten auf eine Heilerkultur verweisen, die nicht nur viel älter ist, sondern auch ganz anders. Die Mediziner der Charité teilten den Menschen auf in seine Einzelteile, in Leber, Niere, Gehirn und Knochen, sie drangen in ihn ein. Für die First Nations People ist alles eins."
Archiv: Kunst

Design

"Berlin wird langsam zum Hauptort für Streetwear und Nachhaltigkeit", verkündet unverdrossen tazlerin Marina Razumovskaya zu Beginn der Berlin Fashion Week: "Spektakuläre Shows sind inzwischen nur ein kleiner Teil der Fashion-Week-Miete. Immer wichtiger werden die Messen und Konferenzen." Bei der Konferenz "Neonyt Fashion Sustain" etwa "werden sich industrielle Akteure über technologische Innovationen, nachhaltige Techniken und Marktstrategien austauschen. ... Dort sollen dann auch so futuristisch-wissenschaftliche Dinge diskutiert werden wie: 'Future Infrastructures for Circularity', also Verkehrswege für die Kreislaufwirtschaft; oder: 'How to Detox an Industry - looking back and looking forward', also Methoden, wie man die Kleidungsindustrie entgiftet."
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Literatur

"Die Schweiz ist ein Paradies, aber auch ein Gefängnis", sagt die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron im online nachgereichten Zeit-Interview. "Alle scheinen sich hier ständig darum zu bemühen, alles korrekt zu machen. Keiner ist ein bisschen verrückt, hat schräge Ideen. Ich habe nicht den Eindruck, dass hier der Ort ist, wo Revolutionen angezettelt werden, wo es Wut und Widerstand gibt. ... Die Menschen leben in einer Welt vollkommener Sicherheit. Es gibt nichts, wofür sie wirklich kämpfen müssen, nichts, bei dem es um Leben und Tod geht."

Besprochen werden unter anderem Isidora Sekulićs "Briefe aus Norwegen" (SZ) Paul Celans Briefesammlung "Etwas ganz und gar Persönliches" (online nachgereicht von der FAZ), Ursula Gräfes Neuübersetzung von Yukio Mishimas "Der Goldene Pavillon" (Standard), Liat Himmelhebers und Andreas Nohls Neuübersetzung von Margaret Mitchells "Vom Wind verweht" (NZZ), Abubakar Adam Ibrahims Debütroman "Wo wir stolpern und wo wir fallen" (Presse), Peter Schneiders "Vivaldi und seine Töchter" (FR) und Lessie Sachs' Gedichtband "Das launische Gehirn" (FAZ).

Mehr in unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau. Alle besprochenen Bücher und viele mehr zum Bestellen finden Sie natürlich in unserem neuen Online-Buchladen Eichendorff21.
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Musik

Im Standard-Gespräch berichtet Paavo Järvi von seinen Nöten, mit einem Tonkörper Interpretationen kanonisierter Komponisten zu erarbeiten, wo doch jeder Musiker stets zu wissen glaube, wie man diese zu spielen habe. So etwa Tschaikowsky: Man meint, "Tschaikowsky immer irgendwie 'russisch' spielen zu müssen. Warum? Und was hat das zu bedeuten? Tschaikowskys Musik ist sehr elegant, sie ist europäisch, sie ist französisch. Sie erzählt von seinen inneren Konflikten: davon, schwul zu sein und darunter zu leiden. Das wird in den russischen Interpretationen komplett ausgeblendet. Da ist seine Musik entweder sehr heroisch oder sehr romantisch, es gibt kaum Zwischentöne. Die russische Interpretation geht auf Jewgeni Mrawinski zurück, der war zwar ein fantastischer Dirigent, aber auch ein Kind seiner Zeit - und zwar einer Zeit, in der Millionen Menschen in die Gulags geschickt wurden. Sein Tschaikowsky klingt wie Schostakowitsch."

Weiteres: Für die SZ-Afropopkolumne porträtiert Jonathan Fischer den algerischen Tuareg-Musiker Kader Tarhanine. Besprochen werden ein Igor-Levit-Konzert im Pierre Boulez Saal in Berlin (Tagesspiegel) und das in einer Woche erscheinende, neue Album der deutschen SloMo-Jazzer Bohren & der Club of Gore (Standard). Daraus ein Vorab-Video:

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Architektur

Das Brighton College gönnt sich einen Neubau, und in der Welt ist Marcus Woeller ganz hin und weg von Glas und Beton: "Auch dieses neue Schulhaus ist schließlich das Resultat einer harten Auslese." Im Bau der OMA-Architektin Ellen van Loon sah auch schon Guardian-Kritiker Rowan Moore "Hogwarts von George Lucas umgestaltet".
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Film

Mit insgesamt elf Nominierungen geht Todd Phillips' kontroverser "Joker" als großer Favorit in die Oscarverleihung am 9. Februar, allerdings dicht gefolgt von Quentin Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood", Sam Mendes' "1917" und Martin Scorseses "The Irishman", die in jeweils zehn Kategorien nominiert sind (hier alle Oscaranwärter im Überblick). Damit ist das Rennen so offen wie schon lange nicht mehr, meint Lory Roebuck in der NZZ.

Schon jetzt zu den großen Gewinnern zählt Netflix, glaubt Andreas Busche im Tagesspiegel. Dafür steht es um die Diversität eher schlecht, schreibt Busche: "Globe-Gewinnerin Awkwafina ('The Farewell') wurde für die beste weibliche Hauptrolle übergangen, dafür ist die phänomenale Cynthia Erivo für ihre Rolle als Abolitionistin Harriet Tubman nachgerückt. Im Feld der männlichen Darsteller fällt allein Brad Pitt in die Kategorie 'U-60' und unter den Regie-Nominierten befindet sich mal wieder keine Frau, obwohl Greta Gerwig eigentlich - verdientermaßen - als sichere Kandidatin gehandelt wurde. Immerhin ist sie die einzige Regisseurin unter den besten Filmen." Da hätten laut Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek, der sich für die Verleihung den Termin vom letzten Jahr notiert hat, noch andere Filme von Frauen Berücksichtigung finden können, nämlich "'Atlantics' (von der Franko-Senegalesin Mati Diop), 'Porträt einer jungen Frau in Flammen' (von der Französin Céline Sciamma), 'High Life' (von der Französin Claire Denis), 'The Farewell' (von der Chinesin Lulu Wang) und 'Honey Boy' (von der Israelin Alma Har'el). Das ist die größte Reformdebatte, der sich die Oscars bald stellen müssen, ihre in den Regeln eingebaute Voreingenommenheit zugunsten von amerikanischen beziehungsweise englischsprachigen Produktionen."

Besprochen werden Sam Mendes' mehrfach oscarnominierter Kriegsfilm "1917" (Tagesspiegel), Hermine Huntgeburths Biopic "Lindenberg! Mach dein Ding" mit Jan Bülow in der Titelrolle (ZeitOnline, Tagesspiegel), die Netflix-Serie "The Witcher" (FR, Freitag), die Netflix-Serie "AJ and the Queen" (ZeitOnline), das Revival von "Beverly Hills, 90210" (ZeitOnline) und Andreas Pichlers Doku "Alkohol - der globale Rausch" (SZ).
Archiv: Film