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Efeu - Die Kulturrundschau

Nichts als Liniengekräusel

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.01.2020. Der Tagesspiegel möchte Goya, Velazquez, el Greco nach einem Besuch im Prado gern noch die Malerinnen Sofonisba Anguissola und Lavinia Fontana zur Seite stellen. Die SZ feiert die zerfließenden Grüntöne Richard Gerstls. Hyperallergic verfällt den Youtube-Videos der Kostümhistorikerin Bernadette Banner. Der Filmdienst glaubt fest an die Zukunft des Kinos. Die interessantesten Bücher der neuen Saison sind von Frauen geschrieben, versichert die Welt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2020 finden Sie hier

Kunst

Lavinia Fontana, Selbstporträt am Spinett (1577). Accademia Nazionale di San Luca, Rom

Goya, Velazquez, el Greco kennt jeder. Aber wer kennt Sofonisba Anguissola? Oder Lavinia Fontana? Beiden Künstlerinnen hat der Prado jetzt eine Ausstellung gewidmet. Ziemlich spät, findet Tagesspiegel-Kritiker Bernhard Schulz. Denn: "Nicht von ihren Zeitgenossen, sondern später erst wurden sie aus der Kunstgeschichte quasi gestrichen. Ihre Gemälde wurden anderen, männlichen Autoren zugeschrieben, die anerkennende Beurteilung, die etwa der große Vasari der Kunst Anguissolas aussprach, schlichtweg unterschlagen. Um so staunender sieht sich jetzt der Besucher der Madrider Ausstellung insgesamt 65 Gemälden gegenüber, die das Bild der Kunstepoche zwischen Renaissance und Barock ungemein bereichern."

Richard Gerstl, Selbstbildnis als Akt, 1908. Foto: Leopold Museum/Manfred Thumberger
Als sich der 25-jährige Maler Richard Gerstl 1908 das Leben nahm, lagerten seine Angehörigen die Bilder, die sie ratlos ließen, erst mal bei einer Spedition ein. Gut so, denkt sich SZ-Kritikerin Catrin Lorch in der Gerstl-Ausstellung im Wiener Leopold Museum, so blieb alles erhalten. Und wird - zumindest außerhalb Österreichs - jetzt erst wirklich gewürdigt. Neben den Porträts "gibt es unzählige Landschaften, die sich in heftigen Pinselschwüngen auflösen, Gärten, die in Grüntönen zerfließen und immer wieder der Traunsee: 'Schlafende Griechin', gemalt im Jahr 1907, besteht aus ein paar kräftigen Farbschlieren, die das Felsmassiv aus Grau und Braun zusammenbacken, während die wellige Oberfläche des Sees aus nichts als Liniengekräusel besteht. Darüber hängt weiches Graublau, der Himmel. Gerstl habe 'gezielt verlernt', was er sich an der Akademie angeeignet habe, bis sein Werk 'in der Schwebe zwischen Werden und Zerstören' ein 'destabilisierendes Außer-sich-Sein' erreiche, schreibt Hans-Peter Wipplinger im Katalog."

Weiteres: Georg Imdahl gratuliert in der FAZ der Künstlerin Mary Heilmann zum Achtzigsten.

Besprochen werden außerdem eine Kunstinstallation von Jan Fabre in Neapel (Tsp), die Ausstellung "Inspired by the East" im British Museum in London (hyperallergic), die Ausstellung "Tanz! Max Pechstein. Bühne, Parkett, Manege" in der Kunsthalle Tübingen (FAZ) und die Ausstellung "Raffael in Berlin. Die Madonnen der Gemäldegalerie" in der Berliner Gemäldegalerie (Welt).
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Musik

Besprochen werden neue Alben von Jeffrey Lewis und Adam Green (taz) sowie Elton Johns Autobiografie (SZ).

Eine Kuriosität am Rande: Nachdem beim Jazz-Neujahrskonzert in der Elbphilharmonie mehrfach der Ton ausgefallen ist, behalf sich das Publikum einfach selbst und sang "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins", melden die Agenturen. Der Videobeweis:

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Design

Auf Hyperallergic stellt Jen Hyde die Kostümhistorikerin Bernadette Banner vor, die auf Youtube-Videos alte Nähtechniken erklärt. "Banner works in 'Original Practice,' the art of constructing historical garments using, as much as possible, the exact methods of the time. It draws on a combination of evidence and guesswork - and, of course, slowing down. Banner tells me that 'by putting yourself in the position and having the same experience potentially, you can get a lot more of a sensory idea of what things would have been like' in that period." Hier spricht sie über viktorianische Korsetts:



Außerdem: Laura Weißmüller schreibt in der SZ einen Nachruf auf Florian Hufnagl, den langjährigen Leiter der Neuen Sammlung in München, dem heutigen Design Museum. Dieser "besaß die meisterliche Fähigkeit, die schier unbegreifliche Vielfalt von Design dingfest zu machen, als Ausdruck des menschlichen Gestaltungswillen, der bitteschön mehr umfasst als nur das Produkt".
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Literatur

Mit großer Skepsis beobachtet Mara Delius in der Literarischen Welt, wie zum Beispiel auf SpOn die Frühjahrsvorschauen der großen Verlage nach dem Frauenanteil durchforstet werden. Sie ist unsicher, "ob nicht langsam der an sich richtige Impuls, auf ein ausgewogeneres Verhältnis von Frauen zu Männer im Literaturbereich zu achten kippt, von aufklärerisch zu eindimensional - nicht unbedingt die beste Haltung, um sich der Welt der Literatur zu nähern." Übersehen werde dabei auch die literarische Qualität - mögen Schriftstellerinnen auch weiterhin in der Unterzahl sein, liefern sie in der kommenden Saison doch die interessantesten und vielversprechendsten Titel, so Delius.

Für die NZZ unterhält sich Carmen Eller mit Yishai Sarid, der sich in seinem neuen Roman "Monster" mit der Erinnerung an den Holocaust vor dem Hintergrund der Herausforderungen der israelischen Gesellschaft auseinandersetzt. Eine fiktive, während der Judenvernichtung durch die Deutschen angesiedelte Geschichte wollte er nicht erzählen: "Ich hatte einige Jahre gezögert. Und dann entschied ich mich, keine fiktionale Holocaust-Geschichte zu schreiben. Wenn man eine Geschichte über den Holocaust erzählen möchte, gibt es sechs Millionen reale Geschichten. Doch bittet man Menschen, Namen von Opfern zu nennen, sagen sie für gewöhnlich den einen Namen - Anne Frank. Mein Roman ist Fiktion, aber er spielt heute. Ich werde nichts erfinden. Das wäre falsch, eine Beleidigung der Menschen, die umgebracht wurden." Zuvor hatte bereits die FAZ mit dem Schriftsteller gesprochen (unser Resümee).

In der Literarischen Welt schwärmt Guntram Vesper von "Der Sturz des Titanen", einem Roman des Sowjet-Kryptografen und Überläufers Igor Gusenko. Das Buch war vor vielen Jahren ein antiquarischer Zufallsfund, der dem Schriftsteller ebenso zufällig erst jetzt wieder in die Hände gefallen ist: Ein "merkwürdiges Buch" mit "gekonnt irren" Passagen, das von "staunenswerten, fast schon kunstvollen, aber auch mehr als hinterhältigen Geheimdienstverschwörung gegen Gorin und den Anschlag auf ihn" handelt und zu nicht geringen Teilen im übrigen auch von Maxim Gorki. Mehr über das Buch erfahren wir im Spiegel und in der Zeit in Ausgaben aus den Jahren 1954/55.

Der Schriftsteller David Grossman erinnert sich in der FAZ an seinen Freund und Kollegen Amos Oz, der vor einem Jahr gestorben ist: "Die Idealisierung wie auch die Dämonisierung sind zwei Gesichter der Dehumanisierung, deren bösartigen Stich Amos nur zu gut kannte. Er trifft einen Punkt, an dem man sich entweder dazu verführen lässt, den Projektionen von Fremden zu glauben, oder aber der Gefangene seiner eigenen inneren Bilder bleibt. Es ist schwer, zwischen diesen Optionen hin und her zu navigieren und sich dabei seine private, intime und authentische Menschlichkeit zu bewahren. Wer Amos kannte, merkte, dass es ihn manchmal übermenschliche Kraft kostete, Mensch zu bleiben, und noch mehr Kraft, ein guter, integrer Mensch zu bleiben."

Weiteres: Sarah Pines stellt in der Literarischen Welt Jia Tolentino vor, die von US-Medien bereits als beste Essayistin der Milennial-Generation gefeiert wird. Im Grunde wird Albert Camus in Frankreich erst in den letzten Jahren wirklich angemessen gewürdigt, schreibt Martina Meister in der Literarischen Welt anlässlich des heutigen 60. Todestags des Schriftstellers. Marko Martin berichtet in der Literarischen Welt von seiner Begegnung mit dem israelischen Schriftsteller Abhraham B. Yehoshua. Die taz dokumentiert den Siegertext des Open Mike Wettbewerbs 2019, in diesem Fall Sina Ahlers' "Originale". In der FAZ gratuliert Mark Siemons dem chinesischen Schriftsteller Gao Xingjian, der 2000 den Literaturnobelpreis gewonnen hat, zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Nick Drnasos Comic "Sabrina" (taz), Jeanette Wintersons "Frankissstein" (taz), Jean van Hammes und Christophe Simons Comic "Kivu" (Tagesspiegel), Matteo Terzaghis "Die Erde und ihr Trabant" (NZZ), Ismail Kadares "Geboren aus Stein" (SZ) und Liat Himmelhebers und Andreas Nohls Neuübersetzung von Margaret Mitchells "Vom Wind verweht" (FAZ, zur Neuübersetzung mehr bereits hier und dort).
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Bühne

Besprochen werden Volker Löschs Inszenierung von Beethovens Oper "Fidelio" am Theater Bonn (nmz, FAZ) und Ulrike Schwabs Musiktheater "Wolfskinder" an der Neuköllner Oper (taz).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Fidelio

Film

Auch die in den USA bereits tobenden "Streaming Wars", bei denen sich Apple, Disney, Amazon und Netflix gegenseitig die Köpfe einschlagen und erhebliche Summen in den Ring schmeißen, um ihre Pfründe an diesem lukrativen Zukunftsmarkt zu sichern, werden das Kino nicht vollends niederringen, glaubt Josef Schnelle im Filmdienst und führt zur Bekräftigung allerdings vor allem nur warme Hoffnungen an: "Eher wird es altmodisch und marginalisiert weiter existieren. Die Zukunft auch unserer Kinos, die so sehr durchgefördert sind, wird indes eine andere werden, und vielleicht werden sogar verloren geglaubte Dinge wie das Repertoire-Kino mit Filmklassikern aus aller Welt zurückkehren. Und nach wie vor wird es den besonderen Moment geben, wenn das Licht ausgeht und der Vorhang vor der Leinwand beiseite schwingt."

Außerdem: Das Filmanzeiger-Blog der taz dokumentiert Jochen Werners gesammelte, zuvor auf Facebook veröffentlichte Sichtungsnotizen zum filmischen Gesamtwerk Til Schweigers, der ihm in dieser geballten Dosis idiosynkratischen Filmemachens "als der letzte kommerzielle Auteur des deutschen Gegenwartskinos" erscheint. Im Filmdienst spricht der Schauspieler Joseph Gordon-Levitt über seine Zusammenarbeit mit dem Filmdebütanten Patrick Vollrath für den Echtzeitthriler "7500".

Besprochen werden Valentina Primaveras Dokumentarfilm "Una Primavera" (Perlentaucher, critic.de, mehr dazu bereits hier), Bruno Dumonts Filme über Jeanne d'Arc (Perlentaucher), Stanley Nelsons Dokumentarfilm "Birth of the Cool" über Miles Davis (Tagesspiegel, ZeitOnline, mehr dazu bereits hier) und Rupert Goolds Biopic "Judy" mit Renée Zellweger als Judy Garland (FAZ, mehr dazu bereits hier).
Archiv: Film