Efeu - Die Kulturrundschau

Atmosphäre der Ambivalenz

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29.12.2018. Amos Oz ist gestorben. Die Berliner Zeitung würdigt den israelischen Autor als Schriftsteller und als entschiedenen Mann, der auch fähig war, sich selbst entschieden infrage zu stellen. Die Welt feiert die Neuerfindung der High Fantasy durch Nora K. Jemisins Roman "Zerrissene Erde". Dezeen lässt sich von brasilianisch-japanischer Küche und Design verführen. Es gibt viel zu viel Fernsehen, stöhnt die FAZ. Die SZ warnt vor steigendem Rassismus gegenüber internationalen Künstlern in Deutschland. Die Junge Welt erinnert an den Erfinder des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker, Joseph Goebbels.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2018 finden Sie hier

Literatur

Bild: Michiel Hendryckx, CC BY 3.0

Amos Oz ist tot. Der israelische Schriftsteller und Friedensaktivist hat die Geschichte seines Landes geformt und geprägt, schreiben die Feuilletons. Als sozialistischer Kibbuznik fing er an und wurde als Schriftsteller zu einer der wichtigsten Stimmen in Israel. Er war "eine politisch-moralische Instanz", hält Tilman Krause in der Welt fest. Oz "bezog Stellung, ohne sich von einer Seite vereinnahmen zu lassen", würdigt Carmen Eller auf ZeitOnline den Verstorbenen. "Heimisch fühlte er sich, wie er einmal schrieb, in 'der Atmosphäre der Ambivalenz'. In einem konfliktträchtigen Umfeld bewahrte sich Oz intellektuelle Unabhängigkeit. ... Trotz des politischen Engagements des Autors sind seine Romane weder Plädoyers noch Pamphlete. Oz liebte die Poesie und mied das Pathos. Literarische Charaktere dienten ihm nicht als politische Botschafter, sondern bewahrten sich ihre Widersprüchlichkeit." Zu den Besonderheiten seiner Romane zählte, erklärt Gerrit Bartels im Tagesspiegel, "dass sich in ihnen nur selten Spuren von einer politischen Dokumentarliteratur finden und sie trotzdem metaphern- und facettenreich ein authentisches Bild der israelischen Wirklichkeit vermitteln, der Spannungen, denen dieses besondere und ewig gefährdete Land und seine Gesellschaft ausgesetzt sind, immer unter besonderer Berücksichtigung des israelisch-palästinensischen Verhältnisses."

"Oz war ein entschiedener Mann", erinnert sich Arno Widmann in der Berliner Zeitung. "Er hatte in den Kriegen von 1967 und 1973 als Panzersoldat gekämpft. Er untersuchte die Lage und bezog Stellung. Er tat das immer wieder. Er hielt fest an seinem Entschluss, kein Opfer zu sein. Die Wandlung Israels vollzog er mit." Lothar Müller schreibt in der SZ, dass Oz "das Erbe des europäischen Judentums als moderner Autor und Israeli angetreten und in seinen Büchern mit den je aktuellen Erfahrungen in seinem Land, seiner Gesellschaft verschmolzen hat. ... Die Vitalität, die Lebenslust und die sexuelle Lust spielten Hauptrollen in seinen Büchern, und zugleich liebte er es, seine Figuren in Konflikte mit sich selbst zu bringen, sie mit Verlockungen zu konfrontieren, die sie verachteten." Weitere Nachrufe in FAZ und NZZ.

Helge Malchow, der KiWi-Verleger tritt ab - und anders als bei Rowohlt oder Hanser läuft die Übergabe an seine Nachfolgerin Kerstin Gleba harmonisch. Malchows Verdienst ist unter anderem die Entdeckung der Popliteratur, als ein Generationenwechsel, und die Verschmelzung von E und U, schreibt Dirk Knipphals in der taz: "2004 erschien 'Der Schwarm' von Frank Schätzing, programmatisch im Hardcover, also verbunden damit, dass der Verlag sein kulturelles Kapital für dieses Buch einsetzt, das in anderen Häusern wohl nur im Thrillersegment platziert worden wäre. Zu diesem Zeitpunkt saß aber auch Ulrich Blumenbach bereits an seiner Übersetzung von David Foster Wallace' 'Unendlichem Spaß', dieser Revitalisierung des großen amerikanischen Romans, die dann 2009 erschien."

Einen der bemerkenswertesten Romane des Jahres haben die Feuilletons noch nicht einmal mit der Kneifzange angefasst, tadelt Wieland Freund seine Berufskollegen in der Literarischen Welt - und das nur, weil Nora K. Jemisins "Zerrissene Erde" ein entsprechend vermarkteter Fantasyroman ist. Dabei stellt Jemisin mit ihrem rassismus- und sexismuskritischen Buch in der Tradition von Ursula K. LeGuin das Genre vom Kopf auf die Füße und hat es "quasi neu erfunden", sagt Freund: "Tolkien und seine Epigonen lasen mittelalterliche Epen; Jemisin setzt auf Plattentektonik, Subduktion und Kontinentaldrift. ... Die Neuerfindung der High Fantasy ist nicht nur PoC, LGBT und Gender, sie ist auch stylish. Schon in ihrer ersten Fantasy-Trilogie 'The Hundred Thousand Kingdoms' (dt. leider 'Die Erbin der Welt') hat N. K. Jemsin mit einem Icherzähler experimentiert (was unter Weltenschöpfern selten ist), diesmal hat sie die Essun-Kapitel in der zweiten Person Singular verfasst (was sogar Realisten selten wagen)." Wir prangerten dieses Defizit bereits im Sommer an, als Jemisin zum dritten Mal in Folge mit dem Hugo Award ausgezeichnet wurde und eine tolle Dankesrede hielt.

Weitere Artikel: Im Dlfkultur-Feature befasst sich Christian Blees mit dem Trend zu Romanbiografien. Es war ein gutes Jahr für die lyrische Avantgarde, stellt André Hatting in seinem Jahresrückblick für Dlf Kultur fest. Für den Freitag hat Jana Volkmann herausgefunden, wie Bücher ihren Weg in Büchereien finden. In der Literarischen Welt gestattet der Historiker Ulrich Raulff einen Blick in seine "Biografie in Büchern". Denis Scheck ergänzt seinen Welt-Literaturkanon um Albert Camus' "Der Fremde".

Besprochen werden Nora Bossongs Gedichtband "Kreuzzug mit Hund" (Freitag, Welt, NZZ), Christoph Heins "Verwirrnis" (Welt), "Theodor Fontane: Die große Hörspieledition" (taz), Jan-Christoph Hauschilds "Das Phantom. Die fünf Leben des B. Traven" (taz), Günther Birkenfelds wiederaufgelegter Roman "Wolke - Orkan - und Staub" (Tagesspiegel) und Ulf Erdmann Zieglers Erzählband "Schottland und andere Erzählungen" (FAZ).
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Design

Foto: Luis Beltran, mehr bei Dezeen


Hier möchte man ja gern mal essen gehen: Kaikaya, ein neues Sushi-Restaurant im spanischen Valenzia, schreibt Ali Morris in Dezeen, feiert die brasilianisch-japanische Esskultur, die in hundert Jahren entstanden ist, seit japanische Immigranten erstmals in Brasilien ankamen. "Brasilien, das heute die größte japanische Bevölkerung außerhalb Japans beherbergt, hat eine unverwechselbare japanisch-brasilianische Küche entwickelt, die japanische Kochtechniken mit lokalen Zutaten verbindet. Die Verschmelzung der beiden Küchen spiegelt sich im Inneren des Restaurants wider, das Materialien des japanischen Designs wie Holz und Baststoffe mit bunten Mosaikfliesen, Papageienmotiven und kaskadierenden tropischen Pflanzen kombiniert. Sie hätten sich vor allem vom Tropicalismo inspirieren lassen, einer brasilianischen Kunstrichtung, die in den späten 1960er Jahren entstand, erklären die Designer von Masquespacio. 'Vor allem sollte das Design einen starken Farbstich enthalten, verbunden mit einem eklektischen Stil, der die beiden Konzepte Japans und Brasiliens vermischen konnte, ohne konventionell zu sein', sagte Masquespacio, der sich für eine kontrastreiche Palette aus Kastanienbraun und Grün mit Akzenten aus Messing und Raffiabast entschied."
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Kunst

Kunstbiennalen werden immer mehr zu einem reinen Treffpunkt für den internationalen Kunst-Jetset aus Sammlern, Kuratoren, Museumsleuten und Künstlern. Das normale Publikum kann ja kaum mal eben nach Shanghai oder Sharjah fliegen, um sich einen Überblick über den Stand der aktuellen Kunst zu verschaffen, kritisiert der Kunstkritiker Ingo Arend im Interview mit Dlf Kultur. "Wenn man die ganzen Defizite Revue passieren lässt: Es ist zu sehr Event, es ist zu sehr Stadtmarketing, es bedient zu sehr die Spektakelkultur." Andererseits, so Arend, sind die Biennalen immer noch wichtige "Trendmelder", etwa bei der Machtverschiebung von Westen nach Süden: "Ich war im vergangenen Jahr und im Frühjahr in Karatschi und in Lahore, es gibt inzwischen eine Thailand-Biennale, es gibt im indischen Kochi eine Biennale. Bei diesen immer weiter aufblockenden Biennalen kann man entdecken, dass es eine Bewegung weg von dieser westlichen, weißen, männlich dominierten transatlantischen Moderne hin zu einer Landkarte, dass dieses Kunstsystems sich hinbewegt zu einer Landkarte der globalen, der Weltkunst. Und das ist eine ganz wichtige Entwicklung, die ja auch in diesen ganzen postkolonialen Zeiten eine  richtige Rolle spielt." Eine weitere Frage wäre noch, wer all diese Journalisten-Reisen bezahlt - doch nicht das Stadtmarketing?

In der taz wundert sich Giuseppe Pitronaci über die Eintrittspreispolitik des Pergamonmuseums. Das wird gerade - mindestens bis 2024 statt wie ursprünglich annonciert 2019 - renoviert. Offen für Besucher steht nur der Südflügel. Dort kann man zwar das Ischtar-Tor aus Babylon bewundern, "aber nichts aus griechischer Epoche. Und kein Pergamonaltar. Im Pergamonmuseum. Der Eintrittspreis blieb trotzdem bei 12 Euro." Den Pergamon-Altar kann man dafür in einer Computeranimation in einem provisorischen Nebenbau betrachten, der dem Leben in Pergamon gewidmet ist: "Der Besuch im Rundbau mag - bildungsbürgerlich betrachtet - diskutabel sein. Aber er lohnt sich, im Zusammenhang mit den Originalstücken in den Sälen nebenan, als Tauchgang in den Pergamon-Kosmos und als Blick auf Geschichts-Entertainment im Jahr 2018. Wenn, ja wenn da nicht dieser Preis wäre. Wer ins Pergamonmuseum will, muss jetzt ein Ticket für beide Häuser kaufen: 19 Euro."

Besprochen werden die Ausstellung "Japon japonismes 1867-2018 - Objets inspirés" im Musée des Arts Décoratifs in Paris (FAZ) und Relief-Entwürfe von Lucio Fontana im Mailänder Dommuseum (SZ).
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Film

Netflix, Amazon, Sky, die Öffentlich-Rechtlichen und demnächst dann auch Disney mit einem eigenen Angebot: Es gibt viel zu viel zu viel Fernsehen, ächzen Michael Hanfeld und Nina Rehfeld in der FAZ, auf deren Medienseite in den letzten Jahren gefühlt täglich zwei neue Serien besprochen wurden: 2019 wird demnach das Jahr der großen Streaming-Kriege. Zumindest in Hollywood atmet man aber auf, erklärt David Steinitz in der SZ: Dort hat man - trotz Serien-Konkurrenz aus dem Internet - so viel umgesetzt wie nie zuvor. Wobei dies weniger mit gestiegenem Publikumszuspruch, sondern vor allem mit den kontinuierlich steigenden Ticketpreisen zu tun hat, führt Steinitz weiter aus: Vor allem Superheldenfilme haben den Umsatz erwirtschaftet, doch "auf den zweiten Blick hat Hollywood aber trotzdem mit einigen liebgewonnenen Gewohnheiten gebrochen. Zum Beispiel finden sich auf der Bestenliste immer mehr Filme, die gut ohne den klassischen Hollywoodhelden auskommen, der in der Regel ein weißer Mann ist. ... Das ist über die Genres hinweg eine Entwicklung zu mehr Diversität, die vor Kurzem noch undenkbar gewesen wäre in Hollywood."

Barbara Schweizerhof macht sich im Freitag Gedanken dazu, wie künftige Archäologen auf das Filmjahr 2018 blicken werden: Sie würden wohl "die gesamte Superhelden-Produktion (...) auf das Äquivalent des archäologischen Scherbenhaufens legen: aussagekräftig vor allem in ihrer Masse." Und staunen würden sie wohl auch darüber, dass die von der Kritik gefeierten Filme abseits der Umsatzboliden nahezu allesamt in der Vergangenheit spielen.

Weitere Artikel: ZeitOnline meldet per Agentur, dass ein polnisches Gericht das ZDF und die UFA für die 2013 in den Feuilletons mit viel Pathoskitsch gefeierte Wehrmachts-Miniserie "Unsere Väter, unsere Mütter" zu Schadensersatz und einer öffentlichen Entschuldigung verurteilt hat. Urs Bühler porträtiert in der NZZ den indischen Schauspieler Irrfan Khan.

Besprochen werden Hirokazu Kore-Edas "Shoplifters" (Perlentaucher, Welt, mehr dazu hier), Haifaa al Mansours Biopic über die Schriftstellerin Mary Shelley (online nachgereicht von der FAZ) und Caroline Links Verfilmung von Hape Kerkelings Kindheitserinnerungen "Der Junge muss an die frische Luft" (Perlentaucher, Welt, die FR hat mit der Regisseurin gesprochen).
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Bühne

In der SZ recherchiert Anna Fastabend über einen steigenden Rassismus gegenüber internationalen Künstlern an den Bühnen Berlins, besonders aber am Berliner Friedrichstadtpalast, dessen Chef sich dezidiert gegen die Rechtsextremen ausgesprochen hat. Mehr als einige Einzelfälle kann Fastabend nicht festmachen, dennoch: "Der Dachverband Tanz Deutschland hat gerade eine Stellungnahme gegen Rassismus herausgebracht, nicht, weil nicht-weiße Tänzer eine besonders gefährdete Gruppe seien, wie der Geschäftsführer des Verbandes Michael Freundt betont, sondern weil die Atmosphäre im Land insgesamt feindseliger geworden sei, also auch gegenüber Tänzern. In Bremen sei ein Theaterbesucher vor einer Spielstätte wegen seiner Hautfarbe angegriffen worden, an einem Tanzort in Prenzlauer Berg wurden Besucher gefragt, warum sie in ein Theater gehen, an dem 'Ausländer' arbeiten. Und das sind nur die jüngsten Fälle."
Archiv: Bühne
Stichwörter: Rassismus

Musik

In drei Tagen ist es wieder so weit: Die Wiener Philharmoniker geben ihr berühmtes Neujahrskonzert, diesmal mit dem erzdeutschen Christian Thielemann als Dirigent. Erfunden wurde die Tradition von Joseph Goebbels, um das Orchester in seinen Propagandaapparat einzubinden, erinnert Berthold Seliger in der Jungen Welt. Es fügte sich nur zu gern: "Schon vor 1938, also noch zu Zeiten des Verbots der NSDAP in Österreich, gab es bei den Wiener Philharmonikern eine illegale Zelle der Partei, belief sich der Anteil der NSDAP-Mitglieder im Orchester auf etwa 20 Prozent (1942 waren 60 der 123 aktiven Musiker Mitglieder der NSDAP). Bereits seit 1930 (!) wurden keine Musiker jüdischer Herkunft mehr ins Orchester aufgenommen, und 1938 wurden alle jüdischen Musiker fristlos aus dem Dienst der Wiener Staatsoper entlassen; zwei der jüdischen Philharmoniker wurden ermordet, fünf starben im KZ oder während der Deportation, neun wurden ins Exil getrieben."

Zum Jahresende weist taz-Redakteur Julian Weber noch auf sein absolutes Lieblingsalbum des Jahres hin: "Relax" des brasilianischen Künstlers Kassin, das bereits vor gut einem halben Jahr erschienen ist und musikalisch "eine Menge Radau" macht, dabei aber "elegant und formenvielfältig" bleibt: Textlich erzählt das Album einerseits eine gescheiterte Liebesbeziehung, zeichnet aber zugleich ein "Spiegelbild der gesellschaftlichen Misere Brasiliens. Kassin geht immer wieder auf die Wechselwirkungen von individueller Ohnmacht und der Allmacht der politischen Kaste ein; Brasiliens notorisch korrupte Elite und ihr Patronagesystem haben das Land über Jahrzehnte ausgesaugt." Wir hören rein:



Weitere Artikel: Wolfgang Farkas erzählt in der Jungle World davon, wie die Niemandsland-Zonen im Berlin um 1990 die Technoszene florieren ließen. Die letzte Print-Ausgabe der Spex ist "eine stattliche Leistungsschau geworden", schreibt Daniel Haas in der NZZ. Annette Weisser hat sich für die Textreihe "10 nach 8" auf ZeitOnline auf einen Morrissey-Karaokeabend in Los Angeles geschmuggelt. Im Tagesspiegel blickt Frederik Hanssen auf 70 Jahre RIAS-Kammerchor. Besprochen werden das auf DVD erschienene "Weiße Album" des Kreuzberger Beatles-Interpreten Klaus Beyer (taz) und die Nachlass-CD "Joe Strummer 001" (FR).
Archiv: Musik