Efeu - Die Kulturrundschau

Mit oder ohne Zwiebel

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.11.2018. Die Kritiker von FAZ bis taz jubeln über Johan Simons, der ihnen in Bochum, nicht in Berlin, München oder Wien gezeigt hat, wie  globales Stadttheater in unserer Zeit aussehen muss. Die SZ applaudiert den Berliner SchauspielstudentInnen, die den jetzt eröffneten Neubau der Ernst-Busch-Hochschule ermöglicht haben. Die taz lauschte beim Berliner Jazzfest dem Trompeter Ife Ogunjobi. Cargo ärgert sich über die Preise beim Leipziger Dokfilmfestival. Und die NZZ huldigt den Schweizer Künstlern am Bauhaus, Johannes Itten und Hannes Meyer.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2018 finden Sie hier

Bühne

Johans Simons "Jüdin von Toledo". Foto: Jörg Brüggemann/Ostkreuz/Bochumer Schauspielhaus


Johan Simons, der 72-jährige Theaterveteran aus den Niederlanden, hat seine Intendanz am Bochumer Schauspielhaus mit Lion Feuchtwangers Romanklassiker "Die Jüdin von Toledo" begonnen, und die Kritiker kennen kein Halten: In der taz freut sich Benjamin Trilling noch etwas zaghaft, dass Simons in Bochum wieder globales Bewusstsein versprüht. In der FAZ aber verkündet Simon Strauß: "Das Stadttheater unserer Zeit. Es steht in Bochum, der alten Ruhrpott-Provinz, nicht in Berlin, Frankfurt oder Wien. Im fahlbeleuchteten Abseits findet sich wie von selbst, was bei grellem Metropolenglanz mit größter Anstrengung vergeblich gesucht wird: ein Theater der Gegenwart, eine Bühne, die wieder Versprechungen macht, und ein Spiel, so lustvoll und leicht, dass einem aller betriebliche Pessimismus, alle gewohnte Klage peinlich wird."

Schön programmatisch findet Bernd Noack in der NZZ Simons Inszenierung: "Simons lässt aber auch den Historiker Philipp Blom eine Eröffnungsrede halten, in der dieser leidenschaftlich vor den Gefahren selbstgenügsamer Kunstpflege und überheblicher Gutmensch-Lethargie ('Die Linke hat sich zu Tode gesiegt') warnt: Die Kulissen der Demokratie stünden zwar noch, aber darin werde längst ein anderes Spiel gespielt. Die Welt ist rund, wie das neue Emblem des Bochumer Schauspiels zeigt, doch das macht sie auch zum Spielball." In der SZ begeistert sich Christine Dössel vor allem für die Schauspieler: "Hier spielt ein jeder mit allen und gegen alle, und alle sind auch immer anwesend und verfügbar, selbst wenn einzelne zwischendurch wie Schlafende oder Leichen auf dem Boden liegen. Sind sie dran, sind sie sofort wieder im Spiel. Und wie! Man spürt: Denen geht es um etwas."

Peter Laudenbach applaudiert in der SZ noch einmal den Berliner SchauspielschülerInnen, die mit ihren Aktionen vor sechs Jahren den jetzt eröffneten Neubau der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch gerettet hatten: "Der Charme der Proteste, mit denen die Studierenden den Neubau vor sechs Jahren retteten, lag unter anderem darin, dass die eigentlich als notorisch egozentrisch geltenden Nachwuchsschauspieler und -Regisseure nicht für sich selbst, sondern für ihre Hochschule und nachfolgende Studierendengenerationen kämpften."

Besprochen werden Anselm Webers Uraufführung von Lutz Hübners und Sarah Nemitz' Stück "Furor" in Frankfurt (FAZ), David Böschs Bühnenadaption von Luchino Viscontis Filmklassiker "Die Verdammten" am Berliner Ensemble (Tagesspiegel, Berliner Zeitung).

Archiv: Bühne

Kunst

Chillida-Skulpturen bei San Sebastian. Aus der spanische Wikipedia. Hochgeladen von juanedc. CC BY 2.0

FR
-Autor Arno Widmann begibt sich in San Sebastián auf die Spuren des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida, dem das Museum Wiesbaden demnächst eine große Ausstellung widmet: "Bei Chillida wächst nichts zusammen, das zusammen gehört. Hier wird zusammengeschlagen, mit Gewalt auseinandergerissen oder zusammengebracht, was ohne Gewalt in ganz anderen Paarungen läge. Einer der Söhne Chillidas erklärte mir die 'Windkämme'. Sie streckten die Arme aus, weil sie sich nacheinander sehnten. Denn einst seien all diese Steine ein einziger Fels gewesen, aus dem das Wasser sie Stück um Stück herausgerissen habe."
Archiv: Kunst

Literatur

Eine Zufallsbegegnung im Bus mit einer seiner Leserinnen nimmt Schriftsteller Sama Maani zum Anlass, im Standard über Zwangskollektive wie "Migrantenliteratur" und "fremde Kultur" überhaupt nachzudenken: Die Leserin hatte ihm ein sexististisches Gedicht eines seiner Protagonisten quasi als eigene Aussage untergejubelt und überdies den Frauen im Iran, die gegen den Kopftuchzwang in ihrem Land protestieren, die Solidarität verweigert. Früher "waren fremdenfeindliche Ressentiments stets mit der Betonung der Herkunft der Angefeindeten verknüpft. Heute scheinen aber auch Weltoffene, wenn es um Fremde geht, nicht ohne ausdrückliche Betonung von deren Zugehörigkeit zu einer 'anderen Kultur' auszukommen. Diese 'anderen Kulturen' - und nicht die Individuen, die ihnen subsumiert werden - sollten wir, so die Devise dieser neuen Weltoffenheit, respektieren. ... Die Vorstellung, dass Fremde in erster Linie 'ihre Kultur' (zu) repräsentieren (haben) - und dann lange nichts -, gilt häufig auch für deren literarische Produktion. Ausschlaggebend für deren Beurteilung sind dann nicht inhaltliche oder formale Kriterien der Literatur, sondern die Frage, was sie uns über 'ihre Kultur' oder die Begegnung 'ihrer Kultur' mit 'unserer' sagen mögen und wie 'authentisch' sie dies tun."

Weitere Artikel: Der Standard dokumentiert Florjan Lipus' Dankesrede zum Erhalt des österreichischen Staatspreises für Literatur. Online nachgereicht, präsentiert Bestseller-Autorin Maja Lunde in der Welt die Bücher, die sie am meisten geprägt haben.

Besprochen werden unter anderem Patrick Modianos "Schlafende Erinnerungen" (Standard), der erste Band von Jiro Taniguchis "Jäger"-Comiczyklus (Tagesspiegel), Erika Pluhars "Anna. Eine Kindheit" (Standard), Volker Kutschers Krimi "Marlow" (FAS), Friedrich Lufts Feuilletonsammlung "Über die Berliner Luft" (FR), Josef Winklers "Lass dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe" (Standard), Ulrich M. Hambitzers Krimi "De Lege Artis" (Zeit), Ursula Krechels "Geisterbahn" (SZ) und Karl-Heinz Otts Und jeden Morgen das Meer" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Werner von Koppenfels über D.H. Lawrence' "Gloire de Dijon":

"Wenn sie am Morgen aufsteht,
laß ich mir Zeit, sie zu betrachten;
sie breitet das Badetuch aus unterm Fenster,
..."
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Archiv: Literatur

Musik

In Berlin ist das Jazzfest zu Ende gegangen, tazler Christian Broecking hat fleißig Konzerte besucht, darunter auch die Uraufführung von Jason Morans Auftragskomposition 'The Harlem Hellfighters. James Reese Europe and the Absence Of Ruin", die an den Orchesterleiter James Reese Europe erinnert, "der sich freiwillig als Soldat für den Ersten Weltkrieg meldete. Moran lud für seine großartige audiovisuelle Komposition zu seinem Trio Bandwagon sieben junge Musiker aus dem Londoner Nachwuchsnetzwerk Tomorrow's Warriors ein. Das überzeugendste Solo des Festivals, das in einer Mischung aus hohen Tönen, Verfremdungen und Spannungspausen ruhte, spielte darin der junge Trompeter Ife Ogunjobi. Geschickt changiert dieser Festivalhöhepunkt zwischen Ragtime-Themen und zeitgenössischer Jazzimprovisation. Moran widmete die Aufführung dem Trompeter Roy Hargrove, der am Freitag im Alter von 49 Jahren verstarb. In den Texten von Moor Mother, die sie über einem Soundteppich aus Krach und Free-Jazz schreit, geht es um Macht- und Erinnerungslosigkeit des schwarzen Amerika."

In der taz resümiert Oliver Kontny außerdem das Berliner Dice-Festival, bei dem die griechische Musikerin Lena Platonos vom Publikum enorm gefeiert wurde: "In den 1980er Jahren verkörperte sie die artifizielle, androgyne Ästhetik des Synth-Pops in griechischer Sprache. Das Label Dark Entries begann 2015 ihre klassischen, elektronischen Alben wiederzuveröffentlichen und die vintagehungrige globale Szene machte aus ihr eine Überfigur: Frau. Griechenland. Vor-meiner-Geburt. Awesome." Das klang dann in den 80ern so:



Weitere Artikel: Der Kurier spricht mit Hans-Joachim Roedelius über dessen Lebensweg und unter anderem darüber, wie sein ursprünglicher Job als Masseur ihn in die Kunstszene brachte. Tobias Sedlmaier freut sich in der NZZ auf das Zürcher Konzert der Indiepopband Metric. Besprochen werden das neue Album von Peter Licht (SZ), der Berliner Auftritt von Aphex Twin (taz, FAZ), das neue Album von Elektro Guzzi (Standard) und ein Konzert von Voodoo Jürgens (Standard).
Archiv: Musik

Film

Filmischer Graus: "Lord of the Toys"
In Leipzig ist das Dokumentarfilmfestival mit einer Auszeichnung für Pablo Ben Yakovs und André Krummels "Lord of the Toys" zu Ende gegangen: Ein Dokumentarfilm über Youtube-Influencer wäre vielleicht noch kein wirkliches Aufsehen wert, wenn es sich bei dem Porträtierten nicht um Max Herzberg handeln würde, der in seine Unboxing-Videos geflissentlich rechtsextremen Jargon einfließen lässt und diesen damit auf Pausenhöfen, wo sich Herzbergs Zielgruppe findet, normalisiert (mehr dazu hier). Entsprechend ärgerlich findet Matthias Dell in Cargo nicht nur den Film, sondern auch das Lob, der Film sei "ohne Zeigefinger" entstanden: "Als ob es im weiten Feld filmischen Erzählens nur die Wahl zwischen einem Lehrprogramm ('Zeigefinger') und dem unterreflektierten Fasziniertsein gäbe, von dem 'Lord of the Toys' ergriffen ist." Der Film "ist filmisch ein Graus (und eben deswegen: auch politisch), weil er seine eigene Begeisterung über die so krass anderen Jugendlichen nicht rationalisiert bekommt (Kameramann Krummel erzählte, er habe immer erst abends beim Angucken der Muster verstanden, was er da gedreht hatte). Redundante Saufgelage reihen sich dramaturgisch öde aneinander, Inserts versuchen der Orientierung zu dienen, die sich aus der Erzählung nicht ergibt. Aber der Leipziger Katalogtext dichtet begeistert: 'Das Fäustchen des Ostens riskiert dafür [krass zu sein] auch mal die Nazilippe und Cybermobbing, das im Realen eskaliert.' 'Nazilippe riskieren' - wie kann man auf so einen Schwachsinn kommen?"

Die Auszeichnung sei "absolut verdient", meint hingegen SZ-Kritiker Philipp Bovermann, denn: "Anstatt den Film mit 'Achtung, Nazis'-Hinweisschildern vollzukleistern, verließen seine Macher sich auf genuin filmische Mittel wie Montage, Kameraführung, Musik. Man kann das, wie die Kritiker in Leipzig, distanzlos finden. Allerdings entsteht dadurch etwas, das in Youtube-Videos fehlt: Zwischentöne. Die Kids im Film sind ebenso widersprüchlich wie das, was sie so von sich geben. Man muss diese Widersprüche wahrnehmen, um sie darauf ansprechen zu können."

Weitere Artikel: Katrin Schregenberger wirft für die NZZ einen Blick ins Programm der Winterthurer Kurzfilmtage. Im ZeitMagazin träumt Jamie Lee Curtis. Besprochen werden Tomáš Weinrebs und Petr Kazdas "I, Olga" (Freitag), Panos Cosmatos' Kunst-Horrorfilm "Mandy" (taz, Tagesspiegel, mehr dazu hier), Bryan Singers Queen-Biopic "Bohemian Rhapsody" (Jungle World, mehr dazu hier und hier), Adina Pintilies "Touch Me Not" (Freitag, mehr dazu hier und hier) und die groß angelegte Dokumentationsserie des RBB "Berlin - Schicksalsjahre einer Stadt" (FAZ).
Archiv: Film

Architektur

Johannes Itten: "Turm des Feuers" vvon 1920, Rekonstruktion. Bild: Bauhaus
Die NZZ hatte am Samstag ihre Beilage Literatur und Kunst dem Bauhaus gewidmet. Online ist Antje Stahls Artikel über den Schweizer Johannes Itten, der als Maler und Lebensreformer dem Bauhaus die schrägsten Debatten aufdrückte. Vor allem in den Vorkursen, in denen er den Schülern den Weimarer Spirit einhauchen sollte, wie Stahl erzählt: "Von dem vielen Gemüse - dem Salat, den roten Rüben, dem Mangold, dem Spinat, den Radieschen, dem Rettich, dem Porree, dem Grünkohl und dem Weißkraut, den Tomaten und den Gurken -, das Itten im Frühjahr 1921 für den Anbau im hauseigenen Siedlungsgarten bestellen ließ, wurde die Zwiebel von den Studierenden nämlich alsbald zum Symbol des Widerstands erklärt. Für Itten war die Zwiebel ein quasireligiöses Mittel der körperlichen und geistigen Reinigung. Nicht jedem waren diese Erziehungsmaßnahmen jedoch geheuer. Zwar fiel die Abstimmung 'für Essen mit' oder 'ohne Zwiebel' im Dezember desselben Jahres zugunsten von Itten aus. Aber ausgerechnet der Direktor Walter Gropius setzte seine Unterschrift unter die Antizwiebelhaltung, wollte dem Einfluss Ittens auf Leib und Seele der Schüler, mit anderen Worten, Grenzen setzen."
Hannes Meyers Laubenganghäuser von 1929 in der Siedlung Dessau-Törten. Bild: Bauhaus.


Sehr lesenswert ist auch Thomas Flierls Artikel über den Schweizer Architekten Hannes Meyer, der 1927 Direktor des Bauhauses wurde, aber drei Jahre später seinen Posten räumen musste (auf der sonst hervorragenden Seite zum Jubiläum ist der Eintrag zu Hannes Meyer bisher nur Englisch zu finden). Auch damals wollten die Funktionäre der Stadt keinen Ärger mit den Nazis riskieren. Doppelt tragisch findet das Flierl: "Tatsächlich verzögerte die politische Intrige gegen Hannes Meyer die notwendige Selbstkritik des Bauhauses und der Moderne für Jahrzehnte und trieb ihn, der zu diesem Zeitpunkt noch ganz linkssozialistisch-genossenschaftlich dachte, endgültig an die Seite der Kommunisten. Nach seiner Entlassung wandte er sich an die sowjetische Botschaft in Berlin und siedelte im Oktober 1930 mit einem ihm verbundenen Kreis von Bauhäuslerinnen nach Moskau über."
Archiv: Architektur