Efeu - Die Kulturrundschau

Die Energie, die Genauigkeit, die Neugierde

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26.05.2018. In Venedig wurde die Architekturbiennale eröffnet: Die SZ sieht eine Feier der reinen Baukunst, die FAZ die Ästhetisierung guter Absichten. Der Freitag hinterfragt den Sinn öffentlich geförderter Familienfilme, wenn es um RAF-Sympathisanten geht. Die FAZ lernt im Kunstmuseum, wie die Kunst schon immer mit gemischten Realitäten umgehen konnte. In der Welt huldigen Jonathan Lethem, T.C. Boyle und Zadie Smith dem überragenden Philip Roth.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2018 finden Sie hier

Architektur


Die Erde als Kunde? Poesie der Leere? Die Ausstellung "Freespace auf der Biennale

Selten hat SZ-Kritikerin Laura Weissmüller die Architekturbiennale so aufgeräumt und poetisch erlebt. Die Kuratorinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara, Architektinnen des Büros Grafton in Dublin stellen keine politische Fragen, sie feiern die reine Baukunst, das gut fallende Licht, die Proportionen, das Verhältnis von Innen und Außen, stellt Weißmüller fest. "Man setzt sich, entspannt und fängt an, das Gebäude aus einem anderen Blickwinkel zu studieren. So bekommt man ein Gefühl für den Raum und nicht selten Lust, sich mit dem Gegenüber genau darüber auszutauschen. Architektur als Einladung, miteinander ins Gespräch zu kommen, das ist schon ein hohes Gut. Es sind dann eben doch die Menschen, die entscheiden, ob ein Ort lebt oder nicht."

Niklas Maak (FAZ) hat durchaus interessante Pavillons gesehen, den niederländischen etwa oder gar den chinesischen. Aber mit dem mystisch-posthumanistischem Manifest "Freespace" der beiden Kuratorinnen kann Maak gar nichts anfangen. Die Erde als Kunde? Die Mysterien der Welt? Es tobt "ein heftiger Streit, in dem sich die Kontrahenten wahlweise als vergesellschaftungswütige Kommunisten oder als profitgetriebene, radikalkapitalistische Zerstörer der gemeinsamen Lebensgrundlagen gegenseitig beschimpfen. Doch zu dieser Debatte über das, worauf nicht nur Architektur, sondern auch die Gesellschaft errichtet wird - nichts. Es ist, als hätte es der Biennale vor Schreck die Sprache verschlagen. Sie flüchtet sich vor dem politischen Streit über die Bedingungen von Architektur in die Ästhetisierung guter Absichten." Im Tagesspiegel nennt es Bernhard Schulz eine "Poetik der Leere", in einem zweiten Artikel ärgert er sich über die schicke Darstellung der Mauer.


Svizzera 240: House Tour. Der Schweizer Pavillon auf der Architekturbiennale

NZZ-Kritikerin Antje Stahl fühlt sich selbstverständlich am wohlsten im Schweizer Pavillon, obwohl der bemerkenswert unharmonisch daherkommt: Vier ETH-Architekten haben hier eine Altbau-Wohnung hineingebaut, die auf den ersten Blick mit Parkett und Stuck ganz durchschnittlich wirkt, in den Nebenrämen aber wie auf Gullivers Reisen die Proportionen verzerrt: "Mit Blick auf die große Hauptausstellung der Biennale di Venezia aber darf die 'House Tour' auch als ein wütender Kommentar zum Thema gelesen werden. Im Schweizer Pavillon wird die Freiheit, die im 'Manifesto' beschworen wird, grundsätzlich infrage gestellt."

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Film



Sympathisanten in der Filmkritik hat Felix Moeller mit seiner RAF-Doku "Sympathisanten" wohl eher keine gewonnen. Zu den ersten verhaltenen Reaktionen gesellt sich im Freitag nun auch Matthias Dell, der den Film, in dem Moeller als Sohn von Margarethe von Trotta und Stiefsohn von Volker Schlöndorff die Sympathien des linken Kulturbetriebs der 70er für die RAF thematisiert, in Grund und Boden stampft: Nichts durchdacht, nichts durchgearbeitet, lautet Dells Verdikt. "'Sympathisanten' wird derart zu einem abschreckenden Beispiel dafür, in welchen Wust an ungeordneten Ideen die auf dem Förderantrag attraktiv wirkende Setzung führen kann, dass ein Sohn und Stiefsohn für einen Film über ein von Deutungsstürmen und Interpretationsfluten umtostes Kapitel der bundesrepublikanischen Geschichte seine prominente Mutter und seinen nicht minder prominenten Stiefvater befragt." Für Dell ist das alles nur "privater Unsinn".

Lukas Foerster spricht im Perlentaucher mit der Filmemacherin Sabine Herpich über das prekäre Lebensmodell, sich mit Dokumentarfilmen und Brotjobs durchschlagen zu müssen. "Wie kann es sein", fragt sich Foerster, "dass eine junge Regisseurin, die einige der für mich schönsten Dokumentarfilme der letzten Jahren gedreht hat, sich aus dem professionellen Kino zurückzieht?" Einige ihrer Arbeiten hat Herpich auf Vimeo gestellt: "Auf Dauer natürlich keine Lösung. Aber ein Film wie 'David' würde in der Maschinerie eh nicht funktionieren, dafür ist er zu klein. Ich habe keine Idee, was man stattdessen machen kann. Vielleicht ist Regionalisierung eine gute Idee. Film als eine Möglichkeit der Selbstverständigung in der Nachbarschaft. Wenn 'David' einfach in dem Kiez läuft, in dem er entstanden ist. Sich so gegenseitig über sich selbst zu verständigen, finde ich eigentlich schön.. ... Ich glaube, das ist eine gute Idee, die total unterschätzt wird."

Weitere Artikel: Im iranischen Kino häufen sich starke Frauenfiguren, fällt tazlerin Mirjam Ratmann im Programm des Iranischen Filmfestivals in Berlin auf. Sylvia Prahl schaut für die taz der Animationsfilmemacherin Julia Kapelle dabei über die Schulter, wie sie Kindern und Jugendlichen beim Herstellen kleiner Trickfilme Deutsch beibringt. Auf epdFilm gratuliert Marli Feldvoß Agnès Varda zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Thomas Stubers "In den Gängen" (Standard, FR, unsere Kritik hier), Ziad Kalthoums Dokumentarfilm "Der Geschmack von Zement" über syrische Bauarbeiter im Libanon (Jungle World) und Tony Zierras Dokumentarfilm über Stanley Kubricks Assistenten Leon Vitali (The Quietus).
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Literatur

Die Literarische Welt würdigt den am Dienstag verstorbenen Philip Roth mit einer Sammlung literarischer Stimmen. Jonatham Lethem erklärt in einer zu Roths 80. Geburtstag gehaltenen Rede, wie er einst mit 19 wegen eines Mädchens nach Easthampton fuhr, was im Hinblick auf das Mädchen zwar erfolglos blieb, den späteren Schriftsteller aber immerhin mit Roths Werk vertraut machte (hier die Rede im Original). In einer Notiz schreibt T.C. Boyle, dass "niemand außer vielleicht Bruce Springsteen über junge Liebe mit größerer Kraft und Unmittelbarkeit geschrieben hat" als Roth.

Zadie Smith berichtet (hier im Original), wie sie mal mit Roth über das Schwimmen sprach. Dabei erfahren wir auch, über was Roth beim Bahnen ziehen meditierte: "'Ich suche mir ein Jahr aus, sagen wir, 1953. Dann denke ich darüber nach, was in meinem Leben in dem Jahr passiert ist. Dann darüber, was in Newark passiert ist oder in New York. Dann in Amerika. Wenn ich weit schwimme, dann überlege ich, was in Europa passiert ist. Und so weiter.' Da musste ich dann lachen. Die Energie, die Genauigkeit, die Neugierde, der Wille, die Intelligenz. Roth im Schwimmbad war nicht anders als Roth an seinem Stehpult. Er war durch und durch Schriftsteller."

Und Dirk Knipphals gibt in der taz unterdessen den Tipp, dass bei Arte derzeit noch William Karels "schöner" Dokumentarfilm über Roth online steht:


Weitere Artikel: Beate Tröger (Freitag) und Arno Frank (taz) resümieren Christian Krachts Frankfurter Poetikvorlesung. Die SZ widmet ihre Literaturseite dem Erscheinen der kommentierten Frankfurter Ausgabe von Thomas Manns "Joseph und seine Brdüder". Unter anderem schreibt Sibylle Lewitscharoff über "die aussichtslose Liebe der Gattin Potiphars" und Gustav Seibt erklärt, wie Mann beinahe  Gott in zur Romanfigur gemacht hat. Auch 2019 könnte ein Jahr ohne Literaturnobelpreis werden, meldet die FR via dpa: Entsprechende Hinweise hatte der Direktor der Nobelstiftung am Freitag in einem Gespräch im Schwedischen Radio gegeben. In Hamburg werden einige Seiten Kafka-Manuskripte versteigert, berichtet Stefan Koldehoff in der Zeit. Ulrike Stegemann porträtiert in der taz Michael Sommer, der mit seinem Youtube-Kanal Weltliteratur mit Playmobil vermittelt. Das Logbuch Suhrkamp bringt literarische Alltagsskizzen von Detlef Kuhlbrodt. Herbert Fritsch breitet in der Welt die für ihn wichtigsten Bücher aus. Deutschlandfunk Kultur bringt eine Lange Nacht von Kai Lückemeier über Voltaire.

Besprochen werden Lucy Frickes Roman "Töchter", auf den ihr Kollege Jan Brandt in der taz wahre Lobeshymnen singt, Michael Angeles Schirrmacher-Biografie (taz, NZZ), Ralf Rothmanns "Der Gott jenes Sommers" (Freitag), Maja Lundes "Die Geschichte des Wassers" (FR), ein Bildband mit Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Skizzen (Welt), Karl Ove Knausgårds Jahreszeitenbände (Welt) und Gert Heidenreichs Krimi "Schweigekind" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Kunst


Regina Silveira, O Paradoxo do Santo, 1994, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Stuttgart. Foto: Frank Kleinbach, © Regina Silveira

Fasziniert kommt FAZ-Kritikerin Ursula Scheer aus der Ausstellung "Mixed Realities" in der Kunstmuseum Stuttgart, die virtuelle und reale Welten in der Kunst erkundet. Aufregend findet sie etwa die Arbeiten von Regina Silveira: "Die Brasilianerin stellt die Realitätsfrage anhand verzerrter Schattenrisse aus schwarzer Folie. Lang ausgestreckt und über Eck kleben sie in Arbeiten aus den neunziger Jahren auf Böden und Wänden: Schatten von Objekten, die nicht da sind und in sich Surrealitäten darstellen - wie Meret Oppenheims 'Pelztasse' und Marcel Duchamps 'Geschenk', sein berühmtes, mit Stacheln bewehrtes Bügeleisen. Eine Reiterstatuette wirft den Schatten eines überlebensgroßen Denkmals, eine Glühbirne verbreitet Dunkelheit. Regina Silveira inszeniert mediale Fake News, die an Platons Höhlengleichnis denken lassen, den deformierten Schädel in Hans Holbeins "Die Gesandten" oder biedermeierliche Scherenschnitte."

Weiteres: In der FR berichtet Ingeborg Ruthe, dass die Ernst von Siemens Kunststiftung dem Berliner Bode-Museum eine siebenstellige Summe für die Restaurierung von 59 kriegsbeschädigter Kunstwerke zur Verfügung stellt.

Besprochen werden die Retrospektive zu Andreas Gurski in der Londoner Hayward Gallery (Perlentaucher), die wiedereröffnete Ausstellung zum Monte Verita in Ascona (Standard) und die Ausstellung "Force" des Künstlers Christian Falsnaes im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld (FAZ).
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Bühne

In der NZZ bereitet Daniele Muscionico die Zürcher auf das postmigrantische Theater vor, das mit Nurkan Erpulat nun auch in die Schweizer Metropole Einzug erhält.

Besprochen wird Bartoks "Herzog Blaubarts Burg" an der Ungarischen Staatsoper (FAZ).
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Musik

Für die taz porträtiert Sven Sakowitz den Rapper Danger Dan. Ljubisa Tosic freut sich im Standard auf Franz Welser-Mösts Beethoven-Zyklus im Wiener Musikverein mit dem Cleveland Orchestra. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner dem Jazzpianisten Marc Copland zum 70. Geburtstag.



Besprochen werden Georg Seeßlens Buch "Is This the End? Pop zwischen Befreiung und Unterdrückung" (FR), ein Auftritt von Hailu Mergia (taz), ein Konzert des Nachwuchs-Pianisten Lucas Debargue (Tagesspiegel) und das Absolventenkonzert der Berliner Hanns-Eisler-Hochschule (Tagesspiegel).
Archiv: Musik
Stichwörter: Seeßlen, Georg