Efeu - Die Kulturrundschau

Entschlackt und chakramäßig gereinigt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.05.2018. Zeit online hört, wie Aïsha Devi mit ihrem Ibiza-Rave bassverliebte Maulwürfe zur Ekstase treibt. Die taz treibt es mit Wolfgang Voigts Ambient-Rausch in den Wald. Die SZ staunt über das Dresdner Musikpublikum, das Uraufführung von Tan Duns "Buddha-Passion" feierte. Der Standard begutachtet erste Pavillons auf der Architektur-Biennale in Venedig. In der SZ erzählt Najem Wali, wie er dem iranischen Botschafter vorschlug, Amos Oz die Atomanlagen Irans besuchen zu lassen. Und Nicolaus Schafhausen erklärt, warum er seinen Job als Direktor der Wiener Kunsthalle hinwirft.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2018 finden Sie hier

Musik

Mit seinem wiederbelebten GAS-Projekt zieht es Elektro-Künstler Wolfgang Voigt einmal mehr in den deutschen Wald. "Rausch" heißt das neue Album und Robert Mießner lässt sich auf dieses Trip-Angebot sehr gern ein, wie er in der taz erzählt. Voigts Ansatz, Klassik-Samples mit Ambient- und Trance-Musik zu vermengen, zeitigt auch diesmal wieder hervorragende Ergebnisse, erfahren wir: Doch "die ausgedehnt orchestrierten, monumental anmutenden Passagen in 'Rausch' sind nun Samples seiner eigenen Kompositionen. Sie verdeutlichen den Kunstgriff von Voigt, mittels einer so modernen wie zeitlosen Klangsprache schwer besetzte Themen zum Klingen zu bringen: Sehnsucht und Ich-Verlust. Themen, die, leichtfertig links liegen gelassen, rechte werden können, dies aber nicht sein müssen. 'Rausch' ist ein Werk, auf dem sich der Unvernunft mit leidenschaftlicher Vernunft genähert werden kann." Auf Bandcamp kann man sich davon einen näheren Eindruck verschaffen:



In der Popkolumne von ZeitOnline berichtet auch Jens Balzer von seinen romantischen Reisen durch Voigts Vertonung der Waldeinsamkeit, rät aber auch dazu, in Aïsha Devis Album "DNA Feelings" reinzuhören, auf dem "archaisch anmutende Geisterbeschwörungsgesänge" locken. Dazu gibt es "kompetent geklöppelte Xylophon-Techno-Strecken und sonderbar verquietschte Ibiza-Rave-Fanfaren. Mit ihrer fabelhaft wandlungsreichen Stimme brilliert Devi ebenso im Fach der glockenhell gegurgelten Obertonmelodie wie in einem brünftigen Brummen, das nicht nur bassverliebte Maulwürfe zur Ekstase treibt. Nach dem Genuss dieser auf stolze Weise schwer sexuellen Musik fühlt man sich entschlackt und chakramäßig gereinigt."



"In Dresden sind die Menschen fast noch musikbegeisterter als in München oder neuerdings in Hamburg", stellt SZ-Kritiker Helmut Mauró nach dem Besuch der frenetisch gefeierten Uraufführung von Tan Duns "Buddha-Passion" fest: "Die Erweiterung des europäischen Sinfonieorchesters um die Klangwelt der chinesischen Antike und der in Teilen noch vorhandenen Volkskunst scheint dieser Passion die esoterische Luftigkeit wie auch die Schwermut zu nehmen."

Weitere Artikel: Oliver Polak (Welt) und (SZ) schreiben über Blumfelds Comeback-Tour. In der Welt schreibt Felix Zwinzscher über die Hiphip-Urahnen The Last Poets, die sich zum 50jährigen Jubiläum wieder zusammengefunden haben.

Besprochen werden die Ausstellung "Wutanfall - die Punkband im Visier der Stasi, 1981- 84" in der Leipziger Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde (taz), Perels Debütalbum "Hermetica" (taz), ein Violinenkonzert von Lisa Batiashvili (NZZ) und Thomas Quasthoffs neues Album "Nice'n'Easy" (Standard),
Archiv: Musik
Stichwörter: Voigt, Wolfgang, Gas, Techno, Rave

Literatur

Sein Versuch, in der iranischen Botschaft eine Annullierung der Fatwa gegen Salman Rushdie zu erwirken, ist fehlgeschlagen, berichtet der Schriftsteller Najem Wali in der SZ. Auch seine anderen dem Botschafter vorgetragenen Vorschläge fielen auf keinen fruchtbaren Boden: Schließlich "'wäre es eine geniale Idee, wenn Iran anschließend Rushdie und andere Schriftsteller wie die Israelis Amos Oz, David Grossman, den Amerikaner Paul Auster oder die Kanadierin Margaret Atwood nach Iran einladen würde, um die Atomanlagen zu besichtigen. Die ganze Welt würde Irans Entscheidung bejubeln, viele internationale Intellektuelle werden auf Irans Seite stehen in diesen schweren Zeiten, obwohl wir alle nicht unbedingt einverstanden sind mit dem politischen System des Iran.' Je länger ich redete, desto mehr verdüsterte sich sein Gesicht."

Weitere Artikel: Judith von Sternburg (FR), Paul Jandl (NZZ), Stefan Gmünder (Standard), Volker Breidecker (SZ) und Jan Drees (Tagesspiegel), resümieren Christian Krachts Frankfurter Poetikvorlesung (mehr dazu hier). Schriftstellerin Katja Oskamp berichtet im Freitext-Blog auf ZeitOnline vom erblühenden Frühling in Marzahn.

Besprochen werden Otfried Preußlers wiederentdeckter "Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete" (taz, SZ), Melissa Broders "Fische" (Zeit), Emily Fridlunds Debüt "Eine Geschichte der Wölfe" (FR), die Werkausgabe Irmgard Keun (Berliner Zeitung), Martin Prinz' "Die unsichtbaren Seiten" (Standard) und Paolo Rumiz' "Die Seele des Flusses" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

"Die Sympathisanten" (Bild: NFP marketing & distribution* / Börres Weiffenbach)
Mit "Die Sympathisanten" hat Felix Moeller, der Sohn von Margarethe von Trotta, einen Dokumentarfilm über das Milieu der RAF-Sympathisanten gedreht, zu dem zeitweise auch seine Mutter gezählt wurde. Moeller trägt darin zwar "viel Material zusammen", erklärt Harry Nutt in der FR, doch "er schafft es kaum, es intellektuell zu durchdringen. Wer die Ambivalenz der Jahre, die in den Deutschen Herbst führten, verstehen will, sollte sich noch einmal den Essay 'Erfahrungshunger' des kürzlich verstorbenen Berliner Schriftstellers Michael Rutschky vornehmen." Für den Tagesspiegel hat Christiane Peitz mit dem Regisseur gesprochen, der noch gute Erinnerungen an den Albruck der siebziger hat.

Moses Farrow, der Adoptivsohn von Mia Farrow und Woody Allen, ist seinem Vater mit einem langen Essay über seine Erinnerungen an jenen Tag, an dem Allen laut Mia Farrow deren Tochter Dylan vergewaltigt haben soll, zur Seite getreten: Er habe seinen Vater damals keine Sekunde aus den Augen gelassen, behauptet er - der sexuelle Missbrauch habe nicht stattgefunden. "Eine robuste Verteidigung seines Stiefvaters, auf Kosten seiner Stiefmutter", schreibt dazu Hanns-Georg Rodek in der Welt. "Sie kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem Allens weibliche Stars der jüngsten Jahre wie Scarlett Johansson und Cate Blanchett allmählich von ihm abrücken." Doch "ob das Allen-Drama durch Moses eine entscheidende Wende erhält, ist fraglich."

Weitere Artikel: Im Standard spricht Dominik Kamalzadeh mit Rupert Everett über dessen (in der FR besprochenes) Oscar-Wilde-Biopic "The Happy Prince".

Besprochen werden die zweite Staffel der Netflix-Serie "13 Reasons Why" (NZZ), Lukas Feigelfelds "Hagazussa" (taz, unsere Kritik hier), Stéphane Brizés Kostümfilm "Ein Leben" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Lisa Langseths "Euphoria" (Tagesspiegel), Ron Howards "Solo: A Star Wars Story" (Berliner Zeitung, unsere Kritik hier), der Dokumentarfilm "Der Geschmack des Zements" über syrische Bauarbeiter in Beirut (Tagesspiegel), eine Ausstellung über den Filmemacher Günter Peter Straschek im Museum Ludwig in Köln (SZ) und Thomas Frickels Dokumentarfilm "Wunder der Wirklichkeit" über den Flugzeugabsturz, bei dem 1991 der Regisseur Martin Kirchberger und sein Team zu den Dreharbeiten des Films "Bunkerlow" ums Leben kam (FAZ).
Anzeige
Archiv: Film

Kunst

Nicolaus Schafhausen, Direktor der Kunsthalle Wien, wirft seinen Job hin (ab Frühjahr 2019), weil er das gesellschaftliche Klima in Wien immer unangenehmer findet und sich auch "nicht mit Leuten von der FPÖ an einen Tisch setzen" will, wie er im Interview mit der Süddeutschen erklärt: "Man kann lange darüber diskutieren, wie diplomatisch man durchs Leben gehen soll. Aber es gibt Grenzen. Die ÖVP ist die Steigbügelhalterin für eine gefährliche Partei, die nun regiert. Damit ist für mich die Grenze überschritten. Bei zeitgenössischer Kunst geht es sehr oft um gesellschaftspolitische Inhalte. Die Kunsthalle Wien ist explizit eine Einrichtung für internationale Gegenwartskunst und Diskurs, das ist unser Auftrag. Und dieser Auftrag ist das Gegenteil von Nationalismus."

Weitere Artikel: In der FAZ stellt Freddy Langer das Programm der Frankfurter Triennale für Fotografie Ray 2018 vor, das den Extremen gewidmet ist. In der NZZ freut sich Philipp Meier, dass die Schweizer Sammlung Gabriele und Werner Merzbacher-Mayer klassisch moderner Kunst als Dauerleihgabe ins Kunsthaus Zürich kommt.

Besprochen werden eine audiovisuelle Ausstellung des japanischen Künstlers und Komponisten Ryoji Ikeda - das Ergebnis seiner Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern am Cern - im Wiener Museumsquartier (Standard), eine Ausstellung der Konzeptkünstlerin Lynn Hershman Leeson in den Kunstwerken Berlin (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Du bist Faust" in der Münchner Hypo-Kunsthalle, die den Einfluss von Goethes "Faust" in der Kunst nachspürt (NZZ), eine Ausstellung zur untergegangenen Nasca-Kultur in der Bonner Bundeskunsthalle (FR), die Ausstellungen "Hello World" im Hamburger Bahnhof und "Neolithische Kindheit" im Haus der Kulturen der Welt, beide Berlin (SZ), Ausstellung "Rassismus - Die Erfindung von Menschenrassen" im Dresdner Hygiene-Museum (SZ), die Ausstellung "Post Zang Tumb Tuuum - Art, Life, Politics: Italia 1918-1943" in der Mailänder Fondazione Prada (FAZ) und eine Ausstellung über den Filmregisseur Günter Peter Straschek im Museum Ludwig in Köln (SZ).
Archiv: Kunst

Architektur

Wojciech Czaja hat schon mal für den Standard einige Pavillons auf der Architektur-Biennale in Venedig begutachtet, die am Samstag offiziell eröffnet und unter dem Motto "Free space" steht. Sehr vage, sehr schwierig, stellt er fest. Gut gefallen hat ihm der israelische Pavillon: "Das sich in Architekturbelangen sonst so säkular präsentierende Israel wagt sich diesmal an die heilige Kuh Religion heran und untersucht Glaubensstätten wie etwa die Grabeskirche, die Klagemauer und die Ibrahimi-Moschee in Hebron - und überprüft dabei, wie jene Räume, die unter Hochspannung stehen, dennoch gut geteilt und im Miteinander genutzt werden können. 'Wir Architektinnen aus Tel Aviv schauen so gerne von den religiösen Konfliktherden weg', sagt Kuratorin Ifat Finkelman im Gespräch. 'Aber tatsächlich können wir, wenn es um das Verhandeln der Nutzungen städtischer Freiräume geht, von genau diesen Konfliktherden lernen. Denn es sind Orte, die sich im Laufe eines Tages oft komplett verändern, um für unterschiedliche Personengruppen Platz zu machen. Es sind Orte, die permanent neu verhandelt werden müssen. In einer Welt mit einer stetig wachsenden Bevölkerung kann uns dieses Verhandeln als Vorbild dienen.'"
Archiv: Architektur