Efeu - Die Kulturrundschau

Totems, um die verfeindete Stämme kämpfen

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11.04.2017. In der Sache Chris Dercon meldet sich jetzt auf einmal Klaus Wowereit zu Wort: Er finder seine Berufung nicht gut. Außerdem stellt die FAZ fest, dass in der Kunstwelt wieder erbittert gestritten wird. In der NZZ erklärt die Schriftstellerin Imbolo Mbue, warum afrikanische Einwanderer in den USA kaum etwas mit schwarzen Amerikanern zu tun haben. Der Standard erlernt in der Wiener Secession die Knotentheorie des Jean-Luc Moulène. Und in der taz erklärt der Hamburger Kunsthallen-Direktor Christoph Vogtherr die Schwierigkeiten multikultureller Museumpädgogik.

Kunst


Jean-Luc Moulène, The Secession Knot (5.1), Ausstellungsansicht, Secession 2017, Foto: Iris Ranzinger

Sehr trickreich findet Christa Benzer im Standard die Knotentheorie des französischen Künstlers Jean-Luc Moulène, der mit seiner Wiener Schau "The Secession Knot" die Logik von Innen und Außen aufheben will. Allerdings ist die politische Botschaft nicht immer leicht zu durchschauen, meint Benzer: "Geht es hier um die rohe Gewalt des IS? Ist das ähnlich dem Houellebecq'schen Humor, oder soll man dem Künstler glauben, der von einer Hommage an das Maß des menschlichen Körpers spricht? Moulène überlässt die Interpretation den Betrachtern. Er ist am Ambiguen, Poetischen, auch Unmöglichen interessiert. Wenn er von der erwünschten Wirkung seines Secessions-Knotens spricht, sind es weniger die räumlichen Logiken als die Zaubertricks à la Copperfield, die man assoziiert: Auch Moulène will die Mauern und Wände, die Architektur zum Verschwinden bringen."

In der Kunstwelt steigt die Nervosität, registriert Kolja Reichert im Leitartikel in der FAZ mit Blick auf die Verurteilung der Künstlerin Zehra Dogan in der Türkei, aber auch die hysterische Debatte um Dana Schutz Gemälde "Open Casket" bei der Whitney Biennale (unser Resümee). "Einen so erbitterten Streit hat es in der Kunstwelt, die jahrelang den Eindruck einer gut geschmierten Karrieremaschine machte, in der man sich möglichst gut gelaunt, vernetzt und anschlussfähig zeigte, seit langem nicht gegeben. Es ist, als gerate der Gesellschaftsvertrag, der die Kunst vom Leben schied und ihr im Gegenzug Autonomie gewährte, ins Wanken. Als erführen Bilder, entgegen der Klagen über Abstumpfung in der digitalen Bilderflut, eine geradezu vormoderne, magische Aufladung, wie Totems, um die verfeindete Stämme kämpfen." (Neueste Variante dieses Streits: die Schauspielerin Elle Fanning wird beschuldigt, ihre neue Rolle als Transsexuelle(r) einem transsexuellen Schauspieler "gestohlen" zu haben.)

In der taz Nord spricht Christoph Martin Vogtherr, neuer Chef der Hamburger Kunsthalle, im Interview mit Petra Schellen über den internationalen Kunstbetrieb, bröckelndes Wissen und die Schwierigkeiten der Museumspädagogik. Eine Führung hatte abgebrochen werden müssen, weil sich muslimische Viertklässler weigerten, Nackte auf Gemälden anzugucken: "Wir sind eine staatliche Einrichtung und folgen den Prinzipien und Idealen der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Aber an diese Prinzipien muss man langfristig heranführen und überlegen: Wie baut man Verständnis füreinander auf, statt sich Glaubenssätze um die Ohren zu hauen."

Weiteres: Im SZ-Interview mit Carin Lorch spricht Documenta-Kurator Adam Szymczyk über seine bisherigen Erfahrungen in Athen, die er alle ganz klasse findet, und erklärt, worum es wirklich geht: "Wir müssen jenen Strukturen etwas entgegen setzen, in denen Begehren eingeschläfert wird." Online nachzulesen ist jetzt Lorchs Artikel zur Eröffnung. Als Sensation feiert Kerstin Holm in der FAZ die Schau "Schätze aus Nukus" im Moskauer Puschkin-Museum, die erstmals die Sammlung des usbekischen Karakalpak-Museums präsentiert und damit "die Geburt der modernen usbekischen Kunst aus dem Geist revolutionärer Orientmalerei" vorführt. Andreas Beyer schreibt in der FAZ zur Schau der Farah-Diba Sammlung in Teheran, die bei ihm als Selected Works of the Tehran Museum of Contemporary Art firmiert.

Besprochen werden die Schau "Blut und Tränen" mit Andachtsbildern des niederländische Maler Albrecht Bouts im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen (SZ) und eine Winckelmann-Ausstellung im Max Museo in Chiasso (NZZ).
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Bühne

Im Streit um den neuen Volksbühnen-Intendanten Chris Dercon meldet sich auf einmal Berlins Ex-Bürgermeister Klaus Wowereit im FAZ-Interview mit Simon Strauß zu Wort und grätscht ordentlich seinem Nachfolger Michael Müller ins Konzept: "Grundsätzlich finde ich es richtig, dass man einem altgedienten Intendanten irgendwann die Frage stellt, wie es nach ihm eigentlich weitergehen soll. Das ist keine Majestätsbeleidigung... Die jetzt getroffene Entscheidung, mit der Berufung von Chris Dercon aus dem Haus etwas ganz anderes zu machen, finde ich jedenfalls nicht gut. Das sage ich ganz offen. Die Volksbühne zu einem Eventhaus zu machen, finde ich hochproblematisch und auch einfallslos. Denn davon gibt es in Berlin ja schon mehr als genug."


Yael Ronens "Winterreise" mit dem Ensemble Exil am Berliner Gorki Theater. Foto: Esra Rotthoff

Wenig Szenerie, aber viel Dramatik erlebte Ulrich Seidler in der FR bei der "Winterreise", dem ersten Stück des Exil-Ensembles am Berliner Gorki-Theater: "Authentische Biografien sind Quell und Spielmaterial ihrer Stückentwicklungen. Klar sind das Schauspieler: Schauspieler mit sicheren Mitteln und herrlicher Präsenz. Aber das Stück handelt nun einmal von ihnen persönlich. Von einer winterlichen Busreise durch Deutschland. Ein Busreise, die Gelegenheit bot, die eigene Geschichte und die Situation, in die man gemeinsam geraten ist, durchzuarbeiten und zu reflektieren."

Weiteres: Egbert Tholl porträtiert in der SZ den iranischen Theatermacher Amir Reza Koohestani, der in Darmstadt mit Wagners "Tannhäuser" seine erste Oper inszeniert. Im Tagesspiegel berichtet Ulrich Amling von den Daniel Barenboims Staatsopern-Festtagen in Berlin. In der Welt windet sich Ronja von Rönne, deren Roman "Wir kommen" in Dresden auf die Bühne gebracht wurde.

Besprochen werden Christian Thielemanns "Walküre" bei den Salzburger Festspielen (NZZ) und René Jacobs' Aufführung der "Matthäuspassion" in der Alten Oper Frankfurt (FR).
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Film

Im "10 nach 8"-Blog auf ZeitOnline verneigt sich Sabine Horst vor dem Actionschauspieler Vin Diesel: "Der Mann ist ein Metrosexueller im Body eines Superhelden." Für die SZ porträtiert Anna Fastabend den Berliner Regisseur Philipp Eichholtz, der seine Mumblecore-Filme llieber für wenige 1000 Euro auf eigene Faust dreht, statt langwierig die Genehmigung von Fördermittelanträgen abzuwarten, und mit dieser Strategie via Netflix jetzt ein internationales Publikum findet.

Besprochen werden die Serie "Feud", in der Jessica Lange und Susan Sarandon Bette Davis und Joan Crawford spielen (NZZ) und die Amazon-Doku-Serie "American Playboy" über Hugh Hefner (Tagesspiegel).

Und ein toller Linkhinweis: Auf dieser Website kann man noch bis zum Ende des Jahres legal über 60 Filme aus der Frühphase des japanischen Animationsfilms sehen. (via)
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Stichwörter: Superhelden, Netflix, Faust

Literatur

Für die NZZ unterhält sich Angela Schader mit der aus Kamerun stammenden, mittlerweile in den USA eingebürgerten Schriftstellerin Imbolo Mbue, die in ihrem Roman "Das geträumte Land" ihre eigenen Immigrationserfahrungen im  Schatten der Wirtschaftskrise von 2008 verarbeitet hat. Dass Afroamerikaner darin kaum vorkommen, liegt an den spezifischen Lebensrealitäten der unterschiedlichen Communitys, sagt sie: Es könnte damit zu tun haben, dass die Familien von Afroamerikanern als Sklaven in die USA kamen, "die Immigranten dagegen sind freiwillig gekommen. Sie haben immer noch ihre eigene Heimat, anderseits aber sind sie im Gegensatz zu den Afroamerikanern Fremde in den USA. Natürlich, wir werden alle als Schwarze behandelt; aber wir sprechen verschieden, wir leben in weitgehend separaten Gemeinschaften, und wir definieren unseren Ort in der amerikanischen Gesellschaft anders; ich kenne nur ganz wenige Afrikaner in New York, die afroamerikanische Freunde haben."

Im malerischen Ascona trafen sich zum fünften Mal Schriftsteller aus aller Welt zum Literaturfestival "Eventi letterari Monte Verità". In diesem Jahr stand das Thema "Utopie" auf der Agenda. Spätestens als Olga Grjasnowa, Aleš Šteger und Alessandro Leogrande in ihren Beiträgen auf die globalen Fluchtbewegungen der letzten Jahre zu sprechen kamen, begann sich das Ambiente an den Vorträgen zu reiben, berichten die Kritiker. Hier wurden "endlich die nötigen Bruchstellen zwischen dem Traumort Ascona und der tatsächlichen Realität anderswo sicht- und hörbar", schreibt Tobias Sedlmaier in der NZZ. "Als Olga Grjasnowa im weißen Festzelt von wackligen Flüchtlingsbooten erzählt, tutet draußen der Touristendampfer. Ob diese immense Kluft nun für die Kraft der Literatur spricht oder eher deren Grenzen aufzeigt, wäre eine der Fragen, über die man bei der nächsten Ausgabe nachdenken könnte." Auch auf Jan Wiele von der FAZ wirkte dieses Panel mit Blick auf die glitzernde See "wie eine unmittelbare Provokation".

Weiteres: Sehr ausführlich spricht Julian Weber in der taz mit Laurent Binet über dessen Roman "Die siebte Sprachfunktion", in der die Welt von Roland Barthes, Michel Foucault und Jacques Derrida zu neuem, literarischem Leben erweckt wird. In der Sendereihe SWR-Aula geht der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch der Frage nach, woher der immense Einfluss evangelischer Pfarrhäuser auf die Literatur rührt. Im Tagesspiegel gratuliert Nicole Henneberg dem Schriftsteller Richard Wagner zum 65. Geburtstag.

Besprochen werden Peter Böthigs Band "Sprachzeiten" über den in Ost-Berlin gelegenen Literarischen Salon von Ekke Maaß (Tagesspiegel), Anna Kims "Die große Heimkehr" (Zeit), László Darvasis Novellenband "Wintermorgen" (NZZ), Konstantin Richters "Die Kanzlerin" (Berliner Zeitung), Tijan Silas "Tierchen unlimited" (Tell) und Rivka Galchens Erzählband "Amerikanische Erfindungen" (FAZ).
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Musik

Für Father John Mistys drittes Album "Pure Comedy" (mehr dazu hier) gibt es nicht nur Jubel. Die Melange aus Orchesterpop-Bombast, politischer Dringlichkeit und mehrfach gefalteter Ironie geht für Karl Fluch vom Standard zwar als derzeit angesagte Protest-Ästhetik durchaus durch. Doch der Optimismus der Rezeption geht ihm ziemlich auf den Zeiger: "Extreme Diversität und die globale Einzelerregung online hat gebündelten Protestbewegungen weitgehend den Garaus gemacht. Leider. Kein popeliges Album kann eine Änderung der Welt herbeiführen ... Doch gibt es in diesem Fach überzeugendere Arbeiten als diese doch recht längliche Übung, die sich allerorts Vergleiche mit Elton John einfängt." Den Elton-John-Vergleich wagt auch Nadine Lange im Tagesspiegel. Für sie liegt darin aber auch die Crux der Platte: Mistys "angedeutete Idealisierung eines natürlichen Ursprungszustandes hat - trotz der eingebauten sarkastischen Distanzierung - etwas zutiefst Reaktionäres. Dass das musikalisch am Songwriter-Pop der Siebziger orientierte 'Pure Comedy' größtenteils live eingespielt und auf Band aufgenommen wurde, zeigt ebenfalls Father John Mistys Rückwärtsgewandtheit. Seine Sehnsucht nach einem prä-digitalen-Urzustand."

Dass politische Popmusik auch anders reagieren kann als mit dem Rückzug in die Ziseliertheit des eigenen Kunstentwurfs, zeigt sich für SZ-Kritiker Jakob Biazza in der neuen, noch während des US-Wahlkampfs entstandenen Platte "Bloodlust" von Body Count, der Metal-Combo von Ice-T, der im Hauptberuf Gangsterrapper ist. Das Album reagiert auf die Zumutungen der Gegenwart mit der üblichen Stinkwut: "Das Album wäre mit einem anderen Wahlausgang auch ein sehr gutes gewesen. Mit Trump an der Spitze, mit seinen Lügen, seinem Hyperkapitalismus, seinem Rassismus und seiner Verachtung für alles Schwache, ist es eine Sensation. Weil die Phrasen, die als Lösung angeboten werden, der Aufruf zu Einheit und Widerstand, die plumpe 'Wir gegen die (da oben)'-Rhetorik, plötzlich einen sehr realen Adressaten haben. Und damit eine wahnwitzige Unmittelbarkeit." Wir riskieren ein Ohr:



Weiteres: Für die Spex porträtiert Kristina Kaufmann das Weltallpop-Kunstkollektiv JPTR aus Zürich, das Pop als audiovisuelles Gesamtkonzept begreift, um gesellschaftliche Fragen zu stellen: "JPTR sind ständig im Wandel. Die Fluidität, für die das Projekt steht ist schwer einzufangen." Thomas Mauch berichtet in der taz vom "Free! Music"-Festival in Berlin. In der Welt verschafft Manuel Brug einen Überblick über die boomende Liederszene. In München will der Musikwissenschaftler Berthold Over ein bislang unbekanntes Notenmanuskript von Gustav Mahler entdeckt haben, meldet der Standard via APA - genaueres dazu schreibt Over in diesem Aufsatz, der schon für schlanke 33 Dollar plus Steuern zu haben ist. Torsten Wahl schreibt in der Berliner Zeitung einen Nachruf auf Norbert Jäger von der DDR-Gruppe Stern-Combo Meißen.

Besprochen werden ein Livealbum von Damo Suzuki & Sound Carriers (Skug), das neue Album "Bloodlust" von Ice-Ts Metalband Body Count (SZ) sowie Konzerte von Christiane Rösinger (FR, hier dazu ein Gespräch im Kurier), Bonnie Tyler (Standard) und des Artemis Quartetts (Tagesspiegel).
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