Efeu - Die Kulturrundschau

Erotik des Wissens

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24.03.2017. Sehr einverstanden sind die Kommentatoren in Leipzig mit der Verleihung der Buchmesse-Preise an Barbara Stollberg-Rilinger, Eva Lüdi Kong und Natascha Wodin. Auch Leyla Dakhlis Laudatio auf Mathias Énard und dessen Dankesrede kommen gut an. In Berlin liegen die Kritiker den Philharmonikern und ihrem designierten Chefdirigenten Kiril Petrenko zu Füßen. Und alle gratulieren Martin Walser zum Neunzigsten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2017 finden Sie hier

Literatur

Erstmals in der Geschichte des Leipziger Buchpreises gingen alle Auszeichnungen an Autorinnen, meldet Cornelia Geißler in der Berliner Zeitung - und zwar an Barbara Stollberg-Rilinger (für ihre Studie über Maria Theresia), Eva Lüdi Kong (für ihre Übersetzung des chinesischen Klassikers "Die Reise in den Westen") und in der Kategorie "Belletristik" an Natascha Wodin für "Sie kam aus Mariupol", einer literarischen Aufarbeitung der Geschichte ihrer Mutter, die als Zwangsarbeiterin nach Deutschland kam und sich einige Jahre später das Leben nahm. Die Favoritin wurde sehr zu Recht ausgezeichnet, kommentiert Sandra Kegel auf FAZ.net und würdigt auch die "starken Konkurrenten". Die Zeit hat aus diesem Anlass Helmut Böttigers Besprechung von Wodins Buch online nachgereicht. Recht fad in Auswahl und Ablauf fand allerdings Gerrit Bartels vom Tagesspiegel die Preisvergabe, von der es hier eine Aufzeichnung gibt. Mit der Preisträgerin hat sich Susanne Burkhardt vom Deutschlandradio Kultur unterhalten.

Außerdem wurde Mathias Énard für seinen Roman "Kompass" mit dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung ausgezeichnet. Bewegt zeigen sich die Kritiker insbesondere von Leyla Dakhlis Laudatio auf den Preisträger: Ihr ist eine "äußerst sprachmusikalischer Lobrede" geglückt, in der sie über die gemeinsame Zeit mit dem Autor im Mittleren und Nahen Osten in den Neunzigerjahren sprach, berichtet Richard Kämmerlings in der Welt. Aus diesen Erfahrungen habe der Autor Antrieb und Stoff für seinen Roman geschöpft.

In seiner folgenden Dankesrede plädierte Énard - zum Erstaunen der Kommentatoren in flüssigem Deutsch - für eine "Erotik des Wissens", die den "Kulturkämpfern" auf allen Seiten das Handwerk legen solle, erklärt Andreas Fanizadeh in der taz. Das von dem Preisträger skizzierte "System des autonomen, kosmopolitischen Schriftstellers" hält Fanizadeh zwar für schlüssig, wenngleich er insbesondere bei der Rolle des Auslands in der syrischen Tragödie der letzten Jahre nicht voll mitgeht: "Was meint der 45-jährige Schriftsteller damit wirklich, der in Leipzig diese rhetorische Frage gleich hinterher schob: 'Können wir nicht anders für Sicherheit sorgen als durch Vorherrschaft und Imperialismus?' Für den Arabischen Frühling war der europäische 'Imperialismus' wohl mit Sicherheit das geringste Problem."

Lothar Müller berichtet in der SZ unterdessen von den zahlreichen politischen Signalen, mit denen diese Buchmesse begann. Énards Rede fasst er zusammen als "Appell an die westlichen Gesellschaften, ihre nicht-europäischen, orientalischen Wurzeln nicht zu vergessen, eine Erinnerung an Europa, die libanesische Prinzessin, 'die an einem Strand bei Sidon von einem Gott des Nordens entführt wurde', sie war 'eine illegale Einwanderin, eine Ausländerin, eine Kriegsbeute'." Deutschlandradio Kultur hat sich mit dem Preisträger auf dem Blauen Sofa unterhalten. In einem dazu gestellten Feature stellt der Sender Ènard vor. Gerrit Bartels berichtet im Tagesspiegel unterdessen von der Liveschalte per Skype zur türkischen Schriftstellerin Aslı Erdoğan, die ihr Land derzeit nicht verlassen darf (hier die Aufnahme beim ZDF).

Von Leipzig zum Bodensee: Zum heutigen 90. Geburtstag Martin Walsers würdigt Jörg Magenau den Jubilar in der taz als "Differenzierungskünstler der Innenwelten." Andreas Platthaus berichtet in der FAZ aus Stuttgart, wo Walser die von Heribert Tenscher besorgte bibliophile Gesamtausgabe seines Werks präsentiert wurde (hier dazu ein Interview mit dem Herausgeber). Michael Maar, der bekennt, Walser lange links liegen gelassen zu haben, berichtet in der FAZ zudem ausführlich von seiner versöhnlich stimmenden Lektüre von Walsers 1978 erschienenen Novelle "Ein fliehendes Pferd". Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt es zudem aktuell zahlreiche Features, Interviews und Sendungen zu Walsers Geburtstag - hier dazu der Überblick.

Weiteres: In der SZ gratuliert Volker Breidecker dem Schriftsteller Elazar Benyoëtz zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden der zweite Band von Karl Heinz Bohrers Autobiografie (Freitag), Takis Würgers "Der Club" (NZZ), Jochen Schmidts "Zuckersand" (SZ), Olga Grjasnowas "Gott ist nicht schüchtern" (Freitag), Steffen Popps Gedichtband "118" (Zeit) und die neue Einheitsübersetzung der Bibel (NZZ).
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Bühne

Ziemlich ergriffen berichtet Eleonore Büning in der FAZ vom Festival Mémoire in Lyon, das mit Heiner Müllers "Tristan", der "Elektra" von Ruth Berghaus und Klaus Michael Grübers "Poppea" drei berühmte Opernproduktionen noch einmal auf die Bühne gebracht hat. Die "schockierend starken" Ergebnisse verleiten Büning zu grundsätzlichen Überlegungen: "War früher alles besser? Nein, das kann und darf nicht sein. Und doch: So ist es. Aber wieso? Vielleicht deshalb: Berghaus, die Tänzerin und Choreografin, Müller, der Dichter, erklärten sich selbst das Gesamtkunstwerk Oper, als Künstler. Heute ist Regieführen ein akademischer Serviceberuf. Man studiert Opernregie und liefert anschließend, wenn es gutgeht, eine Seminararbeit ab."

Weiteres: In der NZZ schreibt Lilo Weber einen Nachruf auf die amerikanische Choregrafin Trisha Brown.
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