Efeu - Die Kulturrundschau

Gar nicht fraulich

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25.03.2017. Wie soziale Kontrolle funktioniert, lernt die Presse in einer großen Spitzweg-Wurm-Ausstellung. Der Standard lernt es in Catalanis "La Wally". Im Irak zeigen die neuen Effendis, wie man den Spießern mit Haaröl und extravaganten Westen eine lange Nase dreht. Der Freitag unterhält sich mit dem Psychologen und Autor Red Haircrow über das deutsche Winnetou-Bild vom Indianer. Die taz hört Gewalt mit Wucht. Die Welt lässt sich von der Literaturzeitschrift Das Wetter ins Zeitalter der Ultraromantik führen.

Bühne


Szene aus "La Wally" mit Annely Peebo (Afra) und Kari Postma (Wally). Foto © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im Interview mit dem Standard erzählt Regisseur Aron Stiehl, warum er Catalanis großartige Oper "La Wally" für die Volksoper Wien - Premiere ist heute - in abstrakten Räumen inszeniert hat: "'La Wally' ist ein sehr realistisches Stück aus dem Verismus. Wenn man das eins zu eins umsetzt mit Tirol und Kirchturm und Bergen, ist die Gefahr da, dass man das, worum es geht, gar nicht anspricht. Dann wird es ein niedliches Stück mit Trachten. ... Es geht um die Frage, warum plötzlich eine Enge oder Weite entsteht: Was ist das für eine Gesellschaft, dieses Dorf, in dem jeder beäugt wird und ganz genau vorgeschrieben wird, was normal ist und was nicht? Wally ist ein bisschen burschikos und gar nicht fraulich. Das genügt, um merkwürdig zu erscheinen und ausgestoßen zu werden."

Hier eine von Arte aufgezeichnete und untertitelte Aufnahme mit dem Orchestre de la Suisse Romande und Eveline Pido am Pult. Die Wally singt Ainho Arteta.



Besprochen werden Ewald Palmetshofers "Die Unverheiratete" im Theater Basel (nachtkritik, FAZ) und die Eröffnung des zweiten Tanzmainz-Festivals mit Johan Ingers Choreografie "Bliss" (FR).
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Design

Im zerrütteten Nordikrak, keine Autostunde vom umkämpften Mossul, hat eine Gruppe junger Männer den ersten irakischen Gentlemen's Club Mr. Erbil gegründet, berichtet Andrea Backhaus auf Zeit Online: "Anfangs suchten sie in den Cafés und sozialen Netzwerken nach Männern, die zu ihnen passen könnten: Männer, die sich für Mode interessieren, vor allem aber gegenüber anderen Religionen, Ethnien und Überzeugungen tolerant sind. Gemeinsam entwickelten sie ihren Kleidungsstil, eine Mischung aus westlichen Einflüssen und dem eigenen kulturellen Erbe. Inspiration finden sie bei den Effendis, einer Gruppe früherer kurdischer Landbesitzer, die schicke Kleidung trug und Salons besuchte."
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Kunst


Links: Carl Spitzweg, Der ewige Hochzeiter, um 1860, Villa Hügel. Rechts: Erwin Wurm, Landadel, 2008 © Privatbesitz

Angeregt kommt Almuth Spiegler aus der großen Spitzweg-Ausstellung im Wiener Leopold Museum, denn Direktor Hans Peter Wipplinger hat 110 Spitzweg-Gemälden durch 15 Arbeiten des österreichischen Künstlers Erwin Wurms ergänzt. Das passt ausgezeichnet, meint Spiegler in der Presse mit Blick auf die Spitzwegsche Gesellschaftskritik hinter den idyllischen Motiven: Bei Spitzweg müsse man "oft nur die Blickachsen aller in einer Szene Anwesenden verfolgen - etwa wenn ein Galan einer Schönen ein Blumenbouquet überreicht -, um zu verstehen, wie soziale Kontrolle funktioniert, wie politisch das Private immer war und ist. Dieses Gefühl der alles abschnürenden, unausweichlichen bürgerlichen Enge überwältigt einen in voller Wucht schon beim Betreten der Ausstellung", nämlich wenn man vor Wurms Elternhaus steht: "in voller Länge, 16 Meter, inklusive Geranien-Blumenkisterln. Und in absurder Enge, gequetscht auf 1,50 Meter".

Weitere Artikel: Am Sonntag übergibt die Künstlerin Marlene Dumas der Dresdner Annenkirche das neue Altarbild. Im Vorfeld gabs schon Unmut, berichtet Susanne Altmann im Art Magazin: denn Jesus ist schwarz.

Besprochen werden die Ausstellung über Michelangelo und Sebastiano del Piombo in der National Gallery in London (TagesAnzeiger), eine Ausstellung von Arbeiten von Eva Schlegel, Angela de la Cruz und Johanna Calle in der Galerie Krinzinger in Wien (Standard), die Schau "Jardins" im Pariser Grand Palais (FAZ)
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Stichwörter: Erwin Wurm

Film

Im Freitag spricht Matthias Dell mit dem Psychologen und Autor Red Haircrow, der mit einer Crowdfunding-Kampagne die finanziellen Mittel für den Film "Forget Winnetou" zusammentragen will. Darin soll es vor allem um die sonderbaren Images der Native Americans gehen, die sich selbst noch in der aktuellsten Winnetou-Verfilmung dem im Vorfeld postulierten Realismus-Anspruch zum Trotz niedergeschlagen haben. So spricht etwa die Titelfigur im letzten Winnetou-Film eine Sprache, die mit der der Apachen nicht das geringste zu tun hat."Ich glaube nicht", sagt Haircrow zu seinem geplanten Film, "dass Karl May gewollt hätte, eine Form der kulturellen Aneignung über Jahrhunderte zu konservieren. In den späten Jahren, als er nach Amerika gereist war, hatte sich sein Bild geändert. Heute, 100 Jahre danach, gibt es ein anderes Wissen, neue Bücher, die Leute können hinfahren, sich besser informieren über die Natives. Sie müssen also nicht an Stereotypen festhalten, die überholt sind. Dabei bestand bei dem Winnetou-Film ja Hoffnung, dass er was Neues macht. Aber dann blieb das Bild der Natives wieder reduziert auf Stereotype. Das war enttäuschend."

Weiteres: Für die SZ hat Martin Wittmann Jake Gyllenhaal im Berliner Hotel Adlon besucht. Besprochen werden James Grays Abenteuerfilm "Die versunkene Stadt Z" (taz) und der auf DVD veröffentlichte Internet-Horrorfilm "Bedeviled" (Filmgazette).
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Literatur

Die Auszeichnungen der Leipziger Buchmesse (mehr dazu im gestrigen Efeu) spiegeln ein lebhaftes Interesse an der Vergangenheit wieder, doch am "Willen zum politischen Zeitgeschehen" mangelt es den Büchern, stellen Tania Martini und Ulrich Gutmair im taz-Fazit fest. Ausgezeichnet wurde auf der Buchmesse auch der Literaturkritiker Andreas Breitenstein mit dem Alfred-Kerr-Preis. Laudator Norbert Gstrein hebt in der NZZ die "Unerschrockenheit und Haltung" in Breitensteins Texten hervor. In seiner Dankesrede spricht der Preisträger über die Geistesarbeit seiner Tätigkeit und bläst dabei auch in manch kulturpessimistisches Horn: "Wir erleben einen Zerfall der Bildung und der Lesekultur - jenes Humus, auf dem die Passion für Literatur gedeiht. Die Entwertung des einheitlichen Sinns und des symbolischen Raums hat mit dem Dekonstruktivismus begonnen und findet ihre Fortsetzung im Netzuniversum, in dessen unendlichen Räumen originäre Phantasie und fokussierte Aufmerksamkeit verdampfen. Gegen die digitalen Text- und Bilderfluten hat hohe Literatur einen schweren Stand, ist sie doch das Gegenteil von Hysterie und Zerstreuung."

Wie als Verleger damit umgehen, dass rechtspopulistische Positionen immer stärker in den Mainstream drängen? Um diese Frage - und das vom Verlag inzwischen zurückgezogene Buch des alt-right-Mitbegründers Milo Yiannopoulos - kreiste eine Buchmessendebatte, von der Caroline Kraft in der "10 nach 8"-Reihe von ZeitOnline berichtet. Aber was für eine Debatte wollen wir eigentlich, fragt sie: "Während ich mir die Reaktionen der Yiannopoulos-Gegner durchlese, frage ich mich, wie zielführend diese Strategien eigentlich sind. Kann man von Debattenkultur sprechen, wenn Protest vor allem in Form von Boykott und Schweigen ausgedrückt wird? Was wäre gewesen, wenn die Chicago Review of Books die Autoren, die von Yiannopoulos' Diskriminierung betroffen sind, dazu aufgefordert hätte, darüber zu schreiben? Über ihr Jüdisch-Sein, ihr Frau-Sein, ihr Schwarz-Sein? Es wäre zumindest eine Strategie, die Gruppen, um die es geht, in eine Diskussion mit einzubeziehen, und ihre Stimme zu stärken."

Weiteres aus Leipzig: Beim Flanieren über das Buchmessegelände staunt Alex Rühle über die bibliophilen Kostbarkeiten, die der junge Verlag "Das kulturelle Gedächtnis" aus der Versenkung holt (mehr dazu auch im Buchmarkt). Gregor Dotzauer besucht für den Tagesspiegel die Stände des litauischen Gastlandes. Welt-Autorin Hannah Lühmann schlendert mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz über die Buchmesse.

Abseits von Leipzig: In Berlins Mitte bildet sich rund um die Zeitschrift Das Wetter ein literarischer Nachwuchs mit ganz eigenen Idiosynkrasien und betriebskritischen Bündnissen, stellt Felix Stephan in der Literarischen Welt staunend fest: "Sogar ein blitzblankes Manifest liegt vor, das das Zeitalter der 'Ultraromantik' ausruft, einer neuen literarischen Evolutionsstufe, die sich aus der Science-Fiction und der Romantik speist. Aus der Science-Fiction stammen in dieser Rechnung die künstlichen Welten und die Naturbeobachtung, aus der Romantik die Sehnsucht. Allerdings richtet sich die Sehnsucht jetzt nicht mehr an der Vergangenheit aus, sondern an der 'Unendlichkeit des Raums und der Unendlichkeit des Fortschritts, der Unendlichkeit des Abenteuers und des Neuen'."

Außerdem: Im großen taz-Interview mit Olga Grjasnowa wird die Schriftstellerin ausführlich dazu befragt, wie es sei, als in Deutschland lebende Frau aus einer aserbaidschanisch-jüdischen Familie mit einem dann ja wohl muslimischen Syrer verheiratet zu sein. Um sympathische Entgegnungen ist die Autorin nicht verlegen: Religiös sind beide nämlich überhaupt nicht und "zwei Agnostiker kommen miteinander sicher besser aus als zwei Missionare unterschiedlicher Religionen". Für die Literarische Welt wagt sich Schriftsteller Durs Grünbein aus dem Berliner Literaturbetrieb ins Affenhaus, wo er den "Versuch einer Kontaktaufnahme mit Außerirdischen" unternimmt. Marie-Sophie Adeoso spricht in der FR mit Hanya Yanagihara über deren Roman "Ein wenig Leben". Christiane Müller-Lobeck erkundigt sich für die taz bei Sarah Glidden über deren Arbeit als Comicjournalistin. Katharina Laszlo berichtet in der FAZ von der ersten Ausgabe des Berliner Versfests, das jungen Lesern Lyrik vermitteln will. Die Literarische Welt bringt Nadja Spiegelmanns "Ich sollte dir das eigentlich alles nicht" erzählen" als Fortsetzungsgeschichte. Tilman Krause denkt in der Literarischen Welt über den Charme vergriffener Bücher nach und stellt den in Vergessenheit geratenen Bestsellerautor Max Eyth vor. Außerdem bringt die Literarische Welt weitere Antworten aus dem Literaturbetrieb auf die vergangenes Wochenende gestellte Frage, was Literaten zu tun hätten, wenn die Realität irrer wirkt als die Fiktion (dazu lakonisch Enzensberger: "Umfragen hasse ich.").

Fernerhin: Allerlei online nachgereichtes zum gestrigen Walser-Jubiläum. Martin Oehlen führt in der FR durch die Jahrzehnte des Schriftstellers. Die Zeit hat ihr großes Geburtstagsgespräch mit Walser online nachgereicht. Gerrit Bartels gratuliert im Tagesspiegel, wo auch der chinesische Germanist Huang Liaoyu von Glück, Ehre und Stolz berichtet, Walsers ins Chinesische übertragen zu dürfen. In der FR beschreibt Christian Thomas die "deutschen Sorgen" des Jubilars. Und Alexander Kluges dctp.tv hat ein Gespräch mit Walser online gestellt.

Besprochen werden Simone Meiers "Fleisch" (taz), Lukas Bärfuss' "Hagard" (Zeit), Karl Heinz Bohrers Autobiografie "Jetzt - Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie" (SZ), Jochen Schimmangs "Altes Zollhaus, Staatsgrenze West" (Freitag), Jan Schomburgs "Das Licht und die Geräusche" (Literarische Welt) und Zsusza Banks "Schlafen werden wir später" (FAZ).
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Musik

Für die taz spricht Jan Paersch mit Patrick Wagner, der um 2000 mit seiner Band Surrogat und dem Label Kitty-Yo den Soundtrack zu Berlin wiedererwachender Mitte geliefert hatte, dann in Pleite und Versenkung verschwand und sich jetzt mit seiner neuen Band Gewalt zurückmeldet. Den Business-Winterschlaf hat er zur Reflexion genutzt, erfahren wir: "Ich hatte immer Jochen Distelmeyer von Blumfeld vor Augen. Der war immer relevant, aber als er Vater wurde, hatte er auf einmal nichts mehr zu sagen. Das wollte ich nie. Ich hatte immer Angst, dass meine Musik nicht gut ist. Ich wollte Wucht haben, nicht selbstreferenziell sein. ... Ich habe immer gesagt: Wenn ich wieder eine Band mache, muss die Gewalt heißen. Um mich selbst vor Mittelmäßigkeit zu schützen. Man kann nirgendwo hinschielen, unter dem Namen kann man kein mediokres Stück machen. Es ist von einer gewissen Entschlossenheit durchdrungen, auch bei den Texten. Das ist ein Filter für uns selbst." An Wucht lässt es das aktuelle Video der Band jedenfalls nicht mangeln:



Weiteres: Das neue Album der Spoons lässt den beträchtlich enthusiasmierten SZ-Kritiker Torsten Groß "fast wieder an die Kraft des Rock'n'Roll" glauben. Für The Quietus spricht Karl Smith mit der Noise-Künstlerin Pharmakon. Auf Deutschlandradio Kultur spricht Technokünstler Wolfgang Voigt über das erste Album seines Ambientprojekts Gas seit 17 Jahren. Corina Kolbe (NZZ) und Dieter David Scholz (NMZ) schreiben über den Dirigenten Arturo Toscanini, der heute vor 150 Jahren geboren wurde. Nadine Lange (Tagesspiegel), Jürg Zbinden (NZZ), Marcus Weingärtner (Berliner Zeitung) und Dietmar Dath (FAZ) gratulieren Elton John zum Siebzigsten.

Besprochen werden das erste von Kirill Petrenko dirigierte Konzert mit den Berliner Philharmonikern nach dessen Berufung zu deren Chefdirigent (FAZ, SZ, mehr dazu im gestrigen Efeu), ein Smetak-Konzert des Ensemble Modern (Tagesspiegel), das Album "Room 29" von Chilly Gonzales und Jarvis Cocker (Pitchfork), ein Gesprächsband mit dem Pianisten András Schiff (FR) und ein Konzert des Oboisten Albrecht Mayer und der Musici di Roma (FR).
Archiv: Musik