Efeu - Die Kulturrundschau

Mit Ukulele und Trompeten

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23.03.2017. Was ist das Fällen eines Holzkreuzes gegen das Fällen Tausender von Bäumen, fragt sich die nachtkritik in Warschau. Ganz große und hoch aktuelle Oper erlebt die FAZ mit Busonis "Doktor Faust" in Dresden. Die NZZ erkennt in Lyon mit Berghaus, Müller und Grüber, wo die Latte bei Operninszenierungen hängt. Die Filmkritiker setzen sich Daniel Espinosas Monstern aus. Und heute beginnt die Leipziger Buchmesse: Der Tagesspiegel denkt über Literatur im postfaktischen Zeitalter nach.

Bühne


Szene aus "Klatwa". Foto: Magda Hueckel

In der nachtkritik berichtet Natalia Staszczak-Prüfer über die Reaktionen auf Oliver Frljićs wegen seiner deftigen Kritik an der Kirche umstrittene Inszenierung von "Klątwa" ("Fluch") nach dem Drama von Stanisław Wyspiański in Warschau. Vielleicht hätte etwas weniger Drastik zu einer fruchtbareren Diskussion geführt, meint sie: "Die Argumente fliegen herum. Für manche Leute wird das Fällen eines Holzkreuzes mit der Elektrosäge auf der Bühne zur Schändung eines religiösen Symbols. Andere werden in diesem Moment an die Tausende von Bäumen denken, die neuerdings einem neuen Gesetz des Umweltministers Jan Szyszko zufolge auf privatem Grund einfach gefällt werden können, was riesige Schäden für die Umwelt bedeuten wird. Und auch darüber gibt es keinen Dialog, obwohl das für die Zukunft bestimmt eine größere Bedeutung haben wird als ein Schauspieler, der seinen Penis auf der Bühne zeigt."


Szene aus "Doktor Faust". Bild: Semper Oper

Ganz große Oper, die zugleich hoch aktuell ist, erlebte FAZ-Kritikerin Kerstin Holm in Keith Warners Inszenierung von Ferruccio Busonis "Doktor Faust" an der Dresdner Semperoper. Man nehme nur die in den Siebzigern angesiedelte Szene in der Wittenberger Kneipe, in der sich Protestanten und Katholiken ein "prachtvoll polyphones Duell" liefern: "Die Katholiken intonieren in heller Lage ein spöttisches Tedeum, das Gott als Schöpfer von Wein und Weib preist. Die Protestanten halten mit dem Choral 'Ein feste Burg' in tiefer Lage dagegen. Wie die eine Sängergruppe selbstgewiss mit der eigenen übernationalen Tradition spielt, während die andere mit grimmigem Ernst auf nationalen Werten beharrt, das klingt für heutige Ohren wie die musikalische Konfrontation einer ironischen Elite mit der Pegida." (Weitere Kritiken bei Musik in Dresden und in der Sächsischen Zeitung.)


Szene aus Ruth Berghaus' Inszenierung der "Elektra" in Lyon. Foto: Opera de Lyon

Und Christian Wildhagen berichtet für die NZZ aus Lyon, wo Intendant Serge Dorny zum Festival Memoire drei herausragende alte Produktionen wieder auf die Bühne gebracht hat: Ruth Berghaus' "Elektra", Heiner Müllers "Tristan und Isolde" und Klaus Michael Grübers "Poppea". Nostalgisch ist das nicht, findet Wildhagen: "In Lyon geht es freilich weniger ums bloße Bewahren als um eine theatrale Verlebendigung dessen, was auch noch für die Theaterästhetik der Zukunft von Wert sein kann. Darin erfüllt sich nicht nur die Idee eines in Aufführungen sinnlich erfahrbaren Kanons von Musterinszenierungen - es gibt den Zuschauern auch konkrete Vergleichsmaßstäbe an die Hand, um Entwicklungen der gegenwärtigen Musiktheater-Regie besser einordnen und bewerten zu können. Frappierend zeitlos erscheint in dieser Hinsicht besonders die Berghaus-'Elektra' mit der charakteristischen Sprungturm-Bühne von Hans Dieter Schaal - zeitlos modern und wegweisend."
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Literatur

Heute beginnt die Leipziger Buchmesse. Für Gerrit Bartels vom Tagesspiegel ein Anlass, auf die Rolle der Literatur im postfaktischen Zeitalter zu sprechen zu kommen. Wenn Politik und Nachrichten ringsum fabulieren, sehe sich die Literatur besonders unter Druck, ihre Kompetezen zu konturieren oder der Beliebigkeit der "alternative facts" sogar etwas entgegenzusetzen. Mit Journalismus solle sie aber lieber nicht konkurrieren und auch nicht inhaltlich übermäßig politisch werden, so Bartels weiter. Ihre noble Aufgabe bestehe vielmehr darin "sich eine ihr gemäße Wirklichkeit" zu schaffen. "Daran kann dann die reale Gegenwart ihre Sinne schärfen, zu Erkenntnissen gelangen. Insofern ist in der Regel die Literatur die wertvollere, zielführendere, komplexere, die sich Zeit nimmt - und nicht jene, die sich ad hoc an der Realität abarbeitet, die womöglich schneller als die Gegenwart sein will, die gewissermaßen 'gerade eben jetzt' mit dem Roman zur Trump-Ära aufwartet."

Mehr zur Buchmesse: Für die FAZ führt Reinhard Veser durch die litauische Literatur, der die Leipziger Buchmesse in ihrem Jahr ihren Schwerpunkt widmet. Im Tagesspiegel befasst sich Gregor Dotzauer außerdem mit dem Trend zum Tausendseiter. Weitere Hinweise zur Leipziger Buchmesse, insbesondere zur Auszeichnung Mathias Énards mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung, in der gestrigen Ausgabe unserer Kulturrundschau.

Außerdem wird Martin Walser (morgen) 90: Walser-Festspielwochen in den Feuilletons (siehe dazu auch unseren Efeu vom 18.03.). Im Interview mit der Zeit plaudert der Jubilar über Unseld, Johnson, seine Auschwitzrede, Grass und das Gefühl, nie richtig erwachsen zu werden: "Goethe hat einmal gegenüber Eckermann gesagt, manchen werde eine 'wiederholte Pubertät' geschenkt. Goethe benutzt das Wort 'Pubertät', das ist doch irre! Was er meinte, habe ich allerdings gar nicht immer positiv erlebt, sondern durchaus als Mangel: Ich bin kein erwachsener Mann geworden. Verglichen mit anderen gleich­altrigen, männlichen Wesen, habe ich mich im­mer als zu wenig männlich, zu wenig erwachsen gefühlt."

Für die NZZ hat sich Bernd Noack mit Walser unterhalten, der unter anderem sehr gelassen die derzeitigen Erfolge der AfD kommentiert: "In zehn Jahren weiß kein Mensch mehr, wer oder was die AfD war. Wir hatten einmal die Republikaner, wir hatten auch einmal die Skinheads - und jetzt haben wir die AfD. ... Sie haben keine Basis, und deswegen sind sie wirklich ungefährlich. Niemand wird mit denen eine Koalition eingehen. Die sind armselig, im wahrsten Sinn des Wortes. Unsere Gesellschaft ist nicht gefährdet."

Weiteres: Im Freitext-Blog auf ZeitOnline erinnert sich Frank Schulz an Harry Rowohlt. Andreas Platthaus schreibt in der FAZ zum Tod des Comiczeichners Bernie Wrightson.

Besprochen werden Natascha Wodins für den Leipziger Buchpreis nominierter Roman "Sie kam aus Mariupol" (Welt), der Roman "Das kalte Blut" des Filmemachers Chris Kraus (Welt), Tom Kummers "Nina & Tom" (ZeitOnline) und Antanas Škėmas "Das weiße Leintuch" (SZ). Außerdem liest Andreas Platthaus (FAZ) in Büchern von Kakuzo Okakura und Christoph Peters über Erfahrungen mit Tee.

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film


Leuchte der Menschheit: Jake Gyllenhaal in "Life" (Bild: Sony)

Mit seinem bereits gestern veröffentlichten, deftigen Verriss von Daniel Espinosas Science-Fiction-Horrorfilm "Life" steht FAZ-Kritiker Dietmar Dath einigermaßen alleine da. "Erfrischend humorlos" fand etwa Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche den sich geradezu dreist Ridley Scotts "Alien" und Alfonso Cuaróns "Gravity" plündernden Film über eine Raumstation, deren Besatzung von einem fremdartigen Organismus gemeuchelt wird. In seinem schlanken Funktionalismus mache sich der Film "die Kritik, Hollywood produziere nur noch überteuerte B-Movies, mit gesundem Selbstbewusstsein zu eigen", schreibt Busche weiter. "Bemerkenswert düster" findet auch Perlentaucher Thomas Groh den Film - aber auch ein wenig bedenklich: "'Life' jubelt zunächst über die Existenz des Anderen - plädiert dann aber doch, spürbar im Kontrast im Übrigen zu Denis Villeneuves Außerirdischen-Film 'Arrival', für die Wappnung und Mobilmachung."

Viel Freude hatte Philipp Stadelmaier von der SZ: "Der Film kennt keine Thesen und Themen, nur Kamerafahrten und Handlung, straight forward. Er kennt auch keine Helden. Ist die Crew mit Ferguson, Reynolds und Gyllenhaal zwar mit einigen Stars besetzt, so ist doch kein Schauspieler wichtiger als ein anderer. Alle sind gleich, auf kollegialer Ebene in ihrer schleichenden Vernichtung." Tim Slagman von der NZZ hält den Film gar für einen "der schönsten Monsterfilme der jüngeren Zeit." Abwägender schreibt Tim Caspar Boehme in der taz: Es gelingen dem Film einige Spannungsmomente, er bleibe im wesentlichen aber doch "etwas vorhersehbar".

Weiteres: Julia Niemann porträtiert für die SZ die österreichische Filmemacherin Veronika Franz und deren Neffen Severin Fiala, die gemeinsam Filme drehen und nach ihrem Erfolg von "Ich seh, ich seh" vor zwei Jahren nun an einem Drehbuch für einen us-amerikanischen Film arbeiten. Für die Welt berichtet der Filmhistoriker Rolf Giesen vom Stand der Dinge im deutschen Animationsfilm, der daran kranke, dass Trickfilme in diesem Metier vor allem als Ware fürs Vorschulalter aufgefasst würden.

Besprochen werden Noah Baumbachs Interviewfilm über Brian De Palma, den arte am kommenden Wochenende zeigt (Perlentaucher), Pia Lenz' Dokumentarfilm "Alles gut" über den Alltag zweier Flüchtlinge (taz), Gerhard Kleins auf DVD erschienener "Eine Berliner Romanze" von 1956 (taz), Martin Zandvliets "Unter dem Sand" (NZZ), die unterfränkische Kifferkomödie "Lommbock" mit Moritz Bleibtreu und Nikolas Schuppe (Welt) sowie die neue Spielzeug-Verfilmung "Power Rangers" (Standard).
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Kunst

Patrick Wildermann spaziert in Berlin für den Tagesspiegel mit Direktor Bernd Scherer durch das renovierte Haus der Kulturen der Welt. In der Zeit würdigt Fritz Habekuss die Maler der Reformation, Lucas Cranach und seinen Sohn.

Besprochen werden Camille Henrots Ausstellung "If Wishes Were Horses" in der Kunsthalle Wien (Standard) und eine Ausstellung in Conegliano über Giovanni Bellini und seine Werkstatt (SZ).
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Stichwörter: Reformation, Camille

Musik

Schier außer sich vor Glück ist SZ-Kritiker Julian Dörr, nachdem er das neue Album von Stephin Merritts Projekt Magnetic Fields angehört hat: Mit "50 Song Memoir" hat Merrit jedem einzelnen seiner Lebensjahre ein eigenes Lied gewidmet. Und so etwas habe es noch nicht gegeben: "Würde man nach Vergleichbarem suchen, müsste man Richard Linklaters filmische Coming-of-Age-Studie 'Boyhood' oder die Alltagsliteratur von Karl Ove Knausgård heranziehen. '50 Song Memoir' ist ein Liederzyklus, der sich weder der Nostalgie hingibt noch retromanisch die Selbst-Musealisierung betreibt. Weil 1974 hier eben nicht wie 1974 klingt, sondern so, wie 1974 klingen muss, damit Stephin Merritt seine Geschichte erzählen kann. Mit Ukulele und Trompeten. ... Aus Stephin Merritts musikalischer Autobiografie spricht dagegen die lebensverändernde Kraft der Musik." Hier eine Hörprobe:



Weiteres: Für die NZZ besucht Moritz Weber die Proben zu Martin Grubingers Schlagzeugkonzert, das Peter Eötvös komponiert hat.

Besprochen werden Lea Bertuccis "All That Is Solid Melts Into Air" (Pitchfork), Drakes "More Life" (taz, Spex), das neue Album von Spoon (Welt), das Comeback der Feelies (Standard) sowie Konzerte von Piotr Beczala (Tagesspiegel), Future Islands (Tagesspiegel), Loreena McKennitt (FR) und Judith  Holofernes (Berliner Zeitung).
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