Efeu - Die Kulturrundschau

Bestens orientiert im Unbegreiflichen

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26.10.2016. Warum produziert der Theaterbetrieb eigentlich so viele Jasager?, fragt die Nachtkritik. Die NZZ bewundert in Dessau die Rotterdamer Van-Nelle-Fabrik als radikale Antwort auf das Bauhaus. Die Berliner Zeitung erlebt im Marvel-Film "Doctor Strange" die Zusammenfaltung unseres Multiversums. Die taz erkundet auf dem Unsound-Festival in Krakau die Grenzen des Hörbaren. In der Basler Zeitung wünschte sich Edward St Aubyn, im Weltraum aufgewachsen zu sein. Und der Guardian freut sich über den Man Booker Prize für den Amerikaner Paul Beatty.

Architektur


Mart Stams Tabak-, Kaffee- und Teewarenfabrik Van Nelle  in Rotterdam von 1930. Foto: Van Nellefabriek (2006).

Die Rotterdamer Van-Nelle-Fabrik ist in der Architekturgeschichte mindestens ebenso bedeutend wie das Bauhaus in Dessau. In der NZZ freut sich Bettina Maria Brosowsky, dass die in den beiden Städten gezeigte Doppelausstellung "Simultaneität der Moderne" diese beiden Ikonen endlich wieder zusammendenkt: "Die Van-Nelle-Fabrik wurde bis 1930 in mehreren Bauabschnitten fertiggestellt - anders als das Bauhausgebäude in konsequent durchgängiger Skelettkonstruktion... Bereits 1928 hatte jedoch der Konflikt über die 'wahre' Autorschaft des Baus zur Kündigung Mart Stams geführt, Nachwehen flackern bis heute durch die Forschung. Der radikale, zeitlebens eine Antimonumentalität verfechtende Stam distanzierte sich später vehement von Änderungen und Hinzufügungen wie dem runden Glasaufsatz für das Büro und den Teeraum Cees van der Leeuws. Nach dem theosophischen Weltbild des Unternehmers herrschte hier gar eine eigene, kosmische Zeitrechnung, Stam sah im Glasaufsatz nur eine formalistische Plattitüde, verspottete ihn als Keksdose oder Bonbonniere."
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Literatur

Der Guardian meldet, dass der Man Booker Prize in diesem Jahr an Paul Beatty geht, und damit zum ersten Mal an einen Amerikaner. Die Jury fühlt sich von seiner Rassismus-Satire "The Sellout" an Mark Twain und Jonathan Swift erinnert: "Beatty has admitted readers might find it a difficult book to digest but the historian Amanda Foreman, who chaired this year's judging panel, said that was no bad thing. 'Fiction should not be comfortable,' Foreman said. 'The truth is rarely pretty and this is a book that nails the reader to the cross with cheerful abandon.'"

Für die Basler Zeitung trifft Hanjörg Müller in London den britischen Schriftsteller Edward St Aubyn, der in seinen Romanen zunächst den Sadismus der Upperclass aufs Korn nahm, dann den Literaturbetrieb: "Bis jetzt ist ihm der Booker-Preis ­versagt geblieben. Kenner der Literaturszene führen dies auch auf St Aubyns Herkunft zurück: Was anderswo ein Vorteil sei, löse unter Juroren Ressentiments aus. St Aubyn lacht: 'Was für ein privilegierter Hintergrund sollte das in meinem Fall sein?' Die sozio-ökonomische Position einer Familie sei für ein Kind nicht entscheidend, sondern die Dummheit, Intelligenz, Sensibilität und Brutalität seiner Umgebung. 'Es ist ein Nachteil, aus irgendeiner Familie zu kommen', sagt St Aubyn. 'Wir sollten aus dem Weltraum kommen und gar keine Verwandtschaft haben.'"

In der FR spricht Arno Widmann mit seinem Sohn über das Erzählen und die Welterfahrung im Erzählen. Unter anderem erfährt man in dem klugen, vergnüglichen Gespräch, warum sich der Bücherfreund an Raoul Schrotts Welterzählung "Erste Erde Epos" bislang nicht gewagt hat: Er liebt es schon, bevor er es auch nur begonnen hat. Doch um die Lektüre drückt er sich: "Gefällt es mir, wird es mich überwältigen. Gefällt es mir nicht, werde ich es verfluchen. So ist das mit großen Erzählungen, mit großen Erzählern. Sie fordern einen. Sie überfordern einen. Das ist ihre Schönheit und ihr Fluch. Es gibt eine Legende um diese Werke, lange bevor man sie gelesen hat. Das gilt ganz offensichtlich nicht nur für die alten Bücher, von denen man im Unterricht oder von Freunden hörte, sondern offenbar auch von neuen. ... Bei einem neuen Buch aber gibt es noch keine Rezeptionsgeschichte, es fehlen noch die Reize der Patina. Es gibt nur das Buch und den Autor."

In der NZZ unterhält sich Thomas David mit dem Ian McEwan, der gerade auf allen Kanälen über seinen neuen Roman "Nussschale" und die Lage in Europa spricht: "Inzwischen ist Großbritannien ein Einparteienstaat, da sich die Opposition in Aufruhr und in einem Zustand der Zerrissenheit befindet."

Weiteres: Auf Tell unterzieht Sieglinde Geisel Sibylle Lewitscharoffs "Pfingstwunder" ihrem Page-99-Test und stößt dabei auf Unmengen von -ungs und -igkeits: "Die stilistischen Schwächen (...) haben eine solche Konsequenz, dass man dahinter eine Absicht vermutet."

Besprochen werden unter anderem Christoph Ransmayrs "Cox oder Der Lauf der Zeit" (taz), das Romandebüt "Bestiarium" des Lyrikers Tomasz Różycki (FAZ) und Frank Schulz' "Onno Viets und der weiße Hirsch" (SZ).

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Bühne

Im Theaterbetrieb häufen sich Krisen und Verteilungskämpfe - die Experten verschanzen sich derweil hinter der angeblichen Komplexität der Sachverhalte. "So sprechen die Machthaber und Nutznießer des Bestehenden, so sprechen jene, die nichts geändert wünschen", merkt dazu Dirk Pilz in seiner Nachtkritik-Kolumne an. Dabei liege viel im Argen: "Der Theaterbetrieb lebt wesentlich von Angst und Abhängigkeiten, er produziert eher Jasager und Mitmacher als Querdenker und unabhängige Geister. Wer als Dramaturg, Schauspieler oder Kostümbildner nicht seine Arbeit und die Aussichten auf Karriere verlieren will, wird sich drei Mal überlegen, den herrschenden Strukturen kritisch zu kommen; Macht ist ja nie abstrakt, sondern an konkrete Personen gebunden. Die Not muss entsprechend groß sein."

Besprochen werden der zweite Teil aus René Polleschs Volksbühnen-Diskursreihe (Tagesspiegel), Kenneth Branaghs Londoner Inszenierung von John Osbornes "The Entertainer" (FAZ), Lukas Bärfuss' Genderkomödie "Frau Schmitz" am Schauspielhaus Zürich (SZ), Simon Stephens' "Heisenberg" in Düsseldorf (FAZ) und Donizettis "La Favorite" mit Elina Garanca in München (Welt).
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Musik

Die taz hat Tabea Köbler zum Unsound-Festival nach Krakau entsandt, das sich aus der Erinnerung an die polnische Underground-Musik zu Zeiten des Kalten Krieges speist. Der aktuelle Jahrgang fand unter dem Schlagwort "Dislocation" statt, schreibt sie, und erkundete die Grenze des Machbaren: Überhaupt ist das meiste von dem, was hier erklingt, vor allem ein direktes körperliches, bislang meditatives Erlebnis. Die Industrial-Ambient-Kooperation Body Sculptures bestreitet das letzte Konzert am Sonntag gemeinsam mit der Sinfonietta Cracovia in der Filharmonia Krakowska. Synthesizer und verzerrter Wave-Gesang treffen auf klirrende Bläser und Streicherflimmern, bis ein allumfassendes Dröhnen den Klangraum ganz und gar für sich einnimmt. Die Augen sehen die Geigen wild spielen, die Ohren hören nichts."

Da bleibt vom einstigen Punk-Spirit nichts mehr übrig: Noemi Molitor ärgert sich in der taz darüber, dass die Riot-Grrrl-Band Le Tigre sich mit einem Comeback-Song nun ausgerechnet als Werbeträgerin für Hillary Clinton hergibt: "Für die radikale Riot-Grrl-Bewegung scheint Frausein also ein Politikum per se zu sein. Klare Positionen zu Clintons Politik haben Le Tigre indes vermieden. Kein Wort davon, wie Clinton zu den Forderungen der Black-Lives-Matter-Bewegung steht."



Christoph Dallach spricht für die Zeit mit der Rapperin Kate Tempest. In der SZ schreibt Reinhard J. Brembeck zum siebzigsten Geburtstag von René Jacobs, den dieser am kommenden Sonntag begeht. Und in der NZZ ist jetzt auch Martin Schäfer ganz begeistert von Leonard Cohens gravitätischem neuen Album "You Want it Darker", das er "bei aller Bedeutsamkeit so eingängig wie eine Chuck-Berry-Single" findet. Aber auch auf Van Morrisons "Keep Me Singing" hält er große Stücke.
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Kunst

Für die taz spricht Julia Lorenz mit dem Dieter Meier vom Künstler-Duo Yello, das in Berlin zugleich mit Konzertreihe und der Ausstellung "Possible Beings (1973-2016)" zu erleben ist. Freilich hat Tausendsassa Meier noch andere Feuer im Eisen - unter anderem steht demnächst eine der auf acht pro 100 Jahre beschränkten Enthüllungen seiner goldenen Jahrhundertkugel an: "Einmal mehr wird das völlig sinnentleerte Dasein der goldenen Kugel ans Tageslicht gebracht, das werde ich feierlich begehen. Das Ganze ist ja eine Aktion der Association des Maîtres, der Vereinigung der Meister des Nichts. Ich bin das einzige Mitglied und Präsident dieser Firma. Als solcher werde ich in einem schönen Jackett erscheinen, geschmückt mit einem Abzeichen." Als nächstes wird die Kugel im August 2033 gezeigt.

Weiteres: Im Tagesspiegel erinnert Bernhard Schulz daran, welchen Seltenheitswert es vor vierzig Jahren hatte, dass bei einer Pariser Ausstellung über die deutsche Romantik Bilder aus BRD- und DDR-Beständen zueinander fanden. Für die Zeit plaudert Moritz von Uslar mit dem Kunstsammler François Pinault, nachdem ihn dessen Presseabteilung bereits vorab mit allen wichtigen Antworten ausgestattet hat. In der FAZ-Reihe über gute Bilder schlechter Künstler schreibt Udo Kittelmann von der Berliner Nationalgalerie über August Kopischs "Die Pontinischen Sümpfe bei Sonnenuntergang".  Zum Tod des Künstlers Marwan schreiben Bernhard Schulz (Tagesspiegel) und Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung).

Besprochen wird eine Neuauflage von Georg Forsters Reisebuch "Ansichten vom Niederrhein" (Tagesspiegel).
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Film


Superhelden Tilda Swinton und Benedict Cuimberbatch.

Schon wieder kommt ein neuer Marvel-Superheldenfilm ins Kino. Diesmal darf Benedict Cumberbatch den eher obskuren Helden Doctor Strange geben, gestützt von Tilda Swinton in der Rolle von Stranges Mentorin, die sich gemeinsam in einem Multiversum vergnügen, in dem unser Universum lediglich eine einzelne raum-zeitliche Falte von vielen darstellt. Das ergibt immerhin einige schöne Effektszenen, erklärt Lukas Stern in der Berliner Zeitung: Es sehe "schön aus, wenn sich eine ganze Stadt ineinanderfaltet. Das Attraktionsprinzip des Films lautet: Schabernack mit der Ontologie, Origami mit dem Erdball." In der taz klagt Fabian Tietke unterdessen über "Schmerzen", die ihm dieser Film bereitet hat: "Die wirre New-Age-Welt der Comicvorlage trägt wohl einfach keinen Film."

Ganz anders sieht das Dietmar Dath in der FAZ, dem es im Kino selten schwurbelig genug sein kann: "Doctor Strange" sei "ein Superheldenfilm, der die Marvel-Auffassung davon, was Superhelden sein, wissen und tun können, so anschaut, wie Stan Lee die Mythen der Ahnen angeschaut hat: glasklar, ästhetisch aufmerksam und bestens orientiert im Unbegreiflichen."

Alarmiert betrachtet Elmar Krekeler in der Welt den Domestic Noir und damit auch Tate Taylors Verfilmung von Paula Hawkins' Bestseller "Girl on the Train": "Die Emanzipation im Thrillerwesen erreichte damit eine neue Eskalationsstufe. Psychologisch höchst diffuse, prinzipiell gewaltbereite Frauenfiguren - gut situiert, aber kaputt - werden den Kreuzweg einer in Gewalt explodierenden Liebesleidensgeschichte rauf- und runtergeschickt."

Weiteres: In der SZ freut sich Andrian Kreye darüber, dass BMW seine Reihe mit hochwertig für das Internet inszenierten Werbe-Kurzfilmen wieder aufleben lässt, in der neuen Folge "The Escape" hat Neill Blomkamp Dakota Fanning und Clive Owen in Szene gesetzt.

Besprochen werden Mike Mitchells und Walt Dohrns Animationsfilm "Trolls" (SZ), eine Austellung zu Ehren Helmut Dietls im Literaturhaus München (Tagesspiegel), eine F.W. Murnau gewidmete Ausstellung im Münchner Lenbachhaus (SZ) und Jörg Späters Siegfried-Kracauer-Biografie (SZ).
Archiv: Film