Efeu - Die Kulturrundschau

Mach's gut, zärtlicher Riese

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28.10.2016. Die Feuilletons trauern um den authentischen, unsentimentalen, proletarischen Volksschauspieler und Chanson-Sänger Manfred Krug. In der FAZ verteidigt der Intendant und designierte Peymann-Nachfolger Oliver Reese sich und sein Berufsbild gegen Kritik. Tagesspiegel und Berliner Zeitung sind gespannt auf das von Herzog & de Meuron zu bauende Museum des 20. Jahrhunderts. Beim ersten Live-Konzert in der Geschichte von Yello erleben die Kritiker einen Abend von geradezu spektakulärer Ranzigkeit.

Film


(Bild: Bundesarchiv, Klaus Franke. CC-BY-SA 3.0)

Manfred Krug
ist tot. Gestorben ist da "nicht nur ein Volksschauspieler von besonderen Gnaden, sondern auch ein Jazz- und Chansonsänger", erinnert Regina Mönch in der FAZ: "Seine Schallplatten hatten Kultstatus." Auch ein waschechter Proletarier war Krug, freut sich Willi Winkler in der SZ, das machte schon die Narbe auf der Stirn kenntlich, die Krug sich in jungen Jahren in einer Stahlfabrik eingefangen hatte. So "bullerte und prollte er, dass es die reine Freude war. In den ersten strengen DDR-Jahren spielte Krug jeden internationalen Brigadisten, jeden Zwangskollektivierer und jeden lustigen Vogel, der ihm hingereicht wurde."

Der Filmemacher Christoph Hochhäusler erinnert sich in seinem Blog, wie er bei Krug für einen Film die Nutzungsrechte für ein Musikstück erfragte. "Der heimliche Plan aber war es, ihn eines Tages noch einmal vor die Kamera zu bringen (Benjamin Heisenberg hat es wenig später auch versucht). Er war durchaus neugierig, (...) aber sein Beschluss, keine Interviews mehr zu geben, war so unverrückbar wie der Rückzug aus dem Schauspiel. Schade. Er war ein Gigant und wir - waren zu spät geboren, um ihn noch einmal aus der Reserve zu locken. Mach's gut, zärtlicher Riese."

In der taz zeichnet Jan Feddersen seinen Werdegang nach: "Krugs Aufstieg zum Lieblingsmimen der DDR war möglich, weil dieser Mann stets eine gewisse Zartheit durchschimmern ließ, in allen Rollen, aber zugleich den Robusten, den Kämpfer, den niemals zu Duckmäuserei Aufgelegten gab. Seine Tonalität war die eines brummelig Gutmütigen, der aber körperlich keinen Zweifel daran ließ, dass man bei ihm nicht mit Hasenfüßigkeit rechnen sollte."

Die Berliner Zeitung bringt einen epischen Nachruf, in dem Torsten Harmsen durch Krugs Karriere führt. Der Filmdienst hat Michael Hanischs Porträt von 2007 online gestellt. Die Zeit bringt eine Strecke und außerdem ein Porträt aus dem Jahr 1988. Im Tages-Anzeiger schreibt Martin Ebel zu Krugs Tod. Aus dem Archiv des Spiegel: Krugs Brief aus dem Jahr 1993 an seinen Stasi-Spitzel. Der RBB hat den Porträtfilm "Ich wollte echt sein" online gestellt. Die Nachtkritik bringt eine Youtube-Galerie. Wir verabschieden uns mit diesem fantastischen Stück:  



Weiteres: Für Cargo berichtet Ekkehard Knörer vom Festival Doclisboa in Lissabon. Auf der Viennale hat Dunja Bialas von Artechock den neuen Film von Lav Diaz gesehen.

Besprochen werden der neue Blockbuster "Doctor Strange" mit Benedict Cumberbatch (FR, Tagesspiegel, mehr dazu hier), der neue Stopmotion-Trickfilm "Kubo - Der Tapfere Samurai" (FR, Tagesspiegel) und Tate Taylors "Girl on the Train" (SZ).
Archiv: Film

Literatur

In der SZ bietet Baharehi Ebrahimi einen Überblick über die Geschichte der iranischen Kinderbücher.
Archiv: Literatur

Kunst

Bei der großen Ausstellung im Kunsthaus Zürich zum 50. Todestag von Alberto Giacometti bewundert Philipp Meier (NZZ) den so souveränen wie eigenwilligen Umgang des Künstlers mit seinem Material: "Giacometti hat mit Ton und Gips gearbeitet, seine Figuren modelliert und aufgebaut, darin war er Plastiker. Gipsabgüsse hat er wiederum wie ein Bildhauer bearbeitet, mit einem Taschenmesser, bis manchmal kaum mehr etwas übrig blieb. Die erhaltenen Gipse sind nicht bloß Vorstufen zu Bronzegüssen, welchen sie nun gegenüberstehen. Deutlich wird an diesen fragilen Werken, von welchen Giacometti einige auch bemalt hat, dass sie das eigentliche Kunstwerk sind: Arbeiten, die der Künstler mit seinen Händen formte." Für den Tages-Anzeiger hat Paulina Szczesniak die Giacometti-Schau besucht. (Bild: Homme à mi-corps, 1965, Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris)

Besprochen werden die Ausstellung "Der Rhein - eine europäische Flussbiografie" in Bonn (taz) und die Retrospektive zu Ehren von Tetsumi Kudo im Fridericianum Kassel, dessen Werk laut Georg Imdahl von der FAZ "über weite Strecken ... neugierig-fatalistisch, bisweilen witzig, jederzeit postmoralisch" ist.

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Archiv: Kunst
Stichwörter: Alberto Giacometti

Bühne

Oliver Reese, der in einem Jahr Peymann am Berliner Ensemble als Intendant ablöst und von diesem zuletzt arg übel beleumundet wurde, wundert sich in der FAZ über den schrillen Tonfall, den die Theaterdebatten der letzten Monate angenommen haben, und mit welcher Vehemenz dabei das Modell der Intendanz kritisiert, wenn nicht gar in Frage gestellt werde: Mit dem Schreckensbild des durchregierenden Theateraristokraten kann er seine auf Teamarbeit, Rücksprachen und Pflege schauspielerischen Talents beruhende Tätigkeit jedenfalls nicht in Einklang bringen. Zwei Aspekte bleiben seiner Ansicht nach in der allgemeinen Diskussion unterbelichtet: "Neben aller sicher auch berechtigten Kritik [habe ich] noch kein anders strukturiertes Konzept kennengelernt, das als echte Alternative zum im Team arbeitenden, am Ende aber allein verantwortlichen Intendanten als Modell tauglich erscheint. Und vor allem fehlt mir zweitens der Dialog mit der Kulturpolitik ... Wer fragt denn die Kultursenatoren und -dezernenten, ob sie bereit wären, Verantwortung etwa auch einem Leitungskollektiv zu übertragen? Sie würden sich damit natürlich der Gefahr aussetzten, im Zweifelsfall deren internen Streit schlichten zu müssen."

Mit dem von den Stuttgarter Architekten Bez + Kock geplanten "Anneliese Brost Musikforum Ruhr" haben die Bochumer Symphoniker endlich ein eigenes Konzerthaus bekommen, freut sich Manuel Brug in der Welt: "33 Millionen Euro billig, zur Hälfte von Bürgerspenden bezahlt - und rechtzeitig ohne wesentliche Baukostensteigerungen fertig geworden...Reell und sympathisch. Ohne Wow! Aber doch eine Wucht."

Weiteres: Arnd Wesemann bringt in der FR einen Überblick zum Stand der Dinge in der türkischen Tanzszene nach dem Putsch.

Besprochen werden der deutsch-koreanische Theaterabend "Walls - Iphigenie in Exile" am Deutschen Theater Berlin (FR), Frederic Wake-Walkers Inszenierung der Mozart-Oper "Le Nozze di Figaro" an der Mailänder Scala (NZZ), die Ausstellung "Canova und der Tanz" im Bode-Museum in Berlin (Tagesspiegel) und die "Römische Trilogie" am Staatstheater Nürnberg  (SZ).
Archiv: Bühne

Architektur


Außenperspektive des geplanten Museums des 20. Jahrhunderts (© Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich/Berlin)

Die Jury hat entschieden: Der Zuschlag für das Museum des 20. Jahrhunderts am Berliner Kulturforum geht an Herzog & de Meuron, deren Entwurf nach der gestrigen Präsentation von den Journalisten rasch als "Scheune" abklassifiziert wurde. Bernhard Schulz vom Tagesspiegel findet das etwas voreilig, denn das Gebäude glänze vor allem "im Innern", wo zwei große Boulevards das Haus durchlässig machen und die umstehenden Gebäude miteinander verbinden. "Zwei Etagen liegen oberhalb des Straßenniveaus und nochmals zwei im Berliner Boden. Das alles ist großzügig, offen, kommunikativ. Eine ganz einfache Idee und genial, wie eben das Geniale meist ganz einfach scheint. Statt das Grundstück zuzubauen und den Passanten zu zwingen, fallweise um den Großbau herumzugehen, laden die beiden Boulevards zum Durchqueren ein. Vor allem der Kürzere von Straße und Staatsbibliothek aus hat das Zeug zu einer wahren Flaniermeile und könnte dem dahinter liegenden Museumsforum mit Gemäldegalerie und Kunstgewerbemuseum (...) den verdienten Zulauf bescheren."

Auch Nikolaus Bernau (Berliner Zeitung) warnt vor schneller Häme: Die "Scheune" habe auch ästhetisch durchaus Hintersinn. "Da sich die Formen antiker Tempel auch aus der Speicher- und Bauernhausarchitektur ableiteten, leuchtet sogar der Bezug zur Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel ein. Weit weniger jedenfalls als die städtebauliche Nonchalance, mit der Herzog und De Meuron das bisher für unlösbar gehaltene Problem Kulturforum zu lösen gedenken: Indem sie die historische Bedeutung dieses gesellschaftlich und kulturell ziemlich gescheiterten Projekts aus den 1960er-Jahren schlicht beiseite schieben und den großen Befreiungsschlag wagen... Dieser Entwurf ist ein Wagnis, konstruktiv und wohl auch finanziell."

Weiteres: Für die NZZ besucht Gabriele Detterer die Einweihung von Roms neuem Kongresszentrum von Massimiliano Fuksas.
Archiv: Architektur

Musik

Oh weh, das war wohl nichts. Die im Vorfeld vollmundig angekündigten Berliner Livekonzerte von Yello haben sich, wenn man Jens Balzer von der Berliner Zeitung glauben kann, als offenbar sehr zweifelhaftes Vergnügen erwiesen. Der Popkritiker spricht gar von einem "Desaster", dem langweiligsten Konzert seit geraumer Zeit: Der Abend "war von einer geradezu spektakulären Ranzigkeit, Ratlosigkeit und Ignoranz gegenüber den eigenen musikalischen Qualitäten." Gegeben wurde "eine bis zur Primitivität konventionelle Frontalbühnenshow ... Das hatte alles nicht das Geringste mit irgendeiner musikalischen Gegenwart zu tun und schon gar nicht mit jener musikalischen Zukunft, als deren Propheten sich Meier und Blank stets verstanden. Vielmehr handelte es sich um eine museale Golden-Oldies-Vorstellung."

SZler
Jan Kedves berichtet ebenfalls von einem nicht wirklich spritzigen, aber immerhin zur Irritation aller Anwesenden von Pommes- und Waffelgerüchen aus dem unteren Stockwerk durchzogenen Abend. Als Erkenntnis nimmt er von der Veranstaltung immerhin mit, wie absurd es ist, das Schweizer Pop-Projekt in die Ahnengalerie des Techno zu verfrachten: "Techno, wie er in Detroit (...) einige Jahre nach Gründung von Yello, erfunden wurde, war ja zunächst das totale Anti-Pop-Programm. Yello waren im Pop-Kontext sicher Avantgarde, aber mit Techno, mit dessen Verständnis für Clubkultur oder Verweigerung von poppigen Oberflächen, hatten sie nie etwas am Bart." Und stimmt schon - spektakulär an den Livevideos auf Youtube sind wirklich nur die auf den Bühnehintergrund projizierten Musikclips:



Lediglich Jean-Martin Büttner (Tages-Anzeiger) will einen "kraftvollen Auftritt" gesehen haben. Ebenfalls im Tages-Anzeiger berichtet Boris Blank im Gespräch mit Jean-Martin Büttner von der Erstbegegnung mit seinem Publikum.

Weiteres: Mit Golden Oldies darf man auch bei den ABBA-Revival-Konzerten rechnen, welche aber interessanterweise von Hologrammen gegeben werden, wie Ulrich Seidler in der FR meldet. Für die Welt trifft sich Sabine Winkler mit dem Musiker Clueso. Für die taz porträtiert Elise Graton das Elektro-Projekt Acid Arab.

Besprochen werden der Auftakt des 47. Deutschen Jazzfestivals in Frankfurt (FR), ein Konzert von Jenny Hval (Tagesspiegel) und das Debüt "A Shot in the Light" von Moscoman (taz).
Archiv: Musik