Efeu - Die Kulturrundschau

Die Schande, glücklich zu sein

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19.10.2016. In der Welt beweist Buchpreisträger Bodo Kirchhoff: Die besten Auszeichnungen kommen von einem selbst. In der NZZ spricht Colm Toibín über den schwulen Schriftsteller als öffentliche Person. Die taz reist mit dem Staatstheater Hannover und Heiner Müllers "Auftrag" nach Minsk. In der FAZ schwärmt David Hockney vom Speed Painting à la Rembrandt. Die NZZ erschrickt: Selbst bei den Donaueschinger Musiktagen wird jetzt gegen die Avantgarde polemisiert.

Literatur

Im Welt-Interview mit Richard Kämmerlings freut sich Bodo Kirchhoff über den Buchpreis (mehr hier), den er schließlich einst selbst ersonnen hat: "Ich kann schon sagen, dass der Preis im Wesentlichen auf mich zurückgeht. Nach dem Roman 'Parlando' von 2001 hatte ich das Gefühl, es hätte mehr Leser dafür geben können. Ich dachte, es müsste in Deutschland etwas existieren, um Romanen einen Rückenwind zu geben, so wie der Prix Goncourt oder der Man Booker Prize."

Kirchhoffs Novelle "Widerfahrnis" ist zwar schon "ein wirklich gutes Buch", meint Dirk Knipphals, doch nach dem Leipziger Buchpreis für Guntram Vespers "Frohburg" und dem Deutschen Buchpreis für Frank Witzels "Die Erfindung" im vergangenen Jahr - beides herausfordernde Bücher - wirkt diese Entscheidung auf den taz-Literaturredakteur so, "als sei es jetzt auch mal wieder gut mit den Grenzgängereien und Anstrengungen. Als habe sich die Jury auf die Suche nach Normalität für den Literaturbetrieb begeben." Und überhaupt: "Das Buch dieses Herbstes" sei ohnehin Thomas Melles "Die Welt im Rücken". Sehr geharnischt fällt unterdessen Knut Cordsens Kommentar beim Bayerischen Rundfunk aus: Kirchhoffs Buch sei "ein Zeugnis eines vorgestrigen Machismo und überdies in ihrem kulturpessimistischen Parlando, in dem immerzu der Untergang des guten Buches beschworen wird, nur schwer erträglich."

Weiteres von der Frankfurter Buchmesse: Im FAZ-Literaturblog berichtet Andrea Diener von der Eröffnung. Im SWR2 Forum diskutieren die Schriftstellerin Bille Haag, der Lektor Günter Berg und der Kritiker Tilman Krause über "gute Anfänge in der Literatur". Für die Berliner Zeitung spricht Cornelia Geißler mit der Schriftstellerin Margriet de Moor. Im Tagesspiegel stellt Thomas Hummitzsch Comics aus den Gastländern Niederlande und Flandern vor. Außerdem spricht er mit dem Comiczeichner Joost Swarte.

Colm Tóibín spricht im Interview mit Carmen Eller in der NZZ  über seinen neuen Roman "Nora Webster", über Trauer und Homosexualität und die Gratwanderung zwischen der Privatheit und Öffentlichkeit des Schriftstellers: "Romane sind etwas sehr Privates. Sie werden in der Stille geschrieben. Und langsam wirst du dann zu einer öffentlichen Person - ob es dir gefällt oder nicht. Wer du bist, ist auf einmal wichtig - insbesondere, wenn du schwul bist... Adrienne Rich, die lesbisch war, hat gesagt: Wenn jemand über die Welt spricht und es gibt dich darin nicht, ist das, wie in den Spiegel zu schauen und nichts zu sehen. Denn es gibt kein Bild. Unter anderem deshalb waren Menschen wie Nadine Gordimer oder Doris Lessing so wichtig."

Weiteres: Andreas Michalke kürt in der Jungle World den Cartoonisten Marc Sleen zum König der Zeitungscomicstrips. In der SZ-Reihe "Reden über Amerika" spricht Martin Kilian mit dem in den USA lebenden, australischen Schriftsteller Peter Carey. In der FAZ gratuliert Tilman Spreckelsen dem Autor Philip Pullman zum Siebzigsten.

Besprochen werden unter anderem Nele Pollatscheks "Das Unglück anderer Leute" (Freitag), Teju Coles Essaysammlung "Vertraute Dinge, fremde Dinge" (ZeitOnline), Brigitte Kronauers "Der Scheik von Aachen" (Tagesspiegel), Margriet de Moors "Schlaflose Nacht" (SZ) und Chinua Achebes "Einer von uns" (FAZ).
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Musik

Auf einem recht diffusen Kurs sieht Marco Frei in der NZZ die Donaueschinger Musiktage, deren musikalische Qualität besonders unter der erzwungenen Orchesterfusion litt. An die "ungeheure Energie, Agilität und Hellhörigkeit des Klangforums Wien" etwa komme das neue SWR-Orchester noch lange nicht heran. Aber auch der Verzicht des neuen Intendanten Björn Gottstein auf ein klares Profil misbehagt Frei: "So konnte der Musikphilosoph Robert Scruton seine Polemik gegen Avantgardisten wie Arnold Schönberg, Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen oder Luigi Nono ohne Widerspruch in den Raum werfen, zumal eine Diskussion über seine Thesen nicht einmal vorgesehen war. Damit stärkt Gottstein faktisch jene Position einer allumfassenden Relativierung, die das Alleinstellungsmerkmal vieler Festivals und somit auch die Donaueschinger Musiktage in ihrer Existenz bedroht."

In der FAZ fand Max Nyffeler den Adrenalischub dagegen recht belebend, den Gottstein mit seiner Öffnung zu Pop und Techno den Musiktagen bescherte. Hier eine Auswahl von Konzertmitschnitten.

Ob das ein gutes Zeichen ist, wenn die Kritikerinnen anlässlich des neuen Albums "Joanne" von Lady Gaga lieber ausführlich über den Instagram-Account der Popkönigin schreiben oder über deren Tattoos (Rilke-Zitat, deutsch!)? Dass Gagas frühere Studio-Extravaganz nun dem Handgemachten und einer verbindlich-intimen Ästhetik gewichen ist, erfährt man schlussendlich aber doch. "Man riecht förmlich den Schweiß", schreibt Lorina Speder in der taz und sieht vor dem geistigen Auge bereits eine klassische Rockband auf der Bühne stehen. Nadine Lange vom Tagesspiegel attestiert eine "Hinwendung zum Ursprünglicheren", vermisst aber die "offensichlichen Knallersongs". Das Album wirke auch wegen der zahlreichen Gastauftritte befreundeter Künstler "wie ein großer Gemischtwarenladen. ... Derart experimentierfreudig war sie bisher noch nie. Allerdings auch noch nie so wenig clubtauglich und urban."

Außerdem: Kerstin Holm berichtet in der FAZ vom Festival Moskauer Forum, bei dem auch zwei bislang unbekannte Zwischenspiele aus Dmitri Schostakowitschs Oper "Die Nase" gespielt wurden: Als Parodie auf die Retroästhetik der zwanziger Jahre klängen sie "frisch wie ein Kommentar zum heutigen Tag".

Besprochen wird Agnes Obels neues Album "Citizen Of Glass" (FR).
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Film

Besprochen werden Günter Schwaigers Dokumentarfilm "Seit die Welt Welt ist" über Bauern in Spanien (taz), Ralf Huettners Verfilmung des Kinderbuchklassikers "Burg Schreckenstein" (ZeitOnline) und Sven Taddickens "Gleißendes Glück" (FAZ).
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Design

Für den Tagesspiegel besucht Gunda Bartels die "Do it yourself-Design"-Ausstellung im Berliner Bröhan-Museum.
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Bühne


Heiner Müllers "Auftrag" am Staatsschauspiel Hannover.Foto: Katrin Ribbe.

Für die taz hat Jens Fischer eine Delegation des Staatstheaters Hannover nach Minsk begleitet, die dort Heiner Müllers "Der Auftrag" aufgeführt hat. Auf die Frage, ob dies überhaupt Not tue, angesichts dessen, dass regimekritische Theatergruppen in Weißrussland zum Landesboykott aufrufen, reagiert das Goethe-Institut mit einem Verweis auf den Kulturhunger der Bevölkerung. Wie sieht es also mit den Reaktionen derselben aus? "Es herrscht gebannte Stille, staunende Irritation. Wenn Heimat als 'Geborgenheit der Sklaverei' bezeichnet wird oder ein Luftballon mit 'I love Minsk'-Graffito zerplatzt - Reaktionen gibt es keine. Hannovers Schauspielintendant Lars-Ole Walburg vermutet als Andockpunkt die von Müller artikulierte Furcht 'vor der Schande, glücklich zu sein'. Nämlich den Verrat am Kampf für eine bessere Welt im kleinen Konsumglück, auch in Minsk mit allen Markenprodukten des Westens versorgt zu sein. Aber was das Publikum wirklich mitnimmt, bleibt unklar. Es erhebt sich, klatscht kurz - und bildet im Foyer einen Halbkreis um das Regieteam."

Weiteres: Rolf Lautenschläger (taz) und Peter Laudenbach (SZ) bringen Neues zum Stand der Dinge im Räumungsverfahren gegen die Boulevardbühnen am Kurfürstendamm.

Besprochen werden Lilja Rupprechts Inszenierung von Botho Strauß' "Groß und klein" am Schauspiel Köln (FAZ), Friedrich von Flotows in Frankfurt gezeigte Oper "Martha" (FR).
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Kunst

Im FAZ-Gespräch mit Rose-Maria Gropp, Jürgen Kaube und Andreas Platthaus schwärmt David Hockney von den Vorzügen des Fortschritts: Er malt jetzt auf einem Tablet: Das Gerät "ist ein sehr schnelles Werkzeug, das schnellste, das ich kenne, und Geschwindigkeit ist für einen Zeichner von Vorteil. Zum Beispiel können Sie auf dem iPad blitzschnell, in nur zwanzig Sekunden, eine Farbpalette erzeugen, viel schneller als mit Aquarellfarben. Als ich 'The Arrival of Spring' für die Royal Academy gemalt habe, tat mir das gute Dienste, denn während des Frühlings in Yorkshire wechselt das Licht ständig. ... Ein Zeichner muss sich für Geschwindigkeit interessieren. Sehen Sie sich Rembrandts Zeichnungen an. Der konnte wirklich schnell zeichnen, das sieht man seinen Linien an." (Bild: David Hockneys "Fresh Flower" datiert auf 2010, die Pixelperiode.)

Besprochen werden die Berliner Ausstellung "Surreale Sachlichkeit" in der Sammlung Scharf-Gerstenberg (Berliner Zeitung, mehr im gestrigen Efeu), die Carte Blanche für Tino Sehgal im Palais Tokyo in Paris (FAZ) und die Ausstellung "Bildwitz und Zeitkritik - Satire von Goya bis Grosz" im Rupertinum in Salzburg (FAZ).
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