Efeu - Die Kulturrundschau

Geradezu altmeisterlich

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18.10.2016. Heute eröffnet die Frankfurter Buchmesse. Vom Buchpreis für Bodo Kirchhoff erwarten sich die Kritiker nicht unbedingt eine Belebung der Literatur, dem Tagespiegel ist er sogar richtig peinlich, aber für die Welt geht er in Ordnung. Der Merkur leidet nach der jüngsten Sitzung des Literarischen Quartetts unter echtem Verachtungsstress. Die Nachtkritik erlebt mit Christine Eders Untergangsrevue "Alles Walzer, alles brennt" am Volkstheater einen echten Wiener Pallawatsch. Der Standard schlendert mit Leonard Cohen über den Zentralfriedhof.

Literatur



Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an Bodo Kirchhoff  für seine schmale Novelle "Widerfahrnis". Umso länger ausgefallen ist seine in Frankfurt gehaltene Dankesrede, wie Judith von Sternburg für die Berliner Zeitung berichtet. Sie findet es "ein bisschen verrückt, dass ausgerechnet der ausgewiesene Großromancier mit einem so ökonomischen Text gewann". Gar nicht verrückt, sondern eigentlich ziemlich ärgerlich findet Gerrit Bartels im Tagesspiegel diese Entscheidung: Ausgezeichnet wurde "eine Geschichte, die Züge einer Männerfantasie trägt, die mitunter peinvoll kitschig ist und partout aktuell sein will, in dem sie die Flüchtlingskrise des Sommers 2015 mit einer letzten Liebe verknüpft. ... Bodo Kirchhoff hat zuletzt mit 'Die Liebe in groben Zügen' und 'Verlangen und Melancholie' zwei großartige, preiswürdige Romane geschrieben - es wirkt, als werde er nun dafür mit einem viel schlechteren, aber ach so wahnsinnig gegenwärtigen Buch nachträglich ausgezeichnet." Kirchhoff ist mit diesem Buch eine "geradezu altmeisterlich schön geschriebene Novelle", lobt dagegen Elmar Krekeler in der Welt, der im übrigen alle nominierten Romane für lesenswert hält. Doch auf die "Frage, was davon in die Nähe von Weltliteratur kommt, gibt es nur eine Antwort. Thomas Melle." In der Zeit schätzt Helmut Böttiger Kirchhoffs Novelle als Buch, "das man seiner Tante gefahrlos unter den Weihnachtsbaum legen kann".
 
Im Blog des Merkur resümiert Danilo Scholz die jüngste Episode des Literarischen Quartetts, in deren Verlauf die "schräge Genderdynamik" der Sendung fast zur Explosion führte, weil Maxim Biller und Gast Thomas Glavinic sich gegenseitig in ihrem Machogehabe bestärkten: "Über dem gesamten Gespräch hing eine Giftwolke, die zwischenzeitlich kurz davor stand, die Diskussionen völlig einzuhüllen. Der Verachtungsstress kontaminierte die Interaktionen, das Nachsehen hatte die Literatur."

Ein launiges Gespräch führt Doris Akrap in der taz mit dem Autor Joshua Cohen. Der hält den Nobelpreis für Bob Dylan nicht nur für "eine selbstverliebte Rechtfertigung der Babyboomer-Generation und ihrer Gegenkultur" und also für "Nostalgie", sondern er sieht auch die Erosion des Zwei-Parteiensystems in den USA nahen: "Aus den Republikanern wird sich vermutlich eine neue rechte Partei entwickeln, aber es wird auch eine neue linke Partei entstehen, die die Agenda der Anhänger von Bernie Sanders repräsentiert. Aus der Selbstzerstörung der Parteien ziehe ich großen Optimismus."

Und noch Nachträge zu Bob Dylan: In der NYRB glaubt Tim Parks, dass eigentlich nur englische Muttersprachler die Größe von Bob Dylan erkennen können, für alle anderen seien sie eher Songtexte. Das sieht Sieglinde Geisel irgendwie auch so, die sie für den SRF ihrem berüchtigten Page-99-Test unterzogen hat. Ihr Favorit wäre der Berner Liedermacher Manni Matter.

Weitere Artikel: Die Zeit hat Ian McEwans und Julian Barnes' episches Gespräch (unser Resümee) online gestellt. Für "ein erstaunliches Zeichen" hält es in der FAZ Tilman Spreckelsen, dass der niederländische Kinderbuchautor Bart Moeyaert den Gastauftritt der Niederlande und Flanders auf der Frankfurter Buchmesse verantwortet. In der SZ referiert Jan-Pieter Barbian die Geschichte der "Arisierung" des S.Fischer Verlags im "Dritten Reich".

Besprochen werden u.a. John Le Carrés Memoiren (Tagesspiegel, unsere Kritik hier) und Aravind Adigas "Golden Boy" (Tagesspiegel). Außerdem hat Arno Widmann für den Perlentaucher wieder Bücher vom Nachttisch geräumt. Schließlich  bringen SZ, FR und taz heute ihre Beilagen zur Frankfurter Buchmesse, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten.
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Musik

Auch auf seinem neuen Album "You Want it Darker" besingt Leonard Cohen mit seinen 82 Jahren ganz unaufgeregt die Liebe und den Abschied, freut sich Karl Fluch im Standard: Das kann man gut in Wien hören. "Dazu passt das Tempo seiner Songs, die den Ruhepulsbereich nicht verlassen. Wenn sich ein Witwer im November über den Zentralfriedhof an das frische Grab seines Lebensmenschen schleppt, dann in dieser Geschwindigkeit."

Weitere Artikel: Bob Dylan hat bislang keine Anstalten gemacht, auf die Kontaktversuche der Schwedischen Akademie zu reagieren, meldet Pitchfork. Im Tagesspiegel gratuliert Johannes Schneider Chuck Berry zum 90.

Besprochen werden ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Tugan Sokhiev (Tagesspiegel) und ein Konzert von Jean-Michel Jarre (FR).
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Kunst


Otto Dix, Die Familie des Malers Adalbert Trillhaase, 1923. Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin. Foto: Jörg P. Anders

Lassen sich Surrealismus und Neue Sachlichkeit zusammenbringen? Eine Berliner Ausstellung in der Sammlung Scharf-Gerstenberg wagt nun genau dieses Experiment, das Nicola Kuhn im Tagesspiegel für geglückt erklärt: "Das Gefühl, hier stimmt etwas nicht, beschleicht den Betrachter umso mehr, je länger er die Ausstellung besucht: mit ihren monströsen Kindern, verstörten Familien, hohläugig blickenden Erwachsenen, kryptischen Stillleben mit Glaskugel oder umgewendetem Frack, den mit Lineal vermessenen Landschaften. Alles, was zunächst rational durchkonstruiert erschien, besitzt eine bedrohliche Seite, das Chaos, die nackte Angst könnte sich unter der korrekt gescheitelten Oberfläche verbergen."

Besprochen wird die Ausstellung "Am Fuße der Pyramide - 300 Jahre Friedhof für Ausländer in Rom" in der Casa di Goethe in Rom (SZ).
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Bühne

"Jede österreichische Tragödie beginnt mit einem Pallawatsch und mit einer Schlamperei", lernt Nachtkritikerin Theresa Luise Gindlstrasser vom Austromarxisten Otto Bauer, der natürlich auch seinen Auftritt bekam Christine Eders Untergangsrevue am Volkstheater Wien: "Die Inszenierung 'Alles Walzer, alles brennt' greift auf Erprobtes zurück, fokussiert sich thematisch aber auf die Arbeitendenbewegung in Wien zwischen 1918 und 1934. Wo Musik, Fahnenschwenk und Geschichtserzählung von unten schon einmal bestes Agitprop ergeben haben, wird's wieder funktionieren? Wo einmal vollgeramschte, intime Off-Bühne war, wird's im großen, teuren Volkstheater auch funken? Aber ja doch: Es funkt!"

Auch Margarete Affenzeller ist im Standard sehr zufrieden über diese Erfüllung des Bildungsauftrags: "Eine manisch-frohlockende Stempelszene, wie sie Thomas Frank als Kanzler Dollfuß hinlegt, hat die Welt noch nicht gesehen. Auch schreibt der Enthusiasmustanz des sozialdemokratisch geflashten Finanzstadtrates Hugo Breitner (Christoph Rothenbuchner) Geschichte."


Ein Käfig voller Krieger: Glucks "Armide" an der Wiener Staatsoper

An der Wiener Staatsoper hatte Christoph Willibald Glucks Oper "Armide" Premiere. Im Standard kann Ljubisa Tosic zwar der "behäbig-unentschlossenen" Inszenierung nicht viel abgewinnen, der der fulminanten musikalischen Umsetzung allerdings sehr viel: "Die französische Mezzosopranistin Gaëlle Arquez (als Armide) trug die Aufführung in allen Phasen ihrer verwirrten Existenz: Ob dramatische Ausbrüche oder sanfte poetische Innigkeit - diese jederzeit tragfähige Stimme verliert nie ihre dunkle, samtige Grundfarbe, was bei dieser Partie eine besondere Leistung darstellt. Ihr ritterlicher Partner, der sie/ihn schließlich verlässt - Stanislas de Barbeyrac als Renaud - punktete mit lyrischer Linienführung."

Sehr enttäuscht berichtet Barbara Behrendt in der taz von einer Diskussionsveranstaltung an der Berliner Schaubühne, die mit ihrem Untertitel "Theatermacher befragen sich und den Sinn ihrer Kunst - im Angesicht globaler Krisen und individueller Verunsicherung: Was kann, was soll, wer braucht Theater?" nicht wenig versprochen hatte. Doch leider: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, kam der Abend über "PR-taugliches Referieren eigener Arbeiten" nicht hinaus. Auch konkrete Vorschläge, wie die der Autorin Maxi Obexer, konnten Behrendt nicht beeindrucken: Obexer möchte "den politischen, theoretischen und künstlerischen Austausch von Autoren fördern - gern auch in Zusammenarbeit mit Aktivisten. Ist das also die Richtung, die das Theater einschlägt? Autoren schreiben gemeinsam mit Aktivisten gesinnungstüchtige Stücke."

Besprochen werden Jan Fabres in Amsterdam gezeigter "Mount Olympus" (Jungle World), Roscha A. Säidows "Ich hätte gern den Charme von Adriano Celentano" am Schauspiel Frankfurt (FR), Ivan Panteleevs Inszenierung von Goethes "Iphigenie auf Tauris" am Deutschen Theater Berlin (SZ, mehr im gestrigen Efeu) und Tobias  Kratzers Inszenierung von Rossinis "Italienerin in Algier" in Weimar (SZ).
Archiv: Bühne