Colm Toibin

Nora Webster

Roman
Cover: Nora Webster
Hanser Berlin, Berlin 2016
ISBN 9783446250635
Gebunden, 384 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Ditte und Giovanni Bandini. Als ihr Mann viel zu früh stirbt, verfällt Nora Webster in einen Schockzustand. Es ist das provinzielle Irland der 60er Jahre, in dem sie nun versuchen muss, sich in einem selbstbestimmten Leben als Frau und Mutter von vier Kindern zurechtzufinden. Jeder kennt jeden in der kleinen Stadt, das macht all die Entscheidungen, die sie nun alleine fällen muss, nicht einfacher. Nora ist katholisch und unkonventionell, mit grimmiger Intelligenz sucht sie neue Wege für sich und ihre Kinder. In seinem Roman gelingt Colm Tóibín das Porträt einer Frau, die die Unabhängigkeit ihrer Gefühle bewahrt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 03.11.2016

Sylvia Staude versucht, Colm Tóibíns Frauenfigur zu erfassen, diese harte, egoistische, vielleicht unsichere Nora im konservativen Irland der frühen 70er, die ihre Kinder vernachlässigt und sich undurchsichtig gibt, die aber zugleich Freiräume nutzt und unabhängiger wird, damit durchaus stellvertretend für eine ganz neue Frauengeneration, meint Staude. Beim Lesen muss Staude ihre Sicht auf die Figur dauernd ändern. Die Handlung spielt dabei laut Rezensentin keine so große Rolle, eher Atmosphäre und Tóibíns Feinzeichnung, die seine Figur in wechselnden Abständen und mit immer neuen Details im Blick umkreist, wie Staude erklärt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.09.2016

Christopher Schmidt stellt die Heldin aus Colm Toibins großem Entwicklungsroman in eine Reihe mit Emma Bovary und Effi Briest. Wie sich Nora Webster in einem fremdbestimmten, wenig entwickelten südlichen Irland um 1970 behauptet, findet er unsterblich dargestellt. Ruhig und kraftvoll entwickelt der Autor laut Rezensent den doppelten Unabhängigkeitskampf, den einer Frau und den einer ganzen Nation. So autobiografisch der Text Schmidt erscheint, so allgemeingültig sind für ihn Toibins Schilderungen der Provinz und ihrer Zwänge, des Mutterseins und seiner Beschränkungen und des aufflammenden Nordirland-Konflikts als des politischen Hintergrunds der Handlung. Individualgeschichte als Chronik einer Region, meisterhaft umgesetzt, findet Schmidt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2016

Sandra Kegel spricht viel von Verschiebungen und Tektonik in Colm Toibins neuem autobiografischem Roman. Aufbauend auf einer persönlichen Urszene der Verlassenheit erzählt der Autor laut Kegel in schlichtem, pointenlosem, aber elliptischem Stil von den Geschicken einer Familie nach dem Tod des Vaters Ende der 60er im Südosten Irlands. Aus Sicht der Mutter beschreibt Toibin empathisch die Veränderungen im Außen und Innen der Figur, erklärt sie, und erkundet die verdeckten Emotionen. Für Kegel eine faszinierende "innere Reise", die sich zwar nicht als Emanzipationsgeschichte lesen lässt, aber die kirchlichen, patriarchalen Strukturen der Zeit und des Ortes dennoch sichtbar macht.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 20.08.2016

Rainer Moritz findet das Auge Colm Tóibíns für scheinbar bedeutungslose Alltagssituationen, die letztendlich die Wirklichkeit anhäufen, ziemlich beeindruckend. Tóibín gesteht seinen Figuren in "Nora Webster", allen voran Nora selbst, ihre eigenen Ambivalenzen und Eigenheiten zu, die sie ungemein glaubwürdig machen, erklärt der Rezensent. Nora Webster verliert ihren Ehemann und muss fortan für sich und ihre vier Kinder aufkommen, was für eine Frau in der irischen Provinz der Sechziger alles andere als einfach ist, aber Nora ist weder sonderlich sentimental noch scheut sie Konfrontationen und so wird aus dem einleitenden Trauerfall die wunderbare Geschichte einer laufenden Ermächtigung, fasst Moritz glücklich zusammen.