Efeu - Die Kulturrundschau

Nichts ist Zufall, vieles ist Zerfall

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17.10.2016. Nach der Ivan Panteleevs Aufführung von Goethes "Iphigenie" am Deutschen Theater klopfen sich die Kritiker viel Staub vom Revers. Die SZ empfiehlt einen Ausflug nach Konstanz, zu Neil LaButes Inszenierung von Tschechows "Onkel Wanja". Die Zeit lernt im Whitney Museum von Carmen Herera, die Akkuratesse der scharfen Linie zu lieben. Die NZZ beobachtet im Hafen von Antwerpen mit Schrecken, wie das Neue im Tigersprung das Alte überwältigt. Außerdem setzen sich die Feuilleton schon mal in die erste Reihe für den großen "Terror"-Schauprozess heute Abend in der ARD.

Bühne


Staubige Felsblöcke im Raum: "Iphigenie auf Tauris" am Deutschen Theater. Foto: Arno Declair

Am Deutschen Theater in Berlin hat Ivan Panteleev Goethes "Iphigenie auf Tauris" auf die Bühne gebracht. In der FAZ war Simon Strauss von der Inszenierung allerdings wenig berührt, kenne doch Panteleev "Treue zum geliebten Text keine Grenzen. Penibel wird hier Satz für Satz vorgetragen und in der Betonung bis auf die letzte Klangfarbe Acht gegeben", was eine geradezu monotone Sprech-Vorstellung ergebe. "Dadurch nimmt er ihr zwar die Heiligkeit der moralischen Parabel, setzt aber jenseits des Formalen - Goethes antikischem Jamben-Stil - nichts anderes an die leer gewordene Stelle."

Allerdings sei das Stück ja auch schon an sich "schlecht", und überhaupt "leblos, seltsam ausgedacht", merkt dazu Dirk Pilz in der FR an. Dass Panteleev mit seiner Inszenierung geradezu gegen das Stück arbeite, macht es in Pilzens Augen nicht viel besser: Panteleev "glaubt dem Text die Ideale der Menschlichkeit und Versöhnung mit keiner Silbe. Der Glaubensverlust zeigt sich am Spiel selbst: Man steht und spricht, auf Gestik wird fast durchweg verzichtet, die Mimik verrät stets die großen Mühen, den Figuren Fassung zu geben. ... Die Dialoge liegen wie staubige Felsblöcke im Raum, die Szenen leiden schwer unter ihrer Fußnotenhaftigkeit." Für Christine Wahl vom Tagesspiegel ist die Inszenierung denn auch beinahe zum "Hörstück" geraten.

Die Großstadt-Kultur darf ihren Dünkel gegenüber der Theaterprovinz gerne ablegen, meint in der SZ Christine Dössel nach dem Besuch von Neil LaButes "Onkel Wanja"-Inszenierung am Theater Konstanz: "Die sogenannte Theaterprovinz ist sehr viel besser als ihr Ruf, es hat sich da in den letzten zehn, fünfzehn Jahren inhaltlich und ästhetisch viel getan. Die Theater öffnen sich, es gibt internationalen Austausch, die Ansprüche sind gestiegen, die Niveau-Margen auch. ...  Konstanz kann's."

Außerdem: Im Tagesspiegel porträtiert Patrick Wildermann die Performancekünstlerin Simone Dede Ayivi. In der Berliner Zeitung erinnert sich Jutta Voigt an die DDR-Bohème rund um das Berliner Ensemble, die früher im legendären Künstlerlokal "Möwe" gefeiert hat.

Besprochen werden Victor Bodos Gogol-Hommage "Pension zur wandernden Nase" am Hamburger Schauspielhaus erlebt (bei dem Falk Schreiber in der Nachtkritik ein Ensemble aus großartigen Komödianten erlebte), Ersan Mondtags und Olga Bachs Endzeitfanatsie "Die Vernichtung" am Konzert Theater Bern (Nachtkritik), eine Wiesbadener "Zauberflöte" (ein "Schabernack-Stück", schreibt Stefan Schickhaus in der FR) und Torsten Fischers Inszenierung von Antonio Salieris Oper "Falstaff" in Wien (FAZ).
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Kunst


Carmen Herrera: Blanco y Verde, 1959 (Ausschnitt). Whitney Museum of American Art, New York.

Endlich wird Carmen Herrera im großen Stil gewürdigt, freut sich Hanno Rauterberg in der Zeit: Das Whitney Museum in New York bildet das Werk der 101 Jahre alten Malerin derzeit in einer großen Schau ab. Die abstrakten, strengen Bilder Herreras kommen im Zusammenspiel dieser Ausstellung erst richtig zur Geltung, schreibt er: Avantgardisten wie Jackson Pollock,  Willem de Kooning und Barnett Newman "scheinen es darauf anzulegen, allen anderen Werken, die etwas weniger welteroberungshaft auftreten, jeden Geltungsraum abzusprechen. Herreras Kunst, die zeitgleich zu den Heldenwerken der Fünfziger und Sechziger entstand, verbietet sich den Überschwang. Sie braucht kein schäumendes Farbgewühle, sie muss sich ihre eigene Großartigkeit nicht beweisen. Es reicht ihr die Akkuratesse einer scharfen Linie. Damit allein bringt sie gewohnte Weltsysteme aus dem Lot. Nichts ist Zufall, vieles ist Zerfall."

In Teheran ist man von visueller Propaganda umringt, schreibt Johanna Di Blasi in einem von der Zeit online nachgereichten Artikel. Doch im Schatten dieser Bilderflut richtet sich derzeit eine junge Künstlergeneration ein: Sie entwickele "eine betont zügellose, von der dritten und vierten nachrevolutionären Generation getragene Underground-Visualität aus Fotos exzessiver Partys in sozialen Netzen, Graffiti oder Bildern verbotener Modeschauen. Der Reiz, aber auch die Tragik der ungemein vitalen Kunstproduktion resultieren aus dem Spiel mit den antagonistischen Bildwelten der Islamischen Republik und subtilen Manövern haarscharf an der Zensur vorbei."

Besprochen werden Thomas Girsts und Magnus Reschs Buch "100 Secrets of the Art World" (taz), die Ausstellung "Otto Dix - der Isenheimer Altar" im Musée Unterlinden in Colmar (taz), Mary Reid Kelleys Schau in der Kunsthalle Bremen (taz) und die Ausstellung "Beyond Caravaggio" in der National Gallery in London (FAZ).
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Literatur

Für die FAZ hat sich Julia Bähr die von Anne Schüßler zusammengestellten Zahlen über die Defizite der Genderparität beim Deutschen Buchpreis angesehen und ergänzt diese mit eigenen Beobachtungen: Die Tendenz beim Buchpreis - mehr Männer werden nominiert, doch Frauen gewinnen häufiger - schlägt beim ehrwürdigeren Büchnerpreis deutlich zugunsten der Männer aus (nur 14 Prozent der Preisträger sind weiblich), wohingegen tendenziell die Frauen in Klagenfurt die Nase vorne haben. "Vom Bachmann-Preis zum Büchner-Preis - irgendwo auf dieser Strecke, zwischen einer einzelnen Geschichte und dem Lebenswerk, werden die Schriftstellerinnen also von ihren männlichen Kollegen überholt." 

Weiteres: Für den Tagesspiegel spricht Gerrit Bartels mit Thomas Melle über dessen manisch-depressive Erkrankung, mit der sich der Autor in seinem für den Buchpreis nominierten Roman "Die Welt im Rücken" (hier unsere Rezensionsnotizen) auseinandergesetzt hat. Amloud Alamir porträtiert im Tagesspiegel die in Berlin lebenden Autorinnen Yasmine Merei aus Homs und Deborah Feldman aus New York, die beide einem orthodoxen Umfeld entflohen sind. Sarah Maria Brech berichtet in der Welt von der Aufregung, die Viktor Frölke mit seinen "Tagebuch eines Briefträgers" in den Niederlanden auslöste. In der Jungle World gratuliert Uli Krug dem Comic-Westernhelden Lucky Luke zum 70. Geburtstag. Ebenfalls in der Jungle World rückt Roger Behrens den Schlümpfen ideologiekritisch zu Leibe. Einsehen muss er dabei allerdings auch, dass "die Aufklärung der faschistischen Tendenzen in Schlumpfhausen auf der Agenda der Emanzipation von Elend und Doofheit angesichts der realen Weltlage erst einmal ganz unten steht."

Besprochen wird unter anderem Terézia Moras "Die Liebe unter Aliens" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Gisela Trahms über Anne Vegters "Das Geheimnis des Buchhändlers":

"Du verkaufst Bücher aber eigentlich reichst du Liebe weiter
du gibst Ratschläge aber eigentlich öffnest du Fernsichten
du nennst einen Autor aber eigentlich weckst du ein Verlangen
..."
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Musik

Im Klangkunst-Radioessay auf Deutschlandradio Kultur legt der russische Komponist und Klangforscher Andrey Smirnov die Geschichte des Rhythmikons frei, des 1932 von Leon Theremin entwickelten Drumcomputer-Vorläufers (hier sieht man das Gerät im Gebrauch). Im Tagesspiegel denkt der aus Aserbaidschan kommende Komponist Elmir Mirzoev über seine Zeit im Flüchtlingslager nach. Im ZeitMagazin träumt Yo-Yo Ma.

Besprochen werden eine Aufführung von Cornelius Cardews "Treatise" in Berlin (taz), ein Konzert von Yekwon Sunwoo und Dmitri Levkovich (FR), ein Auftritt von Rob Zombie in Berlin (Tagesspiegel) und der Saisonauftakt des BR-Chors unter dem neuen Leiter und Dirigenten Howard Arman (SZ).

Außerdem jetzt online bei BR-Klassik: Ein Videomitschnitt von Rudolf Buchbinders Beethoven- und Strauss-Konzert mit dem BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons. Und Arte bringt ein Konzert von François Leleux und dem hr-Sinfonieorchester unter Andrés Orozco-Estrada.
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Architektur


Das Neue im Tigersprung. Zaha Hadids Hafengebäude in Antwerpen. Foto: Helene Binet.

In der NZZ ist Paul Andreas überhaupt nicht einverstanden mit Antwerpens neuem Hafengebäude aus dem Hause Zaha Hadid: Die Maßstäbe seien völlig verloren geganggen: "Die korpulenten, dynamisch angeschrägten Betonkerne der Konstruktion tragen ein Aussichtsgeschoss, das die Schnittstelle zwischen dem Altbau und dem neuen Überbau bildet. Das wirkt an sich nicht ungelenk - mit etwas Phantasie lässt sich darin sogar eine Reminiszenz an die Kräne sehen, die mit ihren gewaltigen Kragarmen auf den Containerschiffen das tägliche Wunder globaler Logistik bewältigen. Andererseits schmerzt es aber auch das Auge, wenn man das stramme Tragwerk mit dem nicht gerade zierlichen Feuerwehrhaus darunter vergleicht: Die ingenieurtechnische Übermacht des Neuen lässt die alte, traditionelle Architektur sehr klein und vergessen aussehen. Als könnte die Zukunft die Vergangenheit im Tigersprung überwältigen, erscheint der Bestand zur bloßen Fußnote degradiert."

Für die SZ-Reihe über europäische Plätze ist Christiane Schlötzer nach Athen zum Omonia gereist, der ihr eine typische Facette Griechenlands offenbart: "Ernst Ziller baute für das neue Athener Bürgertum, im Stil des deutschen Romantizismus. Europas Architektenelite, die sich im neugriechischen Staat verwirklichen durfte, schwelgte in Antikensehnsucht. Dass in Griechenland auch immer der Orient zu Hause war, interessierte sie weniger. Ost und West, das ist der ewige griechische Dualismus, und der Omonia ist Teil davon. Das Orientalische drängt sich an die neoklassizistischen Fassaden, bewohnt die ebenerdigen Läden, belebt die Nebengassen mit Kleinhandel: Gürtel und Batterien, Sesamkringel und Socken. Das Sortiment ist üppig, die Kundschaft gemischt, hier lebt die Agora."

Christian Thomas gratuliert Volkwin Marg in der FR zum 80. Geburtstag.
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Design


"Entfaltungsraum. PS: Sür-Prix" By De Niz.

Von rührender Bescheidenheit und doch ungemein beeidnruckend findet Jürg Zbinden in der NZZ die Präsentation der großen Schneiderin Deniz Ayfer, die das Erbe der Schweizer Modeschöpferin Christa de Carouge übernommen hat und in der Zürcher Mühle Tiefenbrunnen ihre Kreationen vorstellte: "Hauptakt war eine von Deniz Ayfer präsentierte multivariable Textilie namens 'Freiraum': ein freier Raum zur Gestaltung eines persönlichen Gewands. Daraus kann eine Bluse, eine Jacke, ein Kleid, eine Hose werden oder auch ein Overall. Erhältlich ist 'Freiraum' in verschiedenen Stoffausführungen, ein De-Niz-Basic wie die begehrten Tuniken von de Carouge. Ein Stoff mit fünf Einschnitten, der bewegt werden muss, um diese sichtbar zu machen."
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Film

Ferdinand von Schirachs "Terror" ist seit Herbst das meistgespielte Stück im deutschen Theater, heute Abend kommt der Prozess gegen einen Piloten, der ein Flugzeug abschießt, um Schlimmeres zu verhindern, ins Fernsehen. Elmar Krekeler nennt das Stück in der Welt zwar ein "ziemlich fabelhaftes, nahezu nacktes Lehrstück, einen Schauprozess von einiger Strahlkraft", macht aber auf einen großen Webfehler aufmerksam: "Was nicht sein kann, nicht sein darf, ist, dass der Richter sich dieser Meinung beugt. Er kann das Ergebnis der 'Schöffen'-Befragung verkünden. Dann aber muss er sein Urteil formulieren." In der FAZ findet Jürgen Kaube zwar die sieben Minuten, die das Fernsehpublikum für seine Entscheidung hat, zu kurz, verteidigt das Drama aber gegen die Kritik von Gerhart Baum und Burkhard Hirsch, die das Publikum gegen die Verfassung aufgebracht sehen.

Im Podcast von critic.de sprechen Lukas Foerster, Frédéric Jaeger und Ekkehard Knörer über Qualitätsfernsehen. Die FR bringt einen Auszug aus Daniel Kothenschultes Coffee Table Book über die Trickfilme Walt Disneys. Anlässlich des Todes von Andrzej Wajda hat der WDR Anja Krug-Metzingers Feature von 2012 über das Kino des polnischen Auteurs wieder online gestellt. Die FAZ dokumentiert Sandra Kegels Laudatio auf Michael Haneke, der mit dem Globart Award ausgezeichnet wurde.

Besprochen werden Dani Levys neue Komödie "Die Welt der Wunderlichs" (Zeit) und die Flatulenz-Komödie "Swiss Army Man" (SZ, unsere Kritik hier).
Archiv: Film