Efeu - Die Kulturrundschau

Unsere Körper entgleiten uns

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07.10.2016. SZ und Berliner Zeitung sind begeistert: Mit dem Album "A Seat at the Table" hat Solange Knowles den Soundtrack zu diesem ganzen beschissenen Jahr vorgelegt. Die NZZ denkt über das Sterben auf der Bühne nach. Der Körper kehrt zurück in die Kunst, stellt die Zeit fest. In der SZ verweist der Ferrante-Enthüller Claudio Gatti auf die völlige Folgenlosigkeit seiner politischen Investigativgeschichten.

Kunst

Der Körper kehrt zurück in die Kunst, stellt Magdalena Kröner in einem online nachgereichten Zeit-Artikel fest. Die Körper mögen im einzelnen digital gebaut sein, aber doch stellen sie eben Rückbindungen an eine figürliche Darstellung dar. Womit hängt dieser Trend zusammen, fragt sich Kröner. Vielleicht damit, dass Welterfahrung zunehmend mittelbar durch die digitalen Medien gewonnen wird? "Entsprechend werden die Menschen in den Industrienationen immer dicker und haben weniger Sex. Unsere Körper entgleiten uns. Und, so könnte man meinen, kehren in der Kunst zurück. Dort erleben die Körper, woran wir uns sehr bald schon nicht mehr erinnern werden. Während wir in körperlosen, narzisstischen Schleifen behaglich um uns selbst kreisen, erleiden die Körper in der Kunst an unserer statt, was wir unter allen Umständen verhindern wollen: Leidenschaft, Tod, Verfall."


Modernisiertes Landschaftsgemälde: "De Peel Air Base" von Ingrid Burrington, 2015

Für die taz porträtiert Tilman Baumgärtel die derzeit in Berlin ausgestellte Künstlerin Ingrid Burrington, die sich in ihren Arbeiten mit den materiellen Grundlagen und der technischen Infrastruktur der heutigen Kommunikationswelt im urbanen Raum befasst. Unter anderem bearbeitet sie Satellitenaufnahmen von zentralen Datenknotenpunkten: Die Oberflächenstrukturen mögen zunächst "an die Abstraktionen eines Paul Klee erinnern. Aber eigentlich sind diese Arbeiten eine Art modernisiertes Landschaftsgemälde. Sie erzählen davon, wie sich die Technik und die von ihr hervorgebrachten Unternehmen in die Erdoberfläche einschreiben und global ihre Spuren hinterlassen."

Weiteres: Elke Linda Buchholz berichtet im Tagesspiegel von einem Treffen chinesischer und deutscher Künstler in einem ehemaligen Gefängnis am Rande Berlins.

Besprochen werden die Ausstellung "Drei Farben: Schwarz" der Neuen Pinakothek in München (SZ), die Ausstellung "Yokohama 1868-1912. Als die Bilder leuchten lernten" im MAK Frankfurt a.M. (FAZ), die Ausstellung "Hinter dem Vorhang. Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance" im Düsseldorfer Museum Kunstpalast (Welt), eine Ausstellung im Kunstmuseum Basel mit frühen Werken Jackson Pollocks (Tages-Anzeiger) und die Ausstellung "Wege des Pointillismus" in der Albertina in Wien (FAZ).
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Musik

Ganz ergriffen ist Jens Balzer von "A Seat at the Table", dem neuen Album von Solange Knowles: "In seiner Verzweiflung über den gesellschaftlichen Regress, über das Wiedererstarken des rassistischen Mobs, über den aktuellen Rückfall der Zivilisation in längst überwunden geglaubte Epochen ist es das Album der Stunde, der Soundtrack zu diesem ganzen beschissenen Jahr", schreibt er in der Berliner Zeitung. Auch musikalisch überzeugt ihn das Album voll: "Vielleicht könnte man sagen: In der Souveränität, in der hier 'weiße' und 'schwarze' Traditionen ineinander verflochten werden, bringt Solange Knowles die utopische Schönheit einer Musik zum Leuchten, in der es zwischen 'uns' und 'den anderen' keine Grenze mehr gibt." Auch Jan Kedves von der SZ ist begeistert davon, wie Knowles auf geradezu intime Weise politische Themen verhandelt.

Im Freitext-Blog von ZeitOnline geht Florian Werner unterdessen auf die Knie vor dem neuen Album "Let Them Eat Chaos" der Britin Kate Tempest: Diese wolle schlicht "ALLES. Hier ist eine Poetin, die ihren Job noch beim Wort nimmt: als poiesis, Handeln, als Fähigkeit zur Weltschöpfung und -zerstörung. Sie will ein Panorama der Gegenwart an deine Schädeldecke projizieren, sieben exemplarische Psychogramme zeichnen, ein Bild von London, auf das der düstere Visionär William Blake stolz wäre." Für den Freitag bespricht Arno Frank das Album.

Weiteres: Anlässlich der Ende Oktober anstehenden ersten Live-Konzerte in der 38-jährigen Geschichte des Pop-Duos Yello spricht Michael Pilz in der Welt mit Dieter Müller und Boris Blank. Die taz bringt eine Übersetzung von David Grubbs' Bericht seiner Begegnungen mit dem im April verstorbenen Avantgarde-Musiker Tony Conrad (hier die etwas längere Originalfassung aus Music & Literature). In Berlin hat Kirill Petrenko seinen Vertrag bei den Berliner Philharmonikern unterzeichnet, berichten Ulrich Amling (Tagesspiegel) und Peter Uehling (Berliner Zeitung). In der NZZ stellt Adam Olschewski die Brüder Micha und Markus Acher vor, die hinter Projekten wie The Notwist und dem Alien Ensemble stecken. Die New Yorker Kunstszene entdeckt derzeit die Avantgarde-Cellistin Charlotte Moorman wieder, freut sich Susanne Mayer auf ZeitOnline. Philipp Kressmann unterhält sich für die Spex mit Camp Inc. Für The Quietus spricht Nikita Velichko mit den Ambientkünstlern Stars of the Lid.

Besprochen werden der Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker (Berliner Zeitung), Jenny Hvals "Blood Bitch" (taz), "Fires within Fires" von Neurosis (Pitchfork), ein Konzert von Daniil Trifonov (Tagesspiegel), ein Auftritt der Red Hot Chili Peppers in Zürich (NZZ), ein Abend mit der Sopranistin Christiane Karg (FR), Eva Riegers Biografie der Sopranistin Frida Leider (NZZ), und das neue Album der Berliner Krautrockband Camera (SZ). Aus letzterem ein Musikvideo:

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Bühne

Eine seltsame Sache ist das, dieses Sterben auf der Bühne, das ja zum Theater dazugehört wie zum Leben, und doch in beiden eine Sonderrolle hat, stellt Bernd Noack in der NZZ fest und befragt Schauspieler nach ihren Erfahrungen und Gedanken. "'Das Paradoxe am Sterben auf der Bühne ist ja, dass man es eben niemals wirklich nachspielen kann', sagt Franz Rogowski, Schauspieler an den Münchner Kammerspielen, 'sondern es ist etwas, was man nur vordenken kann, nicht nachbereiten. Das Absurde ist, dass dieser Vorgang eigentlich etwas Zukunftsorientiertes hat, gleichzeitig aber auch das Ende des Lebens bedeutet - dieses Paradox zu spielen, ist eigentlich unmöglich, weil der Tod vielleicht das Echteste ist, was einem passieren kann. Und so etwas zu spielen, dann eben das Gefakteste von allem.'"

Weitere Artikel: Für die taz berichtet Katrin Bettina Müller von einem Peter Weiss' "Ästhetik des Widerstands" gewidmetem Theaterfestival in Berlin. Für die SZ porträtiert Julia Spinola den russischen Regisseur Kirill Serebrennikov, der an der Komischen Oper in Berlin gerade Rossinis "Barbier von Sevilla" inszeniert.
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Literatur

Im Interview mit der SZ verteidigt der Journalist Claudio Gatti die Enthüllung der Identität Elena Ferrantes, für die er von der Literaturkritik scharf kritisiert wurde. Er staunt immer noch darüber, welchen Wirbel das ausgelöst hat: "Ich habe eine große Geschichte darüber gemacht, wer den Menschenhandel zwischen Afrika und Europa kontrolliert. Ich habe Namen von Verbrechern enthüllt. Ich habe mit Drohnen gemachte Aufnahmen, wie Menschen in Libyen auf Schiffe gepackt werden. Ich habe darüber geschrieben, wie Shell einen nigerianischen Ölminister bestochen hat. Niemanden hat das je interessiert." In der Welt fasst Dirk Schümer noch einmal die Ferrante-Affäre zusammen.

Weiteres: In der New Republic macht sich Alex Shephard sehr amüsante Gedanken über potenzielle LiteraturnobelpreisträgerInnen. Der Tagesspiegel bringt eine Auszug über Marcel Reich-Ranicki aus Monika Zimmermanns Buch "Unter lauter Leuten". Im Feuilletonaufmacher der SZ unterhält sich Peter Richter mit dem Schriftsteller und Journalisten Tom Wolfe, dessen Gegenkulturklassiker "The Electric Kool-Aid Acid Test" gerade in einer aufwändigen Neuauflage beim Taschen Verlag erschienen ist.

Besprochen werden unter anderem Alex Ginos "George" (FR) und Hans Christoph Buchs autobiografisches Buch "Elf Arten, das Eis zu brechen" (Tagesspiegel).
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Film


Intellektuelles Spiel: "Der Schatz" von Corneliu Porumboiu

Mit "Der Schatz" ist dem rumänischen Auteur Corneliu Porumboiu eine staubtrockene, aber nichtsdestotrotz grandiose Komödie gelungen, freut sich die Kritik. Darin machen sich ein paar Angestellte auf die Suche nach dem titelgebenden Schatz und gehen sich dabei alsbald mit System gehörig auf die Nerven, erklärt Lukas Foerster im Perlentaucher. Und weiter: "Porumboius Filme haben auf der erzählerischen Makroebene oft etwas von intellektuellen Spielen, deren Einsatz die politische Geschichte des Heimatlandes des Regisseurs ist (...) In diesem Fall ermöglicht es das Motiv der Schatzsuche, eine Bewegung in der Gegenwart mit einer historischen Exploration in eins fallen zu lassen."

Auch FAZler Bert Rebhandl sah einen "großen Film", eine "halbe Komödie" über die schicksalshafte Geschichte von Porumboius Heimatland: Der Film biete "eine Perspektive auf die historischen Verwerfungen, von denen das Leben von Menschen geprägt ist: in der langen Dauer eines Kampfes um Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit drehen sich die Verhältnisse im Lauf der Jahrhunderte mehrfach und ohne Sinn. Das muss man erst einmal aushalten lernen. Die Filme von Corneliu Porumboiu suchen nach einer Form für einen Gleichmut, der es mit dieser Geschichte aufnehmen kann."

Besprochen werden desweiteren Emiliano Rocha Minters "We are the Flesh" (Perlentaucher), Asli Özges Thriller "Auf einmal" (Welt, Tagesspiegel), der Netflix-Dokumentarfilm "Audrie & Daisy" von Bonni Cohen and Jon Shenk (NZZ), Pio Corradis Dokumentarfilm über den Maler Varlin (NZZ) und Tim Burtons "Insel der besonderen Kinder" (Tagesspiegel, Standard, unsere Kritik hier).
Archiv: Film