Efeu - Die Kulturrundschau

Staunen führt weiter

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.09.2016. Die SZ untersucht die Sprache Elena Ferrantes. Dorothea Studthoff liefert im Logbuch Suhrkamp einen Essay über das Synchronschwimmen. In der NZZ erklärt Hugh Grant, warum er nur schlechten Kritiken glaubt. Die Jungle World lotet mit Musikerin Mykki Blanco ihre Kontingenzempfangsbereitschaft aus. Die NZZ porträtiert den Architekten Friedrich Kiesler.

Literatur







In den Debatten um Elena Ferrantes "Meine geniale Freundin" sieht Maike Albath einen Widerhall der Debatten um Elsa Morantes Roman "La Storia", an dem sich 1974 eine erhitzte feuilletonistische Diskussion über literarischen Stil entflammte, der zumal in Italien, mit seiner Trennung von literarischem und alltäglichem Sprachgebrauch, von großer Bedeutung ist. Grund genug für die Autorin, sich in der SZ einmal näher anzusehen, wie Ferrantes Übersetzerinnen das spezifische Italienisch Ferrantes in ihre jeweiligen Sprachen übertragen: "Ferrante verwendet das klassische italienische Erzähltempus, das passato remoto. Das markante Relief der Zeitformen, typisch für die romanischen Sprachen, geht im Deutschen zwangsläufig verloren. Das Changieren zwischen standardsprachlichen Ausdrucksweisen und kolloquialen Redewendungen aber vermittelt Krieger sehr gut. Wenn es zu den Figuren passt, verstärkt sie das Umgangssprachliche."

"Körper, die im Sport sonst so, tja, körperlich sind, so sichtbar arbeiten, so präsent sind, werden zu glitzernd verpackten, langen Gliedern, die sich im Wasser zu etwas Staunenswertem formieren, dessen Sinnhaftigkeit zurücktritt hinter das zähe und anstrengende Streben nach Perfektion. Die jungen Frauen haben DAFÜR jahrelang bis zu zehn Stunden täglich trainierend im Wasser verbracht und wer bin ich zu fragen, warum eigentlich? Es ist mir egal. Ich schaue und staune. Das Kichern ist mir schon lange vergangen." Dorothea Studthoff denkt im Logbuch Suhrkamp über das Synchronschwimmen nach - eine olympische Sportart, die gern belächelt wird: "Zum Glück muss die Bewertung in den wirklich wichtigen Wettbewerben der letzten zwanzig Jahre ohnehin nicht diskutiert werden, weil die Russinnen mit so großem Abstand das beste Team sind, dass selbst Laien das erkennen."

Hier eine Kostprobe:



In einer Ausstellung im Frankfurter Goethe-Haus bietet sich derzeit die Gelegenheit, in Goethes Zeitschrift Ueber Kunst und Alterthum zu blättern, mit der sich der deutsche Nationaldichter ein eigenes Rezensionsorgan auf den Leib geschnitten hat, erklärt Patrick Bahners in der FAZ. Darin erscheint ihm Goethe auch als ferner Vorläufer heutiger Digitalpublizistik: "Thematische Offenheit, fortlaufendes, aber unregelmäßiges Erscheinen, Leserbindung durch das Interesse am Autor: Mit diesen Eigenheiten weist das Unternehmen voraus auf ein Institut der heutigen Literaturproduktion, das Blog. Die lockere Form machte es Goethe möglich, zu ästhetischen Zeit- und Modephänomenen ebenso beiläufig wie entschieden Stellung zu nehmen."

Außerdem: In der Welt fragt Alan Posener, warum das Literaturfestival Berlin die Biografie des Autors Rabai al-Madhoun frisiert, indem es verschweigt, dass al-Madhoun früher einer linken Terrorgruppe angehörte und noch heute das Existenzrecht Israels ablehnt.

Besprochen werden der Band "Benedikt XVI., Peter Seewald: Letzte Gespräche" (Welt), Christian Krachts "Die Toten" (FR), Thomas Melles "Die Welt im Rücken" (ZeitOnline) und Shumona Sinhas "Kalkutta" (Tagesspiegel).
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Film

In einem Interview mit der NZZ plaudert Hugh Grant über seinen neuen Film "Florence Foster Jenkins", Tanzen, Tennis und Filmkritiken: "Mich interessiert generell, was Leute über meine Filme denken. Aber wenn die Kritiken sehr gut sind, überspringe ich sie oft. Ist eine sehr negativ, denke ich: 'Genau, das ist die fürchterliche Wahrheit!'"

Das Filmfest in Venedig nähert sich seiner Zielgeraden. Enthusiasmus ist unter den Kritikern allerdings noch immer nicht recht aufgekommen. FAZler Andreas Kilb sieht Andrei Kontschalowskis Schoah-Film "Paradies" vom "Nebel der guten Absichten" verhüllt. Tazler Tim Caspar Boehme verfolgt Terrence Malicks "Voyage of Time" (mehr dazu im gestrigen Efeu) im Dämmerzustand der Festivalmüdigkeit.

Weiteres: Das Horrorkino zählt in dieser für die Filmindustrie recht mürben Sommersaison nicht nur zu den wirtschaftlichen, sondern vor allem auch zu den filmkritischen Gewinnern, beobachtet Daniel-C. Schmidt von ZeitOnline. Dazu passend feiert jetzt auch Daniel Kothenschulte in der FR den von seinen Kollegen (hier unsere Besprechung) sehr geschätzten "Don't Breathe" von Fede Alvarez. Auf ZeitOnline freut sich Kurt Sagatz über 50 Jahre "Raumschiff Enterprise". In der NZZ annonciert Urs Bühler das Zürcher Filmfestival, das am 22. September beginnt. Im Standard stellt Michael Pekler eine Retrospektive zum französischen Kriminalfilm der Nachkriegszeit im Wiener Filmmuseum vor.

Besprochen werden Henry Joosts und Ariel Schulmans SF-Thriller "Nerve" (FR), Mandie Fletchers "Absolutely Fabolous" (NZZ, Welt, critic.de) und die Fragment gebliebenen Memoiren von Filmemacher Helmut Dietl (SZ, FAZ).
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Kunst

Sebastian Späth unterhält sich für die Welt mit dem Modeschöpfer Craig Green, der seine neue Kollektion mit Fotos aus der Vogelperspektive bewirbt - aufgenommen von einer Flugdrohne. ZeitOnline bringt eine Strecke mit Fotografien von Peter Lindbergh.

Besprochen werden Bani Abidis Ausstellung "Exercise in Redirecting Lines" im Kunsthaus Hamburg (taz), die Martin-Kippenberger-Ausstellung "XYZ" im Kunstforum Wien (Standard, Presse) und die Eröffnungsausstellung "Auftrag Landschaft" im nach langen Restaurationsarbeiten wiedereröffneten Schloss Biesdorf in Berlin (Tagesspiegel).
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Stichwörter: Martin Kippenberger

Musik

Eigentlich überfordert die hektische ADHS-Musik von Mykki Blanco Klaus Walter total, doch mithilfe eines experimentellen Settings, in dem das neue Album "Mykki" des queeren Künstlers sich im Kopf von Walter mit den synchron gelesenen Texten zur Kunst Diedrich Diederichsens treffen, erschließt sich dem Autor diese Kunst dann doch und versetzt ihn in einem Modus exaltiert-entgrenzter Aufnahmebereitschaft, wie er in der Jungle World berichtet: "Yes! Im Herzen von 'Mykki' wohnt Mykki Blancos Bereitschaft und Fähigkeit, Kontingenzen zuzulassen, Balancen auszuhalten, zwischen ich-synton zu ich-dyston hin- und herzuswitchen und ihre Kunst, diese Kontingenzempfangsbereitschaft zu performen, also aus dem Körpergedächtnis und anderen humanen Ressourcen abzurufen. Bei Diederichsen klingt das so: 'Die adäquate Reaktion auf die Kontingenzüberwältigung durch indexikale Medien seitens der Produzenten kann nur die Pose sein, also eine Form von performierter Kontingenzempfangsbereitschaft und Zurverfügungstellung der Fetischisierbarkeit des eigenen Körpers - sie ist denn auch die zentrale Technik von Popmusik und Pornografie.'"

Weiteres: Julia Spinola porträtiert in der NZZ den Geiger Daniel Hope,  der als neuer Musikdirektor das Zürcher Kammerorchester übernimmt. Und Thomas Schacher berichtet vom Lucerne Festival. Für die SZ spricht Torsten Gross mit M.I.A.

Besprochen werden neue Alben von De La Soul (taz), Ryley Walkers "Golden Sings That Have Been Sung" (taz) und eine Ausstellung über den Pianisten und Musiktheoretiker Ferruccio Busoni in Berlin (Tagesspiegel).
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Bühne

Für die SZ begleitet Egbert Tholl Benedikt von Peter bei der Arbeit als neuer Intendant des Theaters Luzern. Dieser wolle "keinen postdramatischen Firlefanz. Komplexität, das schon, aber nichts, was man 'drei Mal dekodieren muss', um es zu verstehen. Er will keine Stücke zerlegen, sondern verführen, Menschen anlocken, ja vielleicht könnte man sogar so weit gehen, dass er die Besucher wieder mit dem Archaischen, dem Ritual des Theaters konfrontieren will."

SZlerin Sofia Glasl berichtet von der beim Theaterfestival Basel gezeigten Shakespeare-Retrospektive der Gruppe "Forced Entertainment", die alle Shakespeare-Stücke in straffen 40 Minütern auf die Bühne bringt: "Das klingt zugleich sportlich und obskur, ist aber eine der originellsten und geistreichsten Shakespeare-Adaptionen der letzten Zeit." Heute Abend finden die letzten Aufführungen statt - hier soll es ab 18 Uhr einen Livestream geben.

Weiteres: Zum Tod des Tenors Johan Botha schreiben Stefan Schickhaus (FR) und Reinhard Brembeck (SZ)

Besprochen werden Johan Simons' bei der Ruhrtriennale gezeigte Inszenierung "Die Fremden" nach Kamel Daouds Roman "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung" (Freitag) und Luk Percevals bei der Ruhrtriennale gezeigte Zola-Collage "Geld" (nachtkritik, Standard, FAZ).
Archiv: Bühne

Architektur


Friedrich Kiesler, Art of this Century, 1:3 Rekonstruktionsmodell der Surrealist Gallery, 1989. Bild: Öster. F. & L. Kiesler-Privatstiftung. MAK-Ausstellungshalle

"Staunen führt weiter"! In der NZZ empfiehlt Albert Kirchengast wärmstens eine Ausstellung zum Werk des Architekten, Designers und Künstlers Friedrich Kiesler im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK): "Kiesler war einer jener Theoretiker, die sich auf die Suche nach einer neuen, ganzheitlichen Wissenschaft begaben und ihr noch trauten, weil sie sich alles anverwandelten, um es erfinderisch anzuwenden. Berührungsängste und disziplinäre Dünkel kannte er keine. Bald hatte er auch einen Begriff parat: Im 'Correalismus' sollten Kunst, Architektur, Wirtschaft und Technologie sich vereinen. So groß der Anspruch war, so illuster blieb der endlose Weg dorthin. Kiesler, Dekorateur der Auslagen von Saks auf der Fifth Avenue, Bühnenbildner für die Juilliard School of Music, schließlich Direktor des 1937 von ihm an der Columbia University gegründeten Laboratory for Design Correlation, proklamierte in einem der zahlreichen Manifeste: 'Kunst gehört der Straße, den Häusern, dem Volke.'"

Besprochen werden ein Buch über die Geschichte des Berliner Scheunenviertels (Tagesspiegel) und der Bildband "Winzig" über minimalistisches Wohnen (SZ).
Archiv: Architektur