Efeu - Die Kulturrundschau

Eine Erfahrung in verdichteter Poesie

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12.09.2016. Benedikt von Peters Luzerner Antrittsinszenierung mit Luigi Nonos "Prometeo" lässt die Kritiker beglückt auf die Matrazen im Theater zurücksinken. Die Welt besucht den von Frank Gehry entworfenen neuen Boulez-Saal der Barenboim-Said-Akademie. Zeit online fragt, warum der Brutalismus neuerdings wieder in Mode ist. Und die Filmkritiker sind durch die Bank weg einverstanden mit dem Goldenen Löwen für Lav Diaz.

Bühne



Schön, dass der neue Intendant des Luzerner Theaters Benedikt von Peter gleich mit seiner ersten Produktion das Risiko sucht, freut sich Tobias Gerber in der NZZ. Für Luigi Nonos "Prometeo" hat Peter das Luzerner Theater umgebaut, dass es an Renzo Pianos für die Uraufführung geschaffenen Bühnenraum in San Lorenzo erinnert, aber auch an Shakespeares Globe Theater: "In der Mitte, auf Stühlen und Matratzen placiert, teilt sich das Publikum einen - wie von Peter dies im Programmheft nennt - 'egalitären Raum', der weder durch eine vorgegebene Blickrichtung noch durch eine bevorzugte Hörposition definiert ist. Umgeben von den Musikern in den Rängen ... fühlt man sich als Zuschauer gleichsam beobachtet, wie umgekehrt die Situation die eigene Lust am Beobachten nährt, und die im ganzen Raum lokalisierten Klänge laden den Zuhörer zum genauen Hinhören ein. Es ist eine offene und instabile Situation, die Nono kompositorisch gestaltet hat und die der Regisseur in Luzern aufrechterhält." Weitere Besprechungen beim Deutschlandfunk, FAZ und SZ.

Besprochen werden Yael Ronens "Denial" am Gorki Theater Berlin (nachtkritik), Stefan Puchers Inszenierung der "Antigone" in Zürich (nachtkritik, NZZ), die Schweizer Erstaufführung Michal Borczuchs Inszenierung der "Apokalypse" beim Theaterfestival Basel (nachtkritik) sowie der Saisonauftakt am Frankfurter Schauspiel mit Kay Voges' Inszenierung von Tom Lanoyes "Königin Lear" in Frankfurt (nachtkritik, FAZ) und Ersan Mondtags "Iphigenie"-Inszenierung (FAZ).
Archiv: Bühne

Architektur



Manuel Brug besucht für die Welt den von Frank Gehry entworfenen neuen Boulez-Saal der Barenboim-Said-Akademie - ein privater Verein, der vom Staat finanziert wird. Ob das nötig ist, darüber kann man streiten, aber der Saal selbst, an der Rückseite der Staatsoper gelegen, versetzt Brug in Schwingungen:  "Hell ist es hier, der Denkmalschutz hat die vielen verdunkelbaren Fenster bewahrt, durch die tagsüber die Stadt hineinreflektiert, die darin bald Probenden und Spielenden zwar geräuschisoliert, aber trotzdem am alltäglichen Leben teilhaben lässt. Man geht hinunter ins Parkett, dessen einziehbare Sitzsegmente noch nicht installiert sind. Darüber schwebt, als konzentrisch verwobene Doppelellipse aus Stahl, der Rang. Alles geht hier. Musikalisch. Und es war, abgesehen von den Baukosten, umsonst. Ein Geschenk." Heute stellt der Verein sein Programm vor und Tickets können auch schon gebucht werden.

Woran liegt es, dass insbesondere jüngere Generationen den Brutalismus wieder zu schätzen wissen und diese ästhetische Vorliebe etwa auf Tumblr oder auf Instagram zum Ausdruck bringen, fragt sich Hanno Rauterberg in einem von der Zeit online nachgereichten Essay. "Unübersehbar liegt in den oft bunkerartigen Gebilden etwas verborgen, was unserer Gegenwart mangelt", sinniert er. Aber was? "In [diesen Bauten] nistet der Glaube, die Moderne ließe sich mit modernen Mitteln überwinden. Sie zeigen sich ungelenk individuell, auf Nonkonformismus bedacht. Und träumen doch von neuen Kollektiven, davon, dass unter betonierten Hüllen jene Ganzheitlichkeit zurückkehrt, die der zonierten, zerschnittenen Stadt bis heute fehlt."

In Frankfurt regen sich erste Gedanken, die Oper samt Schauspiel wegen Baufälligkeit nicht zu sanieren, sondern gleich zugunsten eines Neubaus abzureißen. Ein Gedankem mit dem sich Rainer Schulze in der FAZ nicht anfreunden kann: Der 1963 von Otto Apel entworfene Bau biete schließlich "ein enormes Fenster zur Stadt. Hinter dessen Scheiben treibt abends wie bunte Fische im Wasser das Theater- und Opernpublikum, der Blick von der Straße zeigt eine ins Gespräch vertiefte Kulturszene."
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Literatur

Tazler Jens Uthoff war bei Mathias Énards Lesung aus dessen neuem Roman "Kompass". Die FAZ hat Sandra Kegels Porträt über Matthias Brandt online gestellt, der mit seinem (im Tagesspiegel besprochenen) Geschichtenband "Raumpatrouille" vom Schauspiel ins Literatenfach gewechselt ist. Für den Tagesspiegel hält Lars von Törne Rückschau, wie der Anschlag vom 11. September in Comics thematisiert wurde. Für die FAZ hat Verena Lueken Colm Toíbíns Auftritte beim Literaturfestival in Berlin besucht. Außerdem bringt die FAZ einen Auszug aus Deborah Vietor-Engländers Biografie über Alfred Kerr.

Besprochen werden Peter Sloterdijks erotisches Romandebüt "Das Schelling-Projekt" (Zeit, Berliner Zeitung, SZ), Sibylle Lewitscharoffs "Das Pfingstwunder" (FR, Tagesspiegel), Elena Ferrantes "Meine geniale Freundin" (Zeit) und Jaime Hernandez' Comicklassiker "Love and Rockets" (SZ). Mehr aus dem literarischen Leben in unserem Metablog Lit21.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Matthias Weichelt über Peter Huchels "Venedig im Regen":

"Noch im Nebel
leuchtet das Gold des Löwen,
das steinerne Laubwerk tropft.
..."
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Kunst

Für seinen Abschied vom Victoria & Albert Museum in London gibt es mehrere Gründe, erklärt Martin Roth im SZ-Gespräch mit Alexander Menden, doch "wenn das [Brexit-]Referendum anders ausgegangen wäre, wenn es ein überwältigendes Bekenntnis zu Europa geworden wäre, wage ich zu behaupten: Ich wäre mindestens noch ein Jahr geblieben."

Und: Du Pham berichtet in der taz vom Auftakt der Pluriversale in Köln.
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Musik

In der Berliner Zeitung berichtet Jens Balzer mit gewohnt bissiger Lakonie vom ersten Tag des Lollapalooza-Festivals in Berlin. Auch Nadine Lange und Gerrit Bartels vom Tagesspiegel waren vor Ort und wippten zu Tocotronic und New Order. Tazler Andreas Hartmann staunt unterdessen darüber, was man bei diesem Festival alles über Ost-Berliner Flora und Fauna lernen kann. Im Tagesspiegel berichtet Nadine Lange von der ersten Vergabe des Preises für Popkultur. Eine Alternative zum Echo, die dieser Preis darstellen will, hat Tazler Jens Uthoff allerdings nicht ausmachen können.

Besprochen werden ein von Andris Nelsons dirigiertes Konzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel), das neue Album "Skeleton Tree" von Nick Cave (Spex, mehr dazu hier), das neue Album von Okkervil River (Pitchfork) und Angelo Badalamentis wiederveröffentlichter Score zu David Lynchs TV-Serie "Twin Peaks" (Pitchfork, The Quietus).
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Film


Ausgezeichnet: Lav Diaz' "The Woman Who Left"

Lav Diaz
, bekannt für seine oft viele Stunden dauernden Schwarzweißmeditationen über die Geschichte seiner philippinischen Heimat, ist in Venedig für seinen Film "The Woman Who Left" mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden (hier alle Preisträger im Überblick). Der philippinische Auteur setzt damit seine Erfolgsserie bei den A-Festivals fort. Das war aber auch der "stärkste Film" eines ingesamt "durchwachsenen" Wettbewerbs, freut sich Tim Caspar Boehme in der taz über die Entscheidung der Jury unter Sam Mendes. "Auch wenn Lav Diaz in seinen Filmen weniger am Vorantreiben der Handlung als am Ertasten statischer Tableaus interessiert ist, war seine von der Tolstoi-Erzählung 'Gott sieht die Wahrheit, sagt sie aber nicht sogleich' inspirierte Geschichte eine Erfahrung in verdichteter Poesie, bei der das eigentliche Geschehen mitunter fast unsichtbar bleibt."

"Venedig bleibt das Festival der sperrigen Gewinner", schreibt Andreas Kilb im Festivalblog der FAZ über die Juryentscheidung. Den Wettbewerb selbst hielt er für "diffus", schreibt er im Print. Diese Auszeichnung eines Films, "der kommerziell wenig Chancen hat, ist ein Bekenntnis zu den Grundlagen des Kinos, den technischen wie den moralischen", schreiben Susan Vahabzadeh und Thomas Steinfeld in ihrem SZ-Fazit: Mit seiner in die Philippinen verlegten Tolstoi-Adaption folge Diaz seiner Kunst der "Sichtbarmachung": "Die Zeit, und die in ihr gemessene Aufmerksamkeit, dienen hier als eine Art Tribut oder sogar als eine Wiedergutmachung gegenüber der Gleichgültigkeit der Gewalt, wie sie über die Schicksale scheinbar einfacher Menschen hinweggeht." Im Tagesspiegel zieht Christiane Peitz Bilanz, in der NZZ resümiert Susanne Ostwald, in der Welt berichtet Hanns-Georg Rodek.

Abseits von Venedig: Ulrich Lössl unterhält sich in der Berliner Zeitung mit Oliver Stone über dessen Film "Snowden". Frank Junghänel von der Berliner Zeitung plaudert mit Fatih Akin, dessen Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick" diese Woche ins Kino kommt (Besprechungen in Jungle World, Tagesspiegel und Berliner Zeitung).

Besprochen werden Christian Petzolds online hier abrufbarer Fernsehkrimi "Polizeiruf 110: Wölfe" (Berliner Zeitung, FAZ, Perlentaucher), Henry Joosts und Ariel Schulmans Thriller "Nerve" (SZ) sowie der auf DVD veröffentlichte Militärthriller "Eye in the Sky" mit Helen Mirren (SZ).
Archiv: Film