Efeu - Die Kulturrundschau

Emotionskaraoke

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.09.2016. In der Kunst von heute ist die Puppe das Ideal, stellt die SZ fest. Ian Bostridge erklärt in der Welt, was in Schwarzenberg wirklich passierte. NZZ und Nachtkritk feiern in Zürich den Abschluss von Milo Raus "Europa-Trilogie". In Venedig kann Tom Fords Thriller "Nocturnal Animals" die Kritiker nicht überzeugen. In der NZZ denkt Martin R. Dean über die Rolle von Schriftstellern im öffentlichen Diskurs nach. Und die Welt erkundet in Berlin die atemberaubende Architektur der Animes.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2016 finden Sie hier

Bühne


Die europäische Geschichte wird weitergereicht: Ramo Ali, Maia Morgenstern, Akillas Karazisis in "Empire". Foto: Christian Altorfer

Mit "Empire", das jetzt beim Zürcher Theaterspektakel Premiere feierte, schließt Milo Rau seine "Europa-Trilogie" eindrucksvoll ab, berichtet Daniele Muscionico in der NZZ. Auf der Bühne agieren Charakterdarsteller wie die rumänische Jüdin Maia Morgenstern, der Grieche Akillas Karazissi, der Syrer Rami Khalaf und der Kurde Ramo Ali. "Dank den Persönlichkeiten und dank ihren erschreckend clever verdichteten Lebensgeschichten ist 'Empire' der stärkste Part der europäischen Trilogie. Rau zeigt sich hier als gedankenschärfster - und zugleich manipulativster - zeitgenössischer Schweizer Bühnenkünstler mit internationaler Wirkung. Er war schon immer ein Theater-Politiker, nun wird er zum Polit-Poeten." Die Tournee des Stücks - es folgen die Schaubühne Berlin und der Steirische Herbst in Graz - "wird zum Triumphzug für die Beteiligten, so viel steht nach der Uraufführung fest", meint Muscionico.

Sehr angeregt schreibt auch Christoph Fellmann in der Nachtkritik über "Empire": "Es ist wieder ein stiller und doch atemloser Abend, den Milo Rau zum Abschluss seiner Trilogie eingerichtet hat. Die neuen Texte verbinden sich mit denen aus den ersten zwei Teilen der Trilogie, mal ganz konkret, mal eher assoziativ. Die europäische Geschichte wird weitergereicht, von Grenze zu Grenze, von Generation zu Generation, vom belgischen Salafisten in Syrien zum syrischen Flüchtling in Frankreich, und von Stück zu Stück." Der Tages-Anzeiger bringt ein Video mit Publikumsreaktionen.

Beim Berliner Tanz im August offenbart sich Juliane Löffler vom Freitag die politische Dimension des Twerkings.

Besprochen werden "The Greatest Show on Earth" im LAB Frankfurt (FR), Jérôme Bels bei der Wiesbaden-Biennale gezeigtes Laien-Projekt "Gala" (FR) und die Uraufführung von Ödön von Horváths Frühwerk "Niemand" in Wien (Herbert Föttingers Regie halte "das Pathos und das Pubertäre des Stücks auf Abstand", schreibt Hubert Spiegel in der FAZ, mehr im Standard und bei der Nachtkritik).
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Kunst

Die Gegenwartskunst interessiert sich wieder für Puppen, ist Catrin Lorch aufgefallen. Doch mit den alten Maschinenmenschen aus Kunst und Literatur haben die heutigen Figuren nur noch weg zu tun, schreibt sie in der SZ. Im Zuge des technischen Fortschritts sei eine Verschiebung festzustellen: Die Puppe ist "kein Stellvertreter mehr, sondern wird zur eigenen, nichtmenschlichen Person. Lange war es ihr größter Nachteil, dass sie nicht lebt. Aber jetzt, wo sich die Dinge mit dem Lebendigen verbinden, ist ihre künstliche Natur der menschlichen voraus. ... Maschinenkraft? Sexualität? Das Unheimliche und die Suche nach der Seele des Automaten? Geschenkt. Die Puppe ist in der Kunst von heute das Ideal. Sie muss nicht mutieren zum Zwitter oder zum Hybridwesen. Sie ist ja schon Teil dieser Welt der Dinge, die jetzt in uns hineinkriechen, sich an uns festkrallen, mit uns verschmelzen."

Außerdem: Für die FAZ besucht Verena Lueken die über 100jährige Künstlerin Carmen Herrera, die seit Jahrzehnten malt, aber erst seit wenigen Jahren ausstellt. Die NZZ stellt den amerikanischen Konzeptkünstler Lawrence Weiner vor. Die Kunstorganisation Artangel hat das Gefängnis, in dem Oscar Wilde einst als Insasse einsaß, zu einem temporären Ausstellungsort umgewandelt, berichtet Gina Thomas in der FAZ.

Besprochen wird die Laure-Prouvost-Ausstellung im MMK3 in Frankfurt (FR).
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