Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Stand der Unschuld

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06.09.2016. In der NZZ erklärt Theatermann Milo Rau, was ein Kollektiv künstlerisch interessant macht. In Venedig ließ Cargo mit Freude eine Arche des Sex an sich vorüberziehen. Die FAZ  trotzte bei der Ruhrtiennale Pferdekadavern und tollwütigen Hunden. Beim Berliner Musikfest wappnet sich die SZ mit Luigi Nono gegen Wolfgang Rihms klingende Ungetüme. Die taz genoss beim Tanz im August die Erweiterung platonischer Körper.

Bühne


Mia Habibs Choreografie "A Song to..." beim Tanz im August. Foto: Yaniv Cohen

In Berlin ist der Tanz im August dem Kalender gemäß zu Ende gehalten. Die Feuilletons sind sich einig: In dieser Ausgabe des Tanzfestivals machte sich insbesondere die politische Dimension des Tanzes bemerkbar. Von einem starken Jahrgang spricht Astrid Kaminski in der taz, auch wenn die Stücke, die sich Rassismus und Paternalismus auseinandersetzten, nicht immer aufgingen. Doch vor allem Frauen präsentierten exzellente Arbeiten: "Dabei am auffälligsten ist die Häufung erweiterter platonischer Körper. Sei es als fantasievolle Vermessung des Anderen in Duos, als Einverleibung einer Prothese, als Zusammenschmelzen in neue duale Körpermechaniken, in Tier- und noch unbenannte Wesen oder in mal sensuelle, mal amöbenhafte Gruppenformationen. Es scheint jenseits der anhaltenden Beschäftigung mit Massenornamentik und Schwarm­ästhetik - eine Linie, die Mia Habib am letzten Festivalwochenende mit 50 nackten TeilnehmerInnen in bewundernswerter Sachlichkeit weiterverfolgte - eine Sehnsucht nach körperlicher Anverwandlung, nach fluider Körperlichkeit zu geben."

In der SZ berichtet Dorion Weickmann von einem Programm, "das die Schieflagen der Gegenwart verhandelt statt kollektivnarkotische Schauwerte oder schicke Reißbrett-Erzeugnisse feilzubieten. Zu sehen waren ausnahmslos Inszenierungen, deren Sinn sich ins Sinnliche übersetzte und deshalb unmittelbar erschloss." Im Tagesspiegel berichtet Sandra Luzina von den Performances, die sie am meisten beeindruckt haben, darunter Mithkal Alzghairs auch von den übrigen Kritikerinnen erwähnte, "aufwühlende" Choreografie "Displacement".

Währenddessen gab es bei der Ruhrtriennale in Alain Platels düsterem Mahler-Projekt "nicht schlafen" eine Bühne voller Pferdekadaver in einem Werk zu sehen, das auf Parallelen zwischen der heutigen Zeit und der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg insistiert. Allzu überzeugend findet Natali Kurth in der FAZ den Abend allerdings nicht. Zwar verstörte sie "der minutenlange existentielle Kampf der Tänzer, die sich gleich zu Anfang die Kleider mit Wucht vom Leib reißen, sich an den Haaren über die Bühne schleifen, massiv aufeinander losgehen, die Finger ins Gesicht drücken, sich gegenseitig von hinten anfallen, als wären sie tollwütige Hunde. ... Dass die Welt damals wie heute voller Gewalt ist und alle überfordert, haben wir verstanden. Wozu es für diese überschaubare Botschaft toter Pferde und Gustav Mahlers bedurfte, wenn nicht um des Skandals und beliebiger Gefühls- und Aufschreiverstärkung willen, erschließt sich nicht." Manuel Brug findet das in der Welt zu oberflächlich: "Weil nur larmoyant an der Quelle von Mahlers
Emotionsüberschuss genuckelt
wird."

Besprochen wird außerdem Ödön von Horváths nach 92 Jahren in Wien uraufgeführtes Stück "Niemand" ("Sozialkritische Milieustudie und nihilistisches Oratorium zugleich", urteilt Wolfgang Kralicek in der SZ).
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Literatur

In der NZZ denkt der Theatermann Milo Rau, der schon mit Rebellen und Offizieren im Kongo, mit Salafisten in Brüssel oder Rechtspopulisten und Linksintellektuelle in Zürich gearbeitet hat, über den politischen Autor nach, der durch  Öffentlichkeit und Teilhabe auch demokratisch wurde: "Dem kleinbürgerlichen Bewusstsein gilt das Kollektiv an sich schon als demokratisch und damit per se als gut. Für mich jedoch ist die Kraft eines Kollektivs erst dann künstlerisch, wenn dieses in der Wirklichkeit nicht - oder noch nicht - vorkommt. Wenn es ein unmögliches, ein unerhörtes, ein unerfülltes Kollektiv ist. Wenn der Autor, um die eigene tragische Blindheit zu überwinden, sich nicht einfach mit den Menschen zusammenschließt, die zufällig in der gleichen Institution oder dem gleichen Milieu arbeiten, also ihn in seinen Überzeugungen bloß multiplizieren, sondern sich auf die Suche macht nach Co-Autoren, die nicht vorgesehen sind von den Institutionen und ihrer Geschichte."

Die Zeit hat Adam Soboczynskis Porträt des in Berlin lebenden, russischen Schriftstellers Boris Schumatsky, der das Putinverständnis vieler westlicher Intellektueller nicht fassen kann, online gestellt. In der FAZ stellt Michael Watzka die Dichterin Solmaz Sharif vor, die sich in ihren Gedichten am umfangreichen "Dictionary of Military and Associated Terms" des  amerikanischen Verteidigungsministerium abarbeitet.

Besprochen werden Katja Lange-Müllers Roman "Drehtür" (NZZ), Juli Zehs Roman "Unterleuten" (NZZ), Matthieu Bonhommes Comic "Der Mann, der Lucky Luke erschoss" (taz), Olga Martynovas "Der Engelherd" (Tagesspiegel), Rachel Cusks "Outline" (SZ) und Yann Martels "Die hohen Berge Portugals" (FAZ). Mehr auf Lit21, unserem Metablog zur literarischen Blogosphäre.
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Kunst

Swantje Karich sitzt in der Welt zwar auch ein wenig der Ente auf, Martin Roth würde das Victoria & Albert Museum wegen des Brexit verlassens, kommt dann aber auch darauf, dass London vielleicht auch einfach zu teuer sei: "Gegenüber dem Radiosender Deutschlandfunk erwähnt er das teure Leben in London, die niedrigen Gehälter und resümiert, dass sein Job  ein 'Zuschussgeschäft' gewesen sei." Im Standard berichtet Museumsmann Max Hollein von ersten Eindrücken als Direktor des Fine Arts Museums of San Francisco. Gunda Bartels besucht für den Tagesspiegel den Künstler Christian Hasucha.

Besprochen wird eine dem Modefotografen F.C. Gundlach gewidmete Hommage in der Galerie CFA in Berlin (Tagesspiegel).
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Musik

Grobe Reize für eine grobe Zeit erlebte Julia Spinola in der SZ zum Auftakt des Musikfests in Berlin, wo neben Luigi Nono auch Wolfgang Rihms brutalistisches von Antonin Artaud inspiriertes "Tutuguri" aufgeführt wurde: "Der schmale Daniel Harding zerlegt sich als Dirigent dieses klingenden Ungetüms. Mit welcher Exaktheit der rhythmischen und dynamischen Gestaltung er in den Materialmassen waltet, ist bewundernswert. Er bringt den Klang eher in einer vibrierenden Überwachheit zum Gleißen, als dass er sich einer brütenden Feier der Grausamkeiten hingeben würde. Dennoch: die von Rihm damals beschworene Irrationalität hat ihre durchaus problematische, ja sogar abstoßende Seite. Schon Artauds Mexiko-Kult war mit seiner zivilisationsfeindlichen Vergötterung des guten Wilden von dumpfer Blut-und-Boden-Ideologie nur um eine Haaresbreite entfernt. Und ein Komponistenkollege wie Luigi Nono hat sich schier geekelt vor dieser Ästhetik der Unmittelbarkeit."

Als Höhepunkte des Lucerne-Festival feiert Christian Wildhagen in der NZZ die Konzerte von Cecilia Bartoli und Yannick Nézet-Séguin, als Tiefpunkt der Saison wertet er dagegen Valery Gergiev: "Angesichts des hohen künstlerischen Anspruchs in Luzern nahm sich dieses Gastspiel doppelt deplaciert aus."

Besprochen werden das Berliner Konzert des John Wilson Orchestras (Tagesspiegel), der Frankfurter Auftritt von Billy Joel (Tagesspiegel) und das neue Album von Dinosaur Jr. (SZ).
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Film

In Venedig gab es Blutwurst mit Hack: Mel Gibson präsentierte am Lido sein Weltkriegsdrama "Hacksaw Ridge", das ausgedehnte Brutalitäten und durch die Luft wirbelnde Extremitäten zeigt. Vergnügen haben die Kritiker daran nicht: "Die Inszenierung ist altbacken", gähnt Susan Vahabzadeh in der SZ: "Gibson formuliert, wenn auch nicht besonders elegant, seine Botschaft: Die Menschen auf dem Schlachtfeld verwandeln sich in tollwütige Tiere." Beatrice Behn von kino-zeit.de kann der geradezu "genießerischen Ästhetik" wenig abgewinnen. Auch in der FAZ wendet sich Andreas Kilb vor Graus von Mel Gibsons "Schlachtplatte" ab, nur um dann auch noch vom Rest des Programms im Stich gelassen zu werden: "So mogelt sich das Festival über die Runden. Und wartet auf Filme von Terrence Malick, Andrei Kontschalowski, Lav Diaz und Emir Kusturica."


Amat Escalantes "La Région Salvaje".

In der taz dankt Tim Caspar Boehme Mariano Cohn und Gastón Duprat für die Schaufreuden in ihrem Wettbewerbsfilm "The Distin­guished Citizen". "Im Wettbewerb häufen sich die Tiere, mirakulöse wie monströse Wesen", beobachtet Christiane Peitz vom Tagesspiegel - zudem gebe es auf einmal überall Sex. Das kann Ekkehard Knörer, im Auftrag von Cargo am Lido, in seiner neuesten Lieferung nur bestätigen: Ihm Filme offenbaren sich Filme "wie Wild auf der Lichtung" und besonders reizvoll findet er in Amat Escalantes "La Région Salvaje" eine Szene voller vögelnder Tiere: "Eine Arche mitten im Wald, eine Arche des Sex. Darüber liegt eine seltsame Ruhe. Sie wollen einander nicht bekämpfen, nicht töten und nicht verspeisen. Sie wollen nur Sex. Ein Stand der Unschuld eigener Art."

Die FR reicht hier und dort Berichte von Daniel Kothenschulte online nach. Weitere Berichte beim Filmdienst und auf kino-zeit.de sowie theoretisch auch auf Artechock, wo allerdings seit dem 1. September keine Updates mehr zu verzeichnen waren.

Weiteres: Tazler Philipp Bovermann erblickt im aktuellen Superheldenkino "die Geschichte des Kapitalismus". Patrick Holzapfel befasst sich auf kino-zeit.de mit D.W. Griffiths vor 100 Jahren veröffentlichtem Mammutfilm "Intolerance", der bei Arte online steht.
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