Efeu - Die Kulturrundschau

Wir brauchen ein bisschen Freiheit

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16.06.2016. "Zur Hölle mit der Hymne!", ruft aus der FAZ Per Leo den deutschen Fußballern zu. Die SZ porträtiert den palästinensischen Produzenten Khalil al-Mozayen, der gegen den Widerstand der Hamas ein Filmfestival in Gaza organisiert. Der Freitag entdeckt in den Fotografien Mohamed Bourouissas die Schönheit der Banlieue. Auf Begeisterung stößt Keiichi Haras Animationsfilm "Miss Hokusai", der die Kritiker in eine Welt der Sinne stürzen ließ. Und die NZZ taucht mit den Ama-San nach den Früchten des Meeres.

Film


Kunst als Gnade: Keiichi Haras Animationsfilm "Miss Hokusai".

Mit dem Animationsfilm "Miss Hokusai" hat Regisseur Keiichi Hara einen Film über das Verhältnis von O-Ei, der dritten Tochter des großen japanischen Künstlers Hokusai, zu ihrem Vater gedreht, erklärt Manon Cavagna auf critic.de. O-Ei soll ihrem Vater großzügig assistiert haben: "Es geht um Formen der Kunst, um das, was den Künstler dazu befähigt und berechtigt, sie zu produzieren. ... In 'Miss Hokusai' ist Kunst nichts, was dem Menschen in die Wiege gelegt wird, sie entzieht sich aber auch einem transparenten Lernmechanismus. Immer wieder werden im Film fantastische Bilder gefunden für die Kunst als Gnade, willkürlich und heftig in der Urplötzlichkeit, mit der sie über den Künstler hereinbricht, sich ihm nicht mehr verweigert."

Sehr genossen hat den Film auch Katrin Doerksen, die in ihrem Blog von "einer Welt der Sinne" schreibt: "Eine Welt, in der Fantasiegestalten, Traumwesen und Geister wie beiläufig zum Alltag gehören. ... In einer Szene fährt O-Ei mit ihrer Schwester unter einer hölzernen Brücke hindurch. So detailliert ist die Maserung gearbeitet, dass dabei für einen Augenblick die Wahrnehmung verschwimmt, der Anime beinahe fotorealistisch erscheint." Im Perlentaucher lobt Michael Kienzl den Film als eine Erzählung über die Freiheit des Lebens. Auch Fabian Tietke von der taz nimmt diese "Einladung zum Schwelgen" mit größter Freude an.

In der SZ porträtiert Peter Münch den ziemlich beherzten palästinensischen Filmproduzenten und Festivalmacher Khalil al-Mozayen, der gegen den Widerstand der kunst- und sinnenfeindlichen Hamasregierung ein Filmfestival im Gazastreifen auf die Beine gestellt hat und dies auch für 2017 wieder plant, obwohl die letzte Ausgabe 2015 ordentlich drangsaliert wurde: Die Filme unterlagen strenger Zensur, im Saal herrschte räumliche Geschlechtertrennung, "im Gang dazwischen standen die Sittenwächter. Überdies durfte das Licht im Saal nicht ausgeschaltet werden ... Der Titel der Veranstaltung lautete: 'Wir brauchen Luft zum Atmen', und zur Eröffnung trat Khalil al-Mozayen ans Mikrofon. 'Ich hätte gern Vorführungen im Freien oder im alten Nasr-Kino angeboten, aber das durfte ich nicht', rief er dem Premierenpublikum zu. 'Hallo Hamas, wir sind es leid, wir brauchen ein bisschen Freiheit.'"

Weiteres: Im Perlentaucher schreibt Lukas Foerster über Paul Thomas Andersons "Junun". Für die taz unterhält sich Carolin Weidner mit der deutschmongolischen Regisseurin Uisenma Borchu über deren (im Tagesspiegel besprochenen) Debütfilm "Schau mich nicht so an". Der Freitag hat Madeleine Bernstorffs Text über die noch bis Ende des Monats laufende Werkschau Sohrab Shahid Saless des Berliner Zeughauskinos online nachgereicht. Im Blog des Filmdiensts präsentiert Sven von Reden seine neuesten Videoessay-Fundstücke. Sein Fazit: "Es würde sicher nicht schaden, wenn einige der Video-Essayisten sich mal näher mit Filmschnitt beschäftigten." Weshalb er Tony Zhous Videoessay darüber, welche Gedanken sich ein Editor macht, für besonders gelungen hält:



Besprochen werden Hou Hsiao-Hsiens in Österreich startendes Historiendrama "The Assassin" (Standard), der auf DVD erschienene südkoreanische Thriller "Veteran - Above the Law" (hier fliege einem "alles Mögliche um die Ohren", freut sich Ekkehard Knörer in der taz), Pan Nalins "7 Göttinnen" (FAZ) und die Tragikömödie "Demolition" mit Jake Gyllenhall (SZ).
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Literatur

Die FAZ dokumentiert Per Leos Dankesrede für den Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises. Darin kommt der Schriftsteller, der in seinem Roman "Flut und Boden" das Verhältnis zu Begriffen des Heimatlichen erkundet hat, auch auf tagesaktuelle Ereignisse zu sprechen: Es nervt ihn nämlich, wie spitzfindig manche auch bei der EM auf die Lippen der deutschen Nationalspieler mit migrantischem Background schauen werden. Leos Botschaft: "Lieber Herr Özil, lieber Herr Khedira, lieber Herr Boateng, bitte singen Sie, wenn Ihnen danach ist; bitte lassen Sie es, wenn nicht. Sollten Sie aber den Druck der Erpressung spüren, den ein anmaßend selbstgerechtes Heimatgefühl auf ein angemessen kompliziertes Heimatgefühl ausübt, dann empfehle ich Ihnen Schmähkritik. Unter uns, von deutschem Dichter zu deutschem Kicker: zur Hölle mit der Hymne! Zum Teufel mit dieser Promenadenmischung aus stumpfen Trochäen, ihrerseits gezeugt im Vollrausch auf einer englischen Insel, und süßlicher Schlampenmelodie, die auch für Österreich schon die Beine breit gemacht hat."

Weiteres: Auf der Website unendlichesspiel.de haben Laien unter Anleitung des WDR David Foster Wallace' Opus Magnum "Unendlicher Spaß" eingesprochen, berichtet Lukas Latz im Freitag, der das Experiment für geglückt hält. Der Verlag S. Fischer bringt auf seinem Autorenblog Hundertvierzehn Auszüge aus Clemens Meyers wild verkritzeltem Manuskript zur Frankfurter Poetikvorlesung.

Besprochen werden unter anderem Joanna Bators Roman "Dunkel, fast Nacht" (NZZ) Ilija Trojanows "Meine Olympiade" (online nachgereicht von der Zeit, SZ), Lasha Bugadzes "Der Literaturexpress" (taz), die Neuübersetzung von Graham Greens Roman "Der dritte Mann" (online nachgereicht von der FAZ) und Birgit Weyhes Comic "Madgermanes" (FAZ). Mehr in unserer aktuellen Bücherschau um 14 Uhr und auf Lit21, unserem fortlaufend aktualisierten Metablog zur literarischen Blogosphäre.
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Kunst

Annabelle Hirsch hat für den Freitag ein Gespräch mit Mohamed Bourouissa geführt, der mit seinen stilistisch avancierten Fotografien das Leben in den Pariser Banlieues festhält. Unter anderem erklärt er, warum er sich in seinen Bildern mitunter an großen Werken aus der Kunstgeschichte orientiert: "Weil ich diese Jungs und Mädchen, weil ich unser Leben als schön ansehe. Ich wollte ihre Schönheit herauskehren, diese Schönheit, die man in den klassischen Bildern der Banlieue viel zu selten sieht. Natürlich wollte ich auch eine Verbindung zur Ästhetik der Bilder, die im Louvre hängen, schaffen. Ich wollte zeigen, dass sich das nicht ausschließt, der Rand und die Schönheit."


Peter Keetman: Selbstporträt. Selbstportrait mit Kamera, 1957. Foto: Stiftung F.C. Gundlach

Begeistert schreibt Benedikt Erenz in der Zeit über die modernistischen Fotos des Peter Keetman, die gerade im Folkwang-Museum ausgestellt werden und in deren "distanzierter Turbulenz" ein Kern der Ruhe stecke: "Selbst in seiner wohl bekanntesten Arbeit, der großen Suite 'Eine Woche im Volkswagenwerk' von 1953 ist sie zu spüren. All die aufgereihten Karosserien, Kotflügel, Rohbleche, die Motorenteile und Reifen in langer Flucht, die von der neuen großen Automobilität sprechen, wirken wundersam entrückt. Es ist eine Welt in Bewegung, keine Frage, doch zugleich wie in Trance, naturhaft, pflanzenhaft fast..."

In der NZZ erzählt Philipp Meier fasziniert von der verschwindenden japanischen Tradition der Ama-San-Frauen, die an der Küste des Pazifiks seit über 2000 Jahren ohne Sauerstoffflaschen nach Meeresfrüchten tauchen. Anlass sind der Dokumentarfilm "Ama-San" von Claudia Varejaos sowie die alten Schwarzweiß-Fotografien von Yoshiyuki Iwase: "Iwase hat die Frauengruppen fotografiert beim Lagerfeuer, wo sie sich nach den kalten Tauchgängen wieder aufwärmten, beim Kochen und ausgiebigen Essen zwischen den kräftezehrenden Einsätzen in den Fluten. Und wie zahlreiche Holzschnittkünstler vor ihm hat auch er sich von der natürlichen Erotik dieser Meerfrauen hinreißen lassen: Seine gekonnt modernistischen Akte auf Felsvorsprüngen vor spritzender Gischt atmen den Pioniergeist der Aktfotografie seiner amerikanischen Zeitgenossen Edward Weston und Imogen Cunningham."


Die Museen verlieren zusehends die Autorität über die Bestimmung darüber, was langfristig von kunsthistorischem und damit auch merkantilem Wert ist, erklärt Stefan Heidenreich im Freitag in seiner Darstellung der wirtschaftlichen Strukturen des Sammlermarktes. Diese orientierungs- und wertstiftende Funktion übernimmt nun die Philosophie: "Indem sich Kunstwerke mit dieser Geschichte des Denkens umgeben, färbt etwas davon auf sie ab. Ein Werk, das sich auf Hunderte von Jahren beruft, kann kaum in fünf Jahren nichts mehr wert sein, das ist die Hoffnung des Sammlers. Der Spekulative Realismus ist eine sehr traditionsverbundene und geschichtsbeladene Philosophie. Für den Zweck des philosophischen Hedging macht es erst einmal keinen Unterschied, ob man für oder gegen Kant argumentiert, Hauptsache, der Name der Autorität wird angerufen."

Der Guardian stellt das Projekt "Just Me and Allah" vor, für das die Fotografin Samra Habib schwule und lesbische Muslime porträtiert.

Besprochen werden die große Manet-Schau in der Hamburger Kunsthalle ("ein Höhepunkt des Kunstkalenders in diesem Sommer", schwärmt Peter Iden in FR, FAZ), die Charles-Gleyre-Ausstellung im Musée d'Orsay in Paris (Tagesspiegel) und Ólafur Elíassons Installationen im Schloss und im Garten von Versailles (SZ).
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Archiv: Kunst

Musik

In der SZ lässt sich Torsten Gross vom neuen Swans-Album "The Glowing Man" ordentlich durchpusten. Dass die Band sich seit den achtziger Jahren doch entwickelt hat, freut ihn: "Dynamisch perfekt inszeniert, durchläuft diese Musik immer wieder sämtliche Stadien von totaler Kontemplation über nervenzehrende Repetition bis hin zu kathartischen Momenten. Krach um des Kraches Willen spielt nicht mehr die Hauptrolle." Nein, oh Wunder: "Es verbirgt sich aber tatsächlich eine unergründliche Zärtlichkeit in diesen Songs, eine Zuneigung zu den Dingen des Lebens und der Musik." Auf Vimeo gibt es eine offizielle Hörprobe:



Weiteres: In der NZZ lobt jetzt auch Christian Widlhagen die bereits vielfach gefeierte Amsterdamer "Pique-Dame"-Inszenierung von Stefan Herheim und Mariss Jansons. Manuel Brug schreibt in der Welt zum Tod seines Kritikerkollegen Klaus Geitel.

Besprochen werden das Berliner Konzert von Paul McCartney (taz, Tagesspiegel, Welt, Berliner Zeitung) und ein Konzert des Vision String Quartetts (Tagesspiegel).
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Bühne

Adventskalender: "Fidelio" in der Inszenierung von Achim Freyer. (Bild: Monika Rittershausen/Wiener Festwochen)

Bei den Wiener Festwochen kam Achim Freyers "Fidelio"-Inszenierung auf die Bühne, wo die maskierten und nach Kasperle-Manier kostümierten Schauspieler in Guckkästen wie auf der Stange saßen. Recht hektisch zusammengewürfelt wirkt das auf Udo Badelt: Alles, was in der Oper an Politik denken ließe, werde auf Abstand gehalten, schreibt er im Tagesspiegel. Der Regisseur stelle eher die "Absurditäten und Ungereimtheiten aus, präsentiert genüsslich den teilweise entsetzlich misslungenen Text der Rezitative (drei Librettisten haben daran mitgeschrieben). Schafft einen Adventskalender, ein Spinnennetz, in dem sich so allerlei verfängt, ein Wimmelbild aus schweinsköpfigen Dämonen nach Art von Hieronymus Bosch. Lässt 'Freiheit' und 'Brüderlichkeit' auf die Leinwand projizieren. Als Worthülsen. Als Ästhetisierung ohne weitere Interpretation." In der SZ freut sich Reinhard Brembeck immerhin über die "leidenschaftlich rasante Deutung", die die Oper durch den Dirigenten Marc Minkowsi erfuhr. Reinhard Kager merkt in der FAZ kritisch an, dass die Sänger zur Mühsal des Dirigenten zu weit voneinander entfernt standen. "Oft unter Festwochenniveau" sieht Ljubisa Tosic im Standard die Inszenierung.

Weiteres: Patrick Wildermann (Tagesspiegel) und Kornelius Friz (FAZ) berichten vom Südostasien-Schwerpunkt des Festivals Theaterformen in Braunschweig (mehr dazu auch im gestrigen Efeu).

Besprochen werden András Dömötörs am Berliner Maxim Gorki Theater gezeigte Inszenierung von "Mephistoland" (SZ), Daniel Foersters Inszenierung von August Strindbergs "Totentanz" in Frankfurt (FR), ein Auftritt der Lia Rodrigues Companhia de Danças im Frankfurter Mousonturm (FR) und eine Hamburger Inszenierung von Kafkas "Das Schloss" (SZ).
Archiv: Bühne

Architektur

Hanno Rauterberg besucht für die Zeit den spektakulären Anbau des Büros Herzog und de Meuron für die Tate Modern, in dem die Kunst fast zur Nebensache wird: "Vor allem die Treppen, windungsreich und einladend, verlocken die Besucher, sich dem Sog des Hauses hinzugeben. Zudem ist gut die Hälfte der Flächen nicht der Kunst vorbehalten, sondern soll das ermöglichen, was sich das Publikum von der Tate erhofft: das Beisammensein, Essen, Trinken, Debattieren."
Archiv: Architektur

Design


Krachend futuristisch: Das Modell Carabo. Bild: Alfa-Romeo-Museum.

Mit sichtlichem Vergnügen hat Niklas Maak für die FAZ das von Benedetto Camerana entworfene, wiedereröffnete Alfa-Romeo-Museum bei Mailand besucht: Nicht nur das Gebäude behagt ihm - "Es ist, als rauschte dem technokratischen grauen Kasten das Blut in die Adern" -, sondern auch die Autodesigns, die er hier zu Gesicht bekommt: Es offenbart sich eine "Formgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, die von den röhrenden, zitternden, krachend lauten Rennwagen, die die Futuristen so begeisterten, hinführt zu den vom Versprechen der Mondlandung geprägten, eher schwebenden Zukunftsphantasien ... Es ist das von Bertone entworfene Modell Carabo, das aus der Tiefsee, einem Vulkan oder aus dem All herausgeschleudert worden zu sein scheint und den Übergang von der Metall- und Glasmoderne zum Plastikzeitalter markiert."
Archiv: Design