Efeu - Die Kulturrundschau

Text fixiert an der Wand

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15.06.2016. Nationale Identität und Geschichtsschreibung stehen im Mittelpunkt auch von Theatermachern in Seoul, Singapur, Tokio und Bangkok, lernt die taz beim Braunschweiger Festival Theaterformen. Schauspielen hat nichts mit Zuständen zu tun, erklärt der Schauspieler Nicholas Ofczarek in der NZZ. Die SZ besucht eine Stoffmanufaktur für afrikanische Muster in den Niederlanden. Im Tagesspiegel staunt Charles Simic über die explodierende Lyrikszene in den USA. Und: Claude Brasseur, Anna Karina und Sami Frey tanzen den Madison.

Bühne


Ho Tzu Nyen, Ten Thousand Tigers

Wie wenig weiß man doch von der Geschichte Südostasiens, bemerkt tazlerin Katrin Bettina Müller beim Besuch des Braunschweiger Festivals Theaterformen, dessen diesjähriger Schwerpunkt Produktionen aus Seoul, Singapur, Tokio und Bangkok in den Fokus rückte: "Fast alle der jungen Theatermacher gehören einer Generation an, die Fragen an die eigene Geschichte, die Konstruktion nationaler Identität und die Geschichtsschreibung hat", schreibt Müller. Dennoch stand man als Outsider nicht vor verschlossenen Toren: "Mark Teh zum Beispiel macht ein Dokumentar-Theater der klaren Ansagen, der Quellenforschung, der Fragen an das Material. ... Und Ho Tzu Nyen bedient sich in Bild und Text einer Sprache, in der sich stets das eine in das andere verwandeln kann. Er lässt einen Tanz der Geister los, der allerdings auch zur Überhöhung neigt, zur Heroisierung des Verborgenen. Und obwohl er vom Prozess der Mythisierung der politischen Geschichte erzählt, fasst er dazu keine Distanz. Mythos und Agitation, Poesie und Propaganda verschmelzen immer mehr."

Im Interview mit der NZZ spricht der Schauspieler Nicholas Ofczarek über die Krise am Burgtheater ("Psychohygienisch war das nicht unbedingt eine große Zeit"), seinen ersten Tatort ("Jetzt bin ich 44, jetzt entdeckt mich Deutschland") und die Vorbereitung auf seine Rolle als verkaterter Lenglumé in Eugène Labiches "Affäre Rue de Lourcine": "Man überlegt sich schon, wie man Rausch, Benommenheit oder Verdrängung - das ist ein wichtiges Thema - umsetzen kann. Könnte. Ich hab sehr viele Betrunkene gespielt. Trunkenheit ist ein Zustand, aber es ist ein Irrglaube, dass Schauspiel mit Zuständen zu tun hat. Es hat mit Situation zu tun. Mit Inhalt. Der Autor ist in den meisten Fällen ohnehin tausendmal brillanter, genialer als man selbst. Wenn man versucht, den Inhalt zu durchdringen, ohne gleich zu interpretieren, dann hat der Zuschauer die Möglichkeit zu projizieren, mit seiner Biografie, seinem momentanen Zustand, ohne bevormundet zu werden."

Weitere Artikel: Im Interview mit der Berliner Zeitung verspricht Regisseur Rodrigo Garcia, seine Inszenierung der "Entführung aus dem Serail", die am kommenden Freitag an der Deutschen Oper Berlin Premiere feiert, nicht mit Burkas und Kalaschnikows aufzupeppen: "Das ist plumpe Provokation, opportunistisches Theater. Das wäre für mich keine Kunst." In der SZ resümiert Joseph Hanimann die Pariser Theatersaison: Insbesondere die Racine- und Corneille-Inszenierungen am Théâtre de la Ville und an der Comédie Française stachen für ihn heraus. Ende eines langen Streits: Das Maxim-Gorki-Theater darf - für 3,5 Millionen Euro, die Berlin der Sing-Akademie zum Ersatz als Miete zahlt - auch die kommenden 25 Jahre das angestammte Gebäude nutzen, meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel.

Besprochen wird Damiano Michielettos Inszenierung von Jules Massenets "Le Cendrillon" an der Komischen Oper in Berlin (SZ, mehr dazu im gestrigen Efeu).
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Kunst

In der NZZ berichtet Philipp Meier von der Eröffnung der Art Basel. Und Samuel Herzog empfiehlt den Sammlern, die eigentlich schon alles haben, ein paar letzte ausgesuchte Stücke "für Kreszentia, den Albino-Python, den Ihre Frau kürzlich von einem Galaabend des Tierschutzvereins mit nach Haus gebracht hat".

Besprochen werden Thomas Struths Werkschau "Nature & Politics" im Gropiusbau in Berlin (taz) und die aktuellen ethnografischen Ausstellungen im Musée du Quai Branly in Paris (FAZ).

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Design


Vlisco, Stoffmuster VLA2048.005.06

Ursprünglich waren die im 19. Jahrhundert von der niederländischen Firma Vlisco aufwändig bedruckten Stoffe für Indonesien vorgesehen, wo sie sich allerdings nicht durchsetzen konnten. Heute gelten sie als begehrte Statussymbole - allerdings in Afrika, wo die Stoffe einst Zwischenstation machten, erklärt Jonathan Fischer in der SZ, der die Manufaktur besucht und sich mit Designerin Marjam Degrout unterhalten hat: "Verschiedene Farbspektren bedienen verschiedene lokale Märkte. Die Grafik aber schöpfe einerseits aus weltweiten Quellen: Pflanzen- und Tiersymbole, indische Folklore, islamische Geometrie oder äthiopisch-koptische Kirchenkunst. Im Vlisco-Archiv mit über 350 000 Stoffmustern finden sich viele Beispiele. Aber auch der Alltag und der Status drücken sich in den Designs aus. Seit den Siebzigerjahren spiele Technik eine Rolle: Zündkerzen, Ventilatoren oder Computer seien populäre Motive."
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Literatur

Für den Tagesspiegel unterhält sich Gregor Dotzauer mit dem Dichter Charles Simic über Donald Trump, die Bombardierung von Belgrad im Zweiten Weltkrieg und die sich explosionsartig vergrößernde Lyrikszene in den USA: "Es gibt keine Anthologien mehr, die die Vielfalt angemessen abbilden", sagt Simic. "Studien können sich nur einer bestimmten Richtung widmen. Es gibt mehr Dichter als je zuvor, zugleich wird in den USA weniger und weniger gelesen. Als ich Ende der 50er Jahre in Chicago anfing, kannte ich jeden, der irgendwie mit Poesie zu tun hat. ... Heute gibt es an den Universitäten rund 870 [Creative-Writing-]Programme und ein Vielfaches an Absolventen. Zur alljährlichen Versammlung der Association of Writers and Writing Programs kommen inzwischen mehr als 12 000 Menschen. Und sie alle wollen Bücher veröffentlichen, um Jobs zu kriegen."

Weiteres: In Frankfurt haben die Bauarbeiten zum Deutschen Romantik-Museum begonnen, berichtet Volker Breidecker in der SZ.

Besprochen werden unter anderem Senthuran Varatharajahs Facebookchat-Roman "Vor der Zunahme der Zeichen" (Tell), Bernard Maris' "Michel Houellebecq, Ökonom" (Berliner Zeitung), Stefan Schütz' "Unser Leben" (FR), Felix Philipp Ingolds Buch über das russische Duell (NZZ) und Lars Gustafssons "Doktor Wassers Rezept" (FR). Mehr aus dem literarischen Leben in unserem fortlaufend aktualisierten Metablog Lit21.
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Film

Fritz Göttler (SZ) und Andreas Kilb (FAZ) gratulieren dem Schauspieler Claude Brasseur zum Achtzigsten. In der legendären Tanzszene aus Godards "Außenseiterbande" ist er derjenige mit dem karierten Pulli:



Besprochen werden die Aardman-Ausstellung im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt (online nachgereicht von der FAZ) und der japanische Animationsfilm "Miss Hokusai" von Keiichi Hara (FAZ).
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Stichwörter: Claude Brasseur, Hokusai

Architektur

Mit nur vier Jahren Verspätung wird am Freitag in London der von Herzog & de Meuron entworfene Erweiterungsbau der Tate Modern eröffnet. Für die SZ hat Alexander Menden diesen neuen Tempel der modernen Kunst besucht, der aussehe "wie eine dekonstruierte Pyramide. Die Höhe des Switch House orientiert sich an der des Schornsteins. Dadurch wirkt der Anbau trotz seiner Wuchtigkeit nicht zu dominant. ... Subtile Interventionen in die Architektur, etwa die kaum merkliche Steigung im Boden aus unbehandelter Eiche im zweiten Stock, geben bereits einen Hinweis auf das kuratorische Programm. [Direktorin] Frances Morris sieht dabei die Methoden der Land Art direkt im Gebäude angewendet - eine architektonische Einstimmung auf die Kunst, die hier gezeigt wird." Bei Dezeen finden sich hier und hier einige imposante Eindrücke.
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Musik

Für die FAZ hat Jan Wiele eine Leipziger Tagung über das Verhältnis zwischen Lyrik und Popsongtexten besucht, bei der einige Teilnehmer Zweifel anmeldeten, ob es überhaupt angeraten sei, "gesungene Worte aus der Popmusik als Text fixiert an der Wand zu sehen, weil sie eben dieses Herauslösen aus dem musikalischen Kontext schon als unzulässig empfinden. Es sei eben unvergleichlich, ob man Elvis Costellos Lied 'Alison' nur lese oder höre, wie der Sänger mit maximaler Verachtung die Zeile 'Well I see you've got a husband now' intoniert."

Weiteres: In der taz porträtiert Jens Uthoff den von seinen Fans kultisch verehrten Musiker Mark Kozelek und seine Band Sun Kil Moon, die morgen in Berlin auftreten.

Besprochen werden ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Yannick Nézet-Séguin in Frankfurt (FR), Paul Simons neues Album (NZZ), das neue Album der Rapper Audio88 und Yassin (Welt), Nick Caves Buch "The Sick Bag Song - Das Spucktütenlied" (taz) und das Berliner Konzert von Cypress Hill (Tagesspiegel, FAZ).
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