Efeu - Die Kulturrundschau

Alles ist Spektakel

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02.04.2015. Jochen Werner schildert von seinem Feldbett aus 30 Stunden Musikperformance "The Long Now" bei der MaerzMusik. Die New York Times porträtiert den algerischen Autor Kamel Daoud. Der Freitag beschreibt die Welt der Audiodeskription. Die SZ gibt einen Ausblick aufs Cranach-Jahr 2015. Oh, und Claus Peymann fordert den Rücktritt von Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner: der wolle die Volksbühne verhunzen.

Musik

30 Stunden lang dauerte die Musikperformance "The Long Now", die am vergangenen Wochenende im Rahmen der Berliner MaerzMusik im Kraftwerk Berlin unter Bereitstellung von Feldbetten stattfand. Für das Blog der Berliner Festspiele hat Jochen Werner, der für den Perlentaucher auch Filmkritiken verfasst, ein Live-Notizbuch geführt. Protokoll einer gemeinschaftlichen, glückseligen Ermattung: "Der Tag begann entspannt. Im Laufe des Vormittags erhob sich ein Schläfer nach dem Anderen von den Liegen, viele sitzen nun allein oder in Grüppchen und lauschen den Klängen von - erneut: Morton Feldman. Nach dem gestrigen Streichquartett wird nun noch das Klavierkonzert "Triadic Memories" gespielt, das ist schön. Unten gibt es Frühstück und Filterkaffee, aber das Publikum scheint weiter in einer Art Nachtschwere zu verharren."

Von süßer Überforderung berichtet auch Matthias Manthe, der sich für die taz "No Now", das Debütalbum des Produzenten Clarence Clarity angehört hat: Dieser "blättert eine derartige Vielfalt auf, dass das motivgebende Gefühl der Orientierungslosigkeit körperlich erfahrbar wird. Alles ist over-the-top, alles ist Spektakel. Als wären wir in den Körper eines ADHS-Patienten geschlüpft, der sein Gehirn von den kakophonischen Eindrücken der digitalen Erfahrung über die Musik wieder entleert, gleicht das Album einem einstündigen Trip von Horror nach Katharsis." In diesem Sinne, frohes Hirnumkrempeln:



Im Podcast auf Machtdose präsentiert Roland Graffé Novitäten aus der Netaudio-Szene.

Besprochen werden das neue Album von Godspeed You! Black Emperor (Pitchfork, Spin), eine Hommage zu Ehren von Pierre Boulez in Berlin (Tagesspiegel), das neue Album der Punkband Love A (ZeitOnline) und das neue Album von Sufjan Stevens (The Quietus, mehr).
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Literatur

In der New York Times schickt Adam Shatz ein großes Porträt des algerischen Autors Kamel Daoud, der mit seiner Camus-Fortsetzung "Meursault, contre-enquête" bekannt wurde. Shatz ist nach Algerien gereist, um mit Autoren und Politikern über Daoud zu sprechen, über dem eine Fatwa wegen Apostasie und Häresie schwebt: "The more I read Daoud, the more I sensed he was driven not by self-hatred but by disappointed love. Here was a writer in his early 40s, a man my age, who believed that people in Algeria and the wider Muslim world deserved a great deal better than military rule or Islamism, the two-entree menu they had been offered since the end of colonialism, and who said so with force and brio."

Besprochen werden Dave Eggers" Roman "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?" (Welt, FAZ, mehr), ein Band über "Schweizer Städtebilder" (NZZ), Anton Tantners Buch über "Die ersten Suchmaschinen" (NZZ), Bastien Vivès" Comic "Lastman" (ZeitOnline) und Leif Randts "Planet Magnon" (SZ, mehr).
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Bühne

Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner spielt offenbar mit dem Gedanken, der Volkbühne nach dem Abgang Frank Castorfs mit dem Kunstkurator Chris Dercon einen echten Neuanfang zu ermöglichen. Öffentlich geäußert hat er sich dazu noch nicht. Claus Peymann will das auch gar nicht abwarten, sondern fordert schon mal prophylaktisch den Rücktritt Renners, meldet dpa. "Peymann kritisierte, Renner wolle die einst so ruhmreiche Volksbühne zum "soundsovielten Event-Schuppen" der Stadt machen. "Mir bricht buchstäblich der Angstschweiß aus, wenn ich mir vorstelle, was dieser unerfahrene und in dieser Position völlig überforderte Mann bereits angerichtet hat - und was uns noch erwartet", schrieb Peymann. Er ließ den Brief per Boten ins Rote Rathaus bringen und gab ihn gleichzeitig an die Presse weiter." Vielleicht kann man ja doch noch einen "erfahrenen" Mann aus Peymanns Generation in die Volksbühne hieven.

Gerhard Stadelmaier mokiert sich in der FAZ besonders über die Passage, wo Peymann sich beschwert, dass der Regierende Bürgermeister Müller ihn noch nicht empfangen habe: "Wogegen des Bürgermeisters Vorgänger Wowereit solchem Wunsche "in der Regel innerhalb von 14 Tagen", dessen Vorgänger Diepgen "innerhalb von einer Woche", der Bundespräsident Köhler innerhalb von "maximal 3 Wochen" und der ehemalige Kulturstaatssekretär Schmitz innerhalb "von wenigen Stunden" entsprochen hätten."

In Pascal Dusapins in Brüssel am Théâtre de la Monnaie uraufgeführten Oper "Penthesilea" geht es ans Eingemachte, erfahren wir in der FAZ von Jan Brachmann, der sich vom Regisseur hat sagen lassen, dass "sadomasochistische, fetischistische und voyeuristische Sexualität" das Thema seiner Arbeit bilde. "Und in der musikalischen Umsetzung hält sich der Komponist keineswegs zurück. Der schartige Krach des Krieges, das feuchte Keuchen der Paarung sind ihm gleichermaßen Stimulanz seiner musikalischen Phantasie. ... Raffinierte Kulturmüdigkeit spricht aus diesem Werk, eine Sehnsucht nach Flucht ins Körperliche und ein gefährlicher Überdruss an Reflexion."

Besprochen werden außerdem die Opern "Cavalleria rusticana" und "I Pagliacci" in Salzburg (NZZ), Luk Percevals Inszenierung der "Blechtrommel" am Thalia Theater (NZZ).
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Film

In einer Reportage für den Freitag beleuchtet Andrea Roedig die Welt der Audiodeskription, also für Blinde und Sehbehinderte erstellte Filmbeschreibungen, und die enormen Herausforderungen, die bei deren Anfertigung vor allem auch hinsichtlich der Qualität einhergehen: Es handelt sich dabei um "eine Sache der Demut, der absoluten Dienstleistung. Sie erfordert zugleich sehr genaues Hinsehen und bewusste Reduktion. Viel passt nicht hinein in die Pausen, ein Abriss höchstens. Keine blumigen Girlanden, keine unnötigen Accessoires. ... Man könnte AD als eine ganz eigene Textgattung verstehen, die von der Hingabe ans Sichtbare und Hörbare lebt und von der Lücke zwischen den Tönen. Der Hörfilm ist also ein eigenes Genre, und wenn er gut ist und man sich darauf einlässt, entwickelt er auch für Sehende seine ganz eigene Poesie."

Weitere Artikel: Tilman Krause erinnert sich in der Welt, wie er sich 1986 in der Maaßenstraße von Oskar Roehler Lederjacken in Marcellos Second Hand Laden anprobieren ließ. Cristina Nord spricht in der taz mit Mathieu Amalric und Stéphanie Cléau über deren Verfilmung von Georges Simenons Roman "Das Blaue Zimmer". Claudia Lenssen annnonciert in der taz eine Reihe über Landschaften im Film im Berliner Kino Arsenal. Steven Spielberg plant eine Verfilmung von Art Spiegelmans Comicklassikers "Maus", meldet Lars von Törne im Tagesspiegel.

Besprochen werden Mathieu Amalrics "Das Blaue Zimmer" (Freitag, Tagesspiegel, Zeit), Khavn de La Cruz" indonesischer Undergroundfilm "Ruined Heart" und James Wans Actionfilm "Fast and Furious 7" (Perlentaucher), Ulrich Schamonis per VoD wiederveröffentlichter Film "eins" von 1971 (Freitag), Andreas Dresens Film "Als wir träumten" (NZZ), Stefan Hayns Porträtfilm "Straub" über Jean-Marie Straub (taz), David Lowerys auf DVD veröffentlichter "The Saints - Sie kannten kein Gesetz" ("ein Film als Kathedrale, aber als eine, die schwebt", frohlockt Ekkehard Knörer in der taz), Wim Wenders" "Every Thing Will Be Fine" (Christiane Peitz vom Tagesspiegel "ist gebannt - und belustigt", Welt), ein Fotoband mit Setaufnahmen von Ernst Haas (SZ) und der zweite Teil der Komödie "Best Exotic Marigold Hotel" mit Judi Dench (Berliner Zeitung).
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Kunst

In der SZ bietet Kia Vahland einen Ausblick aufs Cranach-Jahr 2015, in dem sich zahlreiche Ausstellungen dem Künstler und Luther-Maler widmen. Warum der in seinem Wert umstrittene Künstler auch heute noch wichtig ist, weiß sie auch: "Vielleicht wären wir ohne ihn nie die visuell denkende Gesellschaft geworden, die wir sind - oder wir hätten zwar genauso viele Bilder wie heute in allen Medien, aber noch mehr Angst vor ihnen, als dies sowieso schon der Fall ist."

Den bislang schon entzückten Stimmen (etwa hier und hier) zur ZERO-Schau im Martin-Gropius-Bau in Berlin kann sich Ingeborg Ruthe von der Berliner Zeitung nur anschließen: Ausgestellt werde hier nichts weniger als das Zeitalter der Avantgarde der jungen BRD. "In dieser Kunst (...) stecken Fortschrittsglaube, Utopien, das kühne, kreative Spiel mit Monochromie, mit Farbe, Vibration, Licht und Spiral-Bewegung, mit fragmentierten Körperfotos, Rotoren und Sanduhren. Alles, was einen da schier zu überwältigen scheint, ist eine zauberische Mischung aus Rationalismus und Metaphysik. ZERO steht für Schweigen und Stille, für eine Zwischenzone, in der ein alter Zustand in einen neuen übergeht."

Weiteres: ZeitOnline bringt eine Strecke mit Fotografien aus der Hamburger Ausstellung "The New Social".

Besprochen werden eine Andrea Fraser gewidmete Retrospektive im Museum der Moderne in Salzburg (taz), Marily Strouxs im Berliner Haus der Kulturen der Welt ausgestellte Fotoreihe "Berlin Mondiale: Haus Leo - Professions" (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Rogier van der Weyden und die Königreiche der Iberischen Halbinsel" im Prado in Madrid (FAZ), eine dem Fotografen Rudolf Holtappel gewidmete Ausstellung in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen (FAZ) und die Ausstellung "Mythos Troja" im Pompejanum in Aschaffenburg (FAZ).
Archiv: Kunst