Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Akkordeon atmet langsam aus

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27.06.2015. SZ und Standard werden melancholisch in einer Münchner Ausstellung über den Westberliner Underground der 80er: einst so wild, jetzt so kulturexportkompatibel. Sieglinde Geisel lässt sich in ihrem Blog von Wolfram Schüttes Idee für eine online stehende Literaturzeitung inspirieren. Die taz lernt von Nordkorea, dass es auch bei uns politische Propaganda gibt. Die NZZ erinnert in der Figur des William Morris an das Reaktionäre im Avantgardisten.

Musik


Nach dem Konzert, SO36, Berlin 1982, Foto Anno Dittmer

Im Feuilletonaufmacher der SZ ruft Andrian Kreye anlässlich der in München gastierenden Wanderausstellung "Geniale Dilletanten" über den einstigen Westberliner Underground einen 80er-Schwerpunkt im Feuilleton aus. Beim Gang durch die Ausstellung fragt er sich allerdings, ob das mit dem Underground und dem Museum wirklich so eine gute Idee war: Denn "wie bringt man nun eine Vergangenheit ins Museum, zu der ja auch infernalischer Lärm gehörte, klamme Feuchtigkeit, Zigarettenrauch, Bierdunst? In der wüste Bilder gemalt wurden, die sich der WhiteCube-Ästhetik der Museen und Galerien verweigerten? In der es überhaupt eine allgegenwärtige Verweigerungshaltung gab, die sich eben nicht nur in Musik und Bildern, sondern auch in Gesten, Tonfall und Blicken ausdrückte?"

Im Standard sieht Alexander Kluy das ähnlich: "Wieso aber laufen in München die Konzertmitschnitte auf so kleinen Fernsehern? Und dann auch noch mit Kopfhörern? So beraubt sich diese ein wenig heterogene Ausstellung selbst allzu sehr des Sinnlichen. Immerhin ist sie, ein Projekt des Goethe-Instituts, kulturexportkompatibel."

Tim Caspar Boehme (Spex) hält zwar wenig von sich als Schamanen ausgebenden Zeitgenossen aus dem esoterischem Milieu. Dem Reiz von David Toops in einer luxuriösen Edition wiederveröffentlichten Aufnahmen schamanistischer Rituale aus dem Jahr 1978 kann er sich allerdings nicht enziehen: Die Aufnahmen entwickeln "eine schwer zu ertragende Eindringlichkeit, die einen zwar nicht miterleben lässt, was Toop hören und sehen konnte (...), die aber umso mehr den Ehrgeiz der Fantasie anstachelt, Bilder zu finden für das, was die in Trance versetzten Schamanen erlebt haben könnten, für die anderen Realitäten, zu denen sie sich, wie es heißt, Zugang verschaffen." Hier gibt es Hörproben.

In der Tischlerei der Deutschen Oper rufen die Sound Studies der Berliner Universität der Künste unter dem Motto "Sounds for a While" zur Klangerkundung an der Grenze zwischen Geräusch und Musik auf, berichtet Udo Badelt im Tagesspiegel: "Ein Akkordeon atmet langsam aus und ein, als würde es schlafen. Bürsten und Besen kratzen, schaben, rattern über raue Oberflächen, eine Performerin pappt sich Drähte auf die Haut, plötzlich hört man laut ihre Zähne klappern, ihre Lippen schmatzen und sogar die Lider schlagen. ... Was erklingt, ist gestaltet, hat Farbe, Rhythmus, Tonhöhe. Man schaukelt sich in eine Trance hinein, in der allerdings, paradoxerweise, das Hören umso schärfer gestellt wird."

Weitere Artikel: In der taz stellt Daniel Zylbersztajn Cynthia McDonalds Friseursalon "Back to Eden" vor, der (mit Anschubhilfe des kommerziellen Erfolgs von Soul II Soul) im London der späten 80er die Dreadlocks der Reggaekultur als Zeichen afrobritischen Selbstbewusstseins popularisierte und heute einen sozialen Treffpunkt darstellt. Den Berlinern legt tazler Tim Caspar Boehme heute den Besuch des Konzerts der Experimental-Combo Les Femmes Savantes im Heimathafen ans Herz. Empört nimmt Eleonore Büning in der FAZ zwei Kollegen am Schlafittchen, die im NDR und in der Welt ihrer Ansicht nach antisemitische Bemerkungen über Kirill Petrenko gemacht haben. In der Welt stellt Deniz Yücel die populäre linke türkische Band Grup Yorum vor, der in Deutschland ein Auftrittsverbot droht, weil Einnahmen aus ihren Konzerten an die Terrororganisation "Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front" (DHKP-C) geflossen sein sollen.Auf The Quietus erinnert Danny Riley an das vor 40 Jahren erschienene Album "Warrior on the Edge of Time" der Psych-Rock-Legende Hawkwind: "The 1975 LP is frustrating and beguiling in equal measure." Die Quietus-Abgesandtschaft resümiert zudem das diesjährige Sónar-Festival. Für die FAZ war Philipp Rhensius beim "Musrara Mix"-Undergroundfestival in Jerusalem: "ein Mikrokosmos eines anderen, pluralistischeren, friedlicheren Jerusalems." Und Jörn Florian Fuchs berichtet vom Holland Festival in Amsterdam, in dessen Zentrum diesmal das Projekt "Urbo Kune" stand: "Fünfundzwanzig Stunden lang wurde das Muziekgebouw zu einer Agora, zum Begegnungsort von Musikern, bildenden Künstlern und Wissenschaftlern." Auf The Vinyl Factory gratuliert James Hammond dem auf aufwändige Wiederveröffentlichungen rarer Aufnahmen spezialisierten Label Finders Keepers zum zehnjährigen Bestehen. Hier gibt es viele Hörproben:



Besprochen werden ein Konzert von Black Rebel Motorcycle Club (Tagesspiegel), das neue Album von Muse (FR), ein Konzert des Jazzquartetts Electrolyte (FR), ein Konzert von Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis im Großen Musikvereinssaal in Wien (Standard), ein Konzert von Barbara Hannigan und den Berliner Philharmonikern (Tagesspiegel), der Berliner Auftritt von AC/DC ("der Zauber der Vereinfachung ist verflogen in der Anstrengung, die es ihn kostet", lamentiert Kai Müller im Tagesspiegel), die neue EP von Thundercat ("Every composition seems relentlessly aware of its own mortality", schwärmt Seth Colter Walls auf Pitchfork) und ein Konzert der polnischen Rockabilly-Band Jet-Sons in Berlin (Jungle World).
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Bühne

Beim Berliner Festival "Foreign Affairs" drängt sich Rüdiger Schaper im Tagesspiegel die Frage auf: "Wie kam der Pop ins Theater? Und wann?"

Besprochen werden ein Frankfurter "Kohlhaas" (FR), die Choreografie "Rice" Lin Hwai-mins beim Tanzsommer Innsbruck (Bild, Standard), die Strauss-Oper "Ariadne auf Naxos" mit Ingo Metzmacher am Pult und von Hans Neuenfels inszeniert (Standard), Maurice Béjarts Choreografie "La IXe Symphonie" in Lausanne (NZZ) und René Polleschs an der Volksbühne in Berlin aufgeführtes Stück "Keiner findet sich schön" (Tagesspiegel, mehr dazu hier).
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Design


Die Tasche von William Morris. Foto: © William Morris Gallery, London Borough of Waltham Forest

Überall in und um London herum findet Marion Löhndorf für die NZZ Spuren des Architekten, Kunstgewerblers und Künstlers William Morris (1834-1896). Morris war politisch ein Sozialist, künstlerisch vertrat er jedoch die Idee, nur das Kunsthandwerk könne der Hässlichkeit von Industrieprodukten etwas entgegensetzen. Der Zwiespalt prägt noch die heutige Crafts-Bewegung: "Morris kam durch die Kunst zum Sozialismus. Er strebte an, für jedermann erschwingliche Waren von höchster Qualität, Schönheit und Langlebigkeit herzustellen. Die Frustration über die scheinbare Unmöglichkeit, diese Idee in die Tat umzusetzen, habe ihn politisiert. Doch damals wie heute waren exklusive, handgefertigte Waren teuer, und Morris war nicht in der Lage, die Preise zu senken. Einer Form des Sozialismus, wie er Friedrich Engels vorschwebte, der ihn als "sentimentalen Sozialisten" bezeichnete, war der individualistische Morris sicher nicht zugeneigt."

Lesenswert dazu auch: Die National Portrait Gallery zeigte im letzten Jahr unter dem Titel "Anarchy and Beauty" eine große William-Morris-Ausstellung. Im Blog der Galerie erklären heutige "Maker" an einzelnen Beispielen, was sie von Morris gelernt haben.
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Literatur

Sieglinde Geisel, Kritikerin unter anderem bei der NZZ, lässt sich auf ihrem Blog von Wolfram Schüttes Idee für eine online stehende Literaturzeitung inspirieren - macht aber einen Einwand gegen die von Schütte gewünscht Zahlbarkeit des neuen Mediums: "Die Gratiskultur hat sich im Internet durchgesetzt - nicht nur weil die Leute nichts bezahlen wollen, sondern auch weil es dem Charakter des Netzes entspricht. Eine Paywall erstickt das Netz-Gespräch, das fluide Teilen und Geteiltwerden, das virale Wachstum. Wenn unser erträumtes Literaturmagazin relevant werden soll, müssten wir andere Modelle erproben: Mäzenatentum, Stiftungen, Genossenschaft, Crowdfunding, whatever."

Alexander Honold untersucht in einem NZZ-Essay, wie der Erste Weltkrieg die Literatur der Moderne geprägt hat: "Vergleicht man die durchgeistigte Haltung, in welcher nach 1920 Stefan George auf Lichtbildern zu sehen ist, mit der schneidigen Pose des im Ledermantel auftretenden Bertolt Brecht, wird ersichtlich, dass hier nicht nur zwei Künstlergenerationen einander entgegenstehen. Es ist eine Wachablösung der Dichtung durch die Literatur. Dabei betrieben beide ihre Lyrik als Wiedergänger des antiken Modells vom Dichter-Sänger, nur eben mit ganz unterschiedlichem "sound"."

Literaturblogger diskutieren bei 54books.de über eine Frage, auf die Printjournalisten nicht mal mehr verfallen würden, nämlich ob die Besprechung eines kostenlos überlassenen Rezensionsexemplars bereits als Werbung zu betrachten ist. Tilman Winterling kommt allerdings zu dem Ergebnis, dass nein: "Solange das Zusenden des Buchs allein zur Ermöglichung einer, wie auch immer gearteten, Besprechung erfolgt, ist die Unabhängigkeit des Bloggers in der Regel nicht über die Maßen strapaziert."

Weitere Artikel: Für den 80er-Schwerpunkt des heutigen SZ-Feuilletons blättert Lothar Müller in den Archiven von SZ, Spiegel und anderen Magazinen nach, wie Rainald Goetz um 1980 herum vom Doppel-Promoventen zum Feuilletonisten und schließlich zum Schriftsteller wurde (und stößt dabei auch auf dieses schöne Früh-90er-Fundstück aus der Goetz"schen Feder beim Spiegel). Berlin-Mitte im Ronja-von-Rönne-Hype: Ob da "dieses Jahr mal wieder was geht in Klagenfurt", fragt sich da Gerrit Bartels im Tagesspiegel (nicht ohne aber noch dem "altväterlichen Bedenkenträgertum" zu frönen). Für The Quietus unterhält sich Colm McAuliffe mit dem Autor Austin Collings, dessen neue Kurzgeschichtensammlung "The Myth of Brillant Summers" das Gebiet zwischen J.G. Ballard und "Twin Peaks" ausmisst. Sabrina Wagner (Tagesspiegel) trifft sich mit der Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke.

Besprochen werden unter anderem Ralf Rothmanns "Im Frühling sterben" (taz, mehr) und Stefan Gärtners "Putins Weiber" (FAZ, mehr).
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Kunst



Die Ausstellung "Die Utopie des Kim" im niederländischen Drents Museum konfrontiert das Publikum Besucher laut taz-Kritiker Tobias Müller damit, "welchen Blick man selbst auf Nordkorea hat. ... Die überzeichnete Märchenstunde des Chuch"e- Sozialismus fordert einen gedanklichen Tribut, der von der Reflexion eigener, als westlich angenommener Perspektiven bis hin zu der Erkenntnis reicht, dass es "bei uns" auch politische Propaganda gibt."

Weiteres: In der FR spricht Steven Geyer mit dem französischen Comiczeichner und Karrikaturisten Lewis Trondheim. Für die SZ unterhält sich Peter Richter mit dem einstigen Interview-Chefredakteur Glenn O"Brien über Warhol und die 80er. Das ZeitMagazin bringt eine Strecke mit Magnum-Fotografien aus Kuba.

Besprochen werden die Tino-Seghal-Werkschau im Berliner Gropiusbau (Tagesspiegel), eine Ausstellung über Hunde in der Kunst im Berliner Kupferstichkabinett (Tagesspiegel), die Marlene-Dumas-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Bern (FR).
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Film

Sonst eher für Autorenfilme aus der "Berliner Schule" bekannt, hat sich Christian Petzol nun ins Korsett des Fernsehkrimis begeben: Mit "Kreise" gelingt ihm allerdings ein "Meta-Polizeiruf", in dem Modelleisenbahnen zur Fernsehkrimi-Metapher werden, meint Thomas Groh beim Perlentaucher. Petzold habe "erwartungsgemäß zwei, drei Gänge heruntergeschaltet und einen Film über redende Menschen zwischen Distanz und Annäherung gedreht, um sich den br-"Polizeiruf" in seinen fortdauernden Werkzyklus mit Filmen über die Sehnsucht und die Liebe einzuverleiben. Was in den vorangegangen Episoden der Reihe nebenbei mitlief - von Meuffels als Melancholiker auf der Suche nach der Liebe - wird in "Kreise" zum eigentlichen Thema, wenn von Meuffels und Hermann einander mit Blicken, Gesten, einem Lächeln im Mundwinkel umkreisen." Der Film läuft am Sonntagabend um 20:15 im Ersten.

Außerdem: Jörg Michael Seewald (FAZ) vermeldet "erste Überraschungen" vom Filmfest München. Harald Jähner (FR) schreibt zum Tod von "Mit Schirm, Charme und Melone"-Star Patrick Macnee. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb Isabelle Adjani zum 60. Geburtstag. In Zulawskis berüchtigem Westberlin-Film "Possession" hatte die schönste Schauspielerin der Welt einen legendären Auftritt:



Besprochen werden Claude Lanzmanns "Der Letzte der Ungerechten" (Jungle World) und Thomas Cailleys "Liebe auf den ersten Schlag" (taz).
Archiv: Film