Efeu - Die Kulturrundschau

Im Grunde ist egal, was passiert

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13.05.2026. Viele große Namen in Cannes - aber der Eröffnungsfilm der Filmfestspiele, Pierre Salvadoris "La Vénus électrique" ist eine Pleite, findet die Zeit. Die stürzt sich außerdem mit dem neuen Ikkimel-Album "Poppstar" mit Volldampf in die Fotzenrap-Debatte. Die SZ verteidigt Maxim Biller nach dessen Zeit-Polemik: der Literaturwissenschaftler Steffen Martus habe tatsächlich einen blinden Fleck, wenn es um Texte jüdischer Autoren geht. Çağla Ilk, die neue Intendantin des Gorki-Theaters, stellt ihr Programm vor - viel Kunst, wenig klassische Bühnenstücke, lernt der Tagesspiegel
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2026 finden Sie hier

Film

Sorgt in Cannes nicht gerade für Begeisterungsstürme: Pierre Salvadoris "La Vénus électrique"

Einmal mehr zaubert Cannes einen großen Namen nach dem nächsten aus dem Hut - umso erstaunter ist Zeit-Kritikerin Katja Nicodemus dann, dass der gestern Abend (wenngleich außer Konkurrenz) gezeigte Eröffnungsfilm eine derartige Pleite ist: Pierre Salvadoris "La Vénus électrique" ist ein "wirklich plumpes Liebesdrama", rund um Jahrmarkt, Schausteller, Illusionen und die Liebe. "Fantastische Schauspieler und Schauspielerinnen (Gilles Lellouche, Anaïs Demoustier) spielen sich zu faden Drehbuchsätzen die Seele aus dem Leib, rumpumpelige Walzer versuchen, die doppelt und dreifach erzählte Geschichte zusammenzuhalten. Das Beste, was man über La Vénus électrique sagen kann, ist, dass ein Festival ja irgendwie anfangen muss, um loszugehen." David Steinitz in der SZ ist gnädiger: Zu sehen war "eine Liebesgeschichte im verrauchten Künstler- und Gauklermilieu der Jahre zwischen den Weltkriegen, kein Mainstreamkitsch, aber auch nicht allzu filmfestivalverkünstelt". Ingesamt "ein Melodram im besten Sinne, komisch, tragisch, rührend, und ein mehr als würdiger Cannes-Opener".

Mehr von der Croisette: Tim Caspar Boehme berichtet in der taz von der Auftaktpressekonferenz mit Festivalleiter Thierry Frémaux. Pamela Jahn spricht in der NZZ mit Volker Schlöndorff, der seinen Film, die gleichnamige Verfilmung von Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung", in einer Nebenreihe des Festivals zeigt. 

Abseits der Croisette: Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit László Nemes über dessen neuen Film "Andor Hirsch", in dem der ungarische Autor die Geschichte seiner Familie erzählt. Kristina Jaspers denkt im Filmdienst über Silke Buhrs ganz bewusst ahistorisch gehaltenes Szenenbild von Hagai Levis Arte-Serie "Etty" nach, die von der 1943 in Auschwitz ermordeten Niederländerin Etty Hillesum erzählt. Critic.de dokumentiert Annette Brauerhochs in der Reinl-Retrospektive des Berliner Zeughauskinos gehaltenen Vortrag zu Harald Reinls Kriegsfilmen der Fünfziger. Andreas Lebert und Stephan Lebert sprechen in der Zeit mit dem deutschen Filmproduzenten Nico Hofmann. David Steinitz plaudert für die SZ mit Pedro Pascal und Sigourney Weaver, die im neuen "Star Wars"-Film "The Mandalorin and Grogu" zu sehen sind.

Besprochen werden David Dietls "Ein Münchner im Himmel" (critic.de) und Annemarie Jacirs "Palästina 36" (Standard, mehr dazu bereits hier).
Archiv: Film

Literatur

Buch in der Debatte

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Bei all der Aufregung um und Empörung über Maxim Billers Zeit-Kolumne, in der der Schriftsteller mit den Mitteln der Kolportage den Literaturwissenschaftler Steffen Martus verspottet hat, falle Billers wahres Anliegen nur allzu leicht vom Tisch, bemängelt der Literaturwissenschaftler Jan Süselbeck in der SZ: "Die bohrende Frage, warum Steffen Martus' durchweg positiv rezensierte Literaturgeschichte kaum jüdische Autorinnen und Autoren behandelt - eine Ungewissheit, die den in Billers Kolumne auftretenden Germanisten offenbar sogar selbst ratlos zurücklässt, ist so auch diesmal ungehört im Feuilleton verhallt. ... Biller hat eine donnernde Frage gestellt, die wir Literaturwissenschaftler beantworten sollten, ja müssen: Warum setzen wir in unserer Forschung und Lehre genau jene Schwerpunkte, die wir wählen, und lassen andere aus? Welche 'Gojnormativität' hat, vielleicht unbewusst, unsere jeweiligen Karrierewege und unsere Forschungsinteressen geleitet? Denn es stimmt ja: Während die englischsprachige Forschung die deutschsprachig-jüdische Gegenwartsliteratur seit Jahren ausführlich behandelt, sind entsprechende Publikationen in Deutschland rar geblieben."

Ulrich Gutmair freut sich in der taz darüber, dass die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung die frühere Ideal-Sängerin Annette Humpe mit dem Jacob-Grimm-Preis ausgezeichnet hat: "Der leicht verschlafene deutsche Literaturbetrieb und seine preisverleihenden Institutionen scheinen langsam zu begreifen, dass Poplyriker wie Annette Humpe eventuell mehr zur deutschen Literatur beigetragen haben als manch hochdekorierter Autor."

Weitere Artikel: Auf Seite Drei der SZ porträtiert Christian Zaschke den Schriftsteller Lukas Rietzschel. Adam Soboczynski erzählt in der Zeit von seinem Besuch bei der schwer nierenkranken Schriftstellerin Petra Morsbach. Die NZZ spricht mit Heinz Bachmann über dessen Schwester, die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, die im Juni hundert Jahre alt geworden wäre.

Besprochen werden unter anderem Matthias Nawrats "Das glückliche Schicksal" (FR), die neue Ausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte (Zeit) und Sachbücher, darunter Paul Virilios "Bunkerarchäologie" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Bühne

Muss das Perlentaucher-Efeu das Berliner Gorki bald von der Rubrik Bühne in die Rubrik Kunst verschieben? Das vielleicht doch noch nicht, aber die Antrittspressekonferenz der neuen Intendantin Çağla Ilk scheint jenen recht zu geben, die erwarten, dass das Haus sich unter ihrer Leitung vom klassischen Sprechtheater entfernt und stattdessen eher installativen und anderen kunstbetriebsnahen Projekten widmet. Erst für Dezember ist eine klassische Bühneninszenierung geplant, vorher gibt es Klangkunst von Nicole L'Huillier und Marco Fusinato. Insgesamt fügt sich das laut BlZ-ler Ulrich Seidler zu einem "Programm, das von Leuten durchsetzt ist, die von der bildenden Kunst abgesprungen sind und nun den performativen Raum des Theaters erobern: Theda Nilsson-Eicke, Marco Fusinato, Leila Hekmat. Tamer Yigit, Marie Schleef und das konzeptuelle Theater von Farn Collective mit Tom Schneider und Sandra Hüller kommen von der filmischen und schauspielerischen Seite entgegen. Die in Berlin ansässigen Choreografinnen Meg Stuart und Constanza Macras, die zuletzt vor allem an der Volksbühne gearbeitet haben, bekommen eine künstlerische Ersatzheimat."

Ganz neu ist die Nähe zum Kunstbetrieb im Gorki nicht, konzediert Rüdiger Schaper im Tagesspiegel, schon die vorherige Intendantin hatte da keine Berührungsängste. "Doch was immer Shermin Langhoff in einem guten Dutzend Jahren auch noch veranstaltet hat, im Zentrum stand das Schauspiel. Die Stücke. Das Ensemble. Damit scheint es erst einmal vorbei zu sein. Das Maxim Gorki Theater, das man kennt und schätzt, wird es dann nicht mehr geben. Im Übergang finden sich dafür reichlich kuratorische Versprechen. Vom Gorki als 'ein Denken des Körpers als offener, fragiler, politischer Ort'. Oder: 'Berlin ist für das neue Gorki kein geschlossener nationaler Bezugsrahmen. Das neue Gorki will Berlin nicht abbilden, sondern seine Strukturen aufnehmen: global, postdisziplinär, offen.' Hoffen wir mal." Auf nachtkritik kommentiert Elena Philipp, für monopol war Tobi Müller bei der Pressekonferenz.
Burgtheater Wien - Sankt Falstaff © Tommy Hetzel

Sophie Klieeisen zeigt sich in der FAZ ziemlich angetan von Ewald Palmetshofers neuem Stück "Sankt Falstaff", das Karin Henkel am Wiener Burgtheater auf die Bühne bringt. Die recht komplexe Handlung dieser Shakespeare-Paraphrase dreht sich unter anderem um eine aus dem Ruder laufende Geldübergabe. Aber "der Plot ist nicht so entscheidend", findet Klieeisen. "Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Palmetshofers in zweihebigen Versen funkelnde Sprache und vor allem auf die sie zum Klingen bringenden Schauspieler. Im Grunde ist egal, was passiert, Hauptsache, sie hören nicht auf, Palmetshofers Zeitgeistanalysen und Pointen im Spiel zu halten, dessen Konstruktionsanleitung sich ganz auf die von Machtsehnsucht und Machtverachtung getriebenen Figuren und ihre Verwirrtheit konzentriert. Auch dieses Stück ist eine Nabelschau, aber eine, die die Selbstkorrumpierung manchen gegenwärtigen politischen Machtsystems persifliert, ohne sich zu ernst zu nehmen." Jakob Hayner zeigt sich in der Welt weit weniger gnädig: "'Sankt Falstaff' wird von Henkel nach allen Regeln der Kunst konzeptuell stranguliert."

Weitere Artikel: Juan Martin Koch besucht für nmz die Musiktheater-Biennale in München. Ebenfalls vor Ort ist Welt-ler Manuel Brug. Mit der berüchtigten Schulfrage nach dem Dichterwillen beschäftigt sich nachtkritik-Kolumnist Wolfgang Behrens. Außerdem stellt die nachtkritik sieben Fragen an Caren Jeß, deren Stück "To My Little Boy" auf den Mühlheimer Theatertagen zu sehen ist.

Besprochen werden eine von Viktor Bodó inszenierte "Dreigroschenoper" am Schauspiel Stuttgart (FR - "Es wird hinreißend gespielt, es wird sehr gut gesungen") und Brett Deans Oper "Of One Blood" an der Staatsoper München (FAZ - "Von überall tönt es, auf, unter und hinter der Bühne").
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Kunst

Rembrandt - Self-Portrait with Dishevelled Hair

Rembrandt noch einmal ganz neu entdecken, geht das überhaupt? Ja, freut sich Alexander Cammann in der Zeit. Im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel widmet sich eine Schau ausschließlich Rembrandt-Werken des Jahres 1632 und damit dem Beginn der Weltkarriere des Malers. Zu sehen ist unter anderem, wie der Künstler sich selbst ins Bild setzte: "Mit seinen zahllosen Selbstporträts betrieb er geschicktes Selbstmarketing: Schaut her, das bin ich, der Neue! Zu Beginn der Ausstellung sieht man nebeneinander frühe Varianten des wilden Lockenschopfs über dem umschatteten Gesicht oder blass-rosige Jünglingswangen über weißem Halstuch, mal eigenhändig, mal Werkstatt, mal Kopie. 1632 auch hier der stolze Bruch: Ein Selbstbildnis aus einer Privatsammlung in Tokio zeigt Rembrandt plötzlich mit Schnurrbart, Barett und vornehmer weißer Halskrause - seht her, jetzt bin ich ein echter Bürger der Grachtenstadt!"

Eine "Museum Meile Mitte" soll in Berlin entstehen, und zwar "im unwirtlichen Gebiet zwischen Hauptbahnhof, Humboldthafen und Naturkundemuseum", der sogenannten Eurocity, verkündet Birgit Rieger im Tagesspiegel. Auf die Beine gestellt wird das Projekt von Futurium, Hamburger Bahnhof, Medizinhistorischem Museum und Museum für Naturkunde, deren Chefs das Konzept nun erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt haben. Rieger zeigt sich eher skeptisch: "Zu entdecken gibt es genug. Da haben sie recht. Vor allem die Berliner muss man aber erst mal darauf bringen, hier zu bummeln. Das Gebiet, halb im Osten, halb im Westen gelegen, war Sperrzone in der DDR, der Spandauer-Schifffahrtskanal eine tödliche Grenze; danach war es Nachwende-Brachland und jetzt gentrifizierte Wohngegend." Und zwar eine ganz besonders öde, wie Stefan Trinks in der FAZ klarstellt. Und jetzt Museumsmeile? Vor allem die Beteiligung des Immobilienriesen CA Immo, der über die Jahre für so manche Hauptstadtbausünde verantwortlich war und eben auch für die grässliche Eurocity, stößt ihm sauer auf: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss zubetoniert ist, werdet ihr merken, dass man ohne Kulturorte keinen neuen Stadtteil vermietet."

Weitere Artikel: "So aufsehenerregend wie alltäglich" ist laut FAZ-lerin Ursula Scheer ein Fall wiederaufgetauchter NS-Raubkunst, der zur Zeit Schlagzeilen macht. Ein dem jüdischen Kunsthändler Jacques Goudstikker gestohlenes Gemälde hing jahrzehntelang im Haus der Enkelin eines niederländischen Nazikollaborateurs: Jetzt soll es restauriert werden. Für die taz berichtet Sophie Jung von dem Fall. In der Zeit stellen eine ganze Reihe von Autoren Kunstwerke vor, die unser Leben verändern können. Peter Richter besucht für die SZ den (sehr) Deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale.

Besprochen werden Jiyoon Chungs Ausstellung "Dead End" in der Galerie Anton Janizweski, Berlin (Tagesspiegel) und die Schau "Celebrating Womanhood. Kulturerbe am Kilimandscharo" im Stuttgarter Linden-Museum (taz).
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Musik

Auf dem neuen Ikkimel-Album "Poppstar" geht es mal wieder zu "stumpfen Technobeats" um "Poppen, Para, Pillen", schreibt Jolinde Hüchtker in der Zeit, "aber witzig ist das schon". Trotzdem stellen sich Hüchtker Fragen: In der sogenannten Fotzenrap-Debatte "wähnt man sich manchmal noch immer in den feminist sex wars der 1970er-Jahre. Liegt in der radikalen sexuellen Selbstbestimmung die Freiheit der Frau? Oder kann das zur Schau gestellte Sexuelle in einer patriarchalen Gesellschaft gar nicht selbstbestimmt sein, weil es sich immer zu einer männlichen Dominanz verhalten muss? ... Ist Ikkimel also empowernd, oder gilt hier sex sells, auch wenn die Frau diesmal das Subjekt ist, das unterwirft? Oder einfach beides? Gibt es das überhaupt, das weibliche Subjekt im Rap, oder wird alles am Ende zum Produkt einer Männerfantasie erklärt, und nie wieder kann irgendeine Frau auf einer Bühne mit dem, nun ja, Arsch wackeln und erfolgreich sein, ohne dem Feminismus zu schaden? Und wäre das überhaupt ein Verlust? 'Poppstar' fügt der Debatte rein gar nichts hinzu."



"Der ESC war nie bloß Glitter, nie bloß Pathos und Pailletten", schreibt Martin Berz in der NZZ und erinnert an die tatsächlich sehr lange Geschichte von Kontroversen, die sich immer wieder um die Veranstaltung legten - meistens ins aufgeregten Zeiten: "Der Wettbewerb war von Anfang an ein geopolitisches Theater", denn "Europa sollte als kulturelle Gemeinschaft neu zusammenfinden. ... Wer glaubt, die Debatten um Israels Teilnahme hätten den ESC erst politisiert, liegt falsch. Politisch war er immer. Neu ist nur, dass die Illusion der Unschuld nicht mehr aufrechterhalten werden kann." Marco Schreuder resümiert im Standard das erste Semifinale des Eurovision Song Contest.

Besprochen werden eine von Yves Abel dirigierte konzertante Aufführung von Hector Berlioz' "Fausts Verdammnis" in Zürich, die laut NZZ-Kritiker Christian Wildhagen sehr angemessen ist, "denn das Stück passt in keine Schublade, es ist weder Oper noch Oratorium noch Sinfonie", John Lingans Buch "Backbeats. A History of Rock and Roll in Fifteen Drummers" (Jungle World), das neue Album von American Football (Welt) und Joshua Idehens Debütalbum "I Know You're Hurting" (FR).

Archiv: Musik