Efeu - Die Kulturrundschau

Oma gib Handtasche

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.06.2015. Schwarze französische Schauspieler wollen nicht den Othello spielen, sondern den Hamlet, lernt die NZZ. In der SZ erzählt die kubanische Künstlerin Tanja Bruguera von ihrem Institut für aktive politische Kunst, dem "Institut Hannah Arendt". Gut für Paris, dass Napoleon so viel Krieg führen musste, lernt die Welt in einer Ausstellung. Die Presse lässt sich auf dem Nova Rock von Deichkind auf euphorischen Kurs bringen. Und alle trauern um Harry Rowohlt, der jetzt nie mehr spätabends Kritikern am Telefon die Leviten liest.

Literatur

Große Trauer um Harry Rowohlt - Übersetzer, Autor, Schauspieler, lange Jahre begnadeter Zecher und allseits beliebter Brummbär der Betriebs. Tief, sehr tief verneigt sich Arno Widmann (FR) vor dem Verstorbenen. Dieser habe seine Arbeit auf die "Erweiterungen des Stimmenrepertoires der deutschen Literatur ausgerichtet. Er tat das vor allem als Übersetzer, als Schmuggler." Frank Schäfer (ZeitOnline) vermisst Rowohlt jetzt schon, offenbar auch wegen der Telefonate: "Richtig in Stimmung, verfolgte er infame Kritiker auch schon mal mit wütenden spätabendlichen Telefonanrufen. Er war nie der angepasste Schaugeschäft-Profi, der um jeden Preis die Spielregeln einhielt. Hier zeigt sich vor allem eins: Haltung. Eine Haltung, die man sich erst mal leisten können muss, die sich Harry Rowohlt aber allemal geleistet hat."

Außerdem: Verleger Klaus Bittermann bringt im Tagesspiegel einen mit Anekdoten gespickten Nachruf. Ralf Sotscheck, dem Rowohlt seine Memoiren diktiert hat, erinnert sich in der taz an gemeinsame Tee-Umtrunke und Kneipenbesuche in Irland. Weitere Nachrufe schreiben Sieglinde Geisel (NZZ), Wieland Freund (Welt), Hilmar Klute (SZ) und Felicitas von Lovenberg (FAZ). Aus ihrem Archiv bringt die FAZ zudem ein Gespräch aus dem Jahr 1992. Auf ihrer Titelseite bringt die taz Rowohlts Erinnerungen an eine Rasur. Zahlreiche von Rowohlts tollen "Pooh"s Corner"-Kolumnen und weitere Artikel bietet das Zeit-Archiv. Und auf Youtube gibt es die Aufnahme eines Gesprächs aus dem Jahr 2013 zwischen Rowohlt und Gregor Gysi:



Ebenfalls gestorben ist der französische Schriftsteller Jean Vautrin, Autor von "Le Cri du Peuple", einer Geschichte der Pariser Commune, die Vorlage für eine Graphic Novel von Tardi war, melden französische Medien (hier die Huffpo.fr). Vautrin ist auch Regisseur des wunderbaren Films "Adieu l"ami" mit Alain Delon und Charles Bronson, die den halben Film über mit nackten Oberkörpern den Ausbruch aus einem Tresorraum versuchen:



Weitere Artikel: Lars von Törne (Tagesspiegel) unterhält sich mit dem Comiczeichner Michael Cho über dessen (trotz weiblicher Hauptfigur) autobiografisch gefärbten Comic "Shopfliter".

Besprochen werden eine Biografie der Autorin Tove Jansson (NZZ), Anthony Doerrs "Alles Licht, das wir nicht sehen" (Zeit), Paula Hawkins" Thriller "Girl on the Train" (FR), Kenneth Bonerts "Der Löwensucher" (taz) und ein neuer Forschungsband über Alfred Andersch (FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

Samir H.Köck berichtet in der Presse vom letzten Tag des Nova Rock in Nickelsdorf, wo ihm Slipknot die Ohren höllenmäßig zudröhnten. Gott sei Dank kamen danach Deichkind: "Mit frecher Drehsesselchoreografie wurde in "Bück dich hoch" zur Schleimerei in Büro und Amtsstube ermutigt. Wie von Sprechperlen gestärkt, ratterten die MCs kühne Losungen ins Mikro: "In jedem Menschen steckt ein Visionär!", schlugen sie im bösen "Denken Sie groß" vor. Halb wichtige Gestalten wie Reiner Calmund und Felix Baumgartner bekamen ihr Fett ab. Highlight war die minimalistische, sogar szenisch umgesetzte Techno-Delikatesse "Oma gib Handtasche"."

Weitere Artikel: Robert Klages (Tagesspiegel) stutzt und staunt: Die slowenische, ironisch mit den Insignien totalitärer Regimes spielende Band Laibach hat Aufritte in Nordkorea angekündigt. Das hält er dann doch für zu schön, um wirklich wahr zu sein: "Es wäre wirklich schön zu glauben, dass der slowenische Sarkasmus in Nordkorea missverstanden wurde." Auf Dangerous Minds spricht Christopher Bickel mit Fred H. Berger, dem Herausgeber des legendären, in den 80ern stilbildenden Postpunk/Gothic-Fanzines Propaganda. Die FAZ hat ihre Gespräch mit dem Pianisten Maurizio Pollini online nachgereicht.

Besprochen werden Shamirs "Ratchet" (taz), das neue Album von Jamie xx "In Colour" (Welt) und ein Konzert von Natalie Prass (Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Bühne

Warum gibt es auf Frankreichs Bühnen so wenig schwarze Schauspieler? Darüber diskutieren die Franzosen seit Wochen, erzählt Marc Zitzmann in der NZZ. So wurde auch "einmal mehr das "Blackfacing" thematisiert. Doch auch das Verkörpern "farbiger" Figuren durch weiße Darsteller hat mit dem Problem der fehlenden "Diversität" auf Frankreichs Bühnen nur bedingt zu tun: Dunkelhäutige Schauspieler klagen nicht, dass weiße Darsteller ihnen die "farbigen" Rollen wegnehmen, sondern dass ihnen selbst die "weißen" Rollen verwehrt bleiben - sie wollen den Dänen Hamlet spielen, nicht den Mohren Othello."

Besprochen werden Thomas Adès" Oper "The Tempest" in Wien, in einer Inszenierung von Robert Lepage und mit dem Komponisten am Pult (Presse, Standard), Matthias Hartmanns Inszenierung des "Fidelio" am Grand Théâtre de Genève (Standard), Sergej Prokofjews in Düsseldorf aufgeführte Oper "Der feurige Engel" (FAZ), eine Basler Aufführung von Peter Ruzickas "Hölderlin" ("die Ensemble-Leistung ist immens", begeistert sich Gerhard R. Koch in der FAZ) und eine dem Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose gewidmete Ausstellung im Deutschen Theatermuseum in München (FAZ).

Anzeige
Archiv: Bühne

Kunst

Im SZ-Interview mit Boris Herrmann erzählt die kubanische Künstlerin Tanja Bruguera, wie sie eine Gegenveranstaltung zur Biennale in Havanna gründete, zu der sie nicht eingeladen war: "Ich habe ein Internationales Institut für aktive politische Kunst gegründet, das ich "Institut Hannah Arendt" nenne. Zum Auftakt haben wir Arendts "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" gelesen, am Stück. Es dauerte 100 Stunden. Wir wechselten uns ab. Jeder konnte mitmachen... Am Ende wurde ich für ein paar Stunden festgenommen. Da konnte jeder sehen, wie der Totalitarismus funktioniert."

Weiteres: Philipp Meier betreibt für die NZZ Art-Hopping auf der Art Basel. Besprochen wird die Ausstellung von Bildern des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf im LIteraturhaus Berlin (taz, mehr),
Archiv: Kunst

Film

Der dänische Schauspieler Nikolaj Coster-Waldau erzählt im Interview mit dem Standard von seiner Zukunft in "Game of Thrones" und seiner neuen Rolle in Susanne Biers Drogendrama "Zweite Chance". So sonderlich neu findet Philipp Reinartz (ZeitOnline) die Qualitätsserien der jüngsten Jahre im Grunde genommen gar nicht: Eigentlich sei das ja alles bloß nur angewandter Aristoteles.

Besprochen werden Christian Froschs Schwarz-Weiß-Film "Von jetzt an kein Zurück" über jugendliche Revolte in den späten 60ern (Standard), der Skandinavien-Krimi "Schändung - Die Fasanentöter" (Presse) und Dominik Grafs Essayfilm "Was heißt hier Ende?" über den 2011 verstorbenen FAZ-Filmkritiker Michael Althen (critic.de, FAZ).
Archiv: Film

Architektur

Pünktlich zum 200. Jahrestag der Schlacht von Waterloo zeigt das Pariser Musée de Carnavalet eine Ausstellung über "Napoléon et Paris", Napoleons Pläne für die Neugestaltung von Paris. Zum Glück konnte er sie nur zum Teil verwirklichen, meint Martina Meister in der Welt: "Eine Metropole mit zwei, drei, vier Millionen Einwohnern hatte ihm in seinem Größenwahn vorgeschwebt, "etwas Fabelhaftes, Kolossales, bisher Nichtgekanntes". Keinen Stein hätte er auf dem anderen gelassen: "Wenn der Himmel mir nur 20 Jahre Herrschaft und etwas Muße gegönnt hätte, dann hätte man das alte Paris vergeblich gesucht, es wären nur Spuren davon übrig geblieben, und ich hätte das Gesicht Frankreichs verändert." ... Napoleon wollte aus Paris etwas Monumentales machen, ein zweites, antikes Rom."

Weitere Artikel: Im Chinesischen Kulturzentrum in Berlin sind historische Luftaufnahmen chinesischer Städte im Wandel der Zeit zu sehen, berichtet Rolf Brockschmidt im Tagesspiegel. Andreas Rossmann (FAZ) gratuliert der Ruhr-Universität zum 50. Geburtstag: "Das Grau ihres Betons trägt sie offen."
Archiv: Architektur

Design

Inspiriert verlässt Niklas Maak die Ausstellung über das Black Mountain College im Hamburger Bahnhof in Berlin: "Gegen die Mumifizierung von Objekten in Kunsttempeln steht die Erkenntnis, dass Bauhaus und Black Mountain College nicht nur konventionelle Produktionsstätten für spätere Designklassiker und Meisterwerke waren, sondern Orte, an denen eine andere Form des Wohnens und Miteinanderseins, andere Lebensformen und Rollenmodelle erprobt wurden. Ohne zu begreifen, dass die Kunst, die hier entstand, nur als Ergebnis dieses Lebensexperiments möglich war, lässt sich die Kunstgeschichte der Moderne nicht verstehen."

Archiv: Design