Efeu - Die Kulturrundschau

Mehr Talentförderung als Talente

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19.06.2015. Krise als Chance? Die NZZ berichtet vom Schriftstellertreffen in Thessaloniki. Die Filmkritiker streiten über Christoph Hochhäuslers "Die Lügen der Sieger": Tolle Form, aber was ist mit dem Plot? In der NYRB erklärt Adam Thirlwell, wie man Virginia Woolf tanzt. Seit die Filmbranche selbst über die Lola entscheiden darf, ist der Filmpreis zur Konsensschleuder verkommen, ärgert sich der Tagesspiegel. Und: Alle Feuilletons freuen sich über den Friedenspreis für Navid Kermani.

Literatur

Werner Bloch berichtet in der NZZ vom Schriftstellertreffen in Thessaloniki. Dort wurden die verheerenden Folgen der Krise hin und her gewendet, "doch es gibt auch positive Ansätze. Die in Athen lebende Kulturmanagerin Katja Ehrhardt hält das, was in Griechenland passiert, für "revolutionär. Der Wille zum Überleben generiert neue Formen von Performance und Organisation." So sind in Athen Dutzende von "Polixori" entstanden, unabhängigen Kulturstätten, an denen Ausstellungen, Aufführungen und Workshops stattfinden - und die sich durch ein angeschlossenes Restaurant oder eine Bar selbst finanzieren. "Es findet hier die Neugeburt einer Gesellschaft statt, die sich ernsthaft überlegen muss: Wie machen wir das jetzt?", meint Ehrhardt."

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an den Orientalisten und Schriftsteller Navid Kermani. Die Feuilletons von SZ bis Welt sind begeistert: Der Preis geht an einen "deutschen Intellektuellen, der sich ebenso kompetent zu Lessing, Kleist, Hölderlin und Kafka äußern kann wie zur islamischen Mystik", freut sich Gustav Seibt in der SZ. "Keine einschlägige Debatte der letzten anderthalb Jahrzehnte, die er nicht entscheidend geprägt hätte", versichert Martin Ebel in der Welt. In der FR lobt ihn Joachim Frank als "Juwelier der Sprache". Und er "ist keiner, der sich heraushält." Große Freude auch bei Hubertus Spiegel in der FAZ: "Dieser Friedenspreisträger zeigt uns, was kritische Intellektualität heute zu leisten hat und was sie bewirken kann." Im Tagesspiegel schreibt Gerrit Bartels. 2007 dokumentierte der Perlentaucher Kermanis Laudatio auf den Schriftstellerkollegen Martin Mosebach.

Weitere Artikel: Der Tagesspiegel bringt drei Gedichte des chinesischen Lyrikers Zang Di, der heute das Poesiefestival in Berlin (mehr dazu von Gregor Dotzauer) eröffnet. Christina Lenz (FR) berichtet von den Lyriktagen in Frankfurt.

Besprochen werden unter anderem Steffen Kopetzkys "Risiko" (FR), Richard Guérineaus Comic "Charly 9" (Tagesspiegel), Molly Antopols Erzähldebüt "Die Unamerikanischen" (NZZ) und Don Winslows Thriller "Das Kartell" (SZ).
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Bühne


Camille Bracher, Marcelino Sambé und Sander Blommaert in Wayne McGregors "Woolf Works". ©2015 ROH. Photograph by Tristram Kenton

Kann man Synonyme tanzen oder braucht ein Ballett immer eine Geschichte? Der britische Choreograf Wayne McGregor versucht ersteres, erklärt Adam Thirlwell im Blog der New York Review of Books: "His new ballet, "Woolf Works", which is derived from, or based on - the verbs being precisely the problem - three novels by Virginia Woolf, recently premiered at Covent Garden in London. It is a brilliant, uneven, tender piece - and it offers one way of thinking about this constant conundrum for the art of ballet..."

Glänzend aufgelegt berichtet Peter Laudenbach in der SZ von den Berliner Autorentheatertagen, die sich in diesem Jahr mit nur vier, dafür aber vollwertig inszenierten Stücken zu ihrem Gewinn eine neue Struktur gaben: "In der Tat gibt es im Feld der Gegenwartsdramatik längst mehr Talentförderung als Talente. Das sorgt für einen inflationären Betrieb der Nachwuchspreise, Stückemärkte und Mini-Festivals sowie für viele zu Recht schnell vergessene Uraufführungen. ... "Dosenfleisch" von Ferdinand Schmalz und "Szenen der Freiheit" von Jan Friedrich, sind (...) schöne Beispiele für eine neue Lust am Erzählen."

Weiteres: In der Welt plaudert der Kabarettist Rainald Grebe über Ecstasy und Detlef D! Soost, Pilze und Alkohol. Besprochen werden die Uraufführung von "Noise" in der Inszenierung von Sebastian Nübling im F23 Zusammenbau bei den Wiener Festwochen (Presse, Standard), ein Theaterabend mit allen drei Einaktern von Sergej Rachmaninow in Brüssel (FAZ).
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Kunst

Besprochen werden die Ausstellung "Uncovering History" in der Grazer Camera Austria (Standard), die Ausstellung "Abstraktion in Österreich" in der Wiener Albertina (Standard), die Eduardo-Rubén-Ausstellung in der Galerie House of Egorn in Berlin (Berliner Zeitung), Henry Keazors Buch "Täuschend echt!" über die Geschichte der Kunstfälschung (FAZ), Evelyn Hofers Foto-Retrospektive in der Villa Stuck in München (SZ) und Guillermo Srodek-Harts Fotoband "Stories" (SZ).
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Stichwörter: Kunstfälschung

Architektur

In der NZZ singt Jürgen Tietz ein Loblied auf den Park als urbanen Sehnsuchtsort und notiert: "Zeitgenössische Landschaftsarchitekten neigen oft dazu, Parks in der Stadt mit viel Steinen und wenig Bäumen zu gestalten. Das ist ein Fehler, denn das Städtische der Parks wird nicht durch die Fortführung der städtischen Motive und Materialien erreicht, sondern, indem sie einen Kontrapunkt zur Stadt formulieren und einen Dialog entfachen."

Außerdem: Sieglinde Geisel besucht für die NZZ den Rohbau des Berliner Stadtschlosses.
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Film


Kluge Schlieren im Bild, grobschlächtiger Text in Händen: Boulevard-Journalismus in "Die Lügen der Sieger". Bild: NFP.

Neben Dominik Grafs Film über den Filmkritiker Michael Althen (mehr dazu in unserer Kritik und unserer gestrigen Kulturrundschau) bestimmt diese Woche noch ein zweiter deutscher Film die Feuilletons: Christoph Hochhäuslers "Die Lügen der Sieger" ist ein mit den Mitteln der Berliner Schule erzählter Verschwörungsthriller über zwei investigative Journalisten. "Hochhäusler ist im deutschen Film eine Ausnahmeerscheinung: ein Filmemacher, der in Bildern denkt und das Kino tatsächlich noch als Erzählmedium versteht", schwärmt Andreas Busche in Konkret. Katja Nicodemus (Zeit) ist ganz besonders von Reinhold Vorschneiders Kamera angetan, die dank klugem Einsatz "nicht nur ein Mittel, sondern das eigentliche Medium der Erzählung ist." Dem pflichtet auch Christiane Peitz vom Tagesspiegel bei, die von diesem "beunruhigenden Film" ganz und gar in den Bann gezogen ist. Warum? "Wegen der traumwandlerischen Atmosphäre des Films, wegen des hypnotischen Flows aus Licht und Schatten, Schärfe und Unschärfe ... keine Übersicht, nirgends. Die Macht ist obskur, die Wirklichkeit aus dem Fokus geraten." Und für Barbara Schweizerhof (taz) manifestiert sich in diesem Film "ein gesellschaftliches Unwohlsein".

Doch es gibt auch negative Stimmen: Für Freitag-Rezensentin Elena Meilicke besteht "das große Problems" des Films darin, "dass diese Bilder, diese Montage, diese Musik allesamt viel klüger sind als der Plot und das Drehbuch. ... Es ist grobschlächtig und besserwisserisch." Daniel Kothenschulte trauert in der FR dem digitalimpressionistischen Minimalismus von Hochhäuslers ersten Filmen hinterher: Seit ""Unter dir die Stadt" geht seine Filmsprache in die umgekehrte Richtung: Imposante Spielorte generieren mächtige Bilder, für die erst ein überzeugender Inhalt gefunden werden muss. Kunst und Krimi, sie zerren hier förmlich aneinander." Andreas Kilb hält in der FAZ Hochhäusler zwar für den "amtierenden Stilisten des deutschen Films", der "einen Flur vor einem Konferenzsaal aussehen lassen [kann] wie den Gang eines Raumschiffs. Aber in der Welt jenseits des Flurs wirkt sein Film so unbeholfen wie ein Außerirdischer mit einem sehr großen Kopf und einem kleinen Körper." Und Maurice Lahde von critic.de hat den Eindruck, dass "Hochhäusler seine eigene Filmsprache wie eine Fremdsprache spricht." Auch lesenswert: Die Berliner Gazette bringt Überlegungen des Regisseurs zu Wesen und Charakter des medialen Skandals.

Und damit zum Deutschen Filmpreis: Bei dem bleiben die besten Filme nämlich außen vor, während Handwerk und Mittelmaß gefeiert werden, ärgert sich Christiane Peitz (Tagesspiegel). "Seit die Deutsche Filmakademie, also die Branche selber, über die Preise entscheidet, ist die Lola vom Exzellenz-Förderinstrument zur Konsensschleuder geworden. Und wenn über Kunst abgestimmt wird, kommt eben nicht das größte Wagnis heraus, sondern der kleinste gemeinsame Nenner - zumal die 1600 wahlberechtigten Akademie-Mitglieder unweigerlich befangen sind."

Einen "systematischen Betrug am Kino" erkennt Frédéric Jaeger (Berliner Zeitung) in der Tatsache, dass selbst gewinnträchtigste Kinoproduktionen ihre Fördergelder nicht zurückzahlen: "Man muss davon ausgehen, dass Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden"

Weiteres: In der Welt freut sich Hanns-Georg Rodek über die "Laurel & Hardy"-Retrospektive im Berliner Babylon, die hoffentlich die feine Kunst der Tortenschlacht wiederbelebt. Besprochen werden Stephen Daldrys "Trash" (FR) und Christian Froschs Historiendrama "Von jetzt an kein Zurück" (Presse).
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Musik

Ein Meisterwerk ist Jim O"Rourke mit seinem neuen, in opulenten Arrangements schwelgendem Album "Simple Songs" gelungen, schwärmt Christian Werthschulte in der taz (deren Kulturteil heute leider wieder nicht online ist): "Ein Album wie ein Plattenschrank, durch den man sich stundenlang hören kann, obwohl er nur 38 Minuten Musik enthält. ... "Simple Songs" [ist ein] Ausdruck von Melancholie gegenüber einer Kunstform, die längst verschwunden ist: Das Album als ausgeklügelte Studioproduktion." Zuvor lobte bereits Mark Richardson auf Pitchfork die Veröffentlichung.

Weitere Artikel: Die SZ übernimmt aus The Daily Beast einen Beitrag von Ted Gioia, der sich Gedanken darüber macht, ob man die Note A - wie Verschwörungstheoretiker mit viel Simsalabim-Sprech behaupten - tatsächlich besser auf 432 Hz statt 440 Hz stimmen sollte. Im Freitext-Blog auf ZeitOnline wagt sich Popliterat Jan Brandt in den diese Woche endgültig die Pforten schließenden Berlin-Friedrichshainer Club Antje Øklesund, wo er sich zu den Klängen des Adriano Celentano Gebäckorchesters (mehr) inmitten schöner Frauen im "Paradies des Untergangs" wähnt. Außerdem: Planetenmusik.

Besprochen werden ein experimenteller Klangkunst-Abend im Berghain (taz), das neue Album von Giorgio Moroder ("rickety and wholly unnecessary", ächzt Andy Beta von Pitchfork), Evan Caminitis neues Ambient-Drone-Album "Meridian" (Pitchfork, Hörprobe), das neue Album des Robert Glasper Trios (Pitchfork), "Janus" von Safi (taz) und das Solo-Album von Rammstein-Sänger Till Lindemann (Tagesspiegel).

Archiv: Musik