Efeu - Die Kulturrundschau

Schön arrangierte Tableaus

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08.04.2015. Die Atmosphäre bleibt kalt: Weder Andrea Breths "Macbeth"-Inszenierung in Amsterdam noch Antú Romero Nunes' Inszenierung von Tolstois "Die Macht der Finsternis" in Wien konnten die Theaterkritiker begeistern. Die Welt hört schwarzen Himmelslärm aus Brooklyn. Filmregisseur Francois Ozon erklärt im Standard, warum jede Liebe ein wenig nekrophil ist.

Bühne


Verdi: "Macbeth". Regie: Andrea Breth. Niederländische Oper Amsterdam

Szenenfolgen im Holzschnitt-Format erlebte ein betrübter Joachim Lange in Andrea Breths "Macbeth"-Inszenierung an der Oper in Amsterdam: "Die Machtbesessenheit der Lady Macbeth auf ihre traumatisch entbehrte Mutterschaft zu reduzieren (leeres Kinderbett, weißer Riesen-Teddy), ist für eine Regisseurin dieses Formats zu simpel", schreibt er im Standard. "Klar, dass der Teddy dann noch brennen muss, wenn die Katastrophe näher rückt und die Lady im leeren Kinderbett landet, wenn der Wahnsinn sie packt." "Die Atmosphäre bleibt kalt, noch schlimmer, es herrscht die große Langeweile", sekundiert Manuel Brug in der Welt.


Tolstoi: "Die Macht der Finsternis", Regie: Antu Romero Nunes, Burgtheater. Foto: Georg Soulek

Am Wiener Burgtheater hat Antú Romero Nunes Leo Tolstois erstes Stück, das Drama "Die Macht der Finsternis", von 1886 auf die Bühne gebracht. Recht überzeugen konnte er SZ-Kritiker Wolfgang Kralicek damit allerdings nicht: Der Regisseur wolle "keine Russenfolklore und kein religiöses Pathos; auch für den sozialhistorischen Aspekt des Stücks, das am Rande auch von frühkapitalistischen Umwälzungen erzählt, interessiert er sich kaum. Was bleibt, sind schön arrangierte Tableaus und der Versuch, diese schwarze Messe von einem Drama als schwarze Komödie zu behaupten." Zuvor besprach Kai Krösche für die Nachtkritik die Aufführung. In der Presse fand Barbara Petsch das Stück reichlich altbacken, die Schauspieler aber toll. Zum Beispiel Fabian Krüger als Bauernknecht: "Dass Krüger eine solche Rolle überhaupt spielen kann, hätte man ihm nie zugetraut. Dass er sie so spielen kann, ist unglaublich: Als grindig-zotteliger Macho, der sich nach dem Ableben des alten Bauern dem Saufen, Prassen und Vergewaltigen widmet - und am Schluss in einer berührenden Suada seine sowie die Verlassenheit und Gottferne der Welt beklagt, schafft Krüger seine bisher tollste Rolle am Burgtheater."

Außerdem besprochen werden die "Penthesilea" von Pascal Dusapin in der Brüsseler Monnaie-Oper (NZZ), ein "Rosenkavalier" in Wien (Standard) und Sebastian Nüblings Inszenierung des Tennessee-Williams-Stücks "Camino Real" an den Münchner Kammerspielen (Welt).
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Musik

In der Welt empfiehlt Michael Pilz wärmstens das neue Black-Metal-Album von Liturgy, einer Band aus Brooklyn. Sänger Hunter Hunt-Hendrix "hat Philosophie studiert und für die Band ein eigenes Manifest verfasst: "Transcendental Black Metal - A Vision of Apocalyptic Humanism". Darin geht es um den "Tod des Todes" und eine "Musik, die den Menschen noch seine Bedeutung spüren" lasse. Liturgy nennen ihren Black Metal lieber Blackgaze, Himmelslärm zum Düster-vor-sich-hin-starren. Es ist ein Fest, wenn sich in Stücken mit nordischen Namen wie "Kel Valhaal" und "Haelegen" nicht nur das pseudoheidnische Theater auflöst, sondern auch die lächerliche Retrorockmusik mit ihren ranzigen Strukturen." Auf Bandcamp kann man das Album erwerben und vorab anhören:



Weitere Artikel: Der Deutschlandfunk erinnert in einem großen Feature an die Sängerin Billie Holiday, die gestern hundert Jahre alt geworden wäre. Maxi Sickert bespricht auf ZeitOnline zwei Alben von José James zu Ehren der Sängerin. Im Tagesspiegel gratuliert Carsten Niemann dem Staats- und Domchor Berlin zum 550-jährigen Bestehen. Jan Brachmann freut sich in der FAZ darüber, dass das Onlineportal Explore The Score Pierre Boulez einen Schwerpunkt widmet, der "mit großer musikalischer wie didaktischer Intelligenz gemacht" sei. Und im Poptagebuch des Rolling Stone schmilzt Eric Pfeil beim Eighties-Song "Drive" von The Cars dahin:



Besprochen werden Kim Gordons Autobiografie (Tagesspiegel, mehr), das Album "Normaler Samt" von Audio88 & Yassin (taz) und die Salzburger Osterfestkonzerte (FAZ).
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Architektur

In der Welt hofft Dankwart Guratzsch auf eine "richtig alte" Rekonstruktion Frankfurts, jedenfalls auf dem "fußballfeldgroßen Grundstück vor dem Dom, auf dem ein asbestverseuchter Neubaukasten abgeräumt worden ist" und wo nach dem Willen der Bürgerschaft eine "neue Altstadt" errichtet werden soll: "zwanzig Neubauten und fünfzehn Rekonstruktionen. Die ersten Mauern wachsen aus dem Boden; eine moderne Großbaustelle mit Betonmischern, Kränen und einem noch immer heftig umstrittenen Gebäudekonzept. Auf den Bauzaun hat einer gekritzelt: "Aber bitte richtig alt!" Es ist die Stimme des Volkes. Denn mit dem Mix aus Alt und Neu sind viele nicht einverstanden. In Meinungsumfragen votierten vor allem die jungen Frankfurter, die die echte Altstadt nur noch vom Hören und Sagen kennen, für eine Altstadt ohne Wenn und Aber."
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Archiv: Architektur

Literatur

Im Logbuch Suhrkamp bringt der Schriftsteller Andreas Maier neueste Updates aus seinem "Jahr ohne Udo Jürgens". Die FAZ hat Amir Hassan Cheheltans Bericht zur Lage iranischer Schriftsteller aus der gestrigen Printausgabe online nachgereicht.

Besprochen werden Lydia Tschukowskajas Stalin-Roman "Untertauchen" (FR), Linus Reichlins "In einem anderen Leben" (FR), der Manga "Black Rock Shooter" (Tagesspiegel), Hilary Mantels Autobiografie (SZ), Ben Okris Gedichtband "Wild" (SZ) und Barbara Honigmanns "Chronik meiner Straße" (FAZ).
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Film


Romain Duris und Anaïs Demoustier in Francois Ozons "Eine neue Freundin"

Regisseur François Ozon erklärt im Interview mit dem Standard, was an Gerard Depardieu ausgesprochen feminin ist, warum sein neuer Transgender-Film "Eine neue Freundin" in der Bourgeoisie spielt und warum der Film auch ein unterschwelliges nekrophiles Begehren transportiert: "Jede Liebesgeschichte ist ein wenig nekrophil. Wenn man sich in jemanden verliebt, gibt es immer schon eine frühere Geschichte. Man wiederholt oft dieselben Manöver, sucht nach etwas, was man vielleicht schon in seiner Mutter oder in seinem Vater und in den Geschwistern gesehen hat. Oder in jemandem, der tot ist. Ich mag diese Idee, dass es innerhalb des Begehrens ein Prinzip der Wiederholung gibt."

In der taz wirft Carolin Weidner einen Blick auf das Programm des Arabischen Filmfestivals in Berlin. Besprochen wird Oliver Hirschbiegels "Elser" (Berliner Zeitung, FAZ).

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Kunst

Die FAZ hat ihre gestrige Besprechung der großen Zero-Schau im Gropiusbau in Berlin online nachgeliefert. Eher skeptisch äußert sich Niklas Maak darin, was den Versuch der Ausstellungsmacher betrifft, die BRD-Avantgardebewegung der 50er Jahre als "gesellschaftskritisch" zu vermitteln. Vielmehr handelte es sich bei dieser doch um "die letzte große Technikaffirmation der europäischen Kunst."

Besprochen werden Karl Heinz Bohrers Essay "Ist Kunst Illusion?" (SZ), eine Ausstellung über das Faszinosum jung gestorbener Künstler in der Kunsthalle Baden-Baden (taz), eine Ausstellung über die Künstlerfreundschaft zwischen August Macke und Franz Marc im Lenbachhaus in München (Tagesspiegel), eine Cranach-Ausstellung auf der Wartburg in Eisenach (Tagesspiegel) und die Ausstellungen mit Arbeiten von Erez Israeli und Norbert Bisky in der Galerie Crone in Berlin (SZ).
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Stichwörter: 50er, BRD, Lenbachhaus, Franz Marc, Zero