Efeu - Die Kulturrundschau

Maikäferhaft summend und brüllend

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04.04.2015. Der Tagesspiegel fürchtet immer mehr nivellierende Projektkultur in Berlin - vor allem, wenn Chris Dercon die Volksbühne übernimmt. In der Welt ärgert sich Leander Haußmann über die Rostocker Politiker, die ihr Vier-Sparten-Haus schleifen wollen. In der FAZ schreibt Orhan Pamuk einen Liebesbrief an die Kunst Anselm Kiefers. Die Welt sieht den Blutstrahl der Gnade auf Lucas Cranach landen. Und: Alle trauern um Manoel de Oliveira, der mit 106 Jahren als dienstältester Regisseur der Welt gestorben ist.

Kunst



Überwältigt steht Manuel Brug (Welt) erst in der Cranach-Luther-Ausstellung im Schiller-Museum in Weimar und dann vor dem Altarbild in der Stadtkirche von Weimar, an dem beide Cranachs gearbeitet und den Wettiner Johann Friedrich verewigt hatten: "Mit blutender Narbe, wie ihn schon Tizian in Augsburg gemalt hat (das eindrucksvolle Porträt hat der Prado nach Weimar geschickt). So, mit dem Haupt voll Blut und Wunden, ziert er, der "geborene Kurfürst", der jedoch ohne Kurhut sterben musste, den linken Altarflügel in der Hofkirche seines Geschlechts. Zum Dank dafür darf sich Cranach auf dem Hauptbild zwischen Johannes dem Täufer und Luther darstellen. Und der Blutstrahl der Gnade, der aus Christi Leib schießt, trifft nicht den Propheten, nicht den Reformator; der Gnadenstrahl, auch dies ein neues Element in der religiösen Malerei, trifft niemand anderen als ihn selbst, den Maler Lucas Cranach."

Otto Pienes Werkschau im Teheran Museum of Contemporary Art ist vor allem auch bei der jungen iranischen Bevölkerung ein voller Erfolg, berichtet Regine Müller im Tagesspiegel.

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Literatur

In der FAZ schreibt Orhan Pamuk einen glühend-melancholischen Liebesbrief über die Kunst von Anselm Kiefer und insbesondere über dessen Buchskulpturen, die in den Augen des türkischen Nobelpreisträgers nicht nur die Heiligkeit der materiellen Gestalt von Büchern zelebrieren, sondern auch als Zugang zum restlichen künstlerischen Schaffen Kiefers angesehen werden können. Denn: "Er malt Berge, deutsche Ebenen, Wälder, alte deutsche Legenden oder aufgelassene, vergessene Schienenwege so, als sollten wir darin lesen wie in einem Buch. Die literarische Struktur, die Kiefers Büchern entströmt und wie ein Licht auf seine Bilder einwirkt, macht gewissermaßen alles, was wir auf diesen Bildern sehen, lesbar. Wir sehen auf die abgebildeten Bäume, Schienen und Berge, als läsen wir in einem Text: Gleich wird das Geheimnis des Bildes sich offenbaren, wenn wir uns nur in die erstaunlich energische und dynamische Struktur vertiefen. "

Die Welt liefert einen Vorabdruck aus Clemens J. Setz" neuem Buch, einer Sammlung von Abstracts zu seinem Frühwerk 2001 bis 2003. Kostprobe: ""Die Beschwerdeschriften des Monats Mai" ist eine Sammlung kleiner Feedbackzettel. Mehrere Menschen, die jeweils nur mit ihrem Initial unterzeichnen, senden ihre Änderungsvorschläge und kritischen Anmerkungen zum "Stil einer Heuschreckenplage" ein, die im April ein Hochhaus erfasst hat. Am Ende stellt sich heraus, dass es gar keine echte Heuschreckenplage war, sondern nur ein als Heuschreckenschwarm verkleideter Autor namens Clemens Setz, der "maikäferhaft summend und brüllend" durchs Treppenhaus des Hochhauses stürmte und schließlich vor Erschöpfung irgendwo zusammenbrach."

Was begeistert eigentlich so viele an George R.R. Martins bislang unabgeschlossenem, von HBO als "Game of Thrones" verfilmtem Fantasy-Epos "Das Lied von Eis und Feuer", fragt sich Bernd Graff im großen Feuilletonaufmacher der SZ und findet die Antwort: "Kein Held ist hier der Gute." Der Erfolgsautor war kürzlich auch gemeinsam mit Sibel Kekilli in der arte-Reihe "Durch die Nacht mit..." zu Gast:



Weitere Artikel: Für die taz spricht Stefan Hochgesand mit dem französischen Nachwuchs-Schriftsteller Édouard Louis, der seinen unglaublichen Erfolg - sein Debüt verkaufte sich 250000 mal - selbst kaum fassen kann. In der FAZ stellt Elke Heinemann neue Ebook-Veröffentlichungen vor. Außerdem hat die Zeit ihr ausführliches, sehr schön geratenes Gespräch mit dem Brennerkrimi-Autor Wolf Haas online gestellt.

Besprochen werden Gesa Olkusz" Roman "Legenden" (den Paul Jandl in der Welt als glänzendes Debüt feiert), ein prächtiger Bildband zum 250. Geburtstag des Parks Dessau-Wörlitz (Welt), Stefano D"Arrigos "Horcynus Orca" (NZZ), Christa Ritters Ebook "Styx" (taz), Dave Eggers" "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?" (FAZ), Frank Schulz" "Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen" (Zeit) und Rachel Kushners "Flammenwerfer" (SZ).
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Bühne

Ein theaterfremder Kurator wie Chris Dercon als Intendant? Die Volksbühne als Installations- und Kunstraum? Was wird der Bund dazu sagen, der diverse Einrichtungen in Berlin finanziert? Rüdiger Schaper macht sich im Tagesspiegel Sorgen: "Überall ist Documenta, Biennale, soziopolitisches Biotop - und immer weniger Schauspiel. Die Theater gleichen einander mehr und mehr. Projektkultur macht kurzatmig und wirkt nivellierend. ... Dann wächst nicht Vielfalt, sondern Einerlei in der reichen Kulturstadt." Inzwischen hat auch die Zeit Peter Kümmels vieldiskutiertes Interview mit Frank Castorf online nachgereicht.

Theatermacher Leander Haussmann ärgert sich auf seine huschelige Art in der Welt über die Rostocker Politiker, die einen etwas unglücklichen Vergleich des Intendanten Sewan Latchinian zum Anlass nahm, diesen zu feuern, um dann in Ruhe das seit Latchinian wieder sehr erfolgreiche Vier-Sparten-Theater in Rostock zu schleifen. Eben dieses Vorhaben hatte Latchinian mit der Kulturbarbarei der IS-Miliz verglichen. Dazu Haussmann: "Also in Rostock darf man die Kulturpolitik nicht mit den Kulturbarbareien des IS vergleichen. Gut. Aber trotzdem soll ein Theater, ein zudem auch noch traditionelles Haus, in seinen bisherigen Strukturen verändert, reduziert, beschnitten werden. Nun ja, das ist mutwillige Zerstörung".


"Dantons Tod". Regie: Ulrich Rasche. Ensemble. Foto: Birgit Hupfeld

Wuchtig, aber auch ziemlich pessimistisch fällt Ulrich Rasches Frankfurter Inszenierung von "Dantons Tod" aus, berichtet Christine Dössel in der SZ: Sie sah ein "monströs-mechanistisches Wortoratorium. Alle Revolutionen dieser Welt, auch die jüngst wieder gescheiterten, scheinen darin auf, das ewige Zerschellen menschlicher Utopie an politischer Doktrin. An Fanatismus und Fatalismus. Für Individualität, Intimität, psychologische Einfühlung oder die Auslotung von Beziehungen ist in Rasches Werkhalle kaum Platz. Es obwaltet stark und beklemmend der Geschichtspessimismus."

Besprochen werden Tilmann Köhlers "Macbeth" am Deutschen Theater (Jungle World) und Daniela Kurz" Inszenierung von Kaija Saariahos Oper "L"amour de loin" in Linz (FAZ) und die Tolstoi-Inszenierung "Die Macht der Finsternis" am Burgtheater Wien (FAZ).
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Archiv: Bühne

Film

Da geht wirklich eine Ära zuende: Mit 106 Jahren ist Manoel de Oliveira und damit der dienstälteste Regisseur der Welt gestorben. In einer kurzen FAZ-Notiz würdigt Dietmar Dath den Regisseur: "Sein Spektrum war weit genug, vom Dokumentarischen (...) bis zum aus reicher Vorstellungskraft geborenen Historischen (...) das ganze Spektrum des Films durch den eigenen, Objektives im Subjektiven aufhebenden Blick zu filtern." In der Berliner Zeitung schreibt Markus Schwering zu de Oliveiras Tod, weitere Nachrufe gibt es in der NZZ und der Welt. Besonders fleißig ist Claudia Lenssen: Sie schreibt gleich drei, sogar recht unterschiedliche Nachrufe in der taz, der Zeit und, gemeinsam mit Christiane Peitz, im Tagesspiegel. Zahlreiche internationale Stimmen und viele Videoausschnitte sammelt David Hudson auf KeyFrame Daily. Und hier sehen wir ihn im noch jungen Alter von 99 Jahren das Tanzbein schwingen:



Außerdem: Martin Scorsese erinnert sich im Vulture-Gespräch mit Bilge Ebiri an die Dreharbeiten seines 70s-Klassikers "Taxi Driver". Auf kino-zeit.de ärgert sich Rochus Wolff über die zahlreichen Remakes liebgewonnener Kinderfilm-Klassiker. In der New York Times schreibt J. Hoberman über afrofuturistische Filme. Außerdem bringt die taz einen Text des im vergangenen Jahr gestorbenen Filmemachers Harun Farocki über seinen Neuköllner Fußballverein.

Besprochen werden Wim Wenders" 3D-Film "Every Thing Will Be Fine" (Berliner Zeitung, FR), Mathieu Amalrics "Das Blaue Zimmer" (FR) und die Komödie "Best Exotic Marigold Hotel 2" (Tagesspiegel, FR.
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Musik

Am 11. Mai wählen die Berliner Philharmoniker den Nachfolger von Simon Rattle. Hauptsache nicht Christian Thielemann, hofft Uehling: "Natürlich hat Thielemann auch schon Puccini dirigiert, Henze oder Debussy. Aber sein Musikbegriff ist so unerschütterlich im deutschen 19. Jahrhundert verwurzelt wie für seine Kapellmeisteridole Wilhelm Furtwängler und Hans Knappertsbusch. Was Rattle für die Entwicklung des philharmonischen Repertoires unternommen hat, wäre mit Thielemanns Wahl sofort kassiert." Wie wär"s mit Simone Young, fragt der Perlentaucher.

Schon ein wenig enttäuscht berichtet Sonja Eismann in der Jungle World von ihrer Lektüre der Autobiografie der einstigen Sonic-Youth-Frontfrau Kim Gordon. Zwar gebe es darin allerlei Gossip, doch von den Zumutungen, die Frauen im Rock-Biz zu erdulden haben, ist erstaunlich wenig die Rede. Wie Gordon "mit dem auch in Alternativmilieus herrschenden Druck umging, als Frau auf der Bühne und in der Öffentlichkeit immer auch begehrenswert, schlank und jugendlich zu erscheinen, darüber schreibt sie nichts. Auch darüber, wie es ist, vor den Augen einer Gesellschaft, die den Verlust von Jugendlichkeit bei Frauen mehrheitlich als grobe Fahrlässigkeit und selbstverschuldetes Versagen betrachtet, als coole Musikerin zu altern, schweigt sie leider." Begehrenswert und unerschütterlich hauchte Gordon auch einen der größten Hits ihrer alten Band in den 90ern:



Weitere Artikel: Daniel Hugo resümiert in Electronic Beats die zwischen Experimentalmusik und Techno changierende MaerzMusik. Jennifer Beck (Spex) porträtiert die Musikerin Waxahatchee. Für die taz berichtet Dave Tompkins von Björks New Yorker Konzertmarathon. Andreas Hartmann porträtiert den Berliner Noisemusiker Sudden Infant. Thomas Winkler trifft sich für die Zeit mit dem Indiepop-Schlagersänger Dagobert. Für ZeitOnline führt Jan Freitag durch aktuelle Popveröffentlichungen und gerät bei "Run, Lucifer" von Adna ins Schwärmen:



Besprochen werden ein Piano-Konzert von Denis Kozhukhin und Gidon Kremer (Tagesspiegel), das neue Album von Blur (FAZ), das neue Album von Godspeed You! Black Emperor (The Quietus), das im 80er Pop schwelgende neue Album von Lower Dens (Pitchfork), das Album "Dark Energy" von Jlin (Pitchfork) und das Album "White Men Are Black Men Too" von Trio Young Fathers (Tagesspiegel).
Archiv: Musik