Efeu - Die Kulturrundschau

Neuerdings eine Wut

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24.03.2015. In der Ausstellung "Feministische Avantgarde der siebziger Jahre" lernt die Berliner Zeitung, wie wild, interessant und attraktiv Feminismus ist. Die Welt porträtiert den vom Basketballstar zum Schriftsteller gewandelten Kareem Abdul-Jabbar. In der taz beschreibt Jimmy Somerville Disco als Teil des amerikanischen Untergrunds. Der Standard erstarrt vor Hitlers Wien 3000.

Kunst


Bild links: Lynn Hershman-Leeson‭ ‬(*1941‭), Roberta Construction Chart‭ ‬#1,‭ ‬1975 C-Print ‭© ‬Lynn Hershman Leeson‭ ‬/‭ ‬Sammlung Verbund,‭ ‬Wien. Bild rechts: Penny Slinger (*1947), Wedding Invitation - 2 (Art is Just a Piece of Cake), 1973 S/W-Photografie © Penny Slinger / Courtesy of the Artist and Broadway 1602, New York / ‬Sammlung Verbund, Wien

In der Berliner Zeitung empfiehlt Sabine Rohlf allerwärmstens die Ausstellung "Feministische Avantgarde der 1970er Jahre", die zur Zeit in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist. Sie wundert sich "darüber, dass viele der Exponate jahrzehntelang auf Dachböden verstaubten. Darüber, dass Madonnas Rebel-Heart-Cover im Vergleich zu Soltaus Bild so langweilig wirkt. Darüber, dass junge Frauen neuerdings eine Wut wiederentdecken, die seit dreißig Jahren aus der Mode war. Sie werden diese Ausstellung mögen, weil die Themen sich längst noch nicht erledigt haben. Und weil sie zeigt, dass diese Vertreterinnen eines gern als ideologisch und hausbacken diffamierten Feminismus faszinierend radikal, zuweilen sehr witzig und vor allem hochinteressante Künstlerinnen waren."

Weitere Artikel: In der Welt erzählt Thomas Kielinger anlässlich einer Londoner Ausstellung die Geschichte des Kunsthändlers Paul Durand-Ruel, der als erster an die Impressionisten glaubte. Die Multimedia-Künstlerin Ruth Beckermann hat Alfred Hrdlickas "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus" in Wien um einen Videoloop ergänzt, berichtet Isolde Charim in der taz (mehr dazu hier). Ingrid Müller (Tagesspiegel) gratuliert dem Fotografen Konrad R. Müller zum Geburtstag.

Besprochen werden Rebecca Raues Installation "ankommen und ablegen" in der Berliner Stiftung St. Matthäus (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Tanz der Ahnen" im Berliner Gropius-Bau (SZ) und die Ausstellung "Das verschwundene Museum" im Berliner Bode-Museum (FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Im Standard resümieren Dominik Kamalzadeh und Isabella Reicher die Diagonale in Wien. In einer Berliner Reihe mit neuen Filmen aus Ecuador ist insbesondere der Regisseur Javier Andrade zu entdecken, schreibt Silvia Hallensleben in der taz. Außerdem berichtet Hallensleben von der Diagonale in Graz, wo man den vergangenes Jahr gestorbenen Filmemacher Michael Glawogger ehrte. Die indischen Superstars Shah Rukh Khan, Aamir Khan und Salman Khan werben in ihrer Heimat für mehr Toleranz, berichtet Martin Kämpchen in einem FAZ-Porträt.
Archiv: Film

Literatur

In der Welt porträtiert Wolf Lepenies den vom Basketballstar zum Schriftsteller gewandelten Kareem Abdul-Jabbar: "Er hat, wie andere berühmte Sportler auch, zunächst Autobiografien geschrieben ("Kareem", "Giant Steps"), daneben aber, und das ist ungewöhnlich, Bücher, die den Beitrag der schwarzen Amerikaner zur Kultur und zivilgesellschaftlichen Entwicklung der USA würdigen. Der Autor Kareem Abdul-Jabbar ist nicht weniger interessant als der All-Star. In seinem Lebenslauf gewinnt die Geschichte seiner Konversion zum sunnitischen Islam in unseren Tagen eine besondere Aktualität."

Weitere Artikel: Tim Caspar Boehme spricht in der taz mit Walter Krin über dessen in einem Buch verarbeitete Erfahrungen, jahrelang einem Hochstapler und Mörder, der sich als Rockefeller ausgegeben hat, aufgesessen zu sein. In der NZZ gratuliert Beatrice von Matt dem Schriftsteller Peter Bichsel zum Achtzigsten.

Besprochen werden Karl Heinz Bohrers "Ist Kunst Illusion? " (jein, meint Wolfgang Sofsky in seiner Besprechung in der NZZ, man muss ja nicht gleich "die Wahrheitsfrage der Künste in toto zu verabschieden"), Klaus Modicks "Konzert ohne Dichter" (Tagesspiegel), Michail Bulgakows Tagebücher (FR), Kristine Bilkaus "Die Glücklichen" (ZeitOnline) und der Briefwechsel zwischen Marcel Reich-Ranicki und Peter Rühmkorf (taz).
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Archiv: Literatur

Bühne

Für die FAZ hat Hubert Spiegel das heute in Berlin versteigerte Typoskript von Ödön von Horváths bislang unbekanntem Stück "Niemand" eines genaueren Blicks unterzogen: "Horváth hat hier sein Personal bereits komplett beisammen: die kleinen Leute, die unter der Wirtschaftskrise leiden und sich "eine Moral" nicht leisten können. Die Dialoge sind roh, zynisch und obszön, überbordend gefühlvoll, triefend sentimental. ... "Niemand" ist ein Frühwerk: stark vom Expressionismus beeinflusst, wild und emphatisch."

Besprochen werden Tilmann Köhlers "Macbeth"-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin ("Man hat doch allzu viel Zeit darüber nachzudenken, wie oft man die Hexen jetzt eigentlich schon als Männer, als Teletubbies, als Putin-Trolle, als Supermodels, und als Tamagotchis gesehen hat", stöhnt Matthias Heine in der Welt) und André Bückers Dessauer Abschiedsinszenierung mit Goethes "Götz von Berlichingen" (SZ)

Archiv: Bühne

Musik

Mit "Homage" hat Jimmy Somerville ein Album veröffentlicht, das tief in den Disco-Archiven der siebziger Jahre wühlt und plündert. Im taz-Gespräch mit Franz X.A. Zipperer erklärt der Eighties-Star, dass Disco nicht nur für eskapistischen Hedonismus steht: "In den Anfangstagen war Disco keine banale Tanzmusik, es war Teil des amerikanischen Untergrunds, sowohl ein Teil der schwarzen als auch der schwulen und lesbischen Subkultur. Es war eine soziale und politische Bewegung. Es ging um Freiheit und Befreiung. Dann jedoch schlug das weiße heterosexuelle Amerika zu und verleibte sich Disco ein. Und vertrieb die Schwarzen und die Schwulen aus dem Discoparadies. Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist Disco zum Geschäftsmodell mutiert" Hier ein Track aus dem Album:



Für ZeitOnline hört sich Britta Helm durch aktuelle Popveröffentlichungen. Und (via Spex): Indie-Musiker Sufjan Stevens lässt sein lange erwartetes neues Album beim National Public Radio streamen.

Besprochen werden das neue Album von The Go!Team (Pitchfork), Kendrick Lamars neues Album (Kaput, The Quietus), Courtney Barnetts "Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit" (Pitchfork, FAZ), eine von Ingo Metzmacher dirigierte Aufführung von Gustav Mahlers 6. Sinfonie (FR), ein Konzert der Pianistin Maria João Pires mit dem Cellisten Antonio Meneses in der Tonhalle Zürich (NZZ), Eberhard Webers Buch "Résumé - Eine deutsche Jazz-Geschichte" (Tagesspiegel), ein Konzert von Tony Allen (Tagesspiegel, ZeitOnline), das neue Album von Dagobert (Tagesspiegel), ein Abend der Konzertreihe "Fokus Zwischentöne" in Frankfurt (FR) und das neue Album "Chambers" von Chilly Gonzales (SZ).
Archiv: Musik

Design

Besprochen wird die Ausstellung italienischer Mode der Nachkriegszeit im Maxxi in Rom (NZZ)
Archiv: Design

Architektur


"Stadtplan von Wien im Jahre 3000", Gschnasfest Künstlerhaus, 1933. Entwurf und Ausführung: Meisterschule Prof. Siegfried Theiss. Foto: Archiv Künstlerhaus

Die Perle des Reichs, so verkündete es 1938 Hitler, sollte Wien sein. Diesem Vorhaben ist jetzt die Ausstellung "Wien. Die Perle des Reiches. Planung für Hitler" im Architekturzentrum Wien gewidmet. Standard-Kritiker Wojciech Czaja erstarrt förmlich vor dem Material: "Weit, beängstigend weit reichen die Visionen der Nazis, wie der "Stadtplan von Wien im Jahre 3000" beweist. Das Wandbild im Künstlerhaus, das anlässlich des Gschnasfestes 1933 von der Meisterschule Professor Siegfried Theiss gestaltet wurde, übt sich in einem Zukunftsblick auf ein futuristisches Wien mit gigantischem Flughafen, Nacktkulturbad in den Weinbergen, Reisfleischplantagen in Transdanubien, einer Pressluftleitung zum Nordpol sowie einer über die Innenstadt gestülpten Käseglocke. Besonders auffällig ist der Hakenkreuz-Rundstempel der NSDAP, der in Form eines Hochhaus-Clusters aus der Leopoldstadt emporragt."
Archiv: Architektur