Efeu - Die Kulturrundschau

Wir sind alle Judas

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12.03.2015. Die FAZ rühmt Moshe Kahns weltweit erste Übersetzung von Stefano D'Arrigos Epos "Horcynus Orca". Außerdem sähe sie den Leipziger Buchpreis gern an Jan Wagner verliehen. In der Zeit schildert Amos Oz das Tschernobyl des Judentums. Der Freitag rauscht begeistert durch interaktive Comics. Auf Zeit online hat Helene Hegemann Riesenspaß mit Madonna. Die Filmkritiker frösteln in Andrej Swjaginzwes "Leviathan". Und: Alle vermissen jetzt schon das Bau-Gen von Frei Otto.

Architektur


Bild links: Seifenhautmodell für den neuen Stuttgarter Bahnhof, 2000. Bild rechts: Modell für den neuen Stuttgarter Bahnhof, Blick in die unterirdische Halle mit den Bahnsteigen, 2000. Fotos: © Frei Otto Atelier Warmbronn

"Otto war einer, der den Menschen Dächer schenkte, die das Gegenteil waren von Deckeln", schreibt Gerhard Matzig in der SZ seinem Nachruf auf Frei Otto, der nicht nur ein großer Architekt war, sondern auch ein großer Neugieriger: "Es gab nichts, was Frei Otto nicht interessant fand. Nichts, was ihn nicht neugierig machte. Er sagte einmal seinen Studenten, dass es seiner festen Überzeugung nach ein "Bau-Gen" gäbe. Der Mensch müsste auch dann bauen, wenn er gar keinen Grund hätte, etwas zu bauen. Das Bauen sei ihm eigen, das Bauen sei etwas zutiefst Menschliches. Eine Sehnsucht. Die aber könne - und das ist entscheidend - nur ausgelebt werden im Einklang mit der Natur. Frei Otto, der Ingenieur, der sich lange vor dem Boom des Biomorphismus und des eher formal-modischen Dynamismus etwa von Zaha Hadid mit den Gesetzmäßigkeiten des natürlichen Bauens auseinandersetzte und beispielsweise die Genialität von Spinnengewebe studierte oder, das Münchner Zeltdach ist ein Beispiel dafür, mit Drahtgestellen und Seifenlauge experimentierte."

Außerdem: In der NZZ erzählt Albert Kirchengast, dass Otto nicht beleidigt war, als die Hyatt-Foundation ihm auf dem Sterbebett schnell noch den Pritzker-Preis verlieh. Weitere Nachrufe schreiben Werner Sobek (Welt), Nikolaus Bernau (Berliner Zeitung), Falk Jäger (Tagesspiegel), Tobias Krone (taz) und Claudius Seidl (FAZ).
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Literatur

Hubert Spiegel staunt in der FAZ über Moshe Kahns immense Leistung, Stefano D"Arrigos über 40 Jahre altes, als schier unübersetzbar geltendes Epos "Horcynus Orca" in 14 Jahren kleinteiliger Arbeit weltweit als erster überhaupt übersetzt zu haben: "Wenn heute in Leipzig der Übersetzerpreis der Buchmesse vergeben wird, gilt Moshe Kahn als Favorit. Ihn leer ausgehen zu lassen wäre geradezu schlapphäbig, um es mit einem der etwa achthundert Neologismen zusagen, die Kahn für den "Horcynus" erfunden hat." Bei S. Fischer gibts es eine Leseprobe.

In diesem Jahr wird der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. In der taz hat Hans-Jost Weyandt Bauchschmerzen: Ist das nicht Joyce in der rumänischen Auflage? Haben wir uns über diese "Avantgardeprosa" nicht schon längst verständigt? Sein Wunsch: "Statt immer wieder die Säulenheiligen der Moderne aufzurufen, mit deren Hilfe Cartarescu auch schon mal zum "Proust aus dem Plattenbau" gekürt worden ist, wäre es erhellend, Querbezüge zu zeitgenössischen Autoren zu wagen, zu Nádas und zu Herta Müller, die auf die Erfahrungen in der Ceausescu-Diktatur mit einem ans Spröde grenzenden Skrupel gegenüber der Sprache reagiert hat. Oder zu Reinhard Jirgl, der sich wie Cartarescu aus dem sozialistischen Alltag zurückzog und in seiner Wohnung in Prenzlauer Berg eine autonome Kunstsprache schuf."

Weiteres zur Buchmesse: FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg teilt im Leitartikel auf Seite 1 dieser Zeitung mit, wenn sie gern als Preisträger des Leipziger Buchpreises sähe, Jan Wagner mit seinem Gedichtband "Regentonnenvariationen" - er wäre der erste Lyriker, der den Preis erhält. Übersetzer Michael Ebmeyer freut sich im Freitag, dass auf der Leipziger Buchmesse auch Übersetzungen als solche mit Preisen ausgezeichnet werden, wundert sich jedoch, dass zwar zwei Drittel aller Übersetzungen von Frauen bewerkstelligt werden, aber drei der fünf nominierten Kandidaten Männer sind.

Als das "Tschernobyl des Judentums", also den Urtext des Antisemitismus, beschreibt Amos Oz im Zeit-Gespräch mit Iris Radisch die Judas-Geschichte, die er zum Thema seines neuen Romans gemacht hat: "Denken Sie an die Renaissance-Bilder vom letzten Abendmahl. Die Jünger sehen alle sehr arisch aus, blond und blauäugig. Judas sitzt in der Ecke und ist ein hässliches semitisches Monster mit einer schrecklichen Nase. Das ist keine Karikatur im Stürmer, das ist Renaissancekunst, 400 Jahre vor Goebbels. Der Holocaust hat hier seinen Ursprung. Wir sind alle Judas, Gottesverräter, Geldgierige, Zyniker."

Sehr neugierig erkundet Georg Seeßlen (Freitag) die Erzählwelt des für mobile Endgeräte hergestellten, interaktiven Hybridmedien-Comics "Netwars - The Butterfly Attack": "Man kann diesem Hybridmedium dabei zusehen, wie es seine eigenen Möglichkeiten erprobt und erweitert. ... Man [kann] sich vorstellen, dass hier ein neues Medium nicht allein der Erzählung, sondern auch der Information und der Kritik entsteht, eines, das seinem Gegenstand in eigener Sprache gegenübertritt."

Weiteres: Im Tagesspiegel schreibt Susanne Kippenberger über den Druck, der auf dem literarischen Nachwuchs liegt, sobald es nach dem Debüt ans zweite Buch geht. Für den Bayerischen Rundfunk hat sich Achim Bogdahn ausführlich mit Jochen Distelmeyer über dessen Debütroman "Otis" unterhalten: Hier kann man das Gespräch nachhören. Patrick Bahners (FAZ) berichtet von einem New Yorker Abend mit dem Schriftsteller Richard Ford.

Besprochen werden Teresa Präauers Roman "Johnny und Jean" (NZZ), Milan Kunderas "Fest der Bedeutungslosigkeit" (Zeit), André Herzbergs "Alle Nähe Fern" (Berliner Zeitung), der von Berliner Buchhändlern herausgegebene "Berliner Kanon der Literatur" (taz), Herman Kochs "Sehr geehrter Herr M." (Berliner Zeitung), Lizzie Dorons "Who the Fuck is Kafka" (Tagesspiegel), Mark Thompsons Biografie über den jugoslawischen Schriftsteller Danilo Kiš (Tagesspiegel), Philip Meinholds "Erben der Erinnerung" (Tagesspiegel), Gerd Fuchs" "Liebesmüh" (Freitag), Marc-Antoine Mathieus Comic "Richtung" (taz), Martin Suters "Montecristo" (SZ) und Peter Richters "89/90" (FAZ). Mehr in unserer aktuellen Bücherschau heute ab 14 Uhr.
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Musik

Im Freitext-Blog auf ZeitOnline pfeift Schriftstellerin Helene Hegemann auf die Abschätzigkeit, mit der Feuilletonisten auf neue Alben von Madonna samt deren fortschreitendem Alter reagieren: "Man darf Madonna nicht danach bewerten, ob sie irgendetwas gerecht wird - man muss sie als das sehen, was sie ist: mehr als eine Legende. Denn dann macht es plötzlich Riesenspaß, ihre Musik anzuhören."

Die Zeit stellt in einer sechsseitige Musikbeilage unter anderem das kubanisch-französische Zwillingsduo Ibeyi, den französischen Countertenor Philippe Jaroussky, die Jazzpianistin Julia Hülsmann und den Schlagersänger Dagobert vor. In einem Athener Konservatorium vermitteln Musiklehrer gratis Kultur an Kinder, berichtet Theodora Mavropoulos in der taz. Besprochen werden neue Alben von Pearson Sound (The Quietus) und SoKo (taz).

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Bühne

Im Freitag berichtet Stefan Amzoll von einem Abend am Berliner Ensemble zu Ehren von Thomas Brasch.

Besprochen werden eine Londoner "Antigone" mit Juliette Binoche in der Hauptrolle (Alexander Menden zeiht den Abend in der SZ der "vermurmelten Lustlosigkeit") und Ludger Engels" Inszenierung von Alban Bergs "Wozzeck" in Augsburg (FAZ).
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Kunst

Zum 200. Jubiläum seines Gründungstags macht das Frankfurter Städel Museum seine gesamte Sammlung inklusive Archiv online zugänglich, berichtet Hanno Rauterberg in der Zeit und ist gespannt, wie die Digitalisierung die Museumserfahrung verändern wird: "Im Prinzip kann sich nun jeder sein eigenes Städel errichten, und das nicht nur am Bildschirm. Denn in nicht allzu ferner Zukunft wird der Besucher jedes Kunstwerk (so es denn rechtefrei ist) herunterladen und ausdrucken können. Für manche Gemälde ist das schon heute möglich, ein paar Klicks nur, und schon wird das, was eben noch an der Museumswand hing, von der Drogeriekette dm hochwertig reproduziert, mit Passepartout und Rahmen versehen und hängt alsbald im eigenen Wohn- oder Schlafzimmer. Das Städel wird zur Bildvermittlungsstelle."

Besprochen werden die Gaugin-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen (NZZ), eine Ausstellung in Pilsen, die die einst eng verflochtenen Kulturszenen von Böhmen und München in Erinnerung ruft (NZZ), die Ausstellung "Wir brauchen einen ganz anderen Mut! Stefan Zweig - Abschied von Europa" im Münchner Literaturhaus (NZZ), die Ausstellung "Two by Two" mit Arbeiten von Mary Heilmann und David Reed im Hamburger Bahnhof in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Common Grounds" in der Villa Stuck in München (SZ).
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Film


Vom russischen Staat zermalmt: Szene aus
Andrej Swjaginzwes "Leviathan". Bild: Wild Bunch Germany.

Andrej Swjaginzwes
"Leviathan", eine böse Parabel auf den Filz zwischen Staat und Klerus im zeitgenössischen Russland, macht schon länger von sich reden, insbesondere seit seine Auszeichnung mit dem Golden Globe die russische Politik gegen den - mit staatlichen Mitteln geförderten! - Film aufbrachte (Hintergründe dazu bringt Patrick Holzapfel auf kino-zeit.de). Nun läuft der Film auch in Deutschland an und begeistert die Kritik erwartungsgemäß. Oliver Kaever (ZeitOnline) feiert den Film als "Meisterwerk": "Korruption, Gier, Gewalt und Wodka sind allgegenwärtig. Der russische Staat kommt wie ein unabwendbares Schicksal über den Einzelnen und zermalmt ihn." Dass der Regisseur nach diesem tiefsitzenden "Schlag" noch in den Genuss russischer Fördermittel kommen wird, darf bezweifelt werden, orakelt Barbara Wurm in der taz. Friederike Horstmann (Perlentaucher) fröstelt unterdessen in der tristen russischen Steppe und beobachtet dabei eine "allegorische Tragödie", die über Russland durchaus hinaus weist: "Der andeutungsreiche Titel und auch der explizite Verweis auf die biblische Geschichte Hiobs unterstreichen, was dem Film wichtig scheint: dass nicht nur in Russland Korruption und Willkür existieren."

Weiteres zu "Leviathan": Der Freitag bringt eine Übersetzung von Shaun Walkers zuerst im Guardian erschienenem Porträt des Regisseurs, mit dem Sonja Zekri ein ausführliches SZ-Gespräch geführt hat. In der FAZ bespricht Andreas Kilb den Film. Tobias Kniebes SZ-Kritik steht mittlerweile auch online, die von Alice Bota in der Zeit nicht.

Von soviel Kunst und Kritik zu weniger ambitionierten Regionen des Kinos: Bereits zum 17. Mal fand in Köln mit "Besonders wertlos" das "Festival für den deutschen psychotronischen Film" statt, das anhand historischer Filmkopien die nicht-kanonisierten Nebenbereiche der deutschen Filmgeschichte beleuchtet. Till Kadritzke (critic.de) ging es bei den dort gezeigten Unfassbarkeiten sichtlich prächtig. Vor allem über Volker Vogelers ultra-rarer Bayern-Western "Jaider" hat er sich freudig wundern können, so dass er sich "fragt, wie man auf die Idee kommt, jetzt, ausgerechnet in diesem Moment, auf ein Papierboot zu schneiden, das eine Wasserrinne hinunterfährt. Was das für Leute waren. Was da los war. ... Deshalb erzählt man von "Jaider" nachher nicht wie von einem Film, den man gesehen hat, sondern von einem Ereignis, von einer Erfahrung, die man gemacht hat, so wie man von einem Autounfall erzählt oder einem verrückten Spaziergang im Regen. Da gibt"s nichts zu liken. Das kommt auf keine Watchlist. Das ist passiert. Man ist im Kino gewesen."

Weiteres: Marlene Giese empfiehlt in der taz das Berliner Filmfestival CineBrasil. In der Zeit erklärt Adam Soboczynski, warum das polnische Kino zurzeit das aufregendste in Europa ist.

Besprochen werden Kenneth Branaghs "Cinderella" (Welt), Christian Froschs "Von jetzt an kein zurück" (Welt), Ivette Löckers im Berliner Kino Krokodil gezeigter Dokumentarfilm "Wenn es blendet, öffne die Augen" (taz, Perlentaucher), Zeresenay Berhane Meharis "Das Mädchen Hirut" (taz, Filmlöwin) und Matthew Vaughns Actionfilm "Kingsman" (Filmgazette, SZ).
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