Efeu - Die Kulturrundschau

Der eine Stoff, aus dem man Metaphysik machen kann

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.03.2015. In der NZZ erinnert sich Liao Yiwu an die erste Ausstellung der unter Hausarrest stehenden Künstlerin Liu Xia, deren Fotoarbeiten zur Zeit in Berlin zu sehen sind. Die Theaterkritiker verdauen noch Romeo Castelluccis tonnenschwere "Ödipus"-Inszenierung. Die NZZ porträtiert die Theaterregisseurin Yael Ronen. Cargo lernt in Ivette Löckers Dokumentarfilm den Schock der Freiheit durch die Augen eines russischen Junkie-Pärchens. In der FAZ fordert der Dichter Arne Rautenberg seine Kollegen auf: Nutzt eure Freiheit.

Kunst


Liu Xia: Ohne Titel. Aus der "Ugly Babies"-Serie, 1996-1999. © Liu Xia, courtesy of Guy Sorman

Im Martin-Gropius-Bau werden gerade Fotos der chinesischen Künstlerin Liu Xia ausgestellt. Sie steht seit 2010 unter Hausarrest, seit ihr Mann Liu Xiaobo, der seit 2008 im Gefängnis sitzt, den Friedensnobelpreis erhalten hat. In der NZZ erinnert sich Liao Yiwu an die erste Ausstellung Liu Xias, Ende der 90er Jahre. Und später an die Fotos mit den Puppen. Eigentlich sollte es eine Porträtserie mit Freunden werden, aber daraus wurde nichts. So hatte sie nur ihren Mann als Modell: "Er ist ziemlich groß, und sie ließ ihn eine ganz kleine Puppe auf der Schulter tragen. Eine kleine, zarte Puppe, aber die ist auch schrecklich, sie presst mit allem, was sie kann, diesen lautlosen Schrei heraus. Liu Xiaobo hatte dieses Bild sehr gern, er hat mir gesagt, diese Puppe, dieser kleine Teufel, ist immer in seinen Träumen aufgetaucht, und dann hat es ihn geschaudert bis auf die Knochen, auch wenn gerade die Sommersonne den dicken Vorhang durchdrungen und ihm aufs Bett geschienen hat."


Antonio López, "La Familia de Juan Carlos I". 2015

Interessiert und auch ein bisschen amüsiert wandert Caroline Kesser für die NZZ durch eine Ausstellung mit Herrscherbildnissen aus sechs Jahrhunderten im Palacio Real in Madrid, deren Höhepunkt "La familia de Juan Carlos I" von Antonio López ist, ein kurz vor Ausstellungsbeginn fertig gestelltes Porträt der derzeitigen Königsfamilie. "Was würde wohl Théophile Gautier zu dieser Königsfamilie sagen? Fände er sie majestätischer als Goyas Familie Karls IV., in der er laut einem oft zitierten Bonmot "den Bäcker um die Ecke und seine Frau, die gerade im Lotto gewonnen haben" erkannte? Hier hat offensichtlich niemand das große Los gezogen."

Weitere Artikel: In Frankreich entstehte eine Eins zu Eins Nachbildung der steinzeitlichen Höhlen von Chauvet, berichtet Joseph Hanimann in der SZ. Die FAZ gratuliert dem Städelmuseum zum 200-jährigen Bestehen mit einer Doppelseite voller Kunstnotizen. Christiane Meixner (Tagesspiegel), Julia Voss (FAZ) und Thomas Steinfeld (SZ) gratulieren Anselm Kiefer, der gestern 70 Jahre alt geworden ist.

Besprochen werden die Ausstellung "Künstler und Propheten" in der Schirn in Frankfurt (FAZ) und die Björk-Ausstellung im Moma (Welt). Die Zeit bringt eine Strecke mit Bildern aus der Björk-Schau und eine Auswahl von Jamel Shabazz" derzeit in Köln ausgestellten Fotografien aus dem New York der Achtziger.
Archiv: Kunst

Bühne


"Ödipus der Tyrann", Schaubühne. Foto: © Arno Declair

Sehr bedeutungsschwanger und vor Frauenkloster-Kulisse inszeniert Romeo Castellucci an der Berliner Schaubühne "Ödipus der Tyrann" nach Sophokles und Hölderlin, erfahren wir von Irene Bazinger in der FAZ, die für solches Kunst-Hochamt allerdings wenig übrig hat: "Nach zwei Stunden hochtrabenden Kunstgewerbes ist die mitunter unfreiwillig komische Missionierung der Antike beendet und die katholische Kolonisation des Mythos vorbei." Ermattung auch bei Simone Kaempf von der Nachtkritik: "Man nimmt Castellucci die Faszination ab für die Frauenbilder aus Antike und Christentum, aber er zelebriert sie verdammt statuarisch und feierlich, ohne Kraft daraus zu gewinnen." Im Tagesspiegel gibt Christine Wahl ihren Lesern gute Ratschläge mit an die Hand: "Für Castelluccis symbolschwangere und mit heiligem Ernst zelebrierte tableux vivants über Verdrängung, Schuld und Sühne, für die minimalistischen Bewegungen, in denen noch der kleinste Finger tonnenweise Bedeutung suggeriert, braucht man natürlich auch einen langen Atem. Außerdem ist ein Sinn für unfreiwillige Komik hilfreich."

In der NZZ stellt Barbara Villiger Heilig die am Berliner Maxim-Gorki-Theater arbeitende israelische Regisseurin Yael Ronen vor, deren Stück "Common Ground" gerade zum Theatertreffen eingeladen wurde: ""Common Ground" dreht sich um den Balkankrieg der neunziger Jahre. Mit Schauspielern, die den Krieg als Kinder erlebt hatten und als Flüchtlinge nach Deutschland gelangt waren, reiste sie für ihre Recherche nach Ex-Jugoslawien. Diese Reise habe unglaubliche Emotionen zutage gefördert, erzählt sie. Plötzlich brachen Wunden auf. "Yael Ronen & Ensemble", wie der Spielplan regelmäßig vermerkt, klingt nach Branding. Tatsächlich bezeichnet die Formel aber Ensemble-Arbeiten, die prozesshaft entstehen: Gemeinsame Erinnerung an erlebte Konflikte liefert den Stoff, aus dem Aufführungen entstehen, zu denen das Ensemble auch mit dem Schreiben von Texten beiträgt."

Weitere Artikel: Sandra Luzina berichtet im Tagesspiegel vom postkolonialistischen "Return to Sender"-Tanzfestival am Berliner Hebbel am Ufer. Dirk Pilz schreibt in der Berliner Zeitung den Nachruf auf den Schauspieler Fred Düren.

Besprochen werden Verdis "Traviata" in Wiesbaden (NZZ), Iwan Wyrypajews neues Stück "Unerträglich lange Umarmung" am Deutschen Theater in Berlin (Welt) und Hans-Werner Kroesingers Bühnenadaption von Franz Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh", die im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zum Gedenken des Genozids an den Armeniern im Berliner Maxim-Gorki-Theater aufgeführt wurde (Berliner Zeitung, Nachtkritik, taz).
Archiv: Bühne

Musik

In der FAZ porträtiert Wolfgang Sandner den Pianisten Chris Jarrett, dessen "pianistischer Furor" ihn als "mythischen Kentaur - halb Klavier, halb Mensch -" erscheinen lässt.

Besprochen werden die Björk-Retrospektive im MoMA in New York (Tagesspiegel, mehr), Konzerte von den Altpunks Buzzcocks (Tagesspiegel) und Father John Misty (Tagesspiegel, taz) sowie ein Aufritt von Anne Sophie-Mutter unter Andris Nelsons (SZ).
Anzeige
Archiv: Musik

Literatur

Kein Markt, kein Gewinn, keine Wohlstandsaussichten: Gerade diese desolate Situation der Lyrik sollte man als Freiheitsraum wahrnehmen und nutzen, schreibt der Dichter Arne Rautenberg in der FAZ in einem Plädoyer für eine Poesie, die alle Beschränkungen hinter sich lässt: "Niemand schaut auf uns - wir Dichter sind völlig unbeaufsichtigt, können machen, was wir wollen, flattern, unfassbar und unkommerziell sein, alles mal anders, einfach von oben betrachten (bevor man abstürzt). Übersicht? - Vielleicht. Gewaltig sein? - Nein danke. Was die Rezeptionsseite angeht, ist man eben niedlich und sagt "Piep!" (...). Welch wunderbarer Freibrief!"

Jan Wiele stellt in der FAZ ein literarisches Experiment vor, das derzeit auf dem vom S. Fischer Verlag betriebenen Blog Hundertvierzehn stattfindet: Mehrere Autorinnen und Autoren verarbeiten dort die in den sozialen Medien dokumentierte Geschichte zweier junger österreichischer Frauen, die sich dem IS angeschlossen haben. Rundum überzeugend findet Wiele das Projekt, trotz pathetischer Einschwörungen des Schriftstellers Thomas von Steinaecker, allerdings nicht: "Die etwas pathetischen Einwürfe des Initiators Thomas von Steinaecker (...) konnten auch nichts daran ändern, dass man seine rhetorische Ausgangsfrage - "Wir wollen doch nicht nur spielen, oder?" - beim Lesen der Ergebnisse öfter mit einem "Offenbar doch" beantwortete." Drei Folgen gibt es bislang: Hier, hier und hier.

Besprochen werden u.a. Norbert Scheuers "Die Sprache der Vögel" (Tagesspiegel, mehr) und neue Rittercomics (taz).

Außerdem hat die FAZ ihre aktuelle Lieferung zur Frankfurter Anthologie online nachgereicht: Herbert Lehnert stellt darin Georg Heyms "Gebet" vor:

" Großer Gott, der du auf den Kriegsschläuchen sitzest.
Vollbackiger du, der den Atem der Schlacht kaut.
..."
Archiv: Literatur

Film


"Wenn es blendet, öffne die Augen" von Ivette Löcker.

Im Cargo-Blog rät Bert Rebhandl den Berlinern zum Besuch einer Vorführung von Ivette Löckers neuem Dokumentarfilm "Wenn es blendet, öffne die Augen" im Kino Arsenal: In diesem "intimen Film" über ein russisches Junkie-Pärchen "geht es um Transformationsschicksale, um einen Übergang, auf dessen Wucht einen niemand vorbereiten konnte, um konkretes Erleben der "Schocktherapie", mit der die Freiheit in der ehemaligen Sowjetunion in den frühen neunziger Jahren verabreicht wurde." Der Film läuft im Anschluss eine Woche im Berliner Kino Krokodil.

Außerdem: Ein Radiofeature zum Nachhören über Klaus Lemke beim Bayerischen Rundfunk. Andreas Kilb gratuliert in der FAZ Ornella Muti zum Sechzigsten. Besprochen wird Neill Blomkamps Film "Chappie" (Welt).
Archiv: Film

Design


Tintenfisch von Giacomo Cappellin

Entzückt berichtet Thomas Steinfeld (SZ) von seinem Besuch des nach beträchtlichen Umbauarbeiten neu eröffneten Glasmuseums im italienischen Murano: "Von allen Materialien, aus denen sich Gegenstände des Gebrauchs fertigen lassen, ist Glas der eine Stoff, aus dem man Metaphysik machen kann. ... Die Pracht dieser Gegenstände wird begleitet von dem Trotz, dass es sie überhaupt gibt, und wenn es sich um zeitgenössische Objekte handelt, so gesellt sich dem "überhaupt" ein "noch" hinzu. Das Museum ist ein Akt der vergeblichen Auflehnung gegen die Industrialisierung, und diesem "noch" liegt das Wissen zugrunde, dass sich das Glas von seiner Verbilligung nicht wieder erholen wird.
Archiv: Design