Efeu - Die Kulturrundschau

Pracht, Kitsch und Süße

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10.03.2015. Die Opernkritiker schlürfen ohne Reue die Luxusbrause, die Rolando Villazon ihnen mit Puccinis "La Rondine" vorsetzt. In der SZ erzählt Tocotronic-Sänger Dirk von Lotzow, warum er eine Oper komponieren wollte. Ein Mohnfeld ist ein Mohnfeld ist ein Mohnfeld, lernt die Welt in der Frankfurter Monet-Ausstellung. Die FAZ fordert mehr zeitgenössische Literatur im Deutschunterricht. Die NZZ besucht die ehemalige Arbeitersiedlung Pullman City.

Bühne


Szene aus Giacomo Puccinis "La Rondine" in der Inszenierung von Rolando Villazon, 2015. Foto: © Bettina Stöß

Eher selten ist Puccinis Oper "La Rondine" zu sehen. An der Deutschen Oper in Berlin bietet sich mit einer Inszenierung von Rolando Villazón nun die Möglichkeit dazu - und die Kritik berichtet schlicht hingerissen: Dieses Stück ist "nichts weniger als ein Wunderwerk des Musiktheaters", schwärmt Niklaus Hablützel in der taz, "ein schwerelos schwebendes Stück für zwölf Gesangsrollen, Chor, Ballett und Symphonieorchester, weder Komödie noch Tragödie, eher ein tief melancholischer Traum des vergänglichen Wohlklangs." Clemens Haustein kann sich in der Berliner Zeitung dem Zauber dieses Abends nicht entziehen: "Ein parfümiertes, unwirkliches Etwas, pure Atmosphäre, an diesem Abend dargeboten vom betörend farbenreich musizierenden Orchester der Deutschen Oper unter Roberto Rizzi Brignoli." Diese Rondine "fliegt und strahlt", freut sich Manuel Brug in der Welt. Und Eleonore Büning schreibt in der FAZ: "Gleich ist uns diese Luxusbrause in den Kopf gestiegen, schon sind wir bei den Ohren genommen von Pracht, Kitsch und Süße dieser überreifen Puccini-Musik, die uns so schnell einfängt wie ein routinierter Lassowerfer und uns ausliefert an eine himmlisch sinnlose, völlig veraltete, ziemlich überflüssige, unlogische, epigonale und eskapistische Geschichte."

In der SZ spricht Kathleen Hildebrand mit René Pollesch und Dirk von Lotzow, deren Oper "Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte" am Donnerstag an der Berliner Volksbühne Premiere hat. Dabei erzählt der Tocotronic-Sänger auch von dem Reiz, den es für ihn hatte, eine Oper zu komponieren: "Ich kann keine Noten lesen und schreiben. Ich kann nicht arrangieren, nicht orchestrieren. Das fand ich total interessant: etwas zu machen, was man überhaupt nicht kann."

Weitere Artikel: Astrid Kaminski berichtet in der taz vom "Return to Sender"-Festival im Berliner HAU, das sich kritisch mit der kolonialistischen Geschichte befasst. Zum Tod des Schauspielers Fred Düren schreiben in der Berliner Zeitung Dirk Pilz und im Tagesspiegel Kerstin Decker.

Besprochen werden Christian Josts Oper "Rote Laterne" in Zürich (NZZ), ein Bismarck-Abend in Berliner Volksbühne mit Sophie Rois ("Klamottig wird"s, als mit Tschingderassabum eine Band einmarschiert", berichtet Gunda Bartels im Tagesspiegel), der Adorno-Abend "Wut und Gedanke" in Frankfurt (FR), Jan Neumanns in Köln aufgeführtes Stück "Die Abschaffung der Nacht" (FAZ) und Hans-Werner Kroesinger Adaption von Franz Werfels Roman "Musa Dragh" am Gorki-Theater (SZ).
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Musik

Vergangenen Samstag spielte Björk ihr neues Album "Vulnicura", auf dem die Künstlerin ihre schmerzhafte Trennung von Matthew Barney verarbeitete, mit einem Orchester in der New Yorker Carnegie Hall. Quietus-Kritikerin Sandra Song wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und schreibt: "It"s hard enough to simply hear the entirety of "Vulnicura" on a pair of headphones and not feel like you"ve just been gutted clean, so when you amplify that by adding top-notch sound technology, a 15-piece string section and the expanse of the historic Carnegie Hall, it becomes a spiny study in a broken heart that somehow, miraculously manages to elude cliché. A true feat, especially as so many have been eager to merely brush Vulnicura off as "Björk"s Break-Up Album", rather than acknowledge it as a complex, carefully study of a brilliant producer"s darkest place." Einen Ausschnitt aus dem Konzert gibt es auf Youtube:



Weitere Artikel: Im Tagesspiegel stellt Martin Böttcher neue Popveröffentlichungen aus Berlin vor.

Besprochen werden ein Konzert des Vogler Quartetts (Tagesspiegel), das neue Album "Behold" von Oren Ambarchi und Jim O"Rourke (Pitchfork, eine Hörprobe), das neue Album von To Kill A King (FAZ), das neue Album von Sizarr (ZeitOnline), ein Konzert von Philippe Jaroussky (FR), das neue Album von Hey Colossus ("fucking brilliant", jubelt Julian Marszalek in The Quietus), "A Study of Lunar Research Flights" von English Heretic (The Quietus) und das Berliner Konzert des Hong Kong Philharmonic Orchestra (Tagesspiegel).
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Stichwörter: Björk, Pitchfork

Kunst


Claude Monet, Das Mittagessen: dekorative Tafel (ca. 1873)

Keine Evergreens in der Ausstellung Monet und die Geburt des Impressionismus im Frankfurter Städel, keine Sonnenaufgänge und Seerosen. Der Besuch lohnt sich trotzdem, versichert Hans-Joachim Müller in der Welt. Denn was Kurator Felix Krämer zeigt, ist eine Entwicklungsgeschichte, die verstehen lässt, welcher Schock der Impressionismus für die Zeitgenossen war: "Immer handelt die Kunst mit Gegenständen in der Verdachtsform entzifferungsbedürftiger Zeichen. Und man käme sich vor Rembrandts "Nachtwache" ein wenig unterversorgt vor, wenn einem nur einfallen würde, wie schön die Harnische gemalt sind. Es waren die Impressionisten, die zum ersten und wohl auch letzten Mal ihre Bilder entlastet haben, wie das zuvor fast undenkbar schien. Das war der eigentliche Schock im Salon, wie diese impressionistische Landschafts- und Figurenmalerei die alten akademischen Formeln vergaß, sich mit Waldlichtung und Mohnfeld begnügte, ohne irgendetwas zur "Comédie humaine" beigetragen zu haben, wie der Bildbericht von Vie moderne so ganz ohne Kommentar, ohne Seufzen auskam." (Eine weitere Besprechung gibt"s in der SZ)

Besprochen werden des Künstlers El Hadji Sy im Frankfurter Weltkulturen Museum (taz) und eine Ausstellung über den Kunsthändler Paul Durand-Ruel in der National Gallery in London (SZ).
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Literatur

Sehr ärgerlich findet es Sandra Kegel in der FAZ, dass Gegenwartsliteratur im Schulunterricht allenfalls bis Patrick Süskinds "Parfüm" aus den Achtzigern, wenn überhaupt, reicht: "Die Schule ist ein Ort, an dem der Kanon wesentlich fortgeschrieben wird. Gerade deshalb sollte sie, bei aller Hinwendung zum Erbe, auch gegenüber gegenwärtigen literarischen Entwicklungen aufgeschlossen sein."

Christopher Schmidt bereist für die SZ Israel, das Gastland der Leipziger Buchmesse, und stellt dabei fest: "In einem Land, das seine Existenz der Berufung auf die Bibel verdankt, genießt das Buch eben einen besonderen Status. So heilig ist den Israelis die Schriftkultur, dass E-Books nicht angenommen werden von den Lesern, obwohl das Land internet-affin ist wie kein anderes." Außerdem bringt die SZ heute ihre große Literaturbeilage zur Leipziger Buchmesse.

Im Guardian meldet Kate Connolly, dass Martin Amis für seine Auschwitz-Komödie "The Zone of Interest" einen deutschsprachigen Verleger gefunden hat: Kein und Aber wird den Roman herausbringen, zusammen mit vergriffenen Titeln wie "The Rachel Papers" oder "Money".

Besprochen werden unter anderem Arno Geigers Roman "Selbstporträt mit Flusspferd" ("eine intrikate Feier der Liebe, aber auch ein veritables Fest der Literatur", lobt Andreas Breitenstein in der NZZ), Marina Keegans Essayband "Das Gegenteil von Einsamkeit" (Tagesspiegel), Norbert Scheuers "Sprache der Vögel" (taz), Kevin Barrys "Dunkle Stadt Bohane" (FR), Fritz J. Raddatz" "Jahre mit Ledig" (SZ), Barbara Honigmanns "Chronik meiner Straße" (Tagesspiegel) und Ljudmila Ulitzkajas Essayband "Die Kehrseite des Himmels" (FR).
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Film

Einen super entspannten Wim Wenders erlebte Lucas Hermsmeier bei der Eröffnung der Wenders-Retrospektive im Moma. Und die Filme können sich auch noch sehen lassen, meint der Kritiker in der Welt: "Ist die Zeitlosigkeit, oder besser gesagt: die Zeitfestigkeit, seine größte Stärke? Wenders, der auch in Los Angeles lebte, lernte vor vielen Jahrzehnten die Sprache des klassischen Kinos, die wenig mit dem zu tun hat, was Regisseure und Cutter heute machen. Und wenn diese Retrospektive im MoMA eins zeigt, dann, dass der gebürtige Düsseldorfer diese Wandlung wie kaum ein anderer annahm und die Industrie prägte."

Weiteres: Die FR bringt Daniel Kothenschultes Laudatio auf den mit dem Marburger Kamerapreis ausgezeichneten Edward Lachmann. Giovanni Marchini Camia (Film Comment) berichtet von den Dreharbeiten zu Apichatpong Weerasethakuls neuen Film "Love in Khon Kaen". Besprochen wird Éric Lartigaus "Verstehen Sie die Béliers?" (SZ).
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Architektur


Pullman City, gesehen von der Spitze des Arcade-Gebäudes. Foto: Pullman State Historic Site

Rudolf Stumberger besucht für die NZZ im Süden Chicagos Pullman City, eine vorbildliche Arbeitersiedlung, die der Schlafwagenfabrikant George Pullman im 19. Jahrhundert erbauen ließ: "Die Siedlung sollte die Beschäftigten an die Fabrik binden, ihren Arbeitsweg verkürzen und ihre Wohnverhältnisse bessern. Und sie diente dem Zweck, sie unter der patriarchalischen Führung durch den Patron zu einem Leben in Anstand und Demut zu erziehen und so von den Gewerkschaften, der Arbeiterbewegung und sozialistischen Ideen fernzuhalten. Damit ähnelte die Pullman-Siedlung denen von Krupp in Essen und anderswo."

Außerdem: Berlin erlebt gerade eine Gründerzeit, meint in der Welt Dankwart Guratzsch mit Blick auf die von privaten Investoren errichteten neuen Wohnquartiere.
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