Kosmischer Tsunami

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Thomas Groh
05.11.2014. Wuchtig und - in ausgewählten Kinos - auf 70mm-Material erweckt Christopher Nolans "Interstellar" verloren geglaubte Utopien zu neuem Leben. Laura Poitras präsentiert in "Citizenfour" erstaunliches Bildmaterial aus dem Sommer 2013: Aufzeichnungen jener Gespräche, die Edward Snowden mit Glenn Greenwald in seinem Hongkonger Exil führte.


Die Zukunft ist eine Sache der Vergangenheit. Zumindest der Fluchtpunkt, der mal als Zukunft verstanden und verhandelt wurde. Folgt man dem Popjournalisten Simon Reynols (in "Retromania") oder dem Kulturtheoretiker Mark Fisher (in "Ghosts of my Life", ein Auszug) lautet so der zeitdiagnostische Befund unserer Tage. Demnach hat Pop als einstmals zentrale Schubkraft nicht nur seine "Nowness" verloren, sondern auch seine aufsprengende Kraft, aus der Gegenwart heraus einen verheißungsvollen Möglichkeitsraum für Künftiges zu skizzieren. Stattdessen: Nostalgie und Depression, Archivierung und Musealisierung. Das große utopische Narrativ unserer Zeit: Zurück zum Wohlfahrtsstaat, zurück in die gute alte Zeit, als immerhin noch Aussicht auf Aufbruch bestand.

Mit seinem neuen Epos "Interstellar" knüpft Christopher Nolan daran nun in mehrfacher Hinsicht an. Zum einen, da Nolan - ganz Klassizist und neben Quentin Tarantino und Paul Thomas Anderson der hartnäckigste prominente Fürsprecher klassischen Filmträgermaterials - seinen Griff nach den Sternen bewusst auf 35- und 65mm-Material gedreht hat, also mittels einer bereits als obsolet eingeschätzten Technik, und überdies zumindest in den USA für die Kinoauswertung eine erkleckliche Anzahl 70mm-Prints durchsetzen konnte (in Europa kursieren immerhin vier solcher Kopien, eine davon zeigt der Berliner Zoo-Palast).

Zum anderen, da Nolan auch ästhetisch das Raum-Zeit-Kontinuum wenigstens der Filmgeschichte im Sinn von "zurück zum Aufbruch" auf Vergangenheit umbiegt: Hauptsächlich in klassischen, schön auf abgenutzt gestalteten Sets und mit Miniatur- und Kameratricks unter Verzicht auf CGI gedreht (freilich, für schwarze Löcher und andere Aufsehen erregende Space-Madness nutzt er die Digitaltechnik unter größtmöglichem, aber produktivem Aufwand), orientiert sich "Interstellar" in vielerlei Hinsicht an Stanley Kubricks "2001: A Space Odyssey", dem großen Monolithen der filmischen Science Fiction, und dessen noch vor dem Erfolg der Apollo-Missionen geleisteten Versprechen, ein Weltall-Setting zunächst in aufregender ästhetischer Glaubwürdigkeit zu vermitteln, um sich schließlich kopfüber in den Psychedelic-Rausch des Hyperraums zu stürzen. Kurz vor der Mondlandung war dieser Ausblick in die Schwärze des Alls tatsächlich raumgreifend. Vielleicht braucht es heute, da Raumstationen und Space-Shuttle-Missionen gerade mal am Rand unserer Atmosphäre kratzen, wieder so einen Film.



Doch Nolan erzählt in seinem Film auch von einer umfassend ermatteten Welt, der jegliche Perspektive auf die Zukunft abhanden gekommen ist: Die USA - ein einziger, buchstäblicher Dust Bowl - ist nach klimatischen Verheerungen auf das Niveau einer Farmer-Nation zurückgefallen, Sandstürme bestimmen den Alltag, weite Teile des Ernteertrags werden von Schädlingen und Pilzbefall zunichte gemacht: Drohende Hungersnöte gehören zum Alltag. Eine Welt wie aus den Depressionsjahren der 30er - ausgebildet werden Bauern, an Ingenieuren gibt es keinen Bedarf. Um erst gar keine Aspirationen unter den Kindern aufkommen zu lassen, lehren die Schulbücher, dass es die Mondlandung nie gegeben habe, sondern ein strategisches Fake-Manöver war, um die Sowjetunion in einen selbstzerstörerischen Innovationszugzwang zu verstricken. Nicht zuletzt droht der Menschheit der Erstickungstod. Was die Zukunft einst hätte sein können, schlummert als verstaubte Erinnerungsspur in alten, nicht mehr aufgeschlagenen Büchern.

Für Cooper (Matthew McConaughey), ein einstiges, heute zum Farmer-Dasein gezwungenes Piloten-Ass, die trübsinnigste aller denkbaren Welten: "Früher haben wir am Himmel unseren Platz im Universum gesucht, heute blicken wir auf den Boden und suchen unseren Platz im Schmutz", sinniert er an einer Stelle. Immerhin im Kleinen stellt er sich gegen die zwangsverordnete Depression: Das wenige, was er seinen Kindern an Neugier auf die Welt und Lust an der Wissenschaft vermitteln kann, vermittelt er ihnen mit sichtlichem Enthusiasmus. Und stößt dabei, nach sonderbaren Botschaften eines "Geists", zu dem seine Tochter Murph (Mackenzie Foy) Kontakt haben will, auf eine vor den Augen der Öffentlichkeit versteckte Dependance der NASA, die unter der Anleitung von Professor Brand (Michael Caine) im Verborgenen einen Masterplan zur Umsiedelung auf einen fernen Planeten vermittels eines - von außerirdischen Intelligenzen? - beim Saturn platzierten Wurmlochs ausheckt und in Cooper den für diese Mission idealen Piloten sieht. Der steht nun vor einem Dilemma: Gemäß der Relativitätstheorie würden für ihn bei dieser Reise nur wenige Jahre vergehen - während die Zeit auf der Erde dramatisch schneller verlaufen würde. Nicht nur gilt es, dem Untergang der Menschheit zuvor zu kommen - auch die Möglichkeit eines Wiedersehens mit der geliebten Tochter steht auf dem Spiel.

Raum und Zeit - nur konsequent, dass sich Christopher Nolan in seinem technisch bisher avanciertesten Film der grundlegenden Koordinaten des menschlichen Daseins nun auch in kosmologischer Hinsicht annimmt. Ob in "Memento" oder "Inception", die Frage nach deren zwangsläufiger Linearität stellte schon frühzeitig eine Konstante in seinem Schaffen dar - und stets verstand dieser virtuose Technokrat des Kinos die Montierbarkeit von Film als eine Möglichkeit zur Aufsprengung, die Raum und Zeit als wachsweiche Verfügungs- und Gestaltungsmasse erschließt. Ähnlich, wenn auch bei weitem nicht so verrätselt wie in "Memento" oder "Inception" (dass "Interstellar" einst für Spielberg konzipiert wurde, ist dem Film in Spuren noch immer anzusehen), funktioniert auch "Interstellar": Raum und Zeit werden hyper-dimensional aufgegliedert und auf dem Gerüst der Liebe zwischen einem Vater und einer Tochter zum interstellaren Erzählgefüge aufgespannt. Insbesondere in der erzählerischen Schlusspointe kulminiert dies in die reizvolle Visualisierung eines Raums jenseits des Raums, einer Zeit jenseits der Zeit.



Toll ist auch - neben der emotional ergreifenden Geschichte zwischen Vater und Tochter, die man dem ansonsten eher als kühl verschrieenen Erzähler kaum zugetraut hätte -, wie es Nolan gelingt, nicht nur die Ästhetik historischen NASA-Filmmaterials, sondern auch die in der Science-Fiction eher abgelegten Tropen von Pioniergeist und Weltentdeckertum mit den Mitteln der Kino-Großentwürfe des Genres für eine zukunftsenthusiastische Form wieder urbar zu machen - sogar die Roboter wirken wieder so herzig wie in der naiven SF der 50er Jahre und strahlen dennoch nichts als "Nowness" aus. Nolan hängt zwar einem alten, längst melancholisch beiseite gelegten Traum von der Rettung der Welt durch hartnäckige Ingenieurswissenschaft nach - doch dessen Utopie rückt er mit seinen brillanten 70mm-Bildern (und nicht zuletzt dem schönen emotionalen, verwundbaren Schmalz) zum Greifen nahe vors Auge.

Nicht zuletzt legt Nolan im Feld des Blockbusters einen schönen Raum-Zeit-Spagat hin. Neigt insbesondere der Superhelden-Blockbuster der heutigen Zeit zum vollgestellten Wuselbild aus dem Computer, schwelgt Nolan in majestätisch leeren, dafür aber umso luxuriöser produzierten Bildern: Wenn die Raumstation - wie es sich gehört: lautlos - am Saturn vorbei zieht, entwickelt die Schlichtheit des Bildes Erhabenheit. Wenn auf einem fernen Planeten ein Tsunami von kosmischen Ausmaßen dem gestrandeten Raumschiff entgegenbrandet, ist das zwar nichts im Vergleich zu den urbanen Kataklysmen aus den Marvel-Filmen, doch in seiner existenzialistischen Komponente allemal dringlicher und effektiver. Und die fernen Planeten, die zu erkunden sind? Der eine ist eine Wasserwelt - eine kleine Hommage an Lems "Solaris" -, der andere eine in Island fotografierte Gletscherwelt. Unter den Bedingungen von 70mm sind beide aufregender anzusehen als jeder heranklotzende Strampelhosen-Superheldenfilm.

Zwar konnte Kubrick noch minutenlang in aller Stille durchs All driften, während bei Nolan die Einstellungsdauer wesentlich kürzer ist, doch zeigt sich auch hier die melancholische Trauer um abhanden gekommene Formen, die Nolan dafür mit umso hartnäckigerer Insistenz zurück ins Hier und Jetzt holt. Von hier aus mag es schließlich - das ist am Ende das Schönste an diesem trotz aller Wucht erstaunlich zärtlichen Film - weitergehen.

Thomas Groh

Interstellar - USA 2014 - Regie: Christopher Nolan - Darsteller: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Wes Bentley, Jessica Chastain, Mackenzie Foy, Casey Affleck - Laufzeit: 169 Minuten.

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Wer die internationale Nachrichtenlage auch nur obeflächlich verfolgte, konnte letzten Sommer gar nicht anders, als die zur maximalen Abstraktion tendierenden Enthüllungen über die Datensammelwut der NSA (und, wie sich schnell herausstellte, zahlreicher europäischer Geheimdienste) um eine exakt verortbare Konkretion zu ergänzen: Zwar ging (und geht) es darum, dass wir alle nicht wissen, wer wo welche Daten sammelt (und nun immer stets das Schlimmste annehmen) - aber gleichzeitig ging es eben auch darum, dass da ein einzelner Mensch, der Whistelblower Edward Snowden, in einem Hotelzimmer in Hongkong saß... und dann saß er in einem Flugzeug nach Moskau, und dann saß er im Transitbereich des Moskauer Flughafens fest, und dann wähnte man ihn schon in einem weiteren Flugzeug in Richtung Südamerika, und dann blieb er doch in Russland. Vielleicht ist das sogar eine der erstaunlicheren Aspekte der NSA-Affäre (deren manifester Inhalt wenigstens mich persönlich weit weniger erregt hat als die darüber fast komplett vergessenen NSU-Ermittlungen): Zumindest solange Snowden nicht in der relativen Sicherheit des russischen Exils angelangt war, gehörte beides unmittelbar zusammen, und es war zum Beispiel nicht möglich, das geopolitische big picture gegen den Einzelfall der human interest story auszuspielen.

Jetzt also noch einmal zurück in den Sommer 2013: Dass Snowden nicht allein war im Hotelzimmer wusste man schnell. Der Guardian-Journalist Glenn Greenwald hatte sich dort mehrmals lange mit ihm unterhalten und über die Taktik zur Veröffentlichung der Enthüllungen verständigt, auch einige andere Pressevertreter erhielten kurzfristig Zugang. Kaum jemand jedoch wusste, dass bei all diesen Gesprächen auch eine Kamera dabei war: Die Filmemacherin Laura Poitras war ebenfalls nach Hongkong gereist und hatte die Gespräche mit Greenwald, sowie weitere Eindrücke aus Snowdens Zeit im Mira Hotel aufgezeichnet.



Das Kino, das sonst fast immer zu spät kommt, wenn irgendwo etwas Interessantes passiert, und das dann, vielleicht um das eigene Zuspätkommen zu verbergen, bei der Reinszenierung des Verpassten umso mehr Lärm veranstaltet, war diesmal von Anfang an mit dabei. Das Ergebnis heißt "Citizenfour" und ist ein nüchterner, dem großen Thema zum Trotz kleinformatiger, bescheidener Film geworden; ein Film, der es nur gelegentlich für notwendig hält, ein bedrohliches elektronisches Brummen unter die Bilder zu legen, der auch seine leise Tendenz zum Sinnbildlichen weitgehend im Zaum hält, der es dabei bewenden lässt, ab und an zu zeigen, wie sich eine Autofahrt langsam in diskrete, den digitalen Nachrichtenfluss simulierende Lichtpunkte auflöst. Poitras vertraut - völlig zu Recht - auf die Selbstevidenz ihres Materials: Die in Snowdens Hotelzimmer aufgenommenen Aufnahmen stehen im Zentrum des Films, alles andere ist Peripherie. Dabei setzt der Film deutlich vor dem Enthüllungsmonat August 2013 an: Der Titel bezieht sich auf das Peudonym, unter dem Snowden schon Monate vor seinen Enthüllungen Kontakt zu Poitras aufgenommen hatte - im Film werden seine Botschaften an die Filmemacherin, das ist ein schönes Detail, von einer Frauenstimme vorgelesen).

Es liegt in der Natur der Sache, dass "Citizenfour" (im Gegensatz etwa auch zu Poitras" Vorgängerfilm "The Oath", der unter anderem Osama bin Ladens Bodyguard ausfinding gemacht hatte) auch in den kammerspielartig aufgelösten entscheidenden Passagen wenig Neuigkeits-, oder auch nur Informationswert besitzt - die Aufgabenverteilung war von Anfang an klar: Greenwald und Kollegen sind für die Aufbereitung der Informationen verantwortlich, Poitras dafür, einem historischen Moment nachträglich eine ästhetische Form zu geben. Selbst was Snowdens individuelles Drama angeht, lernt man wenig, was man sich nicht auch hätte denken können: Die Sache war offensichtlich lange und exakt geplant - aber nur bis zu einem gewissen Punkt, eine exit strategy war ebenso offensichtlich nicht vorhanden.



Statt dessen hat "Citizenfour" die Ambition, Details der außergewöhnlichen kommunikativen Situation aufzuzeigen, in der Snowden agierte. Wenn die ersten Enthüllungen öffentlich werden, bleibt er noch in der (nun räumlich nachvollziehbaren: nie wirkten Hotelzimmer unpersönlicher) Isolation der Anonymität, im Fernsehen verfolgt er die Reaktion vom Medien und Politik und plant mehr oder weniger in Echtzeit die nächsten Schritte. Gleichzeitig wird der Druck spürbar, unter dem alle Beteiligten stehen, zum Beispiel, wenn ein sirenenartiges Geräusch helle Aufregung verursacht, sich dann aber nach mehreren nervösen Telefonaten als Signalton für eine Feuerschutzübung herausstellt. Nicht nur in solchen Szenen erkennt man, dass "Citizenfour", und das verbindet Poitras" Film doch wieder mit anderen, deutlich schwächeren Filmen zum selben Thema (z.B. "Inside WikiLeaks", "We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks"), auch ein Dokument der Hilflosigkeit ist. Momentan scheint einem nicht viel anders übrig zu bleiben, als auf die allumfassend große, aggressive Paranoia der Staatesnmit individueller kleiner, passiver Paranoia zu reagieren. (Aber war das nicht schon immer so? Oder zumindest solange, wie es moderne Gesellschaften gibt?)

Sobald die Identität des whistle blowers aufgedeckt ist und die weltweite mediale Aufmerksamkeit auf den im Hotelzimmer Eingeigelten umgelenkt wird, bricht sich nicht nur bei Snowden endgültig eine Nervosität Bahn, die vermutlich die ganze Zeit unter der coolen Oberfläche gelauert hat, auch der Film beginnt zu desintegrieren. Poitras muss Hongkong schon vor dem neuen Medienstar verlassen, der restliche Film zerfällt - bewusst und folgerichtigerweise - in kleine Episoden ohne stringenten inneren Zusammenhalt. Julien Assange taucht kurz auf und schwadroniert über einen Privatjet, Poitras unternimmt eine Brasilienreise mit einem flüssig Portugiesisch sprechenden Greenwald, schaut später in der Spiegel-Redaktion vorbei, wo es, einer der dämlicheren Aspekte der Affaire, um die Abhörattacke auf Merkels Handy geht.

Schließlich folgt doch noch ein Wiedersehen mit Snowden, erst in einem aufgrund des jetzt endgültig allgegenwärtigen Überwachungsverdachts fast nur noch über handschriftliche Notizen geführten Gespräch. Kurz vor Schluss die ergreifendste Einstellung des Films: Snowden und seine inzwischen aus Amerika nachgereiste Freundin gemeinsam in ihrer russischen Wohnung, bei den Abendessensvorbereitungen. Poitras filmt durchs Fenster, bleibt selbst außen vor. Edward Snowdens Leben geht nicht länger uns alle an, gehört ihm wieder selbst. Gleich muss man hinzufügen: Zumindest soweit gehört es ihm selbst, wie das unter den gegenwärtigen Umständen möglich ist.

Lukas Foerster

Citizenfour - USA 2014 - Regie: Laura Poitras - Mitwirkende: Edward Snowden, Glenn Greenwald - Laufzeit: 114 Minuten.