Efeu - Die Kulturrundschau

Bargeld als Marlene

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13.11.2014. Schauerlich-schrecklichen Hymnen-Remix und Shanty-Gesänge hörte die gespaltene Musikkritik bei der Neubauten-Performance zum Ersten Weltkrieg. Der Experimentalfilm gehört ins Kino, nicht in die Kunstgalerie, fordert der Freitag. Die SZ feiert die brutalen Schläge des Choreografen Hofesh Shechter. In der Zeit bescheinigt der Schauspieler Donald Sutherland seinen Kritikern: Die "Tribute von Panem" sind kein hirnloser Blockbuster, sondern eine Allegorie der amerikanischen Oligarchie mit beträchtlichem subversivem Potenzial, also Klappe.

Musik

In Berlin haben die Einstürzenden Neubauten ihre zuvor in Belgien uraufgeführte, als Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkriegs konzipierte Performance "Lament" aufgeführt, was insbesondere unter Fans klassischer Neubauten-Krachigkeit zu langen Gesichtern geführt hat, wie die Musikkritiker übereinstimmend berichten. Jens Uthoff erzählt in der taz: "Den Horror des Krieges präsentieren die Neubauten eher als Materialsammlung. Diese Band also, die in der Nachfolge von Throbbing Gristle den Industrial- und Post-Industrial-Sound mitprägte, trägt nun etwa einen schauerlich-schrecklichen Hymnen-Remix vor (...) oder bricht das Weltkriegselend auf einen Telegrammwechsel von Kaiser Wilhelm und Zar Nikolaus herunter." Auch Blixa Bargeld als Marlene Dietrich (Bild: neubauten.org) gab es zu bewundern, erfahren wir.

Im Tagesspiegel ist Jörg Wunder beim Anschlagen der Weltkriegsjahre dankbar, dass die Neubauten nicht den Dreißigjährigen Krieg vertont haben, toll findet er aber, wenn die Band Songs der Harlem Hellfighters nachspielt: Vor allem "All of No Man"s Land is Ours" gefällt ihm gut, das "die bärbeißigen Neubauten so inbrünstig intonieren wie ein Shantychor, der gerade mit Betonschuhen im Hafenbecken versenkt wird." Unumwundene Begeisterung lediglich bei Markus Schneider von der Berliner Zeitung: "Die Neubauten [gestalten] sozusagen die innere Bewegung und Gestalt dieses Kriegs, aus feinsten Kontrasten, oft geisterhaft leise, mitunter zerklüftet quietschend, rummsend, dröhnend."

Weitere Artikel: The Quietus unterhält sich mit Popkritiker Peter Bebergal über dessen neues Buch "Season of the Witch - How the Occult saved Rock"n"Roll" und hängt daraus zudem einen Auszug an, in dem sich der Autor mit David Bowies Interesse an der Magie befasst. Jörg Augsburg (Freitag) ist genervt vom berufsmäßigen Gejammere der Musikindustrie. Peter Kümmel unterhält sich in der Zeit mit dem immer noch sehr zornigen 77-jährigen Jazzmusiker Archie Shepp. Nachrufe auf den Rapper Big Bank Hank schreiben Jens Balzer in der Berliner Zeitung und Julian Weber in der taz.

Besprochen werden eine Box mit Aufnahmen der Underground-Poplegende Die Zimmermänner (Freitag), das neue Album "Dark Nights" von Avishai Cohen"s Triveni (ZeitOnline) sowie Konzerte von SBTRKT (Tagesspiegel) und Zola Jesus (Tagesspiegel).
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Bühne

In der SZ porträtiert Eva-Elisabeth Fischer den israelischen Choreografen Hofesh Shechter, dessen Arbeiten sie von animalischer Intensität und enorm faszinierend findet: "So düster, so bedrohlich, so aufwühlend (...) inszeniert derzeit kein anderer Choreograf Macht und Unterdrückung des Menschen in völliger Ödnis. Und weil er auch Schlagzeuger ist, haut er drauf, wo"s wehtut, komponiert einen elektronischen Soundtrack dazu, basslastig, schmerzhaft, den ganzen Körper durchrüttelnd." Im Tagesspiegel gab"s im Juli auch ein Interview mit Shechter. Hier eine Kostprobe von 2006:



Weitere Artikel: Langsam nehmen die Countertenöre den Frauen in der Oper die Hosenrollen weg, prophezeit Manuel Brug, nachdem Franco Fagioli in London erstmals den Idamante gesungen, der eigentlich für einen Mezzo komponiert ist. Ebenfalls in der Welt hofft Stefan Keim, dass Wilfried Schulz als neuer Intendant in Düsseldorf ordentlich aufräumt und der Kulturpolitik Paroli bietet.

Besprochen werden Thomas Wallners Dokumentarfilm "Gardenia - Bevor der letzte Vorhang fällt" über queere Theaterdarsteller (taz), Michael Lippolds Inszenierung von Csaba Mikós "Die Vaterlosen" am Theater Regensburg (SZ) und eine Bremer "Anna Karenina" in der Operninszenierung von Armin Petras (SZ).
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Kunst

Besprochen werden die Ausstellung "Sideways" im Museum Berggruen in Berlin (Tagesspiegel), die Ausstellung "Gian Lorenzo Bernini. Erfinder des barocken Rom" im Museum der bildenden Künste in Leipzig (Zeit) und eine Ausstellung von Max Beckmanns Stillleben in der Hamburger Kunsthalle (SZ).

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Literatur

Die Ausstellung "Grass als Soldat" im Lübecker Grass-Haus über die Mitgliedschaft des Schriftstellers in der Waffen-SS ist wenig erhellend und auch kein Zeugnis einer Auseinandersetzung mit dem Skandal aus dem Jahr 2006, berichtet Till Briegleg in der SZ: "Sie folgt im Kern Grass" Argumentation, dass vor dem Hintergrund seines enormen, jahrzehntelangen Engagements für die gute politische Sache dieser Fehler doch verzeihlich sein müsse."

Hannes Stein wollte für die Welt in eine New Yorker Buchhandlung zum Autogrammtermin mit Stephen King, musste sich dann aber mit Richard Ford zufrieden geben. Für die vorletzte Ausgabe der Zeit hatte Ijoma Mangold die Schriftstellerin Petra Reski in Palermo besucht und sich dort mit ihr über ihren Mafia-Roman "Palermo Connection" unterhalten. In der FAZ schreibt Mark Siemons über die spezifisch chinesische Literaturgattung der Wanderarbeitergedichte.

Besprochen werden Patrick Modianos "Gräser der Nacht" (FR, mehr), James Joyce" "Finn"s Hotel" (FR), Rudolf Simeks Buch über die Geschichte der Wikingerschiffe (SZ), der dritte Band von Reiner Stachs Kafka-Biografie (FAZ, mehr) und Herta Müllers Gesprächsband "Mein Vaterland war ein Apfelkern" (SZ, mehr).
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Film


Donald Sutherland in "Die Tribute von Panem"

Früher drehte Donald Sutherland relevante, politische Filme wie "M.A.S.H.", "Der Tag der Heuschrecke" oder "Novecento" - heute gibt er sich für hirnlose Blockbuster-Franchises wie "Die Tribute von Panem" her - Unsinn, verwahrt sich Sutherland im Gespräch mit Katja Nicodemus in der Zeit vehement gegen diese Ansicht: Die "Panem"-Trilogie von Suzanne Collins ist für ihn nicht weniger als eine "Allegorie der amerikanischen Oligarchie" mit beträchtlichem subversivem Potenzial: "Collins" Bücher, die ich las, als die Occupy-Wall-Street-Bewegung gerade entstand, waren für mich nach Jahren ein Versuch, das empörende Sozialgefälle in den USA und die Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten in eine populäre Erzählung zu überführen. Vielleicht gibt es irgendwann doch noch den Aufstand gegen das Bündnis von Kapital, Gier und Politik."

Im Tagesspiegel staunt Christiane Peitz über die "Anspruchshaltung (...), die an die gute alte Subventionsmentalität erinnert", mit der Vertreter der Filmbranche bei einer Lobbyveranstaltung in Berlin für den Erhalt der Filmförderung eintraten, während sie wenig Initiative zeigten, die Herausforderungen der Zukunft eigenständig anzugehen. Warum Filmförderung sich am Ende auch finanziell lohnt, erklärt Hanns-Georg Rodek (Welt) mit einem Gutachten von Roland Berger unserem Finanzminister, der dem Deutschen Filmförderfonds mit seinen 60 Millionen Euro pro Jahr an den Kragen möchte.

Anstrengend, wenngleich unbedingt lohnend war ein Programm des Frankfurter Filmkollektivs zum Experimentalfilm, berichtet Fabian Tietke im Freitag: Der "Experimentalfilm [ist] essenziell für das Kino als Ganzes, das erst im Miteinander von Blockbustern mit avancierten und dokumentarischen Formen entsteht. Lagert man den Experimentalfilm in die Galerien des Kunstbetriebs aus, verliert das Kino einen Freiraum, mögliche neue Welten zu erkunden."

Weitere Artikel: Wim Wenders spricht im Interview mit der NZZ über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, den er gerade in seinem Film "Das Salz der Erde" porträtiert hat. Was hat sich eigentlich verbessert in Mexiko, seit Luis Buñuel vor 65 Jahren "Die Vergessenen" gedreht hat, fragt Inga Pylypchuk in der Welt mit Blick auf die 43 ermordeten Studenten. In der SZ empfiehlt Fritz Göttler eine Reihe im Münchner Werkstattkino mit Filmen von Ko Nakahira, die "hemmungslose Feste der Desillusionierung" darstellen (auf critic.de hatte zuvor bereits Michael Kienzl über Nakahira geschrieben). Auf der Medienseite der FAZ porträtiert Sabine Sasse den erfolgreichen dänischen Serienmacher Ingold Gabold. Und im critic.de-Podcast unterhalten sich Frédéric Jaeger, Ekkehard Knörer, Lukas Foerster und Nina Linkel über Xavier Dolans "Mommy", Julián Hernández" "Ich bin das Glück dieser Erde" (den Ekkehard Knörer in der taz bespricht) und Dominik Grafs von der Kritik zwar gelobten, vom Publikum aber gescholtenen Polizeiruf "Smoke on the Water".

Besprochen werden Dan Gilroys "Nightcrawler" (Perlentaucher, taz, Welt), Xavier Dolans "Mommy" (Freitag, taz, Welt), Ruben Östlunds "Höhere Gewalt" (Perlentaucher), die HBO-Sitcom "Silicon Valley" (ZeitOnline), Philippe Claudels "Bevor der Winter kommt" (Tagesspiegel, FAZ) und der Fußball-Dokumentarfilm "Die Mannschaft" (SZ).
Archiv: Film