Efeu - Die Kulturrundschau

Grausamkeit verpflichtet

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08.11.2014. In der Literarischen Welt findet Patti Smith alle Drogenerfahrungen, die sie braucht, in Haruki Murakamis Büchern. In der FR verrät der Filmregisseur M.A. Littler sein Arbeitskonzept: Drehen und Trinken. In Wired klagt der Songwriter Aloe Blacc über die amerikanischen Copyright-Gesetze, die ihm gerade mal 4.000 Dollar Einnahmen beschert haben. Physisch erfahrbare Härte erlebt die Jungle World mit der Noise-Musikerin Margaret Chardiet, die Nachtkritik mit Torsten Diehls Stück "Endgegner". Nicht hart genug fand die NZZ dagegen die große de-Sade-Ausstellung im Pariser Musée d'Orsay.

Literatur

Die Literarische Welt druckt die Lobrede von Clemens J. Setz zur Verleihung des Welt-Literaturpreises an Haruki Murakami sowie die Dankesrede des japanischen Autors. Und Patti Smith, selbst eine große Murakami-Verehrerin, erzählt in einem sehr schönen Interview von der geradezu psychedelischen Wirkung, die Murakamis Bücher auf sie haben: "Murakami zu lesen, ist fast, als würde man träumen, dieses Ineinander von Alltäglichem mit dem, was in alle erdenkliche Richtungen davonfliegt. "Mister Aufziehvogel" beginnt mit einem Mann, der sich Spaghetti kocht, und ein paar Augenblicke später ist man in einer völlig anderen Dimension. Sehr psychedelisch. Murakami wirkt fast wie MDA, diese kleinen Wesen, die da plötzlich sind und Hunde fressen, schrecklich. ... Ich habe nie an einer Ayahuasca-Zeremonie teilgenommen [bei der Amazonas-Indianer ein Getränk konsumieren, das Halluzinationen auslöst], aber da ist auch manchmal die Rede von tausenden kleinen Wesen, die durch die Blutbahn kriechen und Teil des Sonnensystems werden. Träume sind auch so. Sie wirken normal, aber etwas ist falsch, die Perspektive ist verschoben."

In der FAZ denkt Jochen Hieber, ausgehend von Hans Mayers Aufsatz "Stationen der deutschen Literatur" aus dem Jahr 1979, über die Bedeutung der DDR-Literatur für die Wiedervereinigung nach: "Es mag eine Einheitskraft wider Willen gewesen sein, die von der Literatur der DDR ausging - eine Einheitskraft war sie gleichwohl, weit über ihr Ende hinaus, nämlich bis in die unmittelbare Gegenwart und wohl noch in die absehbare Zukunft hinein. Denn seit die DDR real nicht mehr existiert, ist sie literarisch lebendiger denn je, vor allem in den Romanen, die seit der Wende über sie geschrieben werden - von Monika Maron, Thomas Brussig und Ingo Schulze bis Lutz Seiler."

Weitere Artikel: Im Standard schreibt Ronald Pohl ein schönes kleines Porträt des litauischen Dichters Tomas Venclova, der das österreichische Literaturfestival "Literatur im Herbst" eröffnete. "Ein wunderbares Geschenk" ist die sechsteilige, aufwändig produzierte Hörspieladaption von Michael Endes Fantasyklassiker "Die unendliche Geschichte", die der WDR ab jetzt im Wochentakt sendet, freut sich Oliver Jungen in der FAZ (der gestern urgesendete erste Teil steht hier online). Theo Stemmler erzählt in der FAZ vom Kampf um die "richtigen" Illustrationen zu Lewis Carrolls "Alice". Paul Ingendaay (FAZ) gratuliert dem Schriftsteller Kazuo Ishiguro zum 60. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Ken Folletts neuer Roman "Kinder der Freiheit" (Berliner Zeitung), Saskia Hennigs "Zurück zum Feuer" (ZeitOnline), David Vanns "Goat Mountain" (Zeit), Willi Winklers "Deutschland, eine Winterreise" (FR), Kerstin Preiwuß" "Restwärme" (taz), Mathias Bertrams "Das pure Leben" mit Fotografien aus der DDR (dem Annett Gröschner in der Welt eine kleine Hommage widmet), Henriette Schroeders "Ein Hauch von Lippenstift für die Würde" (FAZ) und Patrick Modianos neuer Roman "Gräser der Nacht" (taz, SZ).
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Film

Gestern begann im Filmmuseum in Frankfurt eine Werkschau mit den Filmen des Kinorebells M.A. Littler, mit dem sich in der FR Katja Thorwarth unterhält. In Sachen Kernigkeit wird Littler in Deutschland wohl lediglich von Klaus Lemke übertroffen. Seine Arbeitsweise ist für den sonst so aufgeräumten deutschen Film jedenfalls sehr ungewöhnlich: "Trinken ist Teil meines Arbeitens, ich trinke auch beim Drehen. .. Um die Kommunikation zum Laufen zu bringen, und insbesondere um unvorhergesehene Situationen zu provozieren, arbeite ich halt mit dem Rausch. Wir reden jetzt aber nicht von Party machen, sondern von 18 Stunden drehen und dabei trinken. ... Für den "Folk Singer" haben wir mit einem Mörder gedreht, auf die Idee wäre ich nüchtern erst gar nicht gekommen."

In der taz schreibt Uwe Mattheiss über den einstigen Hollywood-Star Hedy Lamarr, die "schönste Frau der Welt", der nun in ihrer Heimatstadt Wien ein Ehrengrab gewidmet wurde (mehr). Hier einige ihrer Auftritte:



Weitere Artikel: Das filmwissenschaftliche Online-Journal e-flux hat eine neue, Harun Farocki gewidmete Sonderausgabe veröffentlicht. Im Standard wünscht sich Dominik Kamalzadeh schärfere kuratorische Linien bei der Viennale. Und Thomas Heise erklärt im Interview, was Österreich mit der DDR verbindet.

Besprochen wird Woody Allens neuer Film "Plötzlich Gigolo" (Standard, Presse)
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Bühne


"Endgegner" © Torsten Diehl

Torsten Diehls
am Hamburger Monsun Theater uraufgeführtes Stück "Endgegner" ist ganz offensichtlich nichts für Zimperliche, wenn man Falk Schreibers Besprechung für Nachtkritik glauben darf. Zwar legt der Autor und Regisseur ein paar unnötige Spielereien in seine Inszenierung, doch besteht das Stück als "spannender Text, der vom hochtönenden, apokalyptischen Pathos mühelos in einen halb doofen, halb lustigen Kalauer springt (...). Vor allem aber zeigt "Endgegner" eine beinahe physisch erfahrbare Härte, die mehrfach über den bloßen Schockeffekt hinausgeht - die sexuell konnotierte Gewalt, die dieses Stück den Frauen antut, ist ein Schlag in die Magengrube, den sich ein Drama erstmal trauen muss."

Außerdem: In der taz wirft Andreas Schnell einen Blick auf den kommenden, um Fragen von Migration und Flucht kreisenden Themenschwerpunkt "In Transit" des Theaters Bremen.

Besprochen werden Wolfram Lotz" am Thalia in Hamburg aufgeführtes Stück "Die lächerliche Finsternis" (taz), Jan Philipp Glogers Inszenierung von Ödön von Horváths "Kasimir und Karoline" an der Schaubühne Berlin ("ein schick angezogener Abend, der dann aber nichts drunter hat", gähnt Esther Slevogt auf Nachtkritik.de, eine weitere Besprechung bringt der Tagesspiegel) und Karin Neuhäusers Ibsen-Inszenierung "Hedda Gabler" am Schauspiel Köln (Nachtkritik).
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Archiv: Bühne

Musik

Eine höchst deprimierende Rechnung macht der Songwriter Aloe Blacc in Wired auf. Sein Song "Wake Me Up!" war der meistgespielte Song auf dem Streaming-Network Pandora. In anderthalb Jahren wurde er 168 Millionen mal gespielt. Seine Einnahmen daraus belaufen sich auf gerade mal 4.000 Dollar. Blacc schließt sich der Kritik Taylor Swifts an, die ihre Musik von Spotify zurückgezogen hat, und prangert die amerikanischen Copyright-Gesetze an: "Du musst nur eine Handtasche aus einem Luxushaus oder das Logo eines Sportteams in deiner T-Shirt-Kollektion nachmachen, und schon hast du einen Prozess am Hals... Aber für Songwriter funktioniert die Welt nicht so. Wir sind gesetzlich gezwungen, jeder Firma, die nachfragt, unsere Songs zu geben, solange sie eine Provision zahlen, die oft genug nicht unter den Bedingungen eines freien Marktes festgesetzt wurde. Wir haben keine Wahl." Hm, wie schaffen es dann aber Taylor Swift, Beyoncé oder Adele so stinkreich zu werden? Einen ganz guten Überblick über die derzeit geführte Debatte gibt Corinne Heller auf E-online. (Bild: Chris Hakkens, 2011. CC BY-SA 2.0)

Für die Jungle World porträtiert Jan Tölva die Noise-Musikerin Margaret Chardiet, die unter ihrem Projektnamen Pharmakon weltwelt tausende Musik-Hipster und Krach-Connaisseure begeistert. Dass sich deren Musik zum Teil nach dem Erbrechen von Galle anhört, ist für Tölva dabei noch nicht einmal der Gipfel des Extremen: "Die wahre Brutalität der Musik (...) liegt in ihren Inhalten, darin, wie menschliche Urängste thematisiert und wie die Person Margaret Chardiet in fast schamloser Weise offengelegt werden. "Sicher ist meine Musik extrem und radikal", sagt Chardiet. ... "Meine Musik ist radikal, weil ich versuche, Menschen in offener und ehrlicher Weise mit Dingen zu konfrontieren, über die sie eigentlich nicht nachdenken wollen."" Ihr aktuelles Album "Bestial Burden" firmiert bei Pitchfork unter "Best New Music". Hier ein Livevideo:



Weitere Artikel: DDR-Schlagerstar Frank Schöbel ist auch noch heute noch im Osten "fester Teil der kollektiven Erinnerung" und im Westen völlig unbekannt, schreibt Gabriela M. Keller in ihrem Porträt des Sängers für die taz. Im Tagesspiegel porträtiert Frederik Hanssen Duncan Ward, der kürzlich als erster Dirigent in die Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker aufgenomme wurde. Für die SZ trifft sich Alex Rühle mit der Sängerin Zaz in Paris.

Besprochen werden Clarks neues Album (Pitchfork), das neue Pink-Floyd-Album "The Endless River", das voller "Zitate und Anspielungen auf sämtliche Schaffensphasen der Band" steckt, meint Christian Schröder im Tagesspiegel, der internationale Dancefloor-Sampler "Ten Cities" (ZeitOnline), eine Aufführung von Beethovens Neunter durch die Berliner Philharmonie (Tagesspiegel) und ein Konzert der Pianistin Mitsuko Uchida (Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Kunst

Etwas enttäuscht kommt Martin Mayer (NZZ) aus der großen de-Sade-Ausstellung im Pariser Musée d"Orsay. All die Maler, die sich de Sadeschen Obsessionen näherten, von Picasso über Vallotton und Monsiau bis zu Cezanne und Rodin konnten dem Meister des Bösen nicht das Wasser reichen: "Dass die Natur böse ist und mit ihr und gegen sie also auch der Mensch; dass Gewalt und Hinterhältigkeit viel mehr als Friede und Humanität den Planeten regieren; dass der Libertin als Übermensch seiner Freiheiten zur Grausamkeit verpflichtet ist; dass schließlich Lust und Erlösung allein im Exzess der Herren gegenüber den Sklaven zu finden sind - dies alles gehört zu den Leitmotiven von Sades sinfonischen Dichtungen, deren Akkorde fast durchgängig auf die Dissonanzen zustürzen." (Bild: Man Ray, "Hommage à DAF de Sade", 1929)

Außerdem: Der Tagesspiegel bringt einen Auszug aus dem Vorwort zu Thomas Klapschs Bildband "Berlin Berlin", der den Wandel der Stadt seit 1989 dokumentiert.

Besprochen werden eine Ausstellung japanischer Ukiyoe-Drucke im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt (FR), die Ausstellung "German Pop" Frankfurter Schirn (Standard) und die große Sherlock-Holmes-Ausstellung im Museum of London (SZ).
Archiv: Kunst