Efeu - Die Kulturrundschau

Deutscher Friedenspreis für Branchenharmonie

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.11.2014. Frank Castorf inszeniert mit Curzio Malapartes "Kaputt" ein Meer von Langeweile, klagt die Kritik. In der NZZ schreibt László F. Földényi eine Hommage auf Imre Kertész. Das Culturmag stellt den amerikanischen Autor Charles Bowden vor. Netzpolitik untersucht, wieviel die Major Label von den Honoraren der Streaming-Dienste kassieren. Die SZ beklagt die Intransparenz bei der Vergabe des Faust-Theaterpreises.

Bühne


"Kaputt", Foto: Thomas Aurin

Alles andere als begeistert reagiert die Kritik auf Frank Castorfs neue Inszenierung an der Berliner Volksbühne, eine Adaption von Curzio Malapartes 1944 erschienenem Roman "Kaputt". Ob es an der Spielzeit lag? Mit über sechs Stunden fordert Castorf diesmal enorm viel Lebenszeit und Sitzfleisch ein. Peter von Becker (Tagesspiegel) fühlt sich jedenfalls ziemlich durchgeprügelt: Dem Regisseur wirft er "zu viel Süße und Sülze" vor und nicht zuletzt, ein "Meer von Langeweile" verantwortet zu haben.

Außerdem: Dirk Pilz (FR) stößt sich an der diesmal ziemlich offen liegenden Didaktik, mit der Castorf seinem Publikum von der Verkommenheit des Menschen erzählt: "Innen glüht leer laufendes Virtuosentum, außen herrscht Finsternis. So krachend dualistisch ging es bei Castorf lange nicht zu. ... Auf dieser Basis lässt sich hervorragend schulmeistern. "Kaputt" in der Volksbühne: Frontalunterricht in Menschen- und Geschichtskunde. Außer Nicken, Einschlafen oder Davonlaufen sieht der Volksbelehrungsabend keine Zuschauerreaktion vor." Mounia Meiborg (SZ) berichtet von einem Theaterabend, in dem es für ihren Geschmack von allem schlicht viel zu viel gibt: "Die Materialschlacht des Krieges wird in eine fieberhafte Materialschlacht der Theatermittel übersetzt." Auch Irene Bazinger winkt in der FAZ bloß ab: Castorf habe sich "gehörig verhoben", lautet ihr Fazit.

Mit dem Collage-Abend "Die Schönheit von Ost-Berlin" ehrt das Deutsche Theater in Berlin den DDR-Theaterautor Ronald M. Schernikau. Der Abend hätte ihm gut gefallen, meint Christine Wahl im Tagesspiegel, auch wenn sie doch zuweilen skeptisch war: "Weil Regisseur Kraft dabei ästhetisch fast alles auffährt, was im Theater momentan en vogue ist, beschleichen einen Bedenken, Schernikau könnte unter dieser Formfülle ein bisschen wegrutschen: Unter diesem typisch semi-ironischen Gestus; unter dem Anekdotischen." In der SZ beschreibt Jens Bisky den Abend als "kleines Paradies des Aus-der-Zeit-Fallens". (Wiebke Mollenhauer (Ronald M. Schernikau) in "Die Schönheit von Ost-Berlin", Kammerspiele des DT. Foto: Arno Declair)

Sehr angefressen kommt Till Briegleb (SZ) von der in Hamburg abgehaltenen Verleihung des Deutschen Theaterpreises "Der Faust" nach Hause: Die ganze Veranstaltung ist geradezu lächerlich intransparent, meint er. "Warum unterscheiden sich die Dreier-Auswahlen pro Kategorie, die irgendwie durch Vorschläge der deutschen Theater, durch Geheimratjurys beim Bühnenverein und Mitgliederabstimmung zustande kommen sollen, so krass von allen anderen transparenten Hitparaden? Und warum riechen die Nominierungen auch dieses Jahr wieder so intensiv nach Proporz, dass der selbstgegebene Titel "Deutscher Theaterpreis" dringend umbenannt gehört in "Deutscher Friedenspreis für Branchenharmonie"?"

Weiteres: In der taz berichtet Barbara Behrendt von der Eröffnung der Berliner Buchhandlung Einar & Bert, die sich ganz auf Theaterliteratur spezialisiert.

Besprochen werden drei Pariser Inszenierungen: Yasmina Rezas neues Stück "Ihre Version des Spiels" am Théâtre du Rond-Point, Julien Gosselins Inszenierung der "Elementarteilchen" am Odéon-Théâtre und Michael Thalheimers Inszenierung von Heiner Müllers "Auftrag" am Théâtre National La Colline (NZZ), Lehárs "Lustige Witwe" im Luzerner Theater (NZZ) und Karin Neuhäusers Inszenierung von "Hedda Gabler" am Schauspiel Köln (FAZ).
Archiv: Bühne

Architektur

Oben reich, unten arm und der Rest ist Funktionsfläche - so planen Investoren, wenn die Kommunalpolitik sie gewähren lässt, lernt Christian Thomas (FR) in der Ausstellung "Himmelstürmend", die sich im Deutsche Architekturmuseum mit den Hochhäusern Frankfurts beschäftigt. Und darum ist "Frankfurts Hochhausbau ein Tummelfeld kapitaler Hybris ... Nicht zuletzt illustriert die Ausstellung den zukünftigen Wohnturmtummelplatz Frankfurt. Auch er wird, von vornherein als exklusive Zitadellen geplant, den Unterschied zwischen vertikaler und horizontaler Lebenswelt zuspitzen, die Entzweiung von hoch und niedrig auf rigorose Weise sinnfällig machen." (Bild: Klaus Meier-Ude, Blick vom Dom auf das Bankenviertel, 1996. © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main)

Außerdem: Jürgen Tietz blickt in der NZZ auf 25 Jahre Hauptstadtarchitektur in Berlin und findet wenig Erbauliches.
Archiv: Architektur

Film

Bei Jezebel empfiehlt Isha Aran neun Martial-Arts-Filme mit weiblichen Helden: "Women like Michelle Yeoh, JeeJa Yanin, and Zhang Ziyi have made a huge impression in recent years, but back in the "golden era" of martial arts movies during the 1960s, "70s, and "80s, actresses and martial arts experts like Angela Mao, Judy Lee, and Leanne Liu were dealing exaggerated blows (accompanied by equally exaggerated sound effects) with the best of them, creating some of the genre"s most iconic films. I looked back at nine Chinese wuxia and kung fu classics featuring some of the best women martial artists in the game."

Weitere Artikel: Bei Cargo schreibt Nikolaus Perneczky den Abschlussbericht zur Viennale. Michael Kienzl resümiert bei critic.de die Viennale-Reihe "Revolutions in 16mm". Urs Bühler besucht für die NZZ die Chaplin Association in Paris. Tilman Baumgärtel berichtet in der taz von der Berliner Gedenkveranstaltung zu Ehren von Harun Farocki. Anke Westphal verfolgt in der Berliner Zeitung die Geschichte der Mauer im Film. Für den Tagesspiegel berichtet Nadine Lange vom Festival des osteuropäischen Films in Cottbus, wo sich auffallend viele Filme mit queeren Stoffen befassten. Besprochen wird Noaz Deshes "White Shadow" (taz).
Anzeige
Archiv: Film

Literatur

Gestern wurde der große ungarische Autor Imre Kertész 85 Jahre alt. In der NZZ widmet ihm László F. Földényi eine Hommage: "Es ist wegen seines Röntgenblicks, dass ich Kertész für einen klassischen europäischen Intellektuellen halte. Ja, der Blick. In einem Eintrag im "Galeerentagebuch" schreibt er: "Wir alle leben unter Augen (. . .), die uns registrieren. Wird einer nicht registriert, fühlt er sich verlassen - wer auch immer, was auch immer es sein mag, der registriert, der Pförtner des Himmelreichs oder eine Gefängnisbehörde, ganz egal; die völlige Finsternis der Verlassenheit aber beginnt bei dem Gefühl, dass dieser Blick, dass diese Registrierung fehlt." Wem dieser Blick gehört, weiß ich nicht. Sein Blick jedenfalls ist noch auf uns gerichtet."

In der FAZ gesteht Wolfgang Hegewald, sich doch sehr über die allgemeine Rezeption von Lutz Seilers preisgekröntem Roman "Kruso" zu wundern. Die Einschätzung, der Roman beschreibe eine Sphäre aufkeimender Freiheit am äußersten Rande der DDR, mag er nicht teilen: "Auf dem Eiland wiederholt sich das ganze Elend des kleinen verrotteten Landes als Farce und Satyrspiel. In der Tyrannei der Aussteiger spiegelt sich die Lebenswelt der DDR en miniature. Das "Moratorium des Alltags" (Odo Marquardt), das die eingeschworene Inselgemeinschaft zu praktizieren vorgibt, ist mit ebendiesem Alltag derart kontaminiert und von ihm korrumpiert, dass es sich selbst suspendiert."

Im CulturMag schreibt Alf Mayer einen so ausführlichen wie emphatischen Nachruf auf den bereits im August verstorbenen, hierzulande "skandalöserweise unübersetzten" amerikanischen Autor Charles Bowden. Und in der Tat ist uns da bislang wohl was entgangen: "Er war Wegbereiter einer realitätstüchtigen Kriminalliteratur bestimmter Sorte ... Genregrenzen interessierten ihn nicht. Er war ein knallharter Reporter aus der muckracking-Tradition, er war politisch scharfsichtig und links, er war ein manchmal delirierender Wüstenpoet, ein poète maudit, ein später Vertreter der beat generation, ein großer Outdoor-Schriftsteller und Natur-Essayist."

Weitere Artikel: Lesen kann man in der NZZ die gekürzte Fassung der ersten Poetikvorlesung Georg Kleins in Zürich und Thomas Hürlimanns Eröffnungsrede zur Buch Basel. Cornelia Geißler (Berliner Zeitung) sucht in der deutschen Literatur der letzten 25 Jahre nach Spuren der DDR. Für den Freitag unterhält sich Lisa Leinen mit den in der DDR, bzw. in der BRD aufgewachsenen Autoren David Wagner und Jochen Schmidt, die über ihre Kindheitserfahrungen mit und Perspektiven auf den jeweiligen anderen deutschen Stadt ein gemeinsames Buch verfasst haben. Für die taz hat Elise Graton ein Gespräch mit der Comicautorin Barbara Yelin geführt. Die Berliner Zeitung bringt Herta Müllers Collagen aus Zeitungsbuchstaben. Lukas Bärfuss erhält für seinen Roman "Koala" den Schweizer Buchpreis, meldet die NZZ.

Besprochen werden Patrick Modianos neuer Roman "Gräser der Nacht" (SZ), Charles Lewinskys "Kastelau" (FR), eine Hörspieladaption von Alfred Döblins "November 1918" (FAZ), Max Goldts neues Hörbuch "Schade um die schöne Verschwendung" (FAZ) und Thomas Wolfes "Von Zeit und Fluss" (SZ).
Archiv: Literatur

Musik

Leonhard Dobusch liefert in netzpolitik.org einen sehr interessanten Hintergrund zur aktuellen Diskussion um Streaming-Dienste. Die Sängerin Taylor Swift hat den Dienst verlassen, weil sie mit "dem Denken, dass Musik keinen Wert habe und kostenlos sein sollte, nicht einverstanden" ist, ein Eindruck, dem Dobusch nachdrücklich widerspricht, weil manche Künstler inzwischen mit Spotify besser verdienten als mit Itunes. Zum Vorwurf der Kostenloskultur bietet Dobusch eine interessante Hintergrundinformation. Anders als bei internetradios, gibt es bei Streamingdiensten keinen Weg über die Gema. Sie müssen direkt "von den Labels und Musikverlagen Bewilligungen einholen. Das ist auch der Grund, warum die Major Labels Anteilseigner bei Spotify geworden sind: sie konnten das zur Bedingung für Erteilung von Lizenzen machen. (Ein Nebeneffekt davon ist, dass es ihnen leichter fällt Erlöse zu Lasten der Kunstschaffenden umzuverteilen: (Kurs-)Gewinne von Spotify müssen im Unterschied zu Lizenzzahlungen nicht mit den eigentlichen UrheberInnen geteilt werden)."

Weitere Artikel: In der SZ verabschiedet sich ein sehr trauriger Reinhard J. Brembeck vom Hilliard Ensemble, das seine Auflösung bekannt gegeben hat. In der FAZ plaudert Jan Wiele mit Friedrich Liechtenstein über dessen neues Album "Bad Gastein".

Besprochen werden das neue letzte Album "Endless River" von Pink Floyd (SZ), ein Konzert des Ensembles Modern in der Alten Oper Frankfurt (FR), ein Konzert von Lenny Kravitz (FR) und eine Mozart-Aufnahme von Siegfried Mauser (SZ).
Archiv: Musik

Kunst

Auch wenn einiger der in der Frankfurter Ausstellung "German Pop" versammelten Exponate zwar durchaus sehenswert sind, bleibt Georg Imdahl in der SZ insgesamt doch eher skeptisch: Die Schirn "kriegt einfach nicht genug überzeugende Bilder zusammen, um die Behauptung einer relevanten deutschen Pop-Art zu unterfüttern. Weshalb auch ihre Gliederung bieder bleibt. ... Indem die Schau den Pop aus Deutschland in Regionen aufteilt, provinzialisiert sie ihn ungewollt, aber gnadenlos."

Besprochen werden die große Degas-Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe (FR), die Ausstellung "Die große Illusion" im Frankfurter Museum Liebieghaus und die Duchamp-Ausstellung im Centre Pompidou ("exzellent", meint Helmut Mayer in der FAZ).
Archiv: Kunst