Efeu - Die Kulturrundschau

Ich bin eine berühmte Frühe

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31.10.2014. Im Standard erklärt Burgschauspielerin Elisabeth Orth, wie sie sich auf eine Rolle vorbereitet. Die taz fühlt sich mit Mouse on Mars wieder wie 21. Zeit online nimmt ein kosmisches Blutbad in Till Kleinerts Film "Der Samurai". Berlin liegt im Mittleren Westen, lernt die SZ aus den Fotos von Will McBride. Der Guardian fragt sich, warum das Fernsehen im Film immer so schlecht weg kommt.

Bühne


Die "Herrinnen" Sabine Fürst, Anke Schubert, Ragna Pitoll und Katharina Hauter. © Hans Jörg Michel

In Theresia Walsers am Nationaltheater Mannheim uraufgeführtem Stück "Herrinnen" purzeln die Geschlechterrollen munter durcheinander. Esther Boldt von der Nachtkritik hat sich dabei immerhin gut unterhalten: "Kosminskis zurückhaltende Regie konzentriert sich ganz auf die Schauspielerinnen und ihre Wort-Pirouetten. Er setzt die Komödie aufs Gleis und lässt sie dort abschnurren. Theresia Walser gelingt unterdessen mit dem Theater im Theater ein geschickter Kniff: Sie greift aktuelle Diskurse um Frauenquoten und Familienplanung auf, um die Integration Behinderter und den Umgang mit Trans- und Crossgender, reflektiert diese Diskursmoden und ihren häufig so atem- wie gedankenlosen Widerhall im Theater jedoch kritisch - und sogar mit einer Prise Selbstironie."

Weniger positiv waren die Besprechungen in FAZ und SZ: Christine Dössel von der SZ erkennt, wenn auch wenig überzeugt, dass Walser sich hier viel Frust über die Theaterbranche von der Seele geschrieben hat, "womit das Stück zwar immer schön auf der Höhe des Zeitgeists witzelt, über eine ermüdende Theaterselbstbespiegelung letztlich aber nicht weit hinauskommt." Das ganze ist bloß "ein unterhaltsamer Kantinenwitz", meint Martin Halter in der FAZ.

Im Standard spricht die Burg-Schauspielerin Elisabeth Orth im Interview übers Textlernen, gute Regisseure und Lampenfieber: "Der Tag beginnt mit dem Damoklesschwert der abendlichen Vorführung, schon in der Früh heißt es: keine Gemütlichkeiten! Viele Kollegen kommen erst in der letzten Sekunde. Ich bin eine berühmte Frühe, mit zunehmendem Alter immer früher. Ich gehe auch immer noch einmal den Text durch."

Weitere Artikel: In der Welt hält Joachim Lottmann natürlich nichts von Tim Renners Vorschlag, alle Berliner Theaterpremieren künftig live zu streamen. Eine Meldung in der NZZ informiert uns, dass die Theater auch ganz ohne Internet "generell an langsamem, aber stetigem Publikumsschwund leiden". In der Berliner Zeitung freut sich Dirk Pilz darüber, dass in Berlin die erste Theaterbuchhandlung Deutschlands eröffnet.
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Musik

Viel Freude hat Stephanie Grimm (taz) beim Durchhören des neuen Albums "21 Again", mit dem sich die Elektro-Meister Mouse on Mars selbst zum 21-jährigen Bestehen beschenken: Die beiden Musiker hinter dem Projekt "bedienen sich bei Techno, Funk, Noise, Dub, Ambient und Jazz, zerhackstücken Sounds und setzen sie neu zusammen. Erstaunlicherweise ist aus diesem kleinteiligen Eklektizismus mitunter richtiger Pop entstanden. Oft führte die experimentierfreudigen, leicht streberhaften Nerds in Klangwelten, die fordernd vor sich hin dengelten, dank eines wohldosierten Quäntchens Albernheit aber doch Spaß machen."

Weitere Artikel: In der Welt wirft Josef Engels einen Blick zurück auf 50 Jahre Berliner Jazzfest. In der Presse berichtet Walter Weidringer vom Auftakt des Musikfestivals Wien Modern. Im Freitag unterhält sich Stefan Heintz mit Bert Noglik, dem Leiter des Jazzfests Berlin. Nach der verpatzten Apple-Promo-Aktion von U2 gesteht Sänger Bono im Zeit-Gespräch mit Christoph Dallach zwar, einen Fehler gemacht zu haben - doch nicht den, dass sie ungefragt Millionen mit ihrem Album "beglückt" haben, sondern dass sie diese Aktion zu schlecht kommuniziert hätten. Tim Neshitov erinnert in der SZ an den kurdisch-türkischen Sänger Ahmet Kaya.

Besprochen werden Bob Dylans "Basement Tapes" (NZZ), die dokumentarische HBO-Fernsehserie "Sonic Highways" mit den Foo Fighters (Presse), das Album "Soused" von Scott Walker und Sunn o)) ("erstaunlich eingängig, beinahe schon melodisch", wundert sich Jesper Petzke im umfangreichen Hintergrundartikel in der Jungle World), ein Auftritt der Kiewer Band Dakha Brakha (taz), Dan Bodans "Soft" (taz), Taylor Swifts neues Album "1989" (Tagesspiegel), Pink Floyds Album "The Endless River" (SZ) und Beethoven-Aufnahmen von Leif Ove Andsnes (SZ).
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Kunst

Staunend geht Willi Winkler für die SZ durch die Ausstellung der West-Berlin-Fotografien von Will McBride, mit dem das C/O Berlin seine Wiedereröffnung an neuem Ort im Amerika Haus begeht: "Die von ihm bewunderte und gefeierte Jugend [ist] plötzlich frei von Ruinen und von Deutschland, dann ist Berlin eine Stadt irgendwo im Mittleren Westen der USA." (Foto: Probehören neuer Schallplatten in einem Radiogeschäft am Kurfürstendamm, 1959 | © Will McBride) Mehr Bilder in der Zeit.

Weiteres: In Weimar diskutierten Alfred Brendel und Péter Esterházy über das Groteske in den Künsten, berichtet Hubert Spiegel in der FAZ.

Besprochen werden eine Ausstellung der Soldatenbilder Adolph Menzels in der Alten Nationalgalerie Berlin (Presse), die Ausstellung "Reines Wasser" im Lentos in Linz (Standard), die Ausstellung "Tempus Ritualis" in der Galerie Körnerpark in Berlin (Tagesspiegel) und Wim Wenders" Dokumentarfilm "Das Salz der Erde" über den Fotografen Sebastião Salgado (FR).
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Literatur

In einem großen Essay in der SZ warnt der russische Schriftsteller Wladimir Sorokin vor dem Profischriftstellertum und wünscht sich von seinen Kollegen: "Euer literarisches Blut soll in alle Richtungen spritzen." Ebenfalls für die SZ erinnert sich der gerade mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Schriftsteller Lutz Seiler an seine ersten Begegnung mit den Gedichten von Georg Trakl: Diese "war als Ereignis so groß und umfassend, dass ich es zunächst kaum verstehen konnte". Der schwedischsprachige Finnen Kjell Westö erhielt gestern in Stockholm den Literaturpreis des Nordischen Rates, meldet die NZZ.

Besprochen werden Petra Reskis "Palermo Connection - Serena Vitale ermittelt" (taz), Bill Gonzos wiederentdeckte Gonzo-Reportage "Rummel im Dschungel" (Tagesspiegel, mehr), James Salters "Jäger" (FR), Peter Lichts "Lob der Realität" (SZ) und Samuel Becketts gesammelte Briefe aus den Jahren 1941 bis 1956 (FAZ).
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Film


Pit Bukowski in Till Kleinerts "Der Samurai"

Auch in Deutschland ist also drastisches Genrekino möglich, freut sich Oliver Kaever auf ZeitOnline über Till Kleinerts "Der Samurai": Ein "Filmstoff irgendwo zwischen Twin Peaks, Horror-Trash und Kunstkino, wie man ihn hierzulande lange nicht mehr gesehen hat. Im letzten Drittel hebt der Film völlig ab, wird halluzinogener Veitstanz, schillernde Ekstase und kosmisches Blutbad. ... [E]in synapsensprengender Irrsinn." Hier unsere Berlinale-Kritik.

In der taz empfiehlt Lukas Foerster eine Reihe im Berliner Kino Arsenal mit den stark von Landschaftsaufnahmen geprägten Filmen von António Reis und Margarida Cordeiro: "Reis und Cordeiro bedienen sich dabei zwar des Modus der Fiktion, ihre Filme fügen sich jedoch nicht in die geschlossene Form des Spielfilms, führen einen nicht zügig von A nach B, sondern versetzen einen in tranceartig entschleunigte Möglichkeitsräume."

Weitere Artikel: Warum kommt das Fernsehen im Film immer so schlecht weg, fragt sich Steve Rose im Guardian anlässlich von "Nightcrawler", einem Film mit Jake Gyllenhaal über einen sensationsgierigen freiberuflichen Fernsehkameramann. In der Berliner Zeitung beklagt sich Christian Bräuer von der AG Kino-Gilde deutscher Filmkunsttheater, dass die deutsche Filmförderung zu produktions- statt qualitätsorientiert ist, "so als würde vor allem gefördert, um Filme in der Hoffnung auf wirtschaftliche Standorteffekte um ihrer selbst willen entstehen zu lassen". Agnes Varda erhält den Europäischen Filmpreis für ihr Lebenswerk, meldet die Presse. Anlässlich der anstehenden Kongresswahle in den USA hat sich Susan Vahabzadeh (SZ) nochmals Frank Capras Hollywood-Klassiker "Mr. Smith geht nach Washington" aus dem Jahr 1939 angesehen.

Besprochen werden Matthew Warchus" Film "Pride" (Tagesspiegel, SZ) und "Zwei Tage, eine Nacht" der Brüder Dardenne (Presse).
Archiv: Film