Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Als Hohlform doch präsent

20.09.2023. In Russland ist zeitgenössische Kunst zum Hobby von Töchtern systemtreuer Familien geworden, erzählt der Kunsthistoriker Konstantin Akinsha in der NZZ. Augenkrebs, aber als Ultrakunst: Die FAZ feiert eine Ignacio-Zuloaga-Ausstellung in der Kunsthalle München. In der taz begeistert sich die Altistin Julie Comparini für die Musik und den schwelgenden Masochismus der Barockkomponistin Isabella Leonarda. Die Welt ist immer noch geschockt von der stalinistischen Anmutung eines Podiums über den Band "Oh Boy" beim Literaturfestival in Berlin.

Von fremder Hand geführte Geister

19.09.2023. Beim Filmfestival in Toronto hat Cord Jeffersons Verfilmung von Percival Everetts Roman "American Fiction" den Hauptpreis gewonnen: Der Roman ist zwanzig Jahre alt, aber hochaktuell, freut sich die FAZ. Der nmz bleibt die Luft weg bei John Adams Oper "Doctor Atomic" in Bremen, wo Wissenschaftler in Zeitlupe zu Ungeheuern werden. Niemals wurde etwas Subversiveres über Stalin geschrieben als Ossip Mandelstams "Ode an Stalin", meint Slavoj Zizek in der Berliner Zeitung. Die Gründungskommission für das Deutsche Fotoinstitut steht fest, melden die Feuilletons.

Todessatte Klänge

18.09.2023. Die SZ hört in einem Berliner Flugzeughangar mit Hans Werner Henzes Oratorium "Das Floß der Medusa", wie eine Revolution entsteht. Die Welt unterhält sich mit der Autorin Natalja Kljutscharjowa über ihre Flucht aus Russland. Die FAZ hört Geister von Staaten streiten in Marina Davydovas theatraler Freiburger Installation "Museum of Uncounted Voices". Die Berliner Zeitung gerät beim Atonal Festival in der Ausstellung "Universal Metabolism" in Trance

Vom Kleinsten ins Kosmische

16.09.2023. Die SZ stellt die iranische Künstlerin Sadaf Ahmadi vor, deren "Tschadors" in Schweden nicht gezeigt werden sollten. Die Welt fragt sich angesichts des Neuen Deutschen Theaters in Essen, ob es vielleicht vorbei ist mit dem Identitätstheater. Zeit Online versteht das Urknallprinzip mit den Songs von Mitzki. Der Filmdienst porträtiert die Filmkomponistin Hildur Guđnadóttir und ihre Kunst, musikalische Abgründe zu vertonen. In der FAZ erklärt Najem Wali, warum er die "Westfälischen Friedensgespräche" ins Leben gerufen hat.

Je nach Position und Lichteinfall

15.09.2023. Mit "Gittersee" ist eine DDR-Geschichte auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet, die die westdeutsche Autorin Charlotte Gneuß verfasst hat. Die FAZ fragt: Darf sie das? Heute abend wird Anna Netrebko in der Berliner Staatsoper die Lady Macbeth singen. Auch hier fragen Musikkritiker und andere: Darf sie das? Die NZZ lernt in Bern mit dem Künstler Markus Raetz einen Magier des Uneindeutigen kennen. Wohltuend zurückhaltend, aber laut SZ und FAZ auch ziemlich unpolitisch scheint Sabine Michels Filmdoku "Frauen in Landschaften" über vier ostdeutsche Politikerinnen zu sein.

Stolze Erektionen

14.09.2023. Edvard Munch schlug 1892 in Berlin ein wie eine Bombe - warum, lernen SZ und Tagesspiegel in einer großen Berliner Munch-Ausstellung. Die hingerissene Welt hört das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth mit Händels "Flavio" swingen, singen und lachen. In der FR kritisiert Autor Michael Kleeberg die neue Lust an der Denunziation. Die taz fragt anlässlich einer Frankfurter Ausstellung: Kann 'Detroit'-Techno nicht auch in Detmold, Ditzingen, Dortmund entstehen?

Das Blau von Ansas Mantel

13.09.2023. Eine Welt ohne falsche Sehnsuchtsfarben: Die Filmkritik freut sich über den neuen Kaurismäki. Kunst und Politik? Das geht, meint die FAZ nach der Brüsseler Uraufführung von  Bernard Foccroulles' Klimaoper "Cassandra". Die Fauvisten feierten lieber das lebbare Leben - auch das ein Akt des Widerstands, denkt sich die Welt in einer Basler Ausstellung. Ai Weiwei erinnert im Tagesspiegel daran, dass man Geld für Kunst auch an die Armen verteilen könnte. Die Art Week Berlin beginnt mit Poledance und Bodybuilding. Die FAZ mag keine baukulturellen Verschwörungstheorien.

Statthalter des Geheimnisvollen

12.09.2023. Kann man einen früheren, zum Kriegsdienst gezwungenen, ugandischen Kindersoldaten wirklich in Den Haag verurteilen, fragt sich der Filmdienst nach der Doku "Theatre of Violence." Die Literaturkritiker hörten gerne zu, wie Salman Rushdie in Berlin via Schalte über seinen Roman "Victory City" sprach. Die taz trauert in Rom mit dem Schmelz von Bruno Martino um den Sommer. Die FAZ taucht mit Claude Débussys "Palléas et Mélisande" in Budapest ab in einen schummerigen Zauberwald des Unbewussten.

Ein Orkan aus Frischluft

11.09.2023. Die Filmkritiker feiern Yorgos Lanthimos' weibliche Frankensteiniade "Poor Things", die bei den Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen erhalten hat: Der Film pustet die Synapsen frei, schwärmt die FAZ, der Filmdienst sieht darin die Welt wie zum ersten Mal. Die FAZ amüsiert sich mit der Adaption von Benjamin von Stuckrad-Barres Roman "Noch wach?" am Thalia-Theater über einen Medienchef als Dracula - taz und SZ vermissen die Frauenstimmen in diesem MeToo-Stück. Die NZZ staunt über die Souveränität von Valdimir Jurowski, der Klimaklebern bei seinem Konzert das Wort erteilt hat.

Die Menschheit, nein, das Universum

09.09.2023. Die Filmfestspiele Venedig gehen zu Ende: Zwei Grenzdramen konkurrieren wohl um den Goldenen Löwen, schreiben die Kritiker. Uneinig sind sie sich, ob Matteo Garrones "Il Capitano" der rechten Regierung Italiens gefallen wird. Wir wollen lieber Bücher schreiben, statt immer nur Anträge auf Stipendien, rufen junge Schriftsteller in der FAZ. Die Nachtkritik hofft mit Philipp Quesnes "Der Garten der Lüste" auf die Erlösung der Menschheit. Berliner Zeitung und taz bewundern, wie Nadia Kaabi-Linke die "Haken der Geschichte" visualisiert.