9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Neubauvermeidung

06.01.2021. Statt ein Islamkolleg zu gründen, sollte der Staat den bekenntnisorientierten Religionsunterricht lieber ganz abschaffen, fordert Wolfgang Hummes in hpd.de. Im Standard insistiert die Philosophin Eva von Redecker, dass Individualismus doch keine ganz schlechte Idee ist. Seit Neujahr sind Max Beckmann, George Orwell und Kurt Weill gemeinfrei, wenn auch letzterer nicht ganz, notiert Netzpolitik. In der taz freut sich Charlotte Wiedemann über die neue "jüdische Diversität", die dem Zentralrat der Juden alle Autorität in Antisemitismusfragen nimmt.

Wenig Substanz für eine positive Erzählung

05.01.2021. Julian Assange wird vorerst nicht ausgeliefert, entschied eine Londoner Richterin. Die Medien sind dennoch nicht zufrieden mit ihrem Urteil. In der NZZ empfiehlt der Japanologe Raji Steineck unter Rekurs auf Ernst Cassirer einen Pluralismus der symbolischen Formen statt Kulturrelativismus. Warum ist so wenig Erinnerung an die Hohenzollern übrig, fragt der Historiker Martin Kohlrausch in der FAZ: Liegt's an ihrem Abgang? 

Zivilgesellschaft ist eine Dauerbaustelle

04.01.2021. Die FR setzt ihre Serie über die Gründung des Deutschen Reichs vor 150 Jahren fort. Der Historiker Christoph Nonn lernt durch den Blick aufs Kaiserreich: "Der Glaube, dass die Moderne unausweichlich zur Demokratie führt, war offensichtlich naiv." Wenn es den Chefs der Kulturinstitutionen in ihrem "Weltoffen"-Aufruf nur um die Zulassung israelkritischer Positionen ging, warum stellen sie geschichtstheoretische Thesen auf, fragt Alan Posener in starke-meinungen.de. In der taz spricht die Ärztin Cornelia Strunz und Autorin eines Buchs über Genitalverstümmelung über das Ausmaß der Barbarei und die Opfer.

Das Gesetz eiskalter Nützlichkeit

02.01.2021. In der taz fragt Silke Mertins, seit wann die Kritik am Islamismus keine linke Position mehr ist. Für Michael Wolffsohn sind 1700 Jahre jüdische Geschichte in Deutschland in der Welt kein Grund zu feiern. In der FR warnt der Philosoph Rainer Forst vor demokratischer Regression. Die SZ prangert den Filz des Kulturhauptstadt-Programm an. Im Tagesspiegel geißelt Folkert Uhde die obszönen Spitzengagen in der Klassik. In der Welt wünscht sich Janina Gelinek dagegen mehr kapitalistisches Gerempel von den Kulturinstitutionen.

Die Tragweite von Krisen

31.12.2020. Es war nicht alles schlecht im Jahr 2020, ruft die taz: Die Revolution in Belarus lebt. Afrikanischen Ärzten gelang es, Ebola  einzudämmen. Argentininen feiert ein liberales Abtreibungsrecht. Die Diskussion um Corona dominiert dennoch: Deutschland hat düstere Sterbezahlen, konstatieren die Ruhrbarone. Corona verändert auch die Gesellschaft tiefgreifend, schreiben Konrad Paul Liessmann in der NZZ, Udo di Fabio in der FAZ, Jakob Simmank bei Zeit online.

Dem Lachen ausliefern

30.12.2020. BuzzfeedNews bringt neue Enthüllungen über chinesische Lager in Xinjiang, die praktischer Weise gleich mit Fabrikhallen für Zwangsarbeit ausgestattet sind. Der Journalist Klaus Hartung ist gestorben - die taz gedenkt ihres einst sturmumtosten Kommentators. Der Islam ist nicht reformierbar, sagt Hamed Abdel-Samad in Charlie Hebdo: "Es nützt nichts, die guten Passagen aus dem Koran herauszupicken und die schlechten neu zu interpretieren." Im Tagesspiegel fordert Ferda Ataman eine Migrantenquote.

Überdosis an Pathos

29.12.2020. In Norwegen gibt's Streit über die (vielleicht doch nicht so) heroische Rolle des Landes im Zweiten Weltkrieg, berichtet die taz. In der Welt erklärt Zeitungslobbyist Thomas Düffert, warum er für eine Unfallmeldung auf dem Onlineportal des Göttinger Tageblatts den selben Schutz will wie für ein Gedicht. Allerdings entwickelt Facebook schon eine Software, die Presseartikel resümieren kann, ohne das Urheberrecht zu verletzen, berichtet die taz. Die NZZ erzählt, wie Julie Burchill der Cancel Culture zum Opfer fiel. Russland hat seine Corona-Opferzahlen dreimal niedriger angegeben als sie sind, berichtet AFP.

Fragwürdige Pauschalsolidarität

28.12.2020. Ok, nun hat es in letzter Minute doch noch einen Brexit-Deal gegeben. "Die Briten haben tatsächlich wichtige Ziele erreicht", sagt die Ökonomin Dorothea Schäfer in der taz - leicht wird's dennoch nicht. Fintan O'Toole erinnert im Guardian daran, dass die EU Britannien und Britannien der EU auch eine Menge Positives brachten. Der Streit um den "Weltoffen 5.3"-Aufruf geht weiter. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags bestätigt in einem Gutachten, dass die Ängstlichkeit der KulturfunktionärInnen unbegründet war: Eine Zensur findet nicht statt. Die Agenda der MandarinInnen war ohnehin eine andere, vermuten Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen, Alan Posener in starke-meinungen.de und Thomas Schmid in der Welt.

Wer dazu gehören soll

24.12.2020. Zu Weihnachten wird selbst Slavoj Zizek in der NZZ christlich, allerdings mit eigenwilliger Botschaft. Josef Joffe findet in der Zeit sehr wohl, dass in BDS Antizionismus und Antisemitismus verschmelzen. Hegel-Biograf Klaus Vieweg verteidigt in der Welt den Aufklärer Hegel und verteidigt ihn vehement gegen den Vorwurf des Rassismus.In der FR skizziert der Historiker Andreas Kossert eine Weltgeschichte der Heimatlosigkeit. In der SZ verteidigt Gottfried Knapp die Paulskirche gegen Herfried Münkler und Co.

In den falschen Händen

23.12.2020. In der taz erklärt die Richterin Nancy Poser, warum sie wegen der Triage-Leitlinien der Ärzteschaft Verfassungsbeschwerde eingelegt hat. Hanser und dtv ziehen ein Buch, das seit 2002 auf dem Markt war, auf Druck zweier feministischer Blogs aus dem Handel zurück, berichtet das Börsenblatt. BDS ist sehr wohl antisemitisch insistiert die FAZ. Wer BDS fördert, stellt sich gegen die große Mehrheit der Juden, für die Israel Zuflucht bleibt, sagt Alex Feuerherdt bei den Ruhrbaronen. Ratlos steht die NZZ vor dem Berliner Stadtschloss.