9punkt - Die Debattenrundschau
Ein Gefühl und eine Farbe
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.09.2026. 44 Prozent AfD, 5,3 Prozent BSW: Die Putinisten haben im Magdeburger Landtag die absolute Mehrheit. "Diese Wahl ist eine Zäsur", kommentieren die Zeitungen in ihren ersten Reaktionen. Kann es sein, dass die AfD auch so viel Zuspruch erhielt, weil der ganze Wahlkampf nur von ihr und nicht von politischen Problemen des Landes handelte, fragen Zeit online und die NZZ. Außerdem: Die SZ fragt, wie man Russlands hybriden Angriffen besser begegnen kann. Die taz fordert korrekte Weltkarten.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
07.09.2026
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Europa
AfD with a landslide win in Saxony-Anhalt but not yet a clear path to the governorship. They would need a partner for a coalition but right now the left wing BSW are the only ones who have not completely ruled out a coalition with the @AfD . AfD governor designate @UlrichSiegmund… pic.twitter.com/X1jHCxDMYp
- Frederik Pleitgen (@fpleitgenCNN) September 7, 2026
Die Kommentare der Zeitungen sind naturgemäß früh geschrieben, das ganze Ergebnis war noch nicht bekannt (es besagt, dass das BSW in den Landtag von Sachsen mit 5,3 Prozent einzieht und angesichts der 44 Prozent für die AfD einerseits und dem etwa gleich starken Rest das Zünglein an der Waage spielt, hier das vorläufige Ergebnis laut ARD). Aber Katrin Gottschalk hält in der taz schon mal fest: "Machen wir uns nichts vor - die Gefahr ist mit dieser Wahl noch größer geworden. Diese Wahl ist eine Zäsur. Und 80 Prozent der Wahlberechtigten haben sich daran beteiligt. So viele wie noch nie. Seit Gründung der AfD kennt ihre Kurve nur eine Richtung - nach oben. Deshalb geht diese Wahl alle etwas an und niemand sollte noch glauben, die AfD mit den bekannten Antworten aufhalten zu können." Hier Gareth Joswigs taz-Bericht über die Wahlen. Und eine Reportergruppe fasst zusammen, in welchen Politikfeldern eine regierende AfD auf Länderebene tatsächlich agieren kann.
FAZ-Reporter stellen die Frage nach dem Einfluss auf die Bundespolitik und namentlich Friedrich Merz: "2018 hatte Merz bei seiner Rückkehr in die Politik angekündigt, die AfD zu halbieren. In Sachsen-Anhalt hat der Wähler jetzt die CDU halbiert. Und die AfD verdoppelt"
Sich gegen die AfD zu engagieren, ist jetzt erste Bürgerpflicht, meint Jochen Wegner bei Zeit online, sonst war's das mit der liberalen Demokratie: "Schon heute liegt die AfD in der Sonntagsfrage für die Bundestagswahl weit vorne." Und: "Jammern gilt ab jetzt nicht mehr, für niemanden. Nicht für Menschen, die eine Partei wählen, die ihnen voraussichtlich auch noch schadet: Sechs Prozent weniger Realeinkommen ergibt die Simulation des DIW für Sachsen-Anhalt, eine Lücke von gut zwei Milliarden Euro im Jahr hat das IWH in Halle im AfD-Programm errechnet. Jammern gilt auch nicht für die traditionellen Parteien, die ihre ehemaligen Wähler schlechtreden. Nicht für die Westdeutschen, die über den Osten meckern und damit ihre eigene, seit Jahrzehnten gepflegte Reformrenitenz überspielen. Nicht für Medien, die über all dies klagen. ... Rund sechs von zehn Wählern in Sachsen-Anhalt haben nicht AfD gewählt. Sieben von zehn Wählern würden eine demokratische Partei wählen, wenn heute Bundestagswahl wäre. Diese Mehrheit hat ein Problem, das die Minderheit nicht hat: Sie ist zu zersplittert, um wie eine Bewegung auszusehen. Die AfD hat ein Gefühl und eine Farbe, die Demokraten haben komplizierte Rentenkonzepte und streiten darüber."
Martin Machowecz zieht bei Zeit online vor allem diese Lehre: "Politik wieder FÜR eine Sache zu machen, nicht GEGEN sie, ist das nicht eigentlich der Wunsch der Wählerinnen und Wähler?" Ähnlich sieht es Florian Eder in der NZZ: "Tatsächlich haben alle einen Wahlkampf geführt, der die AfD zum Thema hatte und wie sie zu verhindern sei - nicht, welche überzeugende eigene Strategie es besser machen würde. ... Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieses Wahlabends: Die Wähler haben die alte Ordnung abgewählt, aber keine neue bestellt. Die Parteien werden eine finden müssen."
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Auch anderswo feiern die Rechten Erfolge, in Serbien zum Beispiel, wo Aleksandar Vucic mit alten Milosevic-Kadern und nationalistischen Hardlinern regiert und die Demokratie demontiert, dafür aber gerne EU-Gelder hätte, berichtet in der NZZ der Politikwissenschafter Alexander Rhotert. Zur Not geht es aber auch ohne, und damit steht er nicht allein: "Der Vucic-Verbündete und Führer der bosnischen Serben Milorad Dodik erpresst Bosnien bereits seit geraumer Zeit: Seine Partei SNSD blockiert jedweden Fortschritt auf Staatsebene mit Brüssel. Dass Bosnien über eine Milliarde Euro EU-Gelder aus dem Westbalkan-Wachstumsfonds zu verlieren droht, ist ihm egal. Auch die von der EU geforderte Ernennung eines Koordinators für EU-Hilfen, das Instrument für Heranführungshilfe (IPA), wird von der SNSD verhindert, obwohl die beträchtlichen Hilfen auch der Republika Srpska zugutekämen. Aber Dodiks Plan ist es, Bosnien als Staat zu zerstören, und wenn dies militärisch nicht machbar ist, dann auf anderem Wege."
Arndt Freytag von Loringhoven, ehemaliger Vizepräsident des BND, und Sviat Hnizdovskyi, ukrainischer Gründer und CEO von Open Minds, einem Unternehmen für kognitive Verteidigungstechnologie, denken in der SZ darüber nach, wie man Russlands hybriden Angriffen besser begegnen kann: rein reaktiv reicht nicht, meinen die beiden und machen konkrete Vorschläge: "Im hybriden Krieg heißt 'Russland verstehen' zu begreifen, wie das Regime seine Kriegsmaschine am Laufen hält und seine Soldaten rekrutiert - zu welchem Preis, mit welchem Zwang, mit welchen Verlusten -, auch wo seine rüstungsindustriellen Lieferketten anfällig sind und ob Sanktionen tatsächlich spürbar sind. Ukrainische Experten haben kartiert, wo das Regime verwundbar ist - und besonders die Rekrutierung ist eine empfindliche Bruchstelle. Eine Untersuchung von Open Minds von 132 000 Beiträgen auf Plattformen wie Vkontakte und Telegram sowie 9300 Stellenanzeigen ergab, dass 2025 rund jede fünfte Rekrutierungsanzeige den Militärdienst als 'sicheren', 'frontfernen' Dienst darstellte. Tatsächlich wurden Männer, die mit dem Versprechen einer rückwärtigen Verwendung geworben wurden, binnen Wochen an die Front geschickt. ... An solchen Druckpunkten kann wahrheitsgemäße Information, richtig platziert, die realen Kosten von Russlands Krieg erhöhen. Westliche Regierungen, Medien und Nachrichtendienste sollten diese Möglichkeiten stärker nutzen und für diese Aufgabe ausgestattet werden. Die "Beinfreiheit", die für den BND gefordert wird, gilt für die kognitive Domäne nicht weniger als für die klassische Spionage."
Kulturpolitik
Wladimir Putin schließt die Goethe-Institute in Russland. Dagegen kann man nicht viel tun, aber man kann es zum Anlass nehmen, über eine europäischere Kulturpolitik nachzudenken, ermuntert in der SZ Nils Minkmar. Man muss deshalb nicht die nationalen Institute abschaffen, "aber Kulturprogramme, Filmreihen, Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Bibliotheken und Residenzen könnten sehr wohl gemeinsam entwickelt und organisiert werden" und so die "umwerfende, strahlende und gänzlich unaggressive Symbolik einer gemeinsamen europäischen Präsenz" verkörpern, die die wichtige Botschaft vermitteltn, dass "Völker, die sich über Jahrhunderte hinweg mit erstaunlicher Ausdauer bekämpft haben, miteinander in Frieden leben können. Deutsche und Franzosen, Deutsche und Polen, Italiener und Österreicher waren einander Erbfeinde, über viele Jahrhunderte. Generationen wurden in Hass und mit Racheschwüren erzogen. ... Vielleicht wäre genau das die interessanteste Botschaft einer gemeinsamen europäischen Kulturpolitik. Ein europäisches Kulturhaus würde nicht behaupten, dass alle dasselbe sind. Im Gegenteil, und gerade darin läge der Sinn: verschiedene Sprachen, Geschichten und Traditionen unter einem Dach, ohne dass eine davon verschwinden muss. In vielen, zu vielen anderen Ecken der Welt könnte ein solches begehbares Friedens-und Kooperationsmodell unter Ex-Feinden zum Nachdenken anregen."
Russland war der "weichen" Außenpolitik, die Deutschland mit dem Goethe-Institut betreibt, immer besonders wichtig, erinnert Kerstin Holm in der FAZ: "Noch 2016, nach der Krim-Annexion, veranstaltete das Büro in Nowosibirsk ein internationales Festival. Das Moskauer Haus, lange regionaler Hauptsitz und größtes Goethe-Institut weltweit, beschäftigte zu Hochzeiten zweihundert Mitarbeiter. Das ist lange her. Seit Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine 2022 gibt es keine bilateralen Kulturprojekte mehr."
Russland war der "weichen" Außenpolitik, die Deutschland mit dem Goethe-Institut betreibt, immer besonders wichtig, erinnert Kerstin Holm in der FAZ: "Noch 2016, nach der Krim-Annexion, veranstaltete das Büro in Nowosibirsk ein internationales Festival. Das Moskauer Haus, lange regionaler Hauptsitz und größtes Goethe-Institut weltweit, beschäftigte zu Hochzeiten zweihundert Mitarbeiter. Das ist lange her. Seit Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine 2022 gibt es keine bilateralen Kulturprojekte mehr."
Gesellschaft
Erstaunlich, wie wenig in Deutschland die Debatte um das Kopftuchverbot für Schulmädchen unter 14 in Österreich verfolgt wird. Ein neues Gesetz tritt in Kraft - mit Schulbeginn sollen Mädchen unter 14 an Schulen kein Kopftuch mehr tragen. Für die FAZ berichtet Alexander Haneke und erläutert, dass in Österreich ein ähnliches Gesetz bereits 2020 vor dem Verfassungsgericht scheiterte. Das neue Gesetz sei aber anders formuliert und hebe nicht in erster Linie auf den religiösen Aspekt ab: "Als Ziel stellt der Text die 'bestmögliche Entwicklung und Entfaltung' der Schülerinnen ins Zentrum. Es gehe 'nicht um das Thema Religion, sondern um das Thema Kindeswohl: dass Mädchen unter 14 Jahren nicht unterdrückt werden', fasste es ÖVP-Integrationsministerin Claudia Bauer zusammen, die zu den lautstärksten Verfechtern des Gesetzes gehört. Will sagen: Hier wird offen und gezielt gegen das islamische Kopftuch vorgegangen, aber nicht, weil es islamisch ist, sondern weil es junge Mädchen in ihrer Entwicklung beeinträchtigen kann. Die Religionsmündigkeit, so Bauer, beginne in Österreich mit 14 Jahren. Dann könne jede junge Frau selbst entscheiden."
Ist "Latino" eine Identität? Eher nicht, meint in der NZZ Sara Meyer. Die Bewohner Lateinamerikas "teilen Sprache, Geschichte und kulturelle Codes - und sind einander doch oft fremder, als es die sprachliche Nähe vermuten ließe. Was Lateinamerika wirklich einteilt, ist nicht die nationale Zugehörigkeit, sondern vielmehr eine Realität, vor der selbst ein unaufmerksamer Beobachter nicht die Augen verschließen kann: die soziale Schichtung. Die Idee einer homogenen Latino-Identität ist eine romantische Vorstellung, die, was die Sympathien für den nahen Nachbarn angeht, nicht einmal dem Final einer Fußball-WM standhält. Im Alltag stellt die Schichtzugehörigkeit die Nationalität in den Schatten."
Ist "Latino" eine Identität? Eher nicht, meint in der NZZ Sara Meyer. Die Bewohner Lateinamerikas "teilen Sprache, Geschichte und kulturelle Codes - und sind einander doch oft fremder, als es die sprachliche Nähe vermuten ließe. Was Lateinamerika wirklich einteilt, ist nicht die nationale Zugehörigkeit, sondern vielmehr eine Realität, vor der selbst ein unaufmerksamer Beobachter nicht die Augen verschließen kann: die soziale Schichtung. Die Idee einer homogenen Latino-Identität ist eine romantische Vorstellung, die, was die Sympathien für den nahen Nachbarn angeht, nicht einmal dem Final einer Fußball-WM standhält. Im Alltag stellt die Schichtzugehörigkeit die Nationalität in den Schatten."
Wissenschaft
Afrikanische Länder drängen in internationalen Institutionen auf korrekte Weltkarten. In heute gebräuchlichen Karten erscheinen arktische und antarktische Gebiete überporportional groß. Dominic Johnson unterstützt das verständliche Anliegen in der taz, macht aber auch deutlich, dass die bisher übliche Verzerrung nicht einfach auf Kolonialismus beruht: "Die Mercator-Projektion, im Jahr 1569 für die europäische Seefahrt entwickelt, hat in der Navigation den unersetzlichen Vorteil, dass sie winkeltreu ist. Eine gerade Linie auf einer Mercator-Karte entspricht einer geraden Linie auf dem Globus. Der Kniff: Die Längengrade verlaufen auf der Karte immer parallel zueinander. In der Realität konvergieren sie an den beiden Polen und Richtung Äquator gehen sie immer weiter auseinander. Am Äquator entspricht ein Längengrad einer Entfernung von 60 Seemeilen, rund 111,3 Kilometer. An Nord- und Südpol beträgt die Entfernung Null."
Die Philosophieprofessorin Rahel Jaeggi verteigt in der FAZ die an Unis abgehaltene Aktionswoche "Wissenschaft gegen Faschismus", die in ihren "Antifaschismus" auch reguläre Lehrveranstaltungen einbezog. Gegen Artikel von Armin Nassehi (unser Resümee) und Geert Keil (unser Resümee), die eine Neutralität von Wissenschaft forderten und gar fragten, ob Soziologie "zu links" sei, führt Jaeggi die Altvorderen ins Feld: "Einer der Gründerväter der Frankfurter Schule, Max Horkheimer, beschrieb 1937 in einem programmatischen Text die Kritische Theorie als 'die theoretische Seite des praktischen Prozesses der Emanzipation'. Kritische Theorie, heißt das, nimmt Stellung. Sie ist also parteilich. Sie unterzieht alles, was gesellschaftlich selbstverständlich und gegeben ist, einer kritischen Betrachtung. Und mehr noch: Sie behauptet selbst, also als Theorie, Teil des Emanzipationsprozesses zu sein. Wie kann sie dennoch beanspruchen, Wissenschaft zu sein?"
Die Philosophieprofessorin Rahel Jaeggi verteigt in der FAZ die an Unis abgehaltene Aktionswoche "Wissenschaft gegen Faschismus", die in ihren "Antifaschismus" auch reguläre Lehrveranstaltungen einbezog. Gegen Artikel von Armin Nassehi (unser Resümee) und Geert Keil (unser Resümee), die eine Neutralität von Wissenschaft forderten und gar fragten, ob Soziologie "zu links" sei, führt Jaeggi die Altvorderen ins Feld: "Einer der Gründerväter der Frankfurter Schule, Max Horkheimer, beschrieb 1937 in einem programmatischen Text die Kritische Theorie als 'die theoretische Seite des praktischen Prozesses der Emanzipation'. Kritische Theorie, heißt das, nimmt Stellung. Sie ist also parteilich. Sie unterzieht alles, was gesellschaftlich selbstverständlich und gegeben ist, einer kritischen Betrachtung. Und mehr noch: Sie behauptet selbst, also als Theorie, Teil des Emanzipationsprozesses zu sein. Wie kann sie dennoch beanspruchen, Wissenschaft zu sein?"
Geschichte
Michael Rühle, einst hoher Nato-Funktionär, vergleicht in der FAZ auf der "Gegenwart"-Seite die Angriffe von Pearl Harbor und vom 11. September, mit nicht allzu viel Sympathie für die Amerikaner übrigens. In beiden Fällen hätten die Amerikaner "das Narrativ einer im Grunde unverschuldeten Opferrolle" verbreitet. Die meisten Publikationen zu den Ereignissen seien "verschwörungstheoretische Machwerke". "Während Pearl Harbor die Reaktion Amerikas - das militärische Niederringen des Angreifers - nahezu unausweichlich machte, war die Situation bei '9/11' eine andere. Die Mischung aus Angst, Patriotismus und dem Wunsch nach Rache ließ sich gegen einen gesichtslosen Feind nicht in gleicher Weise kanalisieren wie 1941. Die moralische Überhöhung der eigenen Ziele wie auch die Dämonisierung des Gegners sind fester Bestandteil des amerikanischen politischen Diskurses. Sie dienen dazu, einem außenpolitisch wenig interessierten Kongress und einer noch weniger interessierten Öffentlichkeit komplexe Sachverhalte in möglichst plakativer Sprache zu vermitteln."
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