9punkt - Die Debattenrundschau
Gewöhnung an den Ausnahmezustand
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.12.2025. Die Vereinigten Staaten feiern nächstes Jahr ihren 250. Geburtstag, ob als Demokratie muss laut FAZ noch geklärt werden. Die Presse hat jedenfalls keinen Umgang mit Donald Trump gefunden, konstatiert die FR. Eines schafft Trump aber nicht: Frieden in der Ukraine - die Ukrainer werden Gebietsabtretungen kaum zustimmen, so der ukrainische Politologe Wolodimir Fesenko in der NZZ. Die taz stellt mit Erstaunen fest: Die Nazis förderten Frauensport, und die Frauen dankten es mit Treue zum Führer.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
30.12.2025
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Politik
Die Vereinigten Staaten feiern im nächsten Jahr ihren 250. Geburtstag. Zehn von diesen 250 Jahren sind bereits von der Figur des Donald Trump überschattet. Unter ihm hat eine "Gewöhnung an den Ausnahmezustand" eingesetzt, konstatiert FAZ-Korrespondentin Sofia Dreibach und zählt auf, wie er die stolzen Errungenschaften der 240 Jahre vor seiner Zeit schleift: "Es passt ins Bild, dass das Finanzministerium aus diesem Anlass Gedenkmünzen mit Trumps Siegerpose nach dem missglückten Attentat prägen will. Es bleibt jedoch nicht bei der Selbstverherrlichung. Der Präsident hat die Exekutivgewalt seit Januar maßgeblich ausgebaut, den Kongress vielfach übergangen. Er hat Bundesbehörden faktisch abgeschafft, die unter Kontrolle des Kongresses stehen, sich über dessen Finanzhoheit hinweggesetzt und unabhängige Aufsichtspersonen in Behörden entlassen, ohne die Abgeordneten darüber in Kenntnis zu setzen."
"Wie also soll man über Trump schreiben?", fragt sich Sylvia Staude in der FR. Überführt man Donald Trump der Lüge, macht er weiter wie bisher, gerät nicht ins Straucheln, wie Politiker vor ihm. "Das einzige Mittel wäre wohl gewesen, nicht - oder möglichst wenig - über ihn zu berichten. Aber das haben Presseleute nicht gelernt, das ist nicht ihr Beruf. Sie haben gelernt, einen Termin und dessen Akteure wahrzunehmen, das Geschehen dann in sinnvolle (!) Sätze zu packen." Der Journalismus ist an Trump gescheitert, findet keine Form für ihn, konstatiert Staude. "Trump hat ein Paralleluniversum errichtet. Wir sind ihm hineingefolgt und haben die Gefahr nicht erkannt. Denn unterm Arm tragen wir immer noch bloß die Regeln, die in einer Welt ohne Trump galten." Und dann schafft er natürlich auch Klicks und Auflage.
Angesichts der Epstein-Files muss Heinrich Wefing in der Zeit mit Verzweiflung konstatieren, dass die Verschwörungstheoretiker nicht so weit von der Realität entfernt lagen. "Das politisch Verheerende am Fall des Sexualverbrechers Jeffrey Epstein ist neben all dem Leid, das er über seine Opfer gebracht hat, die Tatsache, dass er die Theorien über die Verkommenheit einer globalen Elite zu bestätigen scheint." Das Phänomen betrifft nicht allein Amerika: "Auch in Europa ist kaum eine Institution ohne dramatisches Versagen geblieben. Man denkt an: Den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche. Den Dieselskandal im Herzen der deutschen Autoindustrie. Die Odenwaldschule. Einen Ex-Kanzler, der sich von einem Kriegstreiber kaufen lässt. In Frankreich wurde gerade ein wegen Korruption verurteilter Ex-Präsident aus der Haft entlassen. In Großbritannien hat ein Prinz wegen Epstein alle Privilegien verloren. Und so weiter."
Die Muslimbruderschaft, als treibende dschihadistische Kraft und Ursprungsorganisation der Hamas, hat im Nahen Osten deutlich an Einfluss verloren, konstatiert Rainer Hermann in der NZZ. In ihrem Stammland Ägypten sind sie verboten und ihre Führungsriege eingesperrrt, in Marokko und Tunesien aus der Regierung gedrängt, was auch mit Konflikten innerhalb der Bewegung zusammenhängt. "Der Gaza-Krieg verschaffte der Muslimbruderschaft Aufwind, da sie sich als Anwalt des Islams und des 'Widerstands' ausgibt und sie eine Chance sieht, mit Aufrufen zu Protesten Relevanz und Präsenz zu zeigen. Widerspruch erwächst aus den eigenen Reihen. In Ägypten stellen die jungen Muslimbrüder den Kurs der alten Garde infrage, der sie zu viel Passivität angesichts der Repression vorwerfen." Dies und das Bestreben der jüngeren Generationen weniger radikal zu sein könnte zum Zerfall der Muslimbruderschaft führen, vermutet Hermann.
Doch doch, es gibt Christenverfolgung in Nigeria. Man redet nur nicht so gerne drüber, sagt der Erzbischof Ignatius Ayau Kaigama im Gespräch mit Evelyn Finger von der Zeit. "Außer den Ungarn, die das Programm 'Hungary Helps' ins Leben gerufen haben, solidarisieren sich in Europa kaum christliche Spitzenpolitiker offen mit bedrohten Christen. Das ist traurig angesichts der christlichen Wurzeln der westlichen Zivilisation. Donald Trump verurteilte Angriffe auf Christen schon 2009, als Boko Haram erstmals in Erscheinung trat. In Europa ziehen sie es vor, sich nicht offen zum Christentum zu bekennen. Entweder bleiben sie neutral, gleichgültig oder anonym."
"Wie also soll man über Trump schreiben?", fragt sich Sylvia Staude in der FR. Überführt man Donald Trump der Lüge, macht er weiter wie bisher, gerät nicht ins Straucheln, wie Politiker vor ihm. "Das einzige Mittel wäre wohl gewesen, nicht - oder möglichst wenig - über ihn zu berichten. Aber das haben Presseleute nicht gelernt, das ist nicht ihr Beruf. Sie haben gelernt, einen Termin und dessen Akteure wahrzunehmen, das Geschehen dann in sinnvolle (!) Sätze zu packen." Der Journalismus ist an Trump gescheitert, findet keine Form für ihn, konstatiert Staude. "Trump hat ein Paralleluniversum errichtet. Wir sind ihm hineingefolgt und haben die Gefahr nicht erkannt. Denn unterm Arm tragen wir immer noch bloß die Regeln, die in einer Welt ohne Trump galten." Und dann schafft er natürlich auch Klicks und Auflage.
Angesichts der Epstein-Files muss Heinrich Wefing in der Zeit mit Verzweiflung konstatieren, dass die Verschwörungstheoretiker nicht so weit von der Realität entfernt lagen. "Das politisch Verheerende am Fall des Sexualverbrechers Jeffrey Epstein ist neben all dem Leid, das er über seine Opfer gebracht hat, die Tatsache, dass er die Theorien über die Verkommenheit einer globalen Elite zu bestätigen scheint." Das Phänomen betrifft nicht allein Amerika: "Auch in Europa ist kaum eine Institution ohne dramatisches Versagen geblieben. Man denkt an: Den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche. Den Dieselskandal im Herzen der deutschen Autoindustrie. Die Odenwaldschule. Einen Ex-Kanzler, der sich von einem Kriegstreiber kaufen lässt. In Frankreich wurde gerade ein wegen Korruption verurteilter Ex-Präsident aus der Haft entlassen. In Großbritannien hat ein Prinz wegen Epstein alle Privilegien verloren. Und so weiter."
Die Muslimbruderschaft, als treibende dschihadistische Kraft und Ursprungsorganisation der Hamas, hat im Nahen Osten deutlich an Einfluss verloren, konstatiert Rainer Hermann in der NZZ. In ihrem Stammland Ägypten sind sie verboten und ihre Führungsriege eingesperrrt, in Marokko und Tunesien aus der Regierung gedrängt, was auch mit Konflikten innerhalb der Bewegung zusammenhängt. "Der Gaza-Krieg verschaffte der Muslimbruderschaft Aufwind, da sie sich als Anwalt des Islams und des 'Widerstands' ausgibt und sie eine Chance sieht, mit Aufrufen zu Protesten Relevanz und Präsenz zu zeigen. Widerspruch erwächst aus den eigenen Reihen. In Ägypten stellen die jungen Muslimbrüder den Kurs der alten Garde infrage, der sie zu viel Passivität angesichts der Repression vorwerfen." Dies und das Bestreben der jüngeren Generationen weniger radikal zu sein könnte zum Zerfall der Muslimbruderschaft führen, vermutet Hermann.
Doch doch, es gibt Christenverfolgung in Nigeria. Man redet nur nicht so gerne drüber, sagt der Erzbischof Ignatius Ayau Kaigama im Gespräch mit Evelyn Finger von der Zeit. "Außer den Ungarn, die das Programm 'Hungary Helps' ins Leben gerufen haben, solidarisieren sich in Europa kaum christliche Spitzenpolitiker offen mit bedrohten Christen. Das ist traurig angesichts der christlichen Wurzeln der westlichen Zivilisation. Donald Trump verurteilte Angriffe auf Christen schon 2009, als Boko Haram erstmals in Erscheinung trat. In Europa ziehen sie es vor, sich nicht offen zum Christentum zu bekennen. Entweder bleiben sie neutral, gleichgültig oder anonym."
Europa
Wolodimir Selenski und Donald Trump haben sich ein weiteres Mal getroffen, ein weiteres Mal betont, dass sie einer Lösung ganz nahe sind und das Ergebnis des Treffens ist dennoch eine "Seifenblase", so der ukrainische Schriftsteller Sergey Maidukov in der SZ. "Keiner der beiden Staatschefs präsentierte einen gangbaren Weg zur Lösung dieses Problems, abgesehen von weiteren Treffen. Und die Treffen, die im Laufe des Jahres 2025 stattfanden, haben bereits gezeigt, wie ineffektiv ein solcher Ansatz ist. Offenbar waren sich sowohl der amerikanische als auch der ukrainische Präsident dessen bewusst, als sie mit ihren Ausrufen vor die Presse traten. Während der Pressekonferenz räumte Trump ein, dass Wladimir Putin keinem Waffenstillstand zugestimmt habe, der Referenden in der Ukraine ermöglichen würde."
Dem von mehreren Korruptionsskandalen schwer beschädigte Selenski wird es nicht gelingen, an der ukrainischen Bevölkerung vorbei irgendwelche Gebietsabtretungen mit den USA und Russland zu beschließen, konstatiert der ukrainische Politologe Wolodimir Fesenko im NZZ-Interview mit Volker Pabst. "Der amerikanische Druck auf die Ukraine ist groß. Selenski kann sich aber nicht über die öffentliche Meinung im Land hinwegsetzen - erst recht nicht seit der Korruptionsaffäre. Laut Umfragen sind 70 Prozent der Ukrainer zu einer diplomatischen Beendigung des Krieges bereit. Gleichzeitig lehnen ebenfalls 70 Prozent einen Frieden zu russischen Bedingungen ab. Die roten Linien liegen bei den territorialen Fragen und den Sicherheitsgarantien. Ein Abzug aus dem Donbass und der Rückzug auf ungeschützte Positionen im Hinterland wird als Kapitulation betrachtet und ist nicht mehrheitsfähig."
In der Welt sieht Andreas Rosenfelder nach der Lektüre des taz-interviews mit Juli Zeh (unser Resümee), in welchem diese zumindest eine Normalisierung der AfD nicht ausgeschlossen hat, die Brandmauer gefallen - und befürwortet dies. "Für die demokratische Debatte wäre es befreiend. Anstatt sich hinter einer Metapher zu verstecken, die Eindeutigkeit nur vorgaukelt, ist Differenzierung gefragt. Die Politik sollte die kritische Auseinandersetzung mit den Vertretern der AfD suchen - und sich selbstkritisch fragen, warum deren wachsende Wählerschaft 'nicht das geringste Vertrauen in die herkömmlichen Parteien' hat, wie Juli Zeh feststellt."
Dem von mehreren Korruptionsskandalen schwer beschädigte Selenski wird es nicht gelingen, an der ukrainischen Bevölkerung vorbei irgendwelche Gebietsabtretungen mit den USA und Russland zu beschließen, konstatiert der ukrainische Politologe Wolodimir Fesenko im NZZ-Interview mit Volker Pabst. "Der amerikanische Druck auf die Ukraine ist groß. Selenski kann sich aber nicht über die öffentliche Meinung im Land hinwegsetzen - erst recht nicht seit der Korruptionsaffäre. Laut Umfragen sind 70 Prozent der Ukrainer zu einer diplomatischen Beendigung des Krieges bereit. Gleichzeitig lehnen ebenfalls 70 Prozent einen Frieden zu russischen Bedingungen ab. Die roten Linien liegen bei den territorialen Fragen und den Sicherheitsgarantien. Ein Abzug aus dem Donbass und der Rückzug auf ungeschützte Positionen im Hinterland wird als Kapitulation betrachtet und ist nicht mehrheitsfähig."
In der Welt sieht Andreas Rosenfelder nach der Lektüre des taz-interviews mit Juli Zeh (unser Resümee), in welchem diese zumindest eine Normalisierung der AfD nicht ausgeschlossen hat, die Brandmauer gefallen - und befürwortet dies. "Für die demokratische Debatte wäre es befreiend. Anstatt sich hinter einer Metapher zu verstecken, die Eindeutigkeit nur vorgaukelt, ist Differenzierung gefragt. Die Politik sollte die kritische Auseinandersetzung mit den Vertretern der AfD suchen - und sich selbstkritisch fragen, warum deren wachsende Wählerschaft 'nicht das geringste Vertrauen in die herkömmlichen Parteien' hat, wie Juli Zeh feststellt."
Gesellschaft
Milena Feldmann bringt in der FAZ die Frage auf, ob es eine "UN-Altenrechtskonvention" braucht. Die Welt wird jedenfalls älter: Im Jahr 2050 wird es zwei Milliarden alte Menschen, also laut UN-Definition Menschen ab 60 Jahren geben, referiert sie. Und entrechtet werden Alte in Deutschland auch jetzt schon jeden Tag. Zwei Drittel der befragten Pflegekräfte in Deutschland - 64 Prozent - gaben laut Feldmann an "innerhalb der vergangenen zwölf Monate an Formen von Missbrauch oder Vernachlässigung beteiligt gewesen zu sein... Besonders häufig berichten Pflegekräfte und Heimbewohner von psychischem Missbrauch. Dazu zählen etwa Beschimpfungen, Demütigungen und das bewusste Ignorieren von grundlegenden Bedürfnissen. An zweiter Stelle folgt körperlicher Missbrauch, etwa durch grobes Anfassen oder unangemessene Fixierungen. Ebenfalls relevant sind finanzielle Ausbeutung, Vernachlässigung im Pflegealltag sowie sexualisierte Gewalt."
Berlin ist immer noch arm, aber längst nicht mehr sexy. Das muss auch Zacharias Zacharakis in der Zeit feststellen. Die Ursachen für den Niedergang sind unklar, die Zahlen aber sind klar: Über siebzig Hotels haben in Berlin seit Corona geschlossen (nicht wenige dienen heute als Flüchtlingsunterkünfte). Aber das hat nicht gereicht: "Ordentliche Zimmer in Innenstadtlage sind problemlos für deutlich weniger als 100 Euro die Nacht zu bekommen, was für Städte wie Paris oder London lächerlich wäre. Eine Folge der schlechten Nachfrage: Trotz der vielen Schließungen sind im Schnitt nur sieben von zehn Hotelbetten belegt. Auch das sieht international nicht gut aus."
Und in der Zeit unterhalten sich Kulturmanager Stefan Brandt, Soziologe Steffen Mau und Schriftstellerin Juli Zeh (schon wieder) über die Zukunft und was wir damit anstellen sollen.
Berlin ist immer noch arm, aber längst nicht mehr sexy. Das muss auch Zacharias Zacharakis in der Zeit feststellen. Die Ursachen für den Niedergang sind unklar, die Zahlen aber sind klar: Über siebzig Hotels haben in Berlin seit Corona geschlossen (nicht wenige dienen heute als Flüchtlingsunterkünfte). Aber das hat nicht gereicht: "Ordentliche Zimmer in Innenstadtlage sind problemlos für deutlich weniger als 100 Euro die Nacht zu bekommen, was für Städte wie Paris oder London lächerlich wäre. Eine Folge der schlechten Nachfrage: Trotz der vielen Schließungen sind im Schnitt nur sieben von zehn Hotelbetten belegt. Auch das sieht international nicht gut aus."
Und in der Zeit unterhalten sich Kulturmanager Stefan Brandt, Soziologe Steffen Mau und Schriftstellerin Juli Zeh (schon wieder) über die Zukunft und was wir damit anstellen sollen.
Geschichte
Der Historiker Marcel Bois beschäftigt sich mit Sport im Nationalsozialismus. Gerade hat er eine Studie zum Hamburger Ruderinnen-Club vorgelegt. Was Bois im taz-Gespräch mit Petra Schellen über den Club sagt, entspricht Götz Alys ("Wie konnte das geschehen") These von der gesellschaftlichen Modernität der Nazis. "Beim 'Hamburger Ruderinnen-Club von 1925'... lässt sich eine hohe ideologische Nähe zum Nationalsozialismus feststellen. Ein Grund war sicherlich, dass das Regime das Frauenrudern gefördert hat. Anders als noch in der Weimarer Republik durften Frauen nun beispielsweise Wettkämpfe veranstalten." Organisatorisch lief das so ab: "Die bisherige Vorsitzende Sophie Barrelet wurde zur 'Führerin' bestimmt, die nicht abgewählt werden konnte. Zudem führte der Verein schon 1933 den gegen Juden gerichteten 'Arierparagrafen' ein - was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht hätte tun müssen. Und ab 1935 stand in der Satzung des Hamburger Ruderinnen-Clubs: 'Der Verein bezweckt die leibliche und seelische Erziehung seiner Mitglieder im Geiste des NS-Volksstaats.'" Bois' Studie ist auf der Website des Clubs als pdf-Dokument lesbar.
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