9punkt - Die Debattenrundschau
Es ist wie in "Mad Max"
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.11.2025. Christian-Zsolt Varga beschreibt in der FAZ, wie sich der Krieg für die Journalisten durch die Drohnen verändert - sie müssen selbst damit rechnen, zum Ziel zu werden. Nun steht ein Revolutionär gegen einen Reaktionär: Jeffrey Goldberg, Chefredakteur von The Atlantic, äußert sich nach der Wahl Zohran Mamdanis pessimistisch über die amerikanische Politik. Melanie Mühl beobachtet in der FAZ einen Auftritt Björn Höckes: Seine kältesten Sätze sagt er mit einem Lächeln. Susanne Schröter verteidigt in der Jüdischen Allgemeinen Ahmad Mansour.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
07.11.2025
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Politik
Kaum ist Zohran Mamdani als neuer Bürgermeister von New York gewählt, da macht sich Andrian Kreye in der SZ um die "Lichtgestalt einer neuen Linken" schon Sorgen: "Das Polarisieren, das ihm im Wahlkampf geholfen hat, wird es ihm schwer machen, Kompromisse einzugehen. Sein Eintreten für die Palästinenser und seine kritische Haltung zu Israel sind auf den Straßen oft populär, sonst aber Tabus. Die Machtblöcke werden sich von ihm fernhalten im derzeitigen Klima der Angst, das Trump verbreitet. Zohran Mamdani steht dazu noch für Werte, die nicht nur in den USA im Fadenkreuz dieser Macht gelandet sind: Gerechtigkeit, Gemeinwohl, Diversität." Und wie gesagt die "kritische Haltung zu Israel".
Auch Jeffrey Goldberg, Chefredakteur von The Atlantic klingt im Interview mit Zeit-online nicht gerade hoffnungsfroh nach der Wahl Mamdanis: "Amerika ähnelt in der Art, wie sich die Parteien entwickeln, immer mehr Europa. Das Zweiparteiensystem, das wir haben, hat in der Vergangenheit ziemlich gut funktioniert, aber es ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Aktuell ist einerseits der berühmteste Demokrat des Landes ein 34-jähriger muslimischer, Israel hassender demokratischer Sozialist. Ein Absolvent der Columbia University, der Busfahrten kostenlos machen und den Wohnungsmarkt und den Verkehr radikal umgestalten will. Auf der anderen Seite steht mit Donald Trump der wichtigste Politiker der Welt. Ein Revolutionär gegen einen Reaktionär. Es ist verrückt, wie sich die amerikanische Politik verändert hat."
Auch Jeffrey Goldberg, Chefredakteur von The Atlantic klingt im Interview mit Zeit-online nicht gerade hoffnungsfroh nach der Wahl Mamdanis: "Amerika ähnelt in der Art, wie sich die Parteien entwickeln, immer mehr Europa. Das Zweiparteiensystem, das wir haben, hat in der Vergangenheit ziemlich gut funktioniert, aber es ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Aktuell ist einerseits der berühmteste Demokrat des Landes ein 34-jähriger muslimischer, Israel hassender demokratischer Sozialist. Ein Absolvent der Columbia University, der Busfahrten kostenlos machen und den Wohnungsmarkt und den Verkehr radikal umgestalten will. Auf der anderen Seite steht mit Donald Trump der wichtigste Politiker der Welt. Ein Revolutionär gegen einen Reaktionär. Es ist verrückt, wie sich die amerikanische Politik verändert hat."
Geschichte

Der 9. November naht. Die taz befasst sich mit Antisemitismus, wenn auch in seiner historischen Form. Armin Fuhrer, Autor eines Buchs zum Thema, erinnert an den 17-jährigen Herschel Grynszpan, der am 7. November 1938 einen völlig unbekannten Beamten in der deutschen Botschaft in Paris erschoss. Den Mord machten die Nazis zum Anlass der Pogromnacht vom 9. November. Grynszpan "lebte zur Tatzeit seit gut zwei Jahren an der Seine, war aber in Hannover geboren und hatte dort auch fast sein ganzes Leben verbracht. Allerdings war er kein deutscher, sondern polnischer Staatsbürger. Weil er wenige Wochen vor der Tat die polnische Staatsbürgerschaft verloren hatte, war er als nunmehr Staatenloser von der Ausweisung aus Frankreich bedroht. Grynszpan verfolgte mit zunehmenden Entsetzen die Geschehnisse in Deutschland. Als er schließlich von der sogenannten 'Polenaktion' las, stieg seine Wut auf das NS-Regime ins Unermessliche. Bei dieser Aktion handelte es um die Ausweisung von 17.000 Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit aus ganz Deutschland, die in den letzten Oktobertagen buchstäblich über Nacht mit Zügen vollzogen wurde."
Außerdem berichtet Klaus Hillenbrand aus der Gedenkstätte Ravensbrück, wo die Nazis Zehntausende Juden ermordeten - eigene Gedenktafeln dafür wurden nun eingeweiht. In der SZ erinnert Willi Winkler an ein berühmtes Transparent, das Studenten der Uni Hamburg am 9. Nobember 1968 hochhielten: "Unter den Talaren - Muff von tausend Jahren".
Europa
Sehr eindringlich beschreibt Christian-Zsolt Varga in der FAZ, wie sich die Kriegsberichterstattung in der Ukraine für Journalisten verändert hat: Durch Drohnen sind sie selbst bedroht. Der französische Fotoreporter Antonio Lallican ist im Oktober durch gezielten russischen Beschuss von oben ermordet worden (unser Resümee). Die Frontlinie ist nicht mehr die "Nulllinie". In einem Bereich von zwanzig bis dreißig Kilomtern ist jeder bedroht - besonders, wenn er sichtbare "Press"-Insignien trägt, so Varga: "Die Kampfzone ist kein fixierter Ort mehr, dem man sich behutsam annähern kann. ... Diese neue Realität zeigen die Dutzenden Kilometer Straßen, vor allem im Donbas, die mit Antidrohnen-Netzen überspannt sind. Als 'völlig surreal' beschreibt der El Mundo-Korrespondent Javier Espinosa die Szenerie. 'Man fährt durch offene Landschaften, sieht Kühe und Seen - und bewegt sich doch in Tunneln.' Alle paar Hundert Meter werde etwas repariert, das kurz zuvor getroffen wurde, jede Einheit verfüge mittlerweile über einen Soldaten mit Schrotflinte, der Drohnen abschießt. 'Es ist wie in 'Mad Max'. Man kann noch arbeiten, aber es ist extrem schwierig.'"
Melanie Mühl hat für die FAZ einen Auftritt Björn Höckes im thüringischen Bad Sulza beobachtet, ein Heimspiel für den Rechtsextremisten. Ihr fällt dabei auf, dass er nicht ganz der Vorstellung entspricht, die man sich von ihm macht: "Höcke ist kein Aufpeitscher... Wer nur Ausschnitte aus Höckes Reden kennt, in die er immer wieder NS-Vokabular einstreut, wäre wohl erstaunt, dass diesem Mann so gar nichts Grobes anhaftet, im Gegenteil. Er scheint freundlich, höflich, zugewandt. Das stammtischhafte Poltern, das unter den Anwesenden zum guten Ton zu gehören scheint, liegt ihm fern. Vielleicht wirkt Höcke deshalb auf eine seltsame Weise unheimlich. Seine kältesten Sätze sagt er mit einem Lächeln: 'Die Kartellparteien schaffen sich gerade ein neues Volk. Die lösen unsere Identität auf wie eine Kukident-Tablette in einem lauwarmen Glas Wasser.'"
Sollte man eine Reportage über zehn Jahre Anschlag auf das Bataclan mit dem Satz anfangen: "So viel Hass. So viel Liebe. In einer Nacht"? Oliver Meiler porträtiert für die Seite 3 der SZ den Pariser Maximilien Catu, der im Alter von 18 Jahren das Massaker im Bataclan überlebte: "Unten, vor der Bar, Berge von Menschenkörpern. Tote. Verletzte. Solche, die vorgeben, dass sie tot sind und warten. 'Ich sah eine Frau am Boden liegen, ihr Gesicht war hellgrau vom Tod', sagt Max. Er schafft es bis zum Ausgang. Ein Polizist steht an der Tür, eine Dienstpistole in der Hand, er sagt: 'Los, lauf!'"
Melanie Mühl hat für die FAZ einen Auftritt Björn Höckes im thüringischen Bad Sulza beobachtet, ein Heimspiel für den Rechtsextremisten. Ihr fällt dabei auf, dass er nicht ganz der Vorstellung entspricht, die man sich von ihm macht: "Höcke ist kein Aufpeitscher... Wer nur Ausschnitte aus Höckes Reden kennt, in die er immer wieder NS-Vokabular einstreut, wäre wohl erstaunt, dass diesem Mann so gar nichts Grobes anhaftet, im Gegenteil. Er scheint freundlich, höflich, zugewandt. Das stammtischhafte Poltern, das unter den Anwesenden zum guten Ton zu gehören scheint, liegt ihm fern. Vielleicht wirkt Höcke deshalb auf eine seltsame Weise unheimlich. Seine kältesten Sätze sagt er mit einem Lächeln: 'Die Kartellparteien schaffen sich gerade ein neues Volk. Die lösen unsere Identität auf wie eine Kukident-Tablette in einem lauwarmen Glas Wasser.'"
Sollte man eine Reportage über zehn Jahre Anschlag auf das Bataclan mit dem Satz anfangen: "So viel Hass. So viel Liebe. In einer Nacht"? Oliver Meiler porträtiert für die Seite 3 der SZ den Pariser Maximilien Catu, der im Alter von 18 Jahren das Massaker im Bataclan überlebte: "Unten, vor der Bar, Berge von Menschenkörpern. Tote. Verletzte. Solche, die vorgeben, dass sie tot sind und warten. 'Ich sah eine Frau am Boden liegen, ihr Gesicht war hellgrau vom Tod', sagt Max. Er schafft es bis zum Ausgang. Ein Polizist steht an der Tür, eine Dienstpistole in der Hand, er sagt: 'Los, lauf!'"
Gesellschaft
In der Jüdischen Allgemeinen tritt die Ethnologin Susanne Schröter ihrem Kollegen Ahmad Mansour zur Seite, dem von der Bundesregierung Gelder für ein Antisemitismusprojekt zugesagt wurden (unsere Resümees). Gutachter hatten sich dagegen geäußert, das Projekt wurde überarbeitet, die Gutachter waren nicht zufrieden. Aber das ist ein normaler Vorgang, schreibt Schröter: "In meiner eigenen langjährigen Erfahrung als Gutachterin sowohl in kleinen Vorhaben als auch in sehr großen und kostspieligen Verbundprojekten war ich auch nicht immer begeistert, hätte so manches Mal eine Ablehnung begrüßt oder ein anderes Projekt befürwortet. Doch darum geht es nicht. Entscheidungsbefugt sind letztendlich die fördernden Institutionen. Und das ist gut so. Denn wäre dies anders, würden viele Forschungen niemals beginnen, weil sich immer jemand findet, die nicht einverstanden ist." Religionskritische Forscher muslimischen Ursprungs mussten sich immer wieder Vorwürfe mangelnder Wissenschaftlichkeit anhören. Dahinter steckt für Schröter das "Bemühen eines sozialwissenschaftlichen Mainstreams, islamistische, antisemitische oder frauenfeindliche Einstellungen innerhalb der muslimischen Communities zu verschleiern."
"Während Zürich über 'Mohr' streitet, wird in Kairo 'Sklavenkopf' serviert und in Libyen mit Menschen gehandelt." Das zeugt von einem Antirassismus, der "paradoxerweise tief eurozentrisch" ist, meint in der NZZ der marokkanisch-schweizerische Islamwissenschaftler Kacem El Ghazzali, total unbeeindruckt von hiesigen Rassismus-Diskursen. Der Mohr zum Beispiel "war in der Geschichte kein Opfer, sondern ein selbstbewusster Akteur. Zur Zeit der Griechen und Römer war Nordafrika integraler Teil der mediterranen Zivilisation." Und im Mittelalter war er "ein Eroberer. Die maurische Herrschaft erstreckte sich über die Iberische Halbinsel und drängte bis nach Frankreich vor, wo sie erst 732 in der Schlacht von Tours gestoppt wurde. ... In Marokko feiert eine junge Generation von Nationalisten, was sie als 'maurische/mohrische Kultur' bezeichnet. Sie besetzen den Begriff positiv und betonen ausschließlich die Heldentaten der Vorfahren - oft in bewusster Abgrenzung und sogar abwertend gegenüber Arabern und anderen nicht nordafrikanischen Ethnien, inklusive schwarzer Afrikaner. Hier ist der Mohr wieder kein Opfer, sondern selbst Rassist und Täter. Diese Perspektive findet in der eurozentrischen Zürcher Debatte kaum Beachtung. Es entsteht der Eindruck, dass ein postkolonial geprägter Diskurs ein Opfernarrativ über jene Gruppen legt, die sich selbst gar nicht primär als Opfer dieses Begriffs verstehen."
Man muss diese Zahlen mal auf sich wirken lassen: 25 Prozent der 18 bis 24-Jährigen stimmen für die Linkspartei, 21 Prozent für die AfD. CDU und SPD kommen gerade mal auf 13 und 12 Prozent. Tobias Blanken macht dafür in der Welt einerseits die immer schlechtere Schulbildung der Jugendlichen verantwortlich. Andererseits allerdings gebe es einen regelrechten Generationskonflikt, in dem die Politik stets zugunsten der Rentner entscheide. Ein anderes Beispiel ist die Wehrpflicht. Da wird gesagt, "dass der Gesellschaft etwas zurückgegeben werden soll. Nur - wofür? Für die ramponierten Schulen, die zu kleinen Mietwohnungen, die Sondervermögen oder die schwierigen Zukunftsaussichten? Denn auch das ist Teil der bitteren Wahrheit, über Stellenentlassungen wird groß berichtet, über die ausbleibenden Neueinstellungen kaum. Und dass die Jugendarbeitslosigkeit zurückkehrt: Seit 2019 hat sich die Zahl der Arbeitslosen zwischen 15 und 25 Jahren fast verdoppelt."
Auch Matthias Heine diagnostiziert in der Welt einen akuten Bildungsverfall, nicht nur in Deutschland, und auch an Universitäten: "Britische Universitäten bieten Kurse an, in denen Studenten lernen, sich wieder so zu konzentrieren, dass sie überhaupt lange Romane lesen können. Ein ehemaliger Dozent einer englischen Elite-Uni spottet: 'Die Frage lautet nicht mehr 'Was lesen Sie an der Universität?', sondern 'Lesen Sie an der Universität?' Die New York Times fragte kürzlich ihre Leser: 'Wurden Sie im High-School-Englisch-Unterricht verpflichtet, ganze Bücher zu lesen? Erzählen Sie uns davon!' Als handele es sich um eine existenzielle Grenzerfahrung!"
"Während Zürich über 'Mohr' streitet, wird in Kairo 'Sklavenkopf' serviert und in Libyen mit Menschen gehandelt." Das zeugt von einem Antirassismus, der "paradoxerweise tief eurozentrisch" ist, meint in der NZZ der marokkanisch-schweizerische Islamwissenschaftler Kacem El Ghazzali, total unbeeindruckt von hiesigen Rassismus-Diskursen. Der Mohr zum Beispiel "war in der Geschichte kein Opfer, sondern ein selbstbewusster Akteur. Zur Zeit der Griechen und Römer war Nordafrika integraler Teil der mediterranen Zivilisation." Und im Mittelalter war er "ein Eroberer. Die maurische Herrschaft erstreckte sich über die Iberische Halbinsel und drängte bis nach Frankreich vor, wo sie erst 732 in der Schlacht von Tours gestoppt wurde. ... In Marokko feiert eine junge Generation von Nationalisten, was sie als 'maurische/mohrische Kultur' bezeichnet. Sie besetzen den Begriff positiv und betonen ausschließlich die Heldentaten der Vorfahren - oft in bewusster Abgrenzung und sogar abwertend gegenüber Arabern und anderen nicht nordafrikanischen Ethnien, inklusive schwarzer Afrikaner. Hier ist der Mohr wieder kein Opfer, sondern selbst Rassist und Täter. Diese Perspektive findet in der eurozentrischen Zürcher Debatte kaum Beachtung. Es entsteht der Eindruck, dass ein postkolonial geprägter Diskurs ein Opfernarrativ über jene Gruppen legt, die sich selbst gar nicht primär als Opfer dieses Begriffs verstehen."
Man muss diese Zahlen mal auf sich wirken lassen: 25 Prozent der 18 bis 24-Jährigen stimmen für die Linkspartei, 21 Prozent für die AfD. CDU und SPD kommen gerade mal auf 13 und 12 Prozent. Tobias Blanken macht dafür in der Welt einerseits die immer schlechtere Schulbildung der Jugendlichen verantwortlich. Andererseits allerdings gebe es einen regelrechten Generationskonflikt, in dem die Politik stets zugunsten der Rentner entscheide. Ein anderes Beispiel ist die Wehrpflicht. Da wird gesagt, "dass der Gesellschaft etwas zurückgegeben werden soll. Nur - wofür? Für die ramponierten Schulen, die zu kleinen Mietwohnungen, die Sondervermögen oder die schwierigen Zukunftsaussichten? Denn auch das ist Teil der bitteren Wahrheit, über Stellenentlassungen wird groß berichtet, über die ausbleibenden Neueinstellungen kaum. Und dass die Jugendarbeitslosigkeit zurückkehrt: Seit 2019 hat sich die Zahl der Arbeitslosen zwischen 15 und 25 Jahren fast verdoppelt."
Auch Matthias Heine diagnostiziert in der Welt einen akuten Bildungsverfall, nicht nur in Deutschland, und auch an Universitäten: "Britische Universitäten bieten Kurse an, in denen Studenten lernen, sich wieder so zu konzentrieren, dass sie überhaupt lange Romane lesen können. Ein ehemaliger Dozent einer englischen Elite-Uni spottet: 'Die Frage lautet nicht mehr 'Was lesen Sie an der Universität?', sondern 'Lesen Sie an der Universität?' Die New York Times fragte kürzlich ihre Leser: 'Wurden Sie im High-School-Englisch-Unterricht verpflichtet, ganze Bücher zu lesen? Erzählen Sie uns davon!' Als handele es sich um eine existenzielle Grenzerfahrung!"
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